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Die Stimme · 1928-02-09 · Heft 6 (9.2.1928) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 6 (9.2.1928)
Date
1928-02-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 6 DIE STIMME Musiker von starker Begabung und vielseitigem Können bezeichnet werden, der insbesondere ein tiefes Verständnis für die spezifischen Elemente der jüdischen Volksmusik besaß. Am bekanntesten ist seine Bühnenmusik zu Anskis dramatischer Legende „Der Dybuk". In der packenden Darstellung der „Habimal,-Truppe ist auch Engels Musik fast in gan^ Europa und in Amerika bekannt geworden; sie hinterläßt bei jedermann einen unauslöschlichen Eindruck. — Durch Engel vollzieht sich die bewußte Emanzipation des jüdischen Schaffens von Einflüssen europäischer Schulung und Anpassung, durch ihn wird der jüdische Musiker seiner eigenen Erlebnissphäre zugeführt. Es versteht sich, daß Engels Bestrebungen zunächst mehr abgelehnt, als anerkannt wurden* Sehr bald jedoch fand er sich mitten in einem Kreise hochbegabter, enthusiastisch begeisterter junger Musiker, die mit ihm zusammen kämpften, arbeiteten und das Aufblühen einer „jungjüdischen Schule" in der Musik vorbereiteten. So entstand die Petersburger „Gesellschaft jüdischer Musik". Von hier gingen die ersten Anregungen aus, wurden die Möglichkeiten erwogen, die zu einer Neugestaltung der jüdischen Musik führten. Engel war nicht nur Musiker, sondern auch Jude und Kämpfer, ein Mensch von großem Ausmaß. Ohne Ueberhebung, ohne sich selbst zur Schau zu stellen, nur von seiner Mission erfüllt, war Engel immer hilfsbereit. Er stand allen jungen jüdischen Musikern, die sich seinen Bestrebungen angeschlossen hatten, mit Rat und Tat zur Seite. Er war ein Mensch, der Großes wollte, vor keinen Hindernissen zurückschreckte und unbeirrt trotz vieler Enttäuschungen und bitterer Erfahrungen den einmal angefangenen Bau weiterführte. Wir erkennen heute erst recht, da er nicht mehr ist, die Bedeutung von Engels Wirksamkeit. Die Saat, die er gesät, ist aufgegangen. Aus dem Körnchen ist eine reiche Ernte aufgeblüht. Sein Sehnen, seine Gedanken, leben weiter, werden Wirklichkeit, Erfüllung. In der Geschichte der jüdischen Musik, die einmal geschrieben werden wird, gebührt Engel der erste Platz, ihm, dem Erwecker und Wegbereiter einer neuen jüdischen Kunstmusik. J, St. Der Physiker als Maler Wie wir bereits berichtet haben, feierte vor kurzem der berühmte Chicagoer Physiker und Nobelpreisträger Professor Ä. A. Michelson seinen 75. Geburtstag. Es ist nun besonders reizvoll, daß der große Erforscher der Lichttheorie in seinen Mußestunden — Maler von nicht gewöhnlichen künstlerischen Qualitäten ist. Seine Arbeiten auf diesem Gebiete sind, wie uns aus New York berichtet wird, jetzt der Oeffentlichkeit bekannt geworden. Der Renaissance-Klub von Chicago stellt gegenwärtig eine Anzahl von Gemälden Michelsons aus. Es sind 30 Gemälde ausgestellt, die Hälfte Landschaften in Wasserfarben, die andere Hälfte Porträts und Karikaturen. Gelegentlich der feierlichen Eröffnung der Ausstellung wurde der Gelehrte gefragt, wie er als Wissenschaftler zur Kunst gekommen sei. Michelson erwiderte, die Frage müßte umgekehrt gestellt werden: wie er als Künstler zur Wissenschaft gekommen sei. Von jeher bin ich, fuhr er fort, in erster Reihe an der Kunst interessiert gewesen, von da kam ich zur Wissenschaft. Michelson erzählte weiter, er habe nie Malunterricht genommen; er pflegte als Student seine Gemälde zu Walter Satterlee zu tragen, damit dieser sein Urteil abgebe. Sein Vorbild sei der Romantiker Corot, die realistischen Maler machen auf ihn keinen Eindruck. Von Büchern Notizen von Arthur Schnitzler Der sechzigjährige Schnitzler, Bildner Hunderter von Gestalten und Schicksalen, hat Aphorismen und Fragmente zu einem Band unter dem Titel „Buch der Sprüche und Bedenken" (im Phaidon-Verlag, Wien) vereinigt; eine bunte Reihe von Bemerkungen, die sich an Erlebnisse und Erwägungen knüpfen, zieht vorüber, der schon im äußeren Gewände vornehm zurückhaltende Band trägt das Motto: „Tiefsinn hat nie ein Ding erhellt; Klarsinn schaut tiefer in die Welt". Kühle Klarheit, die den wechselnden Dingen nicht verfällt, ist das Kennzeichen dieser Notizen, die von Menschen und ihren Ewigkeitsfragen, ihrem Wollen und ihrem Schicksal, ihrem Wissen und ihrem Gewissen, ihrem Wort und ihrer Verantwortung, ihrer Einsamkeit und ihrer Zweisamkeit, ihren Beziehungen und ihren Gesetzen, ihrem Können und ihrer Kunst, das Empfinden des gelassenen Beobachters wiedergeben, „Mischt* ich mich selbst in den lustigen Reih'n, Tanz und Musik wär* nimmer mein." Diese Distanz, welche der liebenswürdig skeptische Beobachter menschlichen Lebens und Strebens stets zu wahren versteht, bilden einen geradezu prickelnden Reiz dieser Aussprüche, welche nach, ihres Sprechers Charakteristik „keine Systeme, keine Weltanschauungen, keine Erledigungen bringen" wollen; das Buch „wollte das nicht einmal in dem Falle, daß der Verfasser Endgültigkeiten auf geistigem Gebiete für möglich oder auch nur fü? wünschenswert hielte." Wer die Werke Schnitzlers liebt, wird gern nach diesem bekennerischen Dokument greifen, das manches vom Menschen Schnitzler gibt, nie zu intim wird, aber doch anheimelnd ist (und — selbstverständlich — Geist hat)» s. s. Ueberwindung des Todes Im Zeitalter der Verjüngungsmethoden ein „System", das wirksamer sein könnte als Affendrüsen und Phenolpinselungen, wenn — die Menschheit imstande wäre, das Mittel, das ihr zur Verfügung steht, richtig zu gebrauchen. Prentice Mulford, der Landsmann Walt Whitmans, ursprünglich geschäftiger Journalist, später als Einsiedler in New Jersey der Erforschung der ewigen Wahrheit ergeben, hat in die etwa hundert Essays, welche er als die Frucht seiner denkerischen Einsamkeit hinterließ, eine Fülle lebendiger Wahrheit eingefangen, die geradezu erquickend und belebend «wirkt. Sein Glaube an den „Infinite Spirit of Good" und an die Kraft des Geistes, der den Stoff erneuern und die Gesetze der Materie wirkungslos machen, also den Tod überwinden könne, wird in diesen Aufsätzen, die eigentlich Hymnen sind, mit hinreißender Kraft vorgebracht. Eine vorzügliche Auswahl aus diesen Essays, von Max Hayek in ihrer vollen Lebendigkeit wiedergegeben, hat der Verlag R. Löwit Wien—Leipzig, unter dem Titel „Der unendliche Geist des Guten'* in einem außerordentlich geschmackvollen Bande, herausgegeben. Er sollte viel gelesen werden; denn Mulford gibt Mut; und den brauchen wir. e. f. Emil Bernhard (unter diesem Pseudonym verbirgt sich der Berliner Rabbiner Dr. Emil Cohn) hat mit seinem erfolgreichen Bühnenwerk „Das reißende Lamm" auch in New York durchschlagenden Erfolg erzielt, wo es unter dem Titel „The Prisoner" in englischer Uebersetzung aufgeführt wurde. Zweites Hebräisches Konzert, Der Jugendverein Erez Israel und die Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt veranstalten am 19. Februar 1928 um halb 8 Uhr abends im Großen Konzerthaussaale III., Lothringerstraße 20, ihr zweite» hebräisches Konzert (Kompositionsabend Prof. Arthur Wolf) Ihre Mitwirkung haben zugesagt: Grete Koller-Geyer, Rena Pfiffer-Lax, Margarethe Slezak, Oberkantor Gerson Margulies, Hans Schwestka und Prof. Karl Lafite. Restliche Karten: Keren Kajemeth, I., Kärntnerstraße 28; R. Löwit, I„ Rotenturmstraße 22; Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20 a. Jüdische Künstlerspiele im Theater Reklame (II., Praterstraße 34). Wochenprogramm: Freitag den 10. Februar bis Sonntag den 12. Februar „Berele Dura k", Lebensbild tn drei Akten von J. Auerbach. Montag den 13. Februar Jubiläumsfestvorstellung „Auf nach Tel Awi w!" von A, Meisels. Dienstag den 14. Februar HausbalL Jüdische Bühne (II., Taborstraße 12, Hotel Stephanie). Wochenprogramm: Freitag 10. Februar, Samstag, Sonntag und Montag „Schulym Baie s", Lebensbild mit Gesang in vier Akten von Richter. Sonntag, 3 Uhr, Nachmittagsvorstellung „Das Stiefkind der Welt", Dienstag 14. Februai „Gahriel der Maler‘‘, Operette in vier Akten von Lateiner. Mittwoch 15. Februar „C i p k e - F e i e r", Operette in vier Akten von Kalich. Donnerstag 16. Februar „C h u s e n Kaie". Beginn 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Mit Ausnahme Sonn- und Feiertage freier Eintritt. I, Als ich ihn im vergangenen Spätsommer kennenlernte, war er bereits nahe den Vierzig; seine mächtige Glatze zog sich bis tief in die Stirn und das Gebiß in seinem Munde klapperte unheimlich, sobald er zu sprechen anfing. Er war damals ein vazierender Buchhalter; kurz zuvor hatte er auch die Nachmittagsbeschäftigung, die früher ein „Nebeneinkommen“ gewesen war, verloren und er ver-i brachte seine Zeit überwiegend in einem kleinen Volkscafä. Dort hatte er den schönsten Platz — beim einzigen Fenster — inne, auf den er stundenlang geduldig warten konnte, sobald ihm jemand zuvorgekommen war. Erst dann, auf „seinem ‘ Platz, bestellte er einen Tee, den der Besitzer selbst, ein Wanstbauch mit brutalem Gesichtsausdruck und entsetzlich schielenden Augen, zubereitete und servierte. Auf diese ,,Zeche“ gestützt, holte er dann aus seiner klebrigen Papierstofftasche Brot, Gurken, Rettiche und Zwiebel, schnitt das Gemüse auf Papier, vermengte es mit Salz, schüttelte alles durcheinander und begann gierig zu essen. Den Tee ließ er kalt werden; er war für ihn bloß der. Erlaubnisschein, der ihn dazu berechtigte, die mitgebrachten Leckerbissen auszukramen. Dort, in diesem kleinen „Tschoch“ saß unser Held von früh bis spät und dort ereilte ihn auch sein Schicksal: der rote Schad- N El ERSCHEINUNG: ARTHUR SCHNITZHER V BUCH DER SPRÜCHE UND BEDENKEN Die seit vielen Jahren erwartete Publikation können wir nun endlich der großen Gemeinde dieses Dichters in die Hände legen. Schnitzlers persönlichstes Buch: eine Art Tagebuch, in welchem er zu d*n großen Fragen der Zeit und Ewigkeit Stellung nimmt — zu Religion, Philosopnie, Kunst, Politik, Seelenkunde und Eros. ln allen Buchhandlungen vorrätig PREIS: Broschiert S 6*80 Biegsamer Leinenband S 11#— PHAIDON-VERLAG - WIEN Die Rindergmppe der „Neuen Schule für Bewegenßskaust1' veranstaltet am 10. Februar im großen Saal der Urania, um %8 Uhr abends, unter der Leitung von Hilde Hol ger, eine Tanzvorführung. Es wird zum ersten Male der Versuch gemacht, die tanzschöpferische Kraft des Kindes, wie auch seine Einfühlung in die Musik unserer Tage, im Rahme« eines einheitlichen Programmes zu demonstrieren. Die Prager Tagung der WIZO. Wie bereits gemeldet, fand in Prag am 28. und 29. Jänner eine Tagung einiger kontinentaler Verbände der Weltorganisation zionistischer Frauen (Wizo) statt. Es waren die Organisationen Deutschlands (durch Fraü Dr. Leszinsky und Frau Frankenstein), Oesterreichs (durch Frau Sofie Löwenherz und Frau Dr. Martha Hoffmann), der Tschechoslowakei (durch Frau Hanna Steiner, Dr. Mirjam Scheuer Frau Schnabel, Frau Arje und Frau Waldstein), sowie Polens (Frau Dr. Levit und Frau Spektor) vertreten. Die auf der Konferenz vertretenen Verbände beschlossen eine mitteleuropäische Arbeitsgemeinschaft zwecks Erörterung und Beschlußfassung aller gemeinsamen Palästina-Frag e n zu bilden. Diesem Ziel wird durch Abhaltung regelmäßiger Vertreterkonferenzen der beteiligten Föderationen nachgekommen werden. Die von diesen Konferenzen gefaßten Beschlüsse sind für die betreffenden Landesföderationen bindend. Mit der Geschäftsleitung wird alljährlich eine Landesföderation betraut. Heuer fiel die Wahl auf die Tschechosl ow a k e i. Im Vordergründe der Beratungen der Konferenz standen die Fragen der Kulturarbeit und Propaganda sowie des Keren Hanaschim (Frauenfonds für Palästina-Arbeit), dessen Gründung bei der Baseler Konferenz der „Wizo" beschlossen wurde. Unter den Resolutionen im Punkte Kulturarbeit befindet sich auch über Anregung der österreichischen Gruppe eine auf Herausgabe einer Monatsschrift der „W i z o". Ferner wurden die Fragen der Beteiligung der „Wizo" an der sozialen Arbeit in Palästina neben der landwirtschaftlichen Erziehung eingehend erörtert. Die Organisation zionistischer Frauen in Oesterreich wird demnächst in einer größeren Veranstaltung eingehenden Bericht über die Konferenz und ihre Ergebnisse erstatten. Tiger» eben, der ihm eine große und bittere Enttäuschung bereitete. Den wahren Namen unseres Helden wußte niemand; allgemein wurde er Adolf genannt, der Cafetier nannt ihn Herr Adolf: „Hab* die Ehre, Herr Adolf!“ oder: „Schon gehabt, Herr Adolf?“, worauf der also Angeredete, ohne zu antworten, seinem Platz zustrebte und den gewohnten Tee bestellte. Adolf war auf seine Art elegant, trug einen hohen Gummikragen und ebensolche gestreifte Manschetten, deren beschädigte Knopflöcher er kunstgerecht mit Syndetikon präparierte. Seine Hose hatte stets eine Bügelfalte, nicht vom Bügeleisen, sondern vom Strohsack, unter den er sie, sorgsam zurechtgelegt, allnächtlich schob. Neben den Gurken, Zwiebeln etc. hatte Adolf in seiner Tasche stets auch einige Selbstunterrichtsbriefe der „Methode Rustin“, noch aus jener Zeit, da er sich zu Großem vermaß. Jetzt las er oft in . diesen zerknüllten und beschmutzten rotbraunen Heften, teils aus Gewohnheit, teils um seine Kenntnise aufzufrischen. War die Luft rein, so schlüpfte er in die nahegelegene Volksküche. Auf dem Wege dorthin ließ er die größte Vorsicht walten, um von niemand gesehen zu werden. Sonst kochte er in seinem Kabinett, dessen Fenster zum Gang führte. Der Petroleumkocher verbreitete stets einen entsetzlichen Geruch; namentlich aber, wenn er seine Leibspeise, Seefische, kochte, vermieden es die Nachbarn, auf den Gang zu kommen und stießen Verwünschungen aus. n. Doch kehren wir wieder in das kleine Volkscafe zurück, wo wir unseren Freund zum ersten Male getroffen haben: Unter den Stammgästen, die sich aus Kutschern, Marktfahrern und Marktdieben zusammensetzten, fiel besonders der „Student" auf, der für seine Hefte und Bücher ein ganzes Tischchen und den danebenstehenden Sessel benötigte. In diesem Milieu wirkte sein übertriebenes Vertieftsein nachgerade lächerlich, übrigens wußte niemand, was und wo er eigentlich studierte. Der Wirt und die Gäste verhielten sich respektvoll, wenngleich er nie etwas anderes als „Soda ohne“ bestellte und bis1 zur Sperre, ohne eine Minute zu schenken, im Lokale verblieb. Zwischen ihm und Adolf lag eine stille Feindschaft — die Rivalität der Intelligenzler.... Freundlicher war Adolfs Beziehung zu dem „Mädchen mit der abgebissenen Nase“, das ebenfalls bis zur Sperre, ohne ein einzigesmal aufzustehen, auf ihrem Platz saß. Jede Sekunde zog sie aus ihrem Täschchen den Rest eines abgesprungenen Spiegels, den sie sogleich wieder einsteckte. Mitunter versuchte sie, die Narben und Ritzen auf der Nase mit Puder auszufüllen, doch bald gab sie dieses vergebliche Bemühen auf. Unweit von ihr saß der rote Schadchen mit seinem Stelzfuß, der dumpf auf dem steinernen Fußboden hallte. Dieser Stelzfuß war nicht von harmloser'-Herkunft. Der Krüppel hatte viel auf dem Kerbholz, das wußten alle im ..Tschoch“. Er hatte unter seine Vergangenheit, die ihn nach Stein und anderen Gefängnissen gebracht. ADOLFS EINHEIRAT Von J.

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