Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. T und jungen Land viel intensiver zu spüren als in alten und großen Ländern. Man wird in Hinkunft mit viel Vorsicht die Immigration nach Palästina leiten müssen, vielleicht kaltblütiger als bisher, denn man kann nicht erlauben, daß Menschen nach Erez Isreal kommen, um zu leiden. Wirsollten auch dazusehen, daß unsere Finanzinst itule so organisiert werden, daß Reserven vorhanden sind, denn kein menschlicher Geist kann die Ökonomischen Vorgänge voraussehen. Aber die Zukunft ist nach meinem Erachten voller Hoffnung. Die Entwicklung hat noch gar nicht angefangen. Ich habe immer darauf hingewiesen, daß man dort, wo ein Hafen und ein modernes T r a n s p o r t s y s t e m fehlt, nicht von Entwicklung reden kann. Und die Fachleute wissen, wie hinderlich und verteuernd der Mangel des Hafens ist. Es ist zu sehen, daß Haifa durch seine Lage im Zusammenhang mit vielen Fragen des Mittelostens eine große Zukunft hat. Man hofft, es zum Zielpunkt vieler Unternehmungen machen zu können, so möglicherweise der O i 1-p i p e-1 i n e (Oelleitung) von Mossul, vielleicht auch zu dem der Bahn von Bagdad nach dem Mittelmeer. Näheres weiß ich nicht, als daß diese Fragen von Finanzleuten und Sachverständigen studiert werden. Eine Sache bringt andre mit sich und so wird diese Entwicklung auch zu industriellen und landwirtschaftlichen Neugründungen führen. Neue Kapitalien komme n* und zwar aus Kreisen, von denen es nicht erwartet wurde, in das Land. Ich glaube, Palästina wird immer wichtiger für I n v estitionen, und zwar für nichtjüdisches Kapital mehr als für jüdisches. Wir Juden sind zu kritisch und sind seit langem gewohnt, Palästina mehr philanthropisch als wirtschaftlich zu betrachten. Wenn wir es rein finanziell betrachten, wird es gut sein. Gute Projekte werden hier dieselbe Verdienstmöglichkeit bieten, wie anderswo. Wir dürfen auch nicht zu theoretisch wirtschaften. Vor allem dürfen wir das Land nicht als Versuchsfeld für alle möglichen sozialen Versuche betrachten wollen, statt die Erfahrung aller Welt zu nutzen. In der ganzen Welt setzt sich das Privatkapit a 1 mehr durch an Stelle des Kapitals von Organisationen und Staaten. Die britische Regierung ist uns sehr freundlich gesinnt, vor allem in den höchsten Kreisen. Der Kolonienminister A m e r y hat mehr als einmal auf seiner Reise in der letzten Zeit dies erklärt, viele seiner Kollegen wollen alles Mögliche tun. um das Mandat zu erfüllen. Auch bei der Palästina- Regierung herrscht diese Tendenz, obwohl die Schwierigkeiten bedeutend bleiben, da Finanzfragen in einem jungen Lande sehr penibel sind. Es gibt verschiedenes, wo die Regierung helfen kann, so wie z. B. bei der jetzt bevorstehenden Anleihe, noch mehr bei der nächsten Anleihe.' Natürlich sind viele unzufrieden, aber auch das ist nicht nur in Palästina der Fall, wie ich aus eigener Erfahrung als ehemaliges Regierungsmitglied weiß. Aber wenn wir zurückdenken an die Zeiten, wo wir zu kämpfen hatten gegen die Zweifel, die an der mmuMHHiMmi——————————e— I Original enallsche Harran-Stoffe } in groBef Auswahl finden Sie sehr preiswert im I TUCHHAUS I S. ENGLER 3 Wien, l. Laurenserberg S | | (Ecke Adlergasse, gegenüber Caf6 Silier) 8 Balfour-Politik und an der Aufrechterhaltung des Mandates entstanden waren und wo im Lande Unruhen herrschten, müssen wir feststellen, daß d i e Lage absolut anders geworden ist. Man hat heute Zutrauen zur politischen Lage und auch zur ökonomischen, und das ist der Zweck der Expertenkommission, deren Präsident ich bin. Sie hat keine leichte Aufgabe und die Ergebnisse ihrer Arbeit sind nicht für heute und morgen zu erwarten. Es wird eine Zeit dauern, bis die Berichte dei Experten vorliegen werden und man die Aufstellung für die Arbeit hier und in den anderen Ländern machen wird. Wir hoffen, daß das Resultat einen neuen Aufschwung herbeiführen wird unter denen, die bisher das Aufbauwerk unterstützt haben, wie auch unter denen, die es noch nicht taten. Wir sind von Kapitalien abhängig und müssen diese bestmöglichst ausnützen. Konzentrierung und Konsolidierung muß unser Schlagwort für heute sein. In den letzten drei Jahren haben wir in Palästina eine größere Stellung eingenommen, als viele geglaubt haben. Die müssen wir nun in Ruhe befestigen, um einen neuen Vorsprung zu gewinnen. Und dafür brauchen wir Zutrauen und Geduld. * Arabische Demonstrationen gegen Sir Alfred Mond in Bagdad Wie Reuter meldet, war Sir Alfred Mond, der von Palästina die Autoroute durch die Wüste zu einem Besuch in B a g d a d nahm, Gegenstand antizionistischer Demonstrationen, die, offenbar von arabischen Studenten inszeniert, in der Hauptstadt des Irak und vor ihren Toren stattfanden. Aehnlich wie seinerzeit beim Besuche Lord Balfours in Syrien war vor der Ankunft Sir Alfred Monds unter der arabischen Bevölkerung von Bagdad starke nationalistische Propaganda getrieben worden, die sich des Schlagwortes bediente, Sir Alfred Mond komme nach Bagdad, um im Irak zionistische Kolonisation zu treiben. Die Agitation hatte zur Folge, daß sich eine'zirka 10.000 Köpfe zählende Menge versammelte, um Mond mit Gewalt das Betreten Bagdads zu verwehren. In der Stadt fanden Demonstrationsumzüge statt. Rechtzeitig gewarnt, stiegen Sir Alfred Mond und seine Begleitung einige Meilen vor Bagdad in andere Automobile um und erreichten unbemerkt ihre Quartiere in der Stadt. Dort versuchten die Demonstranten, die mit den Rufen „Nieder mit dem Zionismus!“ durch die Straßen zogen, zur Wohnung Monds zu gelangen, wurden aber von der Polizei zerstreut. Die Ruhe in Bagdad wurde weiter nicht gestört. Sir Allred Mond an „Daily Expreß“ Sir Alfred Mond sandte aus Palästina an den Chefredakteur des Londoner „Daily Expreß“ ein Telegramm mit dem Ersuchen, die von dieser Zeitung gebrachten Mitteilungen über ein angebliches Versagen des zionistischen Aufbauwerkes in Palästina richtigzustellen. „Daily Expreß“ hat das Telegramm Monds veröffentlicht, in dem es u. a. heißt: „Widerrufen Sie den verzerrenden Bericht über eine Krise in Palästina! Nach sorgfältiger Prüfung an Ort und Stelle und nach Rücksprachen mit führenden Autoritäten der Regierung, der Stadtverwaltungen, der Finanz und der Industrie bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß das Schlimmste überwunden ist und daß die Lage sich fortschreitend bessert. Industrie und Landwirtschaft entwickeln sich aufwärts. Die bestehende Arbeitslosigkeit ist zum Teil auf die jetzige Jahreszeit, hauptsächlich auf das Zurückgehen der Bauindustrie, die aber auch schon Zeichen der Besserung aufweist, zurückzuführen. In den Industrien zu Tel-Aviv sind heute 6 Millionen Pfund investiert, der Jahresertrag ist 700.000 Pfund, die Märkte der Nachbarländer sind gewonnen. Die Elektrifizierung des Landes schreitet vorwärts. Es sind keine Schulen geschlossen, der Unterricht geht normal vor sich, die Universität wird mittels neue$ Stiftungen erweitert. Die zionistischen Beiträge, auch aus Amerika, gehen normal ein. Die Palestine Survey Commission, zu deren Präsidium ich gehöre, ist zu dem Zwecke ernannt worden, einen Plan für die Zukunftsarbeit zu entwerfen. Ich stimme den Ausführungen des Kolonienministers Amery in Capetown und Toronto zu, daß die Entwicklung Palästinas auf eine große Zukunft hinweist. Die allgemeine Stimmung im Lande ist von Optimismus beherrscht. Beteiligung Sir Alfred Monds an Orangenpflanzungen Sir Alfred Mond hat bei seiner Anwesenheit in Palästina für 10.000 Pfund Aktien der Orangenpflanzungsgesellschaft „Gan Chaim“ übernommen. (Diese Gesellschaft wurde von Zionisten aus den Vereinigten Staaten, aus Kanada und Palästina gegründet, um einen Orangenhain zu Ehren des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Prof. Weizmann anzulegen. Sie steht gegenwärtig in Verhandlungen über den Kauf eines Areales für die Anlegung des Haines. — Die Red.) Die bestrenommierte I. Wiener orth. Mazzothfabrlk Israel Vortrefflich* erzeugt unter Aufsicht des ehrwürdigen orth. Rabbinats der israei. Kultusgemeinde Wien die feinsten, dünnsten und besten MAZZOTH UND GRIESS Streng hygienisch! , Täglich frisch gebacken! Überall erhältlich! Mein „Rücklritt“ Von Emil Ludwig. (Aus einem Gespräch.) Der berühmte Schriftsteller Emil L u dw i g, dessen Monographien über Bismarck, Napoleon, Wilhelm II. und Goethe größtes Aufsehen erregt haben und zu den am meisten gelesenen deutschen Büchern gehören (er hat übrigens vor mehr als 15 Jahren eine ausgezeichnete Schrift über Richard Wagner geschrieben), weilt gegenwärtig in New York. In einem Gespräch mit dem Publizisten Smolar, mit dem er im Hause des bekannten Kunstmäzens Otto Kahn zusammentraf, machte Ludwig, bekanntlich der Sohn des großen Breslauer Augenarztes Protfessor Cohn, einige interessante Bemerkungen über sein Verhältnis zum Judentum, die wir hier wiedergeben: Cohn ist ein schöner und achtbarer Name und ich schäme mich seiner durchaus nicht. Daß ich ihn „verloren“ habe, das kam so: Ich war noch ein Kind, da hatte mein Vater die Idee, unsere ganze Familie dem Christentum zuzuführen. Er selbst war Jude und führte den Namen Cohn. Doch er wollte seinen Sohn vor diesem einigermaßen prononciert jüdischen Namen „bewahren“ und so erhielt ich bei der Taufe den Namen Emil Ludwig; und den behielt ich, wie man weiß. Ich wuchs heran und — um die Wahrheit zu sagen — es übte keinen sonderlichen Einfluß auf mich aus, daß mein Vater sich so sehr um unsere Zugehörigkeit zu einer christlichen Religion bemüht hatte. Ich bin kein religiöser Mensch, glaube an keinerlei religiöses Dogma und so war es mir gleichgültig, ob man mich für einen Juden oder für einen Christen hielt. Doch die Zeiten ändern sich und mit ihnen ändern sich auch unsere Anschauungen. Die deutsche Revolution hat auch meine Anschauungen geändert. Ich persönlich hatte in Deutschland nie zu leiden. Doch ich sah, wie der Antisemitismus in Deutschland wuchs und als Jude von Geburt empfand i'Ji di“s tief, am tiefsten die von den nationalistischen Elementen aufgebrachte Verleumdung, die Juden seien daran schuld, daß Deutschland den Krieg verloren hatte. Der Wendepunkt kam im Jahre 1922, als Walter Rathenau ermordet wurde, einzig aus dem Grunde, weil die Antisemiten den Juden nicht als Minister dulden wollten. Dieser Mord hat auf mich einen so furchtbaren Eindruck gemacht, daß ich zum Zeichen des Protestes aus der christlichen Religionsgemeinschaft auszutreten beschloß. Diesen meinen Entschluß habe ich öffentlich in der deutschen Presse begründet und ihn dann auch ausgeführt. Damals wollte ich auch wieder den Namen Cohn annehmen; doch es ist nicht so leicht, sich von einem Namen zu trennen, den man fast 40 Jahre lang trägt und der in einem gut Teil der Welt bekannt geworden ist. .Und schließlich tut der Name nichts zur Sache; nicht der Name ist die Hauptsache, sondern der Mensch, der ihn trägt. Meine Erziehung und mein Lebensgang haben kein festes Verhältnis zum Judentum geschaffen; in dieser Hinsicht bin ich nicht viel anders geartet als neun Zehntel der deutschen Juden. Auch das zehnte Zehntel wird sich meiner Ansicht nach wohl assimilieren, ebenso wie es die neun Zehntel getan haben. Einen großen Juden besitzt Deutschland heute: Professor Albert Einstein. Er ist wirklich ein großer Jude und ein genialer Mensch, ich halte ihn nicht nur für den größten Mann Deutschlands, sondern für die größte Persönlichkeit der ganzen Welt. Das ist übrigens nicht bloß meine Meinung, sondern die Meinung fast aller Deutschen. Ich weiß, daß Einstein ein Anhänger der zionistischen Idee und des Gedankens eines iüdischen Palästina ist. Im Jahre 1926 war ich in Palästina und habe die Ergebnisse gesehen, welche die zionistische Arbeit im Lande erzielt hat. Die Arbeit, welche die Juden in Palästina geleistet haben, hat — ich gestehe es gerne ein — tiefen Eindruck auf mich gemacht. Ich glaube, daß diese Arbeit unbedingt gefördert werden soll. Es sollen Juden nach Palästina gehen und dort Wurzel fassen. Selbstverständlich würde ich nicht den reichen Juden Europas oder Amerikas Zureden, hinzugehen und ihr Heim in Palästina aufzuschlagen; doch in Europa gibt es jetzt viele Zehntausende von Juden, die nirgends festen Fuß fassen können, und für sie könnte Palästina eine gute Heimstätte werden. Bibelübersetzung Die bei ihrer Mehrgestaltigkeit doch immer äuf Lebensvertiefung gerichtete schriftstellerische Wirksamkeit Martin B u b e r s — die ja teilweise seiner persönlich-rednerischen parallel geht, teilweise auch wieder vieles aus vielen Jahren zusammenfaßt — tritt im letzten Jahrzehnt hauptsächlich nach drei Richtungen hervor: in Schriften, die seine eigene Einstellung zu Zeit, Judentum, individuellen Problemen aussprechen; in der mit Franz Rosenzweig gemeinsam unternommenen Bibelübersetzung; in der durch seine eigene Persönlichkeit hindurchgegangene Erfassung und Darstellung des Chassidismus. Am aktuellsten der Zeit nach, freilich auch am umstrittensten erscheint wohl die Bibelübersetzung*), die innerhalb zweier Jahre bereits bis zu sieben Büchern (Pentateuch, Josua und Richter) vorgeschritten ist. Die Größe dieses Unternehmens und, vor allem die für eine richtige Beleuchtung notwendige fortwährende Vergleichung mit dem Originaltext machen es ja unmöglich, an dieser Stelle eine volle Würdigung zu geben oder ein fertiges Urteil auszusprechen, das ohne die textliche Unterlage leicht eine blinde Beeinflussung des Lesers bedeuten würde. So möchte es wohl auch der Absicht der beiden Uebersetzer, die mit hingebungsvoller Gründlichkeit, bis in Wort und Laut hinein, an der aller früheren gegenüber ganz neuartigen Uebertragung arbeiten, mehr entsprechen, die Absichten eines solchen Unternehmens darzulegen und nur aus den immanenten Forderungen desselben auf *) Oie Schrift au verdeutschen 'unteroomimen von Marti® B uib e r, gern einsam mit 'Franz Rosenziweiig, Berlin, Vertag Lambert Schneider.