Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ilf. 6 DIE STIMME Seite 9 Die Einnahmen des Keren Hajessod im Jahre 1927 betragen laut Mitteilung des Hauptbüros 494.288 Pfund, also cnr mehr als 100.000 Pfund weniger als im Jahre 1926, wo sie 596.589 Pfund betragen hatten. Damals hatte der Londoner jüdische Philantrop Baron eine große Spende von 50.000 Pfund geleistet; von dieser außerordentlichen Zuwendung abgesehen, ist der Rückgang im Jahre 1927 auf die Verminderung der Eingänge aus Amerika zurückzuführen, das än Jahre 1926 332.411 Pfund, im Jahre 1927 aber nur 247.506 Pfund aufbrachte. In anderen Ländern, die größere Leistungen für den Keren Hajessod bringen, ist dagegen ein A nsteigen der Leistung zu verzeichnen, wie z. B. in Südafrika (von 44.685 Pfund im Jahre 1926 auf 51.005 Pfund im Jahre 1927), Deutschland (von 22.902 auf 26.243 Pfund), Rumänien (von 15.205 auf 20,329 Pfund). # Das britische Kolonialamt hat 75 aus Rußland angewiesenen Zionisten die Einreise nach Palästina gestattet. * Auf die Initiative des Komitees France-Palestine wurde in Paris eine Handelskammer für den Warenaustausch mit Palästina geschaffen. Ehrenpräsident der Handelskammer ist Exminister Senator C 1 6 m e n t e 1, Präsident der Internationalen Handelskammer, Präsident der Institution der frühere Minister Senator Justin G o d a r t, Präsident des Komitees France-Palestine, Generalsekretär der jüdische General Geismar, Ehrenpräsident des Keren Kajemeth von Frankreich. * Neuen Geist in die jüdische Gemeinde! Die Budgetdebatte im Kultusvorstand. — Ein Deii> rit von 468.000 Schilling für zwei Jahre, — Br. Friedmann über die zionistischen Forderungen. — Die Wiener Judenschaft vermindert sich! Die Wiener jüdische Gemeinde hat ein Budgetdefizit. Die Majorität ist genügsam; sie nimmt diese Tatsache als unabwendbares Schicksal entgegen und sucht die Löcher mit fiskalischen Mitteln zu stopfen. Das ist Symbol und Symptom für das System des laissez faire. Es gibt aber ein anderes, ein produktives, belebendes System, das der Bindung der Gemeindemitglieder an die Gemeinde, wenn das Interesse des einzelnen Juden an seine Gemeinde und der Gemeinde an ihn fester geknüpft wird. Denn bisher besteht es nicht. Sorge der Gemeinde um Erhaltung des Judentums, Fürsorge für die im Lebenskämpfe invalid gewordenen Gemeindemitglieder, Verbindung der gesamten Judenschaft mit der Gemeindeverwaltung durch Einführung des uneinge* schränkten allgemeinen Wahlrechtes — das sind die Grundpfeiler eines solchen produktiven Systems; dieses wird seit Jahren von der zionistischen Gemeindefraktion gefördert. Es fehlt an Geld? Einer der berufensten Kenner des Gemeindewesens, Doktor Desider Friedmann, hat nicht nur Rechnungen präsentiert, sondern auch Wege gezeigt, um diese Rechnungen zu begleichen. Seine Ausführungen gaben der Budgetdebatte im Kultusvorstand das Gepräge. Sonntag begann der Wiener Kultusvorstand mit den Beratungen des Budgets für das Jahr 1928, da das Budgetprovisorium Mitte Februar abläuft. Wie den Ausführungen des Budgetreferenten, Regierungsrat Oppenheim, zu entnehmen ist, hat sich im Haushalt der Kultusgemeinde im Jahre 1927 ein Defizit von rund 207.000 Schilling ergeben, das sich nach dem Präliminare für 1928 auf 260,000 Schilling erhöhen dürfte, so daß nach Zurechnung des Defizits vom Jahre 1927 ein Fehlbetrag von rund 468.000 S sich ergibt. Das effektive Ergebnis des Jahres 1927 brachte auf der Einnahmenseite 5,426.000 Schilling (gegen 4,773.000 Schilling im Voranschlag) und 5,633.000 Schilling auf der Ausgabenseite (gegen 5,426.000 Schilling im Voranschlag). Im Jahre 1927 konnten die Kultussteuereingänge gegenüber einem Präliminare von 2 Millionen Schilling, um 256.000 Schilling gesteigert werden. D'er Budgetreferent ist nun der Ansicht, daß für das Jahr 1928 eine Steigerung gegenüber dem abermaligen Präliminare von 2 Millionen Schilling an Steuereingängen nicht er-» wartet werden könne, auch nicht durch die in diesem Jahre neu hinzukommenden Kultussteuerzahlen Das Budget für das Jahr 1928 weist auf der Einnahmenseite 5,731.152 und auf der Ausgabenseite 5,991.725 Schilling auf. Regierungsrat Oppenheim besprach sodann die einzelnen Budgetkapitel in großen Umrissen. In der Montagsitzung wurde die Generaldebatte über das Budget abgeführt. Als erster Redner er" greift namens der zionistischen Fraktion Dr. Desider Friedmann zu einer großangelegten, vielbemerkten Rede das Wort, in der er die Einstellung der Kultusgemeinde zu den Problemen des jüdischen Lebens einer eingehenden Erörterung unterzog und die Stellungnahme seiner Fraktion zum gegenwärtigen System der Führung der Gemeinde scharf umriß. Dr. Friedmann führte aus, das Defizit in der Wie das Tagblatt „Dawar” berichtet, hat der schwedische Zündholztrust die Zündholzlabrik „Nur" in Haifa käuflich erworben. * Das spanische Mitglied der Mandatskommission des Völkerbundes Prof. Palacios hat ein Werk über das Mandatsystem veröffentlicht, in welchem auch das Mandatland Palästina und das jüdische Aufbauwerk dortselbst ausführlich behandelt sind. Dem Buch ist eine reichhaltige Bibliographie über Palästina und den Zionismus beigegeben. * In der Nähe der jüdischen Kolonie „Herzliah” tauchte eine) Beduinenschar auf, welche auf dem Gebiet der Kolonie ein Lager aufschlug und dadurch Flurschaden anrichtete. Als die Kolonisten dagegen protestierten, entstand eine Schlägerei, bei der 15 Kolonisten verwundet wurden, * Bei T i b e r i a s, wo die Ruhestätten zahlreicher Gaonim sich befinden, ist auch der große Maimonides begraben. Seine Grabstätte ist arg vernachlässigt. Nun hat der spanischjüdische Philanthrop Ignaz Bauer mit Hilfe der Brüder J. und B. Toledanu ein großes, sehr kostbares Marmordenkmal auf dem Grabe des Maimonides errichten lassen. * Die Samaritaner haben zwischen Sichern und Jerusalem 20 Dunam Boden im Werte von 1000 Pfund erworben, um ein neues Wohnviertel für die Samaritaner zu erbauen, das den Namen ihres Hohepriesters tragen soll. Gebarung der Kultusgemeinde sei keineswegs so groß, Jaß man allzu pessimistische Erwartungen daran knüpfen müsse. Bei einem 60-Milliarden-Budget brauche ein Defizit von 260.000 Schilling nicht allzu tragisch genommen werden, zumal die einzelnen Budgetkapitel bedeutende Reserveposten enthalten und eine 7y2Prozentige allgemeine Reserve vorgesehen sei. Das Defizit der Kultusgemeinde beweise wieder, daß sich die wirtschaftliche Lage der Juden von Jahr zu Jahr verschlechtere. Nach Besprechung des Budgetkapitels Kultus- und rituelle Angelegenheiten, auf welchem Gebiete er die weitestgehende Freiheit für jede im Judentum bestehende Richtung forderte, unterzog Redner das Unterrichtswesen einer scharfen Kritik. Doktor Friedmann begründete eingehend die schon seit langem erhobene Forderung der zionistischen Partei nach Errichtung von jüdischen Schulen, die jedoch keineswegs obligatorisch sein sollen, sondern nur für diejenigen, die Wert auf Erziehung ihrer Kinder in jüdischem Geiste legen. Es ist lächerlich zu behaupten, daß jüdische Schulen zur Einführung der Perzentuoren führen würde. Das Beispiel Deutschlands und der anderen Nachbarländer hat das Gegenteil bewiesen. Redner schlug die Einberufung einer Fachleute-Enquete über diese Frage vor. ..Geben Sie unserer Jugend, die danach dürstet, jüdisches Wissen, denn nur so werden Sie die Jugend dem Judentum erhalten“, schloß Dr. Friedmann seine Ausführungen über diese Frage. Auf dem Gebiete des Fürsorgewesens forderte der Redner eine weitestgehende Zentralisation, um unnütze Verwaltungskosten zu ersparen. Wir wünschen, daß unseren Brüdern, wenn sie gezwungen sind, in der Not zur iüdischen Gemeinde zu kommen, dieser Weg nicht allzu schwer gemacht, werde. Sie müssen zur Ueberzeugung kommen, daß Geben un-* sere Pflicht und Nehmen ihr Recht ist. Redner zeigte sodann die Wege, die es der Kultusgemeinde ermöglichen sollen, die Mittel für die gesteigerten Bedürfnisse aufzubringen. Um eine bessere Erfassung der Steuerträger zu ermöglichen; müsse vor allem ein jüdischer Kataster angelegt werden, damit die Steuerpflicht nicht mehr von privaten Angebereien abhängig sei. Eine weitere Möglichkeit zur Hereinbringung von Geldmittel, die immer wieder von der zionistischen Partei gefordert wird, gibt der Staatsvertrag von St, Germain, der den Minderheiten Beiträge aus den öffentlichen Geldern für ihre kulturellen imd religiösen Bedürfnisse zusichert, Der sozialdemokratische Abgeordnete Leuthner hat dieses Recht für die Methodisten und Altkatholiken vom Bund in Anspruch genommen. Auch uns steht dieser Weg bei Bund und Gemeinde offen, denn wir tragen im Verhältnis zu unserer Zahl einen sehr erheblichen Teil zu den öffentlichen Lasten bei. DT. Friedmann machte sodann auf Grund statistischen Materials die Mitteilung, daß die Wiener jüdische Bevölkerung infolge des Geburtenrückganges und der Austrittsbewegung in steter Abnahme begriffen sei. Im Jahre 1927 hat die Wiener Judenschaft um 2040 Seelen abgenommen. Infolge der Progression der Zahlen muß man innerhalb von 10 Jahren mit einem Abgang von 10.000 bis 15.000 Juden rechnen. ,,Das Ende dieser Gemeinde als jüdischer Großrfemeinde ist demnach abzusehen“ — ließ Doktor Friedmann seine warnende Stimme ertönen. Am Schlüsse seiner mit großem Beifall auf genommenen Rede stellte Dr, Friedmann das Verhältnis der zionistischen Partei zu der Majorität des Kul¬ ®eiftige uttö förperlitfie Brkeitefraft bet älteren ^erfotten erbost frei üerfäuftidjes, raöiumfjnltiges „SRaötofflerin", bas öie Blut* airfitlation förbert, Berfalftmg bet 'Blutgefäße oorbeugt. Babtitntgebalt amtlich geprüft. 9(po» tljcEe Bager, 3Biett, I., SöoGfleile 13. tusvorstandes klar. „Wir wurden“, so sagte der Redner, „wohl auf einer gemeinsamen Liste gewählt, doch haben wir uns volle Wahrung unseres Programmes Vorbehalten. Wir tragen die Verantwortung in dieser Gemeinde nur für die Dinge, die mit unserer Zustimmung geschehen, müssen sie aber ablehnen, wenn Dinge gegen unseren Willen gemacht werden» Der Ausdruck .Koalition' ist also in diesem Falle nicht gut angebracht. Wir haben uns auf allen Gebieten die vollste Rede- und Handlungsfreiheit gewahrt und werden uns darin nie beschränken lassen» So hat es beispielsweise durchaus nicht unsere Billigung gefunden, daß die Majorität den österreichischen Gemeindebund abgelehnt hat, weil sie möglicherweise finanzielle Einbußen dabei erlitten hätte. Wir werden uns nie davon abbringen lassen, die Forderung nach Einführung des allgemeinen Wahlrechtes, das der Grundpfeiler jedes demokratischen Gemeinwesens ist. zu erheben. Es gibt kein anderes Mittel, die Teilnahmslosigkeit der iüdischen Massen an der jüdischen Gemeinde zu beseitigen: .Geben Sie ietzt noch freiwillig, was Sie unter dem Druck der Verhältnisse bald unfreiwillig werden geben müssen'. Wir betrachten alle Ereignisse in dieser Gemeinde vom Standpunkt des ganzen jüdischen Volkes. Wir finden in der Widmuntf eine«? Betrages für das Palästina-A.ufba.uwerk auch im Rahmen dieses Budgets eine Brücke zum Gesamtiwdentnm. Ich schließe mit dem Wunsche, daß diese Gemeinde auch in anderen Belangen den richtigen Weg finden möge, den Weg, sich in den Klal-Isroel emzuordnen.“ Für die „Partei für soziale Tätigkeit“ sprach sodann Dr. Bader, der die Forderung nach Schaffung eines Gemeindeblattes, nach Reorganisation des Fürsorgewesens, insbesondere durch Schaffung von jüdischen Fürsorgeräten und die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes erhob. Kultusvorsteher Bauminger (Misrachi) protestierte dagegen, daß in der Kultusstube der Gebrauch der hebräischen Sprache untersagt wurde. Redner forderte von der jüdischen Gemeinde die Erneuerung des jüdischen Geistes durch jüdische Erziehung der Jugend. Dr. Klaber trat für eine Reorganisation des reformbedürftigen Fürsorgewesens ein, forderte die Errichtung einer jüdischen Berufsberatung, die Förderung der j'üdischen Turn- und Sportbewegung und die Errichtung einer jüdischen Schwesternschule. Es sprachen dann noch die Kultusvorsteher Dr. Glanz (Soziale Tätigkeit), Kommerzialrat Buchwald (Union), Wolf Pappenheim (Aguda) und Moritz (Soziale Tätigkeit), der ebenfalls für die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für Männer und Frauen eintrat und dabei die großen Verdienste der zionistischen Partei zur Durchsetzung dieser Forderung anerkannte. Die Generaldebatte wurde in später Nachtstunde geschlossen. Für die Durchführung der Spezialdebatte über die einzelnen Budgetkapitel ist eine Reihe von Vorstandssitzungen vorgesehen. * In einer am 1. Februar, im dichtgefüllten Saale des Hotels „Bayrischer Hof“, abgehaltenen Versammlung besprach Kultusvorsteher Dr. Desider Friedmann die Aufgaben der Wiener Kultusgemeinde in ähnlichem Sinne, wie er sie in der oben wiedergegebenen Rede Umrissen hatte. Die Versammlung, welche vom „Blau-Weiß“ einberufen war; beschloß eine Resolution, in der festgestellt wird, daß die jüdischen Schul- und Kulturinstitutionen das wesentlichste Mittel darstellen, der Abkehr der Jugend vom Judentum entgegenzutreten. Die Majo rität der Wiener Kultusgemeinde steht iedoch der Schaffung eines umfassenden jüdischen Schulwerkes gleichgültig gegenüber und steht damit gerade in der Frage der Errichtung jüdischer Gemeindeschulen im Gegensatz zu anderen iüdischen Gemeinden. Die Resolution erhebt ferner Einspruch gegen den Widerstand der Wiener Kultusgemeindemajorität gegen die Einführung des uneingeschränkten allgemeinen Wahlrechtes und seine Ausdehnung auf die Frauen, Vortrefflich-Mazzes. In zwei Minuten aus Mehl genuß“ bereite Mazzes, Durch die Einstellung der modernsten hygienischen Maschinen und Spezialbacköfen ist es Herrn Israel V ortrefflich gelungen, den Erzeugungsprozeß so zu verkürzen und zu vereinfachen, daß den strengsten rituellen Vorschriften entsprochen werden und ein Produkt von ausgezeichneter Güte hergestellt werden kann. Während bisher Wien in Bezug auf dünne Qualitäten aufs Ausland angewiesen war, findet heute jeder Käufer und Liebhaber dünner Mazzes und feinsten Grießes in dem Erzeugnis der Fabrik Vortrefflich den verwöhntesten Geschmack vollauf befriedigt. Die Firma Vortt-o.ffjich liefert eben nicht nur schöne Packung sondern auch allerbesten Inhalt. Die Mazzes und der Grieß werden aus allerfeinstem, unter Aufsicht des ehrw, Wiener Rabbinates hergestellten Nullermehl erzeugt. Verkaufsstellen in allen Wiener Bezirken. Die jüdische Gemeinde