Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-02-09 · Heft 6 (9.2.1928) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 6 (9.2.1928)
Date
1928-02-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053759--0098-3055355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nf. 6 DIE STIMME Seite 11 Psychoanalytische Schriften zu herabgesetzten Preisen f Viele Gelegenheliskfliife su Schilling!•-, 2--, 3*— BÜCHERSCHWEMME „VIENNA« I., BOQNEROASSE 4 liehen Leben. Die erste werde ich mit dem Schwungrad einer Maschine vergleichen, welches dazu dient» den „toten Punkt“ zu überwinden. Auch im Leben der Gesellschaft gibt es solche tote Punkte, wenn das Volk sowohl nach etwas verlangt, als auch sich davor fürchtet. Das Schwungrad der Menschheit heißt Jugend. In solchen Zeiten ist es ihre Mission, dem ganzen Volksmechanismus mit sich fortzureißen. Die zweite Funktion der Jugend werde ich mit einem Kompaß vergleichen. Nicht der Kompaß führt das Schiff. Der Führer ist der Kapitän, ein Mann mit Kenntnissen und erprobt. Aber im Kompaß gibt es ein winziges Stückchen Eisen, das eine besondere Kraft in sich hat. Es fühlt immer und genau, worauf dem Himmel der höchste aller Sterne steht. Das ist die Jugend. Führen kann sie und darf sie nicht. Aber wehe dem Schiff, dessen Kompaß seinen Magnetismus verloren hat und den Stern nicht mehr zeigen kann. Aber nicht dazu braucht man sein Schwungrad, daß es uns zur Verzweiflung und Liquidation hinreiße, nur deshalb, weil in der Maschine irgend etwas zerbrochen ward, und nicht das ist die Mission eines Kompasses, daß er sich in ein Grammophon verwandle und rufe: das Schiff ist verloren! Rettet euch, Mäuschen! IV. Die Tragödie selbst ist kein Spaß. Es ist bitter» daß die Tore geschlossen sind und daß es aussieht, als sei die ganze Hachscharah-Arbeit verloren. Darauf aber gibt es nur zwei Antworten. Die eine: Jenen helfen, die die zionistische Bewegung erneuern wollen, so erneuern, daß die Tür sich wieder öffnet. Die zweite: Setzet euere Hachscharah-Arbeit fort, um Pioniere sein zu können, wenn man auch nicht versprechen kann, daß es sofort gebraucht werden wird. Wenn bei euch ein Ideal nicht den Wert besitzt, daß man dafür warten und arbeiten kann wie unser Vater Jakob um die Mutter Rachel» dann gehet mit Gott, wohin es euch gefällt und redet nicht von Idealen. Und noch etwas muß gesagt werden, was vielleicht noch weniger angenehm und populär klingt: Erez Israel braucht nicht nur Enthusiasmus, sondern auch Kapital. Wo steht es geschrieben, daß nur der Pionier sein kann, auf dessen Kolonisierung man in Amerika wird immer Geld sammeln müssen? Ist nicht die schönste aller zionistischen und chaluzischen Ambitionen, nach Erez Israel nicht nur die eigenen Hände sondern auch seinen eigenen Keren Hajessod zu bringen? Ich kenne im voraus die Antwort: Pfui, Geld verdienen, Groschen sparen wie ein Bourgeois! Wo bleibt da die Romantik der heiligen Armut, des reinen Geistes usw.? Wo sie bleibt, das weiß ich nicht und ich bin wahrhaftig nicht neugierig es zu wissen. Diese berühmte Romantik der geistreichen Nichtstuer, des nutzlosen Typus, der nicht wußte, wie ein Geldstück aussieht, war eine ernste Krankheit des alten Ghetto und sie ist heute noch wahrscheinlich in nicht geringem Maße für unser ökonomisches Elend in Osteuropa verantwortlich. Ein Romantiker muß in seinen Mitteln realistisch 'sein» will er seine Romantik verwirklicht sehen. Es ist tausendmal mehr romantisch, Groschen zu sparen und ein Land mit eigenen Mitteln zu bauen als auf die klimpernde Büchse zu warten. V. Die Hälfte des Unglücks liegt vielleicht darin» daß man bei viel zu viel mit der falschen Phrase von der Pflicht, jung oder alt, sich einredet, daß er, was er tut, es nicht für sich tut, sondern irgend eine „Pflicht erfüllt“ für irgend ein Volk Israel, darin steckt schon die Gefahr der „Einziges Söhnchen“- Einstellung. Ich schlage eine andere Philosophie für das Verhältnis von Volk und Einzelnen vor: Sie besteht darin, daß die ganze Geschichte von der „Pflicht“ ein Märchen ist. Man kann es nicht beweisen, daß ein Mensch Pflichten seinem Volke gegenüber hat. Eine moralische Pflicht kann nur das Resultat eines freien Kontraktes sein. Niemand wird gefragt, ob er Lust hat, in diese Teufels- und Gotteswelt als Franzose, Jude oder Neger zu kommen. Woher also „die Pflicht“? Lächerlich! Das Volk hat auf euch gar kein Recht, kann von euch nichts verlangen. Gefällt es euch, Volksarbeit zu leisten, so ist das euere freie Wahl, genau so wie wenn ihr den Beruf eines Bildhauers oder eines Pianisten ergriffen hättet. Gibt es da so etwas wie „Pflicht“, dann nur wie die des Künstlers: gegen sich selbst, nicht gegen eine Gesellschaft. Könnt ihr bis zum Ende ausharren? Gut. Könnt ihrs nicht, seid ihr müde, habt ihr es satt oder habt ihr entdeckt, daß ihr euch geirrt habt in der Wahl, daß es nicht in eurem Wesen liegt, Geiger zu sein, sondern daß eure „Berufung“ euch zur Astronomie führt? Auch gut. Man wünscht euch viel Glück im Erforschen des fremden Himmels. Das Volk Israel wird verzichten. Ich sage das nicht, um jemand zu beleidigen oder abzustoßen. Es ist meine Ueberzeugung. Niemand von uns kann dafür garantieren, daß er ewig auf demselben Posten bleiben werde. Du magst noch so treu und eifrig sein, morgen kann es sich zeigen, daß du für deinen Posten nicht taugst, daß das Volk deinen Rat und deinen treuen Eifer nicht braucht, dann wird es nur darauf ankommen, ob du stolz bist, besser gesagt, ob dein Stolz von der besseren Sorte ist oder von der billigeren. Ist er von der letzteren, dann wischt du dir den Mund ab und gehst du eine neue Stelle suchen. Ist dein Stolz aber absolut, selbstgenügsam, ohne das Bedürfnis nach Anerkennung durch andere, die im Widertönen der eigenen Herzmelodie besteht, dann bleibst du auf deinem Platz und schuftest weiter, gleichgültig, ob du gehört wirst oder nicht, ob die Tore offen sind oder gesperrt — oder bis du, der Stolze, verschwindest. Wissenschaft, Literatur, Kunst viel wert waren. Die, die etwas wert waren, sind geblieben, und zwar in den vordersten Reihen der zionistischen Bewegung... Mir stimmt da etwas nicht!“ Auch mir stimmt da etwas nicht. Ich bin nicht der Meinung, daß es Pflicht jedes jungen Menschen ist, Chaluz zu werden oder Zionist oder selbst ein jüdischer Patriot. Ich halte überhaupt nicht viel von .Pflichten“ solcher Art. Was dir zu sein beliebt, das sei, — niemand hat das Recht, dir dreinzureden. Aber bist du Zionist, dann um Gottes Willen nur nicht mit Bedingungen, schon gar nicht mit solchen, die von uns nicht abhängen. Wenn die englische Verwaltung die Tore Zions versperrt, so ist das doch ein Stoß von außen her, auch nationale Niederlage* In solchen Fällen erwartet man wie bei allen anderen Völkern von der Jugend gerade das Gegenteil von Desertion, ein festes Zusammenschließen ihrer Reihen, eine Verhärtung ihres patriotischen Willens, eine Explosion enthusiastischer Treue, den Ruf* Heute fester denn je, enger die Reihen geschlossen« Warum nimmt man bei uns das Gegenteil wahr? Und dann: Wenn auch nicht die Engländer sondern wir selber die Krisis verschuldet hätten, was das Aufhören der Einwanderung für einige Jahre zur objektiven Notwendigkeit gemacht hätte, selbst wenn dem so wäre, sehe ich noch lange nicht den Grund zum Protest der Jugend gegen den Berg Zion, zum Hinschleudern eines Scheidebriefes. Ein Land im zwanzigsten Jahrhundert aufzubauen, ist ganz im allgemeinen schwierig, unvergleichlich schwieriger als je vorher, schon aus dem Grunde, weil es heute Schiffe gibt, die sehr rasch ein Davonlaufen ermöglichen, ein Aufhören des Pionierdaseins. Und unter allen Ländern ist Erez Israel das schwierigste, unter allen Völkern ist das Volk Israel mit seinen achtzig Generationen Intelligenz, das den primitiven Bedingungen einer Kolonisation am wenigsten gewachsene. Wäre es also gar so unerhört, wenn wir beim ersten Versuch gescheitert wären? So unerhört, daß wir dafür mit einer zweiten Strafe, der der „Massenenttäuschung“ unserer Jugend, bestraft werden müßten? Da stimmt mir etwas nicht. Die größte Bravour eines Soldaten besteht nicht darin, sich mit dem Feinde gut schlagen zu können» Heute, da es ebenso gefährlich ist, die Front zu verlassen wie vorzudringen, gibt es keine Wahl, alle sind bravourös während des Angriffes. Den braven Soldaten erkennt man am guten Wartenkönnen. Dieses wochenlange Warten in kalten, schmutzigen Löchern, das ist das Schwerste. Daran erkennt man den Wert eines Menschenmaterials. Wenn es Tatsache ist, daß ein Teil unserer heutigen Jugend nicht warten kann, dringend und sofort einer Bühne bedarf, um sich produzieren zu können und wird ihr die nicht gegeben, zu einem anderen Theater überläuft» so ist es ganz klar, daß dieser Teil der Jugend aus schlechtem und billigem Menschenmaterial besteht. III. Wie alle, bin auch ich ein begeisterter Anhänger der Jugend; einem Teil von ihr bin ich persönlich besonders gewogen und setze auf ihn meine größten Hoffnungen. Doch nicht einmal dieser Teil kann mich bestimmen, ihm zu schmeicheln. Ich sage der Jugend: Menschen, die eine Katastrophe ihres Volkes mit einer zweiten inneren beantworten, mit dem Sich- Hinüberschleichen in eine freundlichere Gegend oder auch nur mit der „Stimmung“ in eine solche freundlichere Gegend hinüberzuschielen, solche Menschen haben kein Recht, sich Jugend zu nennen. Eine wirkliche Jugend hat auf Katastrophen und Enttäuschungen nur eine Antwort: Justament, aller Welt zum Trotz! Einem Kardinalfehler ist ein großer Teil unsere heutigen Jugend verfallen: der Bewertung ihrer selbst gleich der eines „einzigen Söhnchens“. Daran ist zum Teil das Leben schuld. Der Zerfall des russischen Judentums und die Wirtschaftskatastrophen in Osteuropa haben die Tore Erez Israels für Weib und einigen jungen Kindern versperrt. So ist das Chaluzelement als einziges Kolonisationsmaterial übriggeblieben und stellte den Retter Zions dar» statt nur einen Teil zu bilden und sich als solchen zu fühlen. Das war für die Aufbauarbeit ungemein schädlich. D5e Jugend trägt kein Verschulden, sie hat ehrlich gearbeitet, wofür sie ein nationales Bravo verdient, das ich ihr auch nicht vorenthalten will. Es hat aber bei ihr eine einseitige verkehrte gesellschaftliche Perspektive erzeugt, was sich heute bei einem Teil in Auserwähltheitsstimmung und in Phrasen äußert. Vor einem Monat nahm ich an der Tarbuth-Konferenz in Warschau teil und hatte Gelegenheit zu hören, wie dieser Teil spricht: „Ihr werdet doch verstehen, die einzige Hoffnung Zions sind wir, die arbeitende Jugend.“ Für sich selbst genommen, ist eine solche Selbstüberschätzung vielleicht gar nicht einmal so schädlich. Es ist gut, wenn ein Mensch eine besonders gute Meinung von seinem Beruf oder von seiner Zeit oder von seinem Städtchen hat. Aber ein anderes ist die Auserkorenheitsstimmung und ein anderes die Stimmung des „einzigen Söhnchens“. Die letzte ist eine Entartung der ersteren, und zwar keine schöne. Aus ihr entsteht nicht Selbstbewußtsein und Würde, sondern Kaprizen, die Neigung, den Mond vom Himmel zu fordern; und kriegt man ihn nicht, so strampelt man mit den Füßen und droht, zu einer anderen Mama fortzulaufen. Ich sagte einst in einer Rede zu jungen Menschen: Eine wirkliche Jugend, die diesen Namen verdient, hat zwei Funktionen im gesellschaft- Joel Engel (Anläßlich seines ersten Todestages am 11. Februar.) Für die noch kleine Gruppe jüdischer Komponisten, bedeutet der 11. Februar einen tiefen Trauertag, der Tod Joel Engels für die Entwicklung der jüdischen Musik einen unermeßlichen Verlust. Die Melodien der Juden, die alten aus dem Gottesdienst und die neuen aus dem Familien-, Gesellschafts- und Volksleben, irrten heimatlos in der Welt herum und fanden kein Echo, erweckten keine Schwingung im Innern des jüdischen Musikers. Während zu gleicher Zeit bei russischen (wie Rimsky-Korsakow, Mussorgsky) und sicherlich auch bei Komponisten anderer Völker, jüdische Volks- und Svnagogenmotive starke Anregungen zu Themen ihrer Kompositionen wurden, gingen die allermeisten jüdischen Musiker am Eigenen vorbei und wußten dem jüdischen Melodienreich tum kein besonderes Interesse entgegenzubringen. Ein viele Jahrhunderte angesammeltes Gut lag brach und unerforscht da. Frühzeitig erkannte nun Engel die große Bedeutung der Volksmusik für die höhere Kunstmusik als Kunstäußerung des jüdischen Volkes; er erkannte seine eigene Aufgabe, seine Lebensarbeit im Dienste seines Volkes. Für ihn bestand kein Zweifel, daß für die Weiterentwicklung des jüdischen Volkes,, für das Streben nach Selbständigkeit und Vereinheitlichung, die Ausgestaltung eines jüdischen Stils in der Kunst und insbesondere in der Musik eine naturbedingte Notwendigkeit wird. Die Entstehung der russischen Musik aus der Wesenheit des Volksgesanges und Volkstanzes sich zum Vorbild nehmend — er hat auch bei den Russen gelernt und als Musikkritiker sich für die neue russische Musik stark eingesetzt — gewann er die feste Ueberzeugung, daß auch bei den Juden eine Befruchtung durch ihre eigenen Volks- und Synagogengesänge eintreten müsse und durch ihre allmähliche Umgestaltung und künstlerische Verwertung in melodischer, harmonischer und rhythmischer Hinsicht, die vorbereitende Basis zur Entwicklung einer selbständigen jüdischen Kunstmusik bewirkt werden kann. Er war erfüllt vom Glauben an die schöpferische Begabung des jüdischen Musikers, an die Zukunft einer „jüdischen Musik'*. Er ersehnte eine neue Generation jüdischer Musiker, die diese Wandlung vollbringen wird, und eine neue Epoche eigener Musikkultur schaffen würde. Und er glaubte mit der ganzen Kraft einer glühenden Liebe zum eigenen Volkstum daran, daß die Juden aus dem inneren Musikempfinden heraus einen eigenen Stil in der Musik finden werden. Sein ganzes Leben ist durchzogen von einer ungeheuren Hingabe an diese seine Lebensaufgabe. Er widmete sich ihr vollständig und berauschte sich selbst an seiner Tätigkeit. Engel hat das Zutrauen der jüdischen Musiker zu sich selbst wachgerufen, gestärkt, und ihnen seinen Glauben eingepflanzt. Er hat den Gedanken einer „jüdischen Musik" geprägt und verbreitet. Unterstützt von einer umfassenden Kenntnis und einem sicheren Instinkt hat Engel in langjähriger Arbeit als einer der ersten das bis dahin zerstreute Material der jüdischen Volksmusik gesammelt, gesichtet, zum größten Teil bearbeitet und versucht, einiges davon einer künstlerischen Formgestaltung anzupassen, zu neuem Leben zu erwecken. Damit zeigte er den Weg und bereitete den Boden vor für alle, die nach ihm kämen. War Engel selbst auch kein überragendes großes MusiktaJent, so darf er doch als ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.