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Die Stimme · 1928-02-09 · Heft 6 (9.2.1928) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 6 (9.2.1928)
Date
1928-02-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 6 Seriös HANSA ii WIEN I., FRANZ JOSEFS-KAI 13 TELEPHON 75-409 Diskret Muser, Büros, ■■■■■ Wohnungen, Hypotheken, Verwaltungen Prompt Unter wenigen Tagen beste Resultate Eigene Kreditabteilung nur für große nur Transaktionen , Österreich Sie wollen keine Schnorrer werden I. Die Jungen Der früher so anstellige, fleißige, jüdische Anstreicherlehrling zeigte sich in letzter Zeit zerstreut und schläfrig. Sein Meister erfuhr von der Quartierfrau des Jungen, daß dieser erst gegen 6 Uhr früh nach Hause zu kommen pflege. Als hernach, trotz energischen Vorhaltes, der Lehr junge wieder einmal in der Werkstätte einschlief, wurde er entlassen. Erst später wurde entdeckt, daß der Bruder des Knaben, der bisher für diesen Kost und Quartier bezahlt hatte, nun seit einigen Monaten kein Geld mehr sende. Friedrich war zu stolz, jemandem seine Not zu klagen und Unterstützungen anzunehmen. Er holte daher um 12 Uhr nachts die Tageszeitungen aus den Redaktionen, um sie in Kaffeehäusern und an Frühaufsteher zu verkaufen. Mit drei Stunden täglichen Schlafes hat er sich durch den Rest seiner Lehrzeit schlagen wollen. Max, ein 17jähriger Waisenjunge, den eine Fürsorgestelle wegen seines Lungenleidens durch Jahre behandeln ließ und in verschiedene Heilanstalten und Erholungsheime brachte, wollte, als er sich etwas besser fühlte, nicht mehr befürsorgt sein, obwohl der Arzt behauptete, ein mehrmonatlicher Aufenthalt in Alland würde ihn ausheilen. Er ging, trotz Einspruches der Fürsorgestelle, zur Schlosserei zurück und erkrankte nach drei Wochen so schwer, daß er binnen kurzem starb. * Ein junger Mann bat uns verzweifelt, um sofortige Zuweisung einer Arbeit, er habe schon durch drei Tage nichts gegessen. Speisemarken und Geldunterstützung wies er zurück- Zwei Tage später beging er einen Selbstmordversuch. Dies nur einige besonders tatsächliche und nicht konstruierte, hervorragende Fälle. * Gewiß soll nicht geleugnet werden, daß das Bettelunwesen bei uns Juden vielgestaltiger und verbreiteter ist, als bei den meisten anderen Völkern* Das ewige Wandergeschick des Judentums, das Luftmenschentum weiter Kreise mußten schwache Individuen zu Schnorrern werden lassen, die jüdische Mildtätigkeit ließ sie dann vielfach, oftmals aber auch ihre Kinder, im Bettelerwerb verharren. Der Kern unseres Volkes wehrt sich aber mannhaft gegen ein Sinken ins Schnorrertum. Daß während des Krieges und unmittelbar nach dem Kriege, in der Zeit einer Angstpsychose, große Massen Unterstützungen begehrten und nahmen, ist kein Beweis dagegen. Vor mir liegt der Kataster einer jüdischen Arbeitsvermittlung. Auf zahlreichen Vormerkblättchen von Ingenieuren, abgebauten Bankbeamten, Buchhaltern usw. steht der Vermerk: nimmt auch jede Hilfsarbeit an, eventuell Kohle. Das betreffende Amt vermittelt nämlich alljährlich in jedem Winter Schaufler für ein Bahnhofkohlenlager Vor drei Jahren arbeiteten dort gleichzeitig sechs jüdische Akademiker. In jedem Notberuf, vom Markthelfer, landwirtschaftlichen Hilfsarbeiter oder Zettelverteiler . bis zum selbständigen Agenten finden sich zahlreiche Juden, die sich vor dem letzten Schritt, der Unter* stützungssuche bewahren wollen. Wohl ist manches Kaffeehaushausieren versteckter Bettel, wohl hat mancher Gelegenheitsarbeiter sein Unglück selbst verschuldet und würde mühelosen Spendenempiang der Arbeit vorziehen, die meisten unserer Notarbeiter sind aber ehrlich an der Arbeit, strebsam und voll Hoffnung. Ehrlich, auch in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, trotzdem sich mancher wegen Uebertretung einer gewerblichen Vorschrift vor der Polizei fürchten muß. II. Die Alten Anders ist es mit den meisten Hausierern, vor allem mit den „Handeljuden“. Sie haben nicht erst jetzt diesen Erwerb ergriffen, ihr Beharren in dem immer weniger lohnenden Beruf ist ihr fast aussichtsloser Kampf gegen verzweifelte Hilflosigkeit. Von 1500 bis 200 in der Friedenszeit sind nur noch etwas über 400 „Handle“ geblieben. Da geht so ein Alter müde durch die Straßen und es ist nahezu tragikomisch, wie er unentwegt, ohne jeden Erfolg, nach allen Seiten lugt und horcht. Und v/ird er einmal gerufen, dann sind die Sachen, die man ihm zum Kauf anbietet, zu schlecht für den hiesigen Markt. Früher gingen die alten Kleider, etwas aufgefrischtf nach Ungarn, Galizien, Bosnien, Herzegowina, Ru* mänien und Rußland. Heute müßte man aber z. B. für einen alten Winterrock im Gewichte von drei Kilogramm, der nach Polen gehen soll, 18 S Zoll bezahlen. Und gute Kleider? Die verschenkt der Reiche häufig, der Arme hat sie nicht. Meist sind die Leute mit seinem Angebot unzufrieden. Was vermag er aber zu bieten, wenn er selbst vom Händler für einen Hut nur 30 Groschen, für Schuhe, wenn sie sehr gut erhalten sind, 1 bis 4 Schilling erhält. Mehr als 400 solcher armer „Handeljuden“ gibt es und sonderbar selten sehen wir einen in einem Fürsorgeamt. Sie sind wohl nicht organisiert, haben keine Krankenkasse, aber im XX. Bezirk eine Tischgesellschaft. Dort treffen sich meist die „Reichen“ unter ihnen, die von erwachsenen Kindern oder von Verwandten in Amerika ein wenig unterstützt werden« Heute sammeln sie für einen kranken Zweiundsiebzigjährigen, der noch für eine krüppelhafte Tochter zu sorgen hat. Von seinen Kollegen nimmt er, denn es ist erst wenige Jahre her, daß auch er gegeben. Und nach zwei Wochen tönt wieder der heisere Ruf des alten „Handle“ durch die Gassen und niemand ahnt, daß darin der feste Wille klingt: Ich will kein Schnorrer werden. Siegfried Abeies. Reffet jüdische Waisenkinder! Schlafsaal im Lehrlingsheim „Zukunft“. Dieses Heim zählt zu den wertvollen jüdischen Fiirsorgeinstitutionen, die durch das Ableben des Oberrabbiners Dr. Chajes s. A. in Not geraten sind. Die Subvention, die das Heim vom American Joint Distribution Committee erhält, wurde bedeutend gekürzt und eine weitere „Aenderung'( noch im Laufe dieses Jahres in Aussicht gestellt. Das Heim erhält 62 interne und 20 externe Waisenkinder, denen durch Erlernung eines Handwerkes die Möglichkeit gegeben wird, einen Beruf zu ergreifen. Das Kuratorium des von Direktor Eduard Rozsa vorbildlich geleiteten Lehrlingsheimes „Zukunft", dessen Ehrenpräsident Herr Leopold Langer, Vorsitzender des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, und dessen Präsident Herr Kommerzialrat Paul Karpeles ist, richtet an die jüdische Bevölkerung Wiens die Bitte, durch massenhaften Eintritt in den Verein „Zukunft" ihm die Möglichkeit zu geben, das Lehrlingsheim zu erhalten. Der Mitgliedsbeitrag eines ordentlichen Mitgliedes beträgt einen Schilling pro Monat. Die Erhaltung des Lehrlingsheimes erfordert etwa 80.000 Schilling jährlich. Davon sind bisher nur 50.000 Schilling gedeckt. Es fehlen also heute 30.000 Schilling. Dieses Defizit durch „Abbau" beseitigen, hieße fast die Hälfte der Waisenkinder, also ungefähr 40 Knaben, vor Vollendung ihrer Lehrzeit auf die Straße setzen. Dieser Weg kann und darf nicht betreten werden, er ist unjüdisch, unmenschlich. 2500 neue Mitglieder des Vereines „Zukunft" aber bewahren das Lehrlingsheim vor „Abbau", die Wiener Judenschaft vor der Verantwortung für eine Maßnahme, die jeden empfindenden Menschen schaudern machen müßte. Mitgliedsanmeldungen sind an den Verein „Zukunft", Wien, IX., Grünetorgasse 26 (Telephon 16-3-23, Postsparkassenkonto Nr. 4077 für Einzahlungen) zu richten. Die Aktion für das Chajes- Werk Der Arbeitsausschuß, welchen die am 26. Jänner stattgefundene Versammlung führender Persönlichkeiten eingesetzt hat, um die Mittel und Wege zu finden, durch welche die von Oberrabbiner Dir. Chajes s. A. begründeten und geförderten jüdischen Wohlfahrts- und Kulturinstitutionen in ihrem Weiterbestände gesichert werden sollen, hat sich am 8. Februar im Sitzungssaale der Kultusgemeinde konstituiert. Ihm gehören Personen aus allen jüdischen Schichten Wiens an. Sodann wurde über die zur Erreichung des angestrebten Zweckes einzuschlagenden Arbeitsmethoden eingehend beraten und eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, auf die wir in der nächsten Nummer unseres Blattes noch eingehend zurückkommen werden. RedaktionsschluQ Montag abends; später einlangende Verlautbarungen und Ankündigungen, deren Publikation in unserem Blatte gewünscht wird, können in der laufenden Wochennummer nicht mehr Aufnahme finden. Wochen-Kalender Februar 1928 Gedenktage mnn raw 9 Donnerstag 1873 — Prof. Julius Fürst, Herausgeber der Zeitschrift „Orient“ und Verfasser des bekannten heb.-chald. Wörterbuches, zu Leipzig gestorben. i8 _ rr 10 Freitag 1831 — Rabbiner Dr. J. RUlf geboren. 1880 — Adolphe Crömteux, Begründer der Alliance Isradllte Universelle, geboren. 19 — 11 Samstag 1842 — der berühmte Schauspieler Ludwig Barnay in Budapest geboren. 1876 — die Dichterin Else Lasker-Schüler geboren. 20-3 Haftarah < bischnas maus hametech 12 Sonntag 21 — IO 13 Montag 22 - 33 14 Dienstag 23 — 33 15 Mittwoch 1885 — der Staatsmann und Historiker Emil Morpurgo zu Padua gestorben. to 1 -1 U Juden fördern den Abfall Jugendlicher In unserer letzten Nummer haben wir auf ein Schreiben verwiesen, das der Vorstand der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend an den Präsidenten Dr. Goldhammer gerichtet hat, und haben den Schlußpassus zitiert. Durch die Tücke der Setzmaschine wurde der Sinn dieses Satzes geradezu in sein Gegenteil verkehrt; er lautet richtig: „Im übrigen halten wir es für überflüssig, besonders zu betonen, daß wir gegen die Assimilation und die Austrittsbewegung kämpfen.” Regierungsrat Guido Fuchsgelb, der verdienstvolle Amtsdirektor der Wiener Kultusgemeinde, hat einen schweren Verlust erlitten, da vorige Woche seine hochbetagte Mutte* verstorben ist. Die Wertschätzung, der sich Regierungsrat Fuchsgelb erfreut, kam in zahlreichen Beileidskundgebungen zum Ausdruck. Die Verstorbene, welche während ihres 82jährigen Lebens höchste Achtung als vornehme jüdische Frau genossen hatte, wurde unter großer Beteiligung aus allen Kreisen Wiens zu Grabe getragen. Rechtsanwalt Dr. Itzku Landau, ein treuer Sohn seines Volkes, der schon in früher Jugend als Mitglied der Verbindung )fKadimah" an der zionistischen Arbeit regen Anteil genommen hat, ist in den letzten Tagen eines plötzlichen Todes gestorben. Dem Leichenbegängnis, an dem sich seine studentische Korporation vollzählig beteiligte, wohnten Vertreter des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, der Standesbehörden des Verstorbenen sowie zahlreiche Berufskollegen und Freunde bei. Aus den zionistischen Ortsgruppen Wien Im Zuge der Reorganisation der Wiener Bezirkssektionen erfolgt die Reorganisation der Zionistischen Bezirkssektion Hietzing. Zu diesem Zwecke findet Montag, den 13. Februar, präzise A9 Uhr abends, im reservierten Raum des Kaiserstöckl in Hietzing eine .Besprechung der in Frage kommenden Interessenten statt. Zur Teilnahm? sind Einladungen erforderlich, die, soweit sie noch nicht ergangen sind, im Zionistischen Büro, I., Kärntnerstraße 28 (Tel. 76-0-85) erhältlich sind. Krems Wie bereits berichtet, hat sich die Ortsgruppe Krems neu konstituiert. Die regelmäßige Werbearbeit hat bereits ihren Anfang genommen. Am 10. März findet eine Purim-Akademie statt, Nach dieser Veranstaltung ist die Abhaltung einer Reihe von Vorträgen und Referaten geplant. Zuschriften für die Ortsgruppen an Dr. Paul Brüll, Krems a. d. D. St. Pölten Die Generalversammlung wurde für Samstag den 11. ds* im Saale des Restaurants Leitner, Schreinergasse, einberufen. Anschließend an den Bericht des Präsidiums und Vornahme der Neuwahlen werden Dr. Desider Friedmann und Doktor N. M. Gelber, Wien, Referate über die derzeitige Lage in Palästina und den Stand der zionistischen Bewegung erstatten. Mit dieser Veranstaltung nimmt die Ortsgruppe Sankt Pölten ihre regelmäßige zionistische Arbeit wieder auf. Salzburg In der abgelaufenen Woche wurde in Salzburg der Driv® für den Keren Hajessod durchgeführt, Zur Unterstützung detf Arbeit beteiligte sich Frau Dr. Manka Spiegel aus Graz an der Werbearbeit. Die Aktion wurde eingeleitet mit der Vorführung des vom Zionistischen Landeskomitee hergestellten Kongreßfilmes, zu dem Frau Dr. Spiegel eine äußerst wirksame und eindrucksvolle Ansprache hielt. Die Keren-Hajessod’ Aktion hatte in finanzieller und moralischer Hinsicht einen bedeutenden Erfolg; es wurden zahlreiche bisher fernstehendq Kreise dem Aufbaugedanken nähergebracht und zur regelmäßigen Beitragsleistung für den K. H, gewonnen. An der Arbeit beteiligten sich die Mitglieder der Keren-Hajessod- Kommission Aninger, Fischer, Sonn und Frau Dora Schwarz,

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