Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 DIE STIMME Seite 5 Sie sind sich überall gleich In Berlin und in Wien, in Danzig und Budapest, in Lemberg, Jassy und Bukarest ist die schmierigste Spezies des Antisemitismus die studentische „Rassenjugend". Denn sie heult nach der Entrechtung der Juden, „kämpft" gegen die jüdischen Studenten mit Stöcken und Knütteln, wenn sie (Vorsicht ist das bess're Teil der Tapferkeit) in der Minderzahl sind, aber sie mästet sich mit jüdischem Geld, wo es geht, und bringt sic cs nicht auf „legalem" Wege, so holt sic sich's auf dem Umweg über die „Judenreinheit". In Wien schnorren hakcn'kieuzlerische Studentenkonvikte um jüdisches Geld (und bekommen es leider noch immer); das ist der „legale" Weg. Der andere wurde bei der „Räumung" der Mensa academica beschriften, die zu 80 Prozent aus jüdischem Geld geschaffen und erhalten wurde. In Berlin sind die Edelinge großzügiger; dort stiehlt der Kassier eines „Hochschulringes" einfach das Geld, das wieder zumeist bei Juden aufgebracht wurde. So geht es weiter in derselben Melodie bis zu jenen echt rumänischen Studentenbanden, die jüdische Läden plündern und mit Thorarollen Handel treiben. Ein neues Stückchen solcher Art hat die nationale Blüte der Studentenschaft in Warschau vollbracht. Als Kongreßpolen noch zu Rußland gehörte, wurde von zwei reichen Warschauer Juden, Wawclberg und Ro t w a n d, eine technische Bildungsanstalt gestiftet. Die Stifter, welche sich als Polen mosaischer Konfession bekannten, wollten mit dieser ihrer Gründung zu einer Zeit, da in Warschau alle Staatsschulen russisch waren, demonstrieren, wie eng die Juden ihrer Klasse mit der polnischen Kultur verbunden seien. Als Polen wieder selbständiger Staat wurde, erfolgte die Verstaatlichung der Anstalt, die jetzt „Staatliche Schule für Maschinenbau und Elektrotechnik" heißt. Der studentische Hilfsverein dieser Anstalt, der noch immer aus den Mitteln der Wawelberg-Stiftung erhalten und von den Frequentanten der Schule verwaltet wird, hat nun vor kurzem beschlossen, jüdische Kollegen nicht mehr aufzunehmen. Ein Einspruch des Unterrichtsministeriums gegen diesen Beschluß fruchtete nichts. Darauf wurde von der Direktion der Wawelberg-Schule die Hilfsvereinsorganisation sistiert und das Vermögen desselben mit Beschlag belegt. Dies beantworteten die polnischen Hörer der Anstalt mit einem Streik. Der Direktor der Anstalt ließ sich dadurch nicht einschüchtern und sistierte die Vorlesungen auf unbestimmte Zeit. Man darf gespannt sein, was weiter folgen wird. Eines aber sieht man schon bei der gegenwärtigen Lage der Dinge: Sie sind sich alle gleich, die studentischen Edelinge jeder völkischen Spezies. Und die unentwegten „interkonfessionellen" Stiftungen (die fast immer von Juden stammen) haben früher oder später alle das gleiche Schicksal. Der antisemitische Durchschnitt Im Februarheft der Berliner „Neuen Rundschau* weist der bekannte Publizist Otto Flake unter dem Titel „Rassefragen" auf die Hochflut von Büchern und Schriften über das „Problem" des Antisemitismus hin und macht zu diesem großen, aber unnützen Aufwand an Schreibenergie etliche kluge Bemerkungen; einiges davon sei hier wiedergegeben, Flake schreibt: „Man kann ein Dutzend Erklärungen für den Antisemitismus hören. In ihnen allen verbirgt sich der einzige entscheidende Grund, daß man instinktiv oder bewußt fürchtet, die organische Entwicklung einer nationalen Kultur, ihr Tempo, ihr Rhythmus, ihre spezifischen Problemstellungen, würden durch die Mitwirkung einer anders gearteten Minderheit gestört, diese beiden Arten von Geist vertrügen sich nie. Man muß nicht so töricht sein und die Gründe für ein Phänomen wie den Antisemitismus in äußerlichen Dingen, etwa Neid und Konkurrenzangst, suchen. Das ist nicht klüger, als liehe Motivierung selbst das Unmögliche als möglich darzustellen. Hierin lag sein Können und seine Größe. Jules Verne war, um das treffliche Wort eines» Literaturhistorikers zu gebrauchen, ein geniale* Münchhausen und das Entzücken aller Knaben. Das Entzücken aller Knaben! Ja, das eben ist es, was den Jules Verne im Ghetto von dem Jules Verne in der ganzen übrigen Welt unterscheidet. Im Ghetto war Jules Verne nicht das Entzücken der Knaben, sondern ein fesselnder Lesestoff für die Erwachsenen. Es könnte einem befremdlich erscheinen, daß während der ganzen Haskalah- Epoche (wie man die Zeit der „Aufklärung" im Ghetto zu nennen pflegt), einer Epoche, die nahezu ein Jahrhundert umfaßte, kein hebräischer Schriftsteller daran ging, Bücher für die Jugend zu verfassen oder solche aus anderen Sprachen ins Hebräi“ sehe zu übersetzen. Aber das war nur eine natürliche Folgeerscheinung der Haskalah selbst. Haskalah wurde nämlich nicht gelehrt, nicht einmal recht' propagiert, sie kam einem im Ghetto wie von selbst angeflogen. In der Regel ergoß sich das Himmelslicht der „Aufklärung“ auf den Geist eines Achtzehn- oder Zwanzigjährigen; früher kam es selten. Das achtzehnte und zwanzigste Lebensjahr war für den Ghettojüngling das gefährliche Alter, wo er Gefahr lief, auf die Lichtpfade der „Aufklärung“ zu geraten, jene Pfade, die damals von den Frommen im Ghetto „Abwege“ genannt wurden. Auch zu Jules Verne konnte man erst gelangen, nachdem man eine gewisse Strecke auf diesen „Abwegen“ gelaufen war. Deshalb lasen ihn auch nur Erwachsene. Die Knaben dagegen saßen.im Cheder und lernten die Bibel; die Phantasiereisen Jules Vernes blieben ihnen ebenso unbekannt wie Grimms Märchen oder wie „Robinson Crusoe“. Wohl erschien von Zeit zu Zeit ein Buch, das den Untertitel trug: Sippur libne jisrael, „Erzählung für die Kinder Israels“; aber die Kinder Israels haben ein solches Buch nie in die Hand, selten zu Gesicht bekommen. D e f o e s „Robinson Crusoe“ ist bereits 1849 in einer hebräischen den Grund zum Weltkrieg in der Furch' Englands vor dem Vordringen des deutschen Kaufmannes zu finden. Dieses Vordringen war ein Symptom, die Symptome verweisen allerdings auf den letzten Grund. Der letzte Grund in Nationalunrl Rassefragen heißt Bedrohung, zum mindesten aber Störung. Belästigung, Man fühlt sich bedroht, wenn man annimmt, mit irgend einem fremden Faktor nicht mehr fertig werden zu können. Auch hier gilt: beim Antisemitismus handelt es sich um den Bestand, das konservative, formgebende Prinzip. Hundert Einwendungen lassen sich erheben gegen das Theorem, daß Jüdisch sich decke mit Kommunistisch. Radikal. Kritisch. Auflösend. Aber der Beobachter stclit fest, daß in der Praxis des Lebens diese Formel die Erklärung enthält: zuerst Mißtrauen gegen einen fremde» Bestandteil (Frühzeil instinktives Stadium), dann bewußte Furcht, sobald dieser Bestandteil seine Emanzipation vollzieht, seine Energie entwickelt, sich an Zahl und Macht vermehrt. Meine Ansicht, ihre ist hier nebensächlich, die Durchschnittsmeinung hat das Wort. Beweis ist, daß der Antisemitismus von Osten nach Westen vorrückt. Er greift von seinen klassischen Ländern, wo es yon jeher einen starken jüdischen Einschlag gab, auf diejenigen über, die sich die wenigen Juden im Vertrauen auf die kulturelle Geschlossenheit assimilierten, bis eine neue Welle des internationalen Verkehrs ihnen neue Juden zuführt, die sich wie andere auch regen und damit langsam sichtbar machen." Kleine Nachrichten Am 26. Februar wird die U r w a h 1 der 300 Mitglieder der jüdischen Gemeinderepräsentanz von Budapest stattfinden. Die neugewählte Repräsentanz wird am 8. März den Präsidenten und den Gemeindevorstand wählen. Der liberal-assimilatorische Parlamentarier Paul Sand o r gründet eine neue Gemeindepartei, deren Programm die Regelung der Finanzen der jüdischen Gemeinde und „das Ueberleiten des politischen, sozialen und Wirtschaftslebens der ungarischen Judenheit in gesündere Richtungen" erstrebt. # Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden erläßt ein Preisausschreiben über das Thema „Das großstädtische Wohnungsproblem und sein Einfluß auf die jüdische Bevölkerung”. Die Bedingungen werden demnächst verlautbart werden. sf* Das Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten C c 11 e r hat im Repräsentantenhaus eine Resolution eingebracht, in der beantragt wird, dem verstorbenen Handelsminister im Kabinett Roosevelt und amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, Oscar S. Straus, ein Denkmal auf dem Kapitol in Washington zu setzen. * Das American J oint Distribution Committee hat seinerzeit beschlossen, im Verlaufe von drei Jahren 25 Millionen Dollar für das jüdische Aufbauwerk in der Alten Welt aufzubringen. Davon wurden, wie der Präsident David A. Brown der Presse mitteilt, bisher 20,200.000 Dollar gezeichnet, von denen die Hälfte, d. i. über 10 Millionen Dollar, bar eingezahlt ist. Es ist jetzt eine Aktion im Gange, um die restlichen gezeichneten Beträge möglichst bald in bar einzubringen, * Rabbi Nissim Yarchi, bisher Vorsitzender des Rabbinergerichtes in Tunis, wurde zum Oberrabbiner von Tunis gewählt. Bearbeitung von Lazar Bloch erschienen: auch C a m p e s „Robinsohn“ liegt in einer hebräischen Bearbeitung vor. Von Campes Jugendschriften sind mehrere ins Hebräische übersetzt worden; allein sein Buch „Die Entdeckung Amerikas“ ist in nicht weniger als drei hebräischen Bearbeitungen vorhanden, die erste stammt von einem Moses Mendelsohn aus Hamburg (nicht zu verwechseln mit dem Philo* sophen Moses Mendelsohn) und ist in Altona 1807 erschienen; der „Theophron" wurde zweimal ins Hebräische übersetzt; dazu noch eine Anzahl von Reiseschilderungen und einige Moralbüchlein für die Jugend. Aber die wirkliche Jugend im Ghetto las alle diese schönen, für sie bestimmten Büchlein nicht: es lasen sie nur diejenigen, die auch schon Schiller und Goethe in hebräischen Uebersetzungen zu lesen pflegten. Zu jener Zeit also, von der hier die Rede ist» da lasen im Ghetto die Knaben die Bibel und die Erwachsenen Jules Verne, Es ist nicht viel, was damals von Jules Vernes literarischen Erzeugnissen ins Hebräische übersetzt wurde, aber doch das schönste und bekannteste. Zunächst sein berühmtes Werk „Eine Reise tun die Welt in 80 Tagen“, dann „20.000 Meilen unter dem Meer“ und der naturwissenschaftliche Roman „Reise nach dem Mittelpunkt der Erde". Die beiden letzten Werke, von Israel Wolf Sperling übersetzt, sind in Warschau 1878 erschienen. Interessant ist, daß die „Reise nach dem Mittelpunkt der Erde" im Hebräischen einen Titel führt., der eher an Zola als an Jules Verne erinnert» das Werk heißt hebräisch: „Babeten ha-adamah“ — Im Bauche der Erde. Es ist indes nicht nur der Titel, sondern das ganze Werk so frei übersetzt, daß man eher von einer Bearbeitung als von einer Uebersetzung sprechen kann. Erwähnt sei ferner, daß diesen Uebersetzungen nicht das französische Original, sondern wiederum nur eine Uebersetzung, nämlich eine deutsche, zugrunde lag. Die hebräischen Schrift* steiler übersetzten mit VorMehe aus der deutscher» Toiletten für die 1 elegante Dame | I Hautes coutures | B Modenpalais jj | JULIUS KRUPNIK I m NUR VII., KAISERSTRASSE NR. 115 I =5 Größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs eee 1 Achtung! Kein« FilialeI Achtung! 1 Achtung I Der langjährige Präsident der „Union der rumänischen Juden”, Dr. Adolf St e r n, gegenwärtig Ehrenvorsitzender des rumänischen Keren Kajessod, eine der angesehensten jüdischen Persönlichkeiten des Landes, feiert demnächst seinen 80. Geburtstag. * Die vorwiegend von Juden bewohnte Dorfgemeinde Unter-Apsch in Karpathorußland wurde, wie aus Mukacevo berichtet wird, von einem schweren Brande heimgesucht, dem die Synagoge sowie eine große Zahl von Häusern?um Opfer fielen. Das Elend in der Gemeinde ist groß. * Am 6. Februar feierte der Seniorchef der Weltfirma Hirsch Kupfer- und Messingwerke A.-G., Herr Aron Hirsch» seinen 70. Geburtstag. Hirsch steht den gesetzestreuen jüdischen Kreisen Deutschlands nahe und wendet seit langem sein Interesse jüdisch-wissenschaftlichen Anstalten zu. v ** In Charbin ist Isaac F riede, einer der Erbauer der ostcbinesischen Eisenbahn und der Festung Port Arthur gestorben. In Grodno in Polen als Sproß einer angesehenen jüdischen Familie geboren, kam Friede in früher Jugend nach Charbin und war einer der Pioniere der jüdischen Gemeinschaft in der Mandschurei; er betätigte sich hervorragend auf sozialem und kulturellem Gebiet. * Ende März wird in Rußland ein Kongreß für jüdische Kultur Rußlands stattfinden, an dem Delegierte aus Großrußland, der Ukraine und Weißrußland teilnehmen sollen. •Sprache, einerlei, ob es sich um ein Originalwerk oder um eine Uebersetzung handelte. Erst in unserer Zeit wurden auch andere Hauptwerke Jules .Vernes ins Hebräische übertragen, „Fünf Wochen im Luftballon“ übersetzte (aus dem Französischen) Jakob ben Zadok Gorodin (Warschau 1894), die „Reise nach dem Mond“ David Zemach (Warschau 1924), „Eine verkehrte Welt“ Jehuda Grasowski (das. 1923), „Zwischen den nörd* liehen Eisfeldern“ J. Kastan (das. 1924), ferner liegt in hebräischer Uebertragung vor: „Die Kinder des Kapitäns Grant“, übersetzt von Akiba Rosenbaum (Warschau 1923) und „Die Abenteuer des Kapitäns Hatteras“, übersetzt von Isaak Spiwak (Tel Aviv 1926). „Die Reise um die Welt in 80 Tagen“ hat kein Geringerer als Elieser Ben-Jehuda neu ins Hebräische übersetzt; die Uebersetzung ist in Jerusalem 1901 erschienen. Ein Museum für jüdische Kultur in Odessa. In Odessa wurde jüngst ein Museum für jüdische Kultur der Ukraine eröffnet, das den Namen des vor izehn Jahren verstorbenen „Großvaters der jüdischen ‘Literatur“ M endele Moclher Sforim trägt. Es enthält zahlreiche Objekte von kulturfoistorischem Wert, ferner w<ertvolle Dokumente, darunter zahlreiche Proklamationen, Aufrufe und Schriftstücke, die sich auf die Pogrome der Achtzigerjahre sowie der Jahre 1903, 1905 und 1920 in Odessa und anderen Städten der Ukraine beziehen. Darunter befindet sich auch ein Aufruf der jüdischen Gemeinde von Ananiew an die Truppen des Atamans P e tl jura, darin sie beschworen werden, die jüdische 'Bevölkerung zu .schonen. Die Antwort der Petljura-iBanden gibt das im Museum befindliche Exemplar des Aufrufs: es ist dureihtränkt von jüdischem Blut. Mendele Mooher Sforim, nach dem dias Museum benannt ist, hat lange Jahre in Odessa gelebt, seine Töchter, die ebenfalls dort ihren Wohnsitz halben, erhielten vom russischen Volkskommissariat für Unterricht anläßlich der zehnten Wiederkehr des Todestages ihres berühmten Vaters am 8. Dezember eine Staatspension ausgesetzt.