Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-02-09 · Heft 6 (9.2.1928) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 6 (9.2.1928)
Date
1928-02-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053759--0091-3055348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 4 DIE STIMME Nr. 6 Grabfiguren und zertrümmerten die Schrifttafeln. Also ganze völkische Arbeit, wie sie die Blüte des deutschen Volkes mit grauenhafter Gründlichkeit leistet. Achtjährige Friedhof- «chänder — das ist das Resultat der sächsisch-völkischen Erziehung. Antisemitenspiegel Wir werden von nun ab das Tun und Treiben des internationalen Antisemitismus in einer eigenen Rubrik ,.Antisemiten Spiegel*1 registrieren. Nicht weil wir fruchtlose Apologie treiben wollen, sondern um zu zeigen, wer die Macher des Antisemitismus sind und in welchem Geiste sie ihre Arbeit tun, die geschäftig und geschäftlich ausgeübt wird. Ob man uns liebt oder nicht, das ist in erster Linie Sache der Nichtjuden; aber ob man das Ressentiment gegen uns zu unlauteren Geschäftszwecken materieller oder politischer Natur benützt, geht u n s an, denn w i r haben darunter zu leiden. Deshalb müssen wir über die Praktik und Praxis des Antisemitismus informiert sein. Dieser Information wird der „AntisemitenspiegeT* dienen, den wir uns und der übrigen Welt Vorhalten werden. Königinwitwe Maria an Prof. Weizmann Die Regentin bedauert die Exzesse. — Eine Protest- Versammlung der jüdischen Organisationen in Paris. Aus Paris wird gemeldet: Der frühere rumänische Arbeitsminister Trane u-J assy. hat an den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation. Prof. W eizmann, ein Schreiben gerichtet, in welchem er dem Präsidenten zur Kenntnis bringt, daß die Königinwitwe Maria ihn beauftragt habe, Prof. Weizmann in ihrem Namen das Bedauern über die Vorfälle in Großwardein auszudrücken. Während der Anwesenheit des rumänischen Außenministers Titulescu in Paris veranstalteten die jüdischen Organisationen der französischen Hauptstadt ein großes Protestmeeting gegen die Ereignisse in Rumänien, dem mehr als 8000 Per" sonen beiwohnten. Den Vorsitz führte der Verteidiger Schwarzbarths, Advokat Torres, Bei der Versammlung sprachen u. a.: Vizepräsident der französischen Kammer, Henry P a t h e, ferner Abbe Kolit, der frühere parlamentarische Referent der Minderheitenverträge Mar c-S a n g n i e r und der Führer der französischen Sozialisten Leon Blum. Rumänische Studenten versuchten, die Redner durch lärmende Zwischenrufe zu stören, sie wurden aber von der Versammlung zur Ordnung gebracht; es kam dabei zu stürmischen Szenen. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in der gegen die Politik Rumäniens, das« die Minderheiten verfolge, protestiert wird. Ein Interview mit Titulescu Der rumänische Außenminister Titulescu hat während seiner Anwesenheit in Rom. wo er vor seinem Besuch in Paris weilte, einem Vertreter der jüdischen Telegraphenagentur ein Interview gewährt, in dem er u. a. erklärte: ,.Niemand bedauert tiefer die Unbill, die vor kurzem den Juden zugefügt wurde, als die rumänische Regierung, da die Regierung sich völlig dar* über im klaren ist, daß die Sicherung der Ruhe der jüdischen Bevölkerung, ebenso wie die der übrigen ERMÄSSJGTE MITTELMEER^ FAHRJEN JEDEN MONAT tS I TMAR, i-, kä^ntnerring is Landesbevölkerung, für sie eine Pflicht ist, die sich von selbst versteht, Deshalb haben die Ä b - schreckungsmaßnahmen, die ohne Zögern auf der ganzen Linie gegen die Agitatoren und Unruhestifter, mit denen man die große Masse der Studentenschaft keineswegs identifizieren darf, nicht allein den Charakter gesetzlicher Sanktionen, sondern den einer scharfen und nicht mißzuverstehenden Warnung für die Zukunft. Es gereicht der Regierung zur Genugtuung, daß die öffentliche Meinung des Landes die Notwendigkeit der getroffenen Maßnahmen anerkennt und sie bil" ligt. Dies gibt uns die Handhabe, eine von uns allen gewünschte Aktion im Sinne einer moralischen Abrüstung und Befriedigung einzuleitcn," Die Studentenbanditen vor Gericht Aus Bukarest wird uns gemeldet: Das Kreisgericht in Klausenburg verurteilte vier Studenten als Anstifter von antisemitischen Unruhen in Großwardein zu je zwei Monaten Gefängnis. Vier andere Studenten wurden freigesprochen. Das Präsidium der christlichen Studentenunion beschloß für Mitte Februar den Generalstreik in sämtlichen Hochschulen Rumäniens zu erklären, falls die Regierung sich nicht dazu entschließt, die in der letzten Zeit im Zusammenhang mit den Vorgängen in Siebenbürgen über eine Anzahl Studenten verhängten Strafe zu überprüfen. Der Dfekan der Philosophischen Fakultät in Bukarest, Prof. B j a n u, hat seine Demission gegeben, weil es zu keiner Verständigung zwischen des Fakultät und dem Universitätssenate wegen der Bestrafung der Studenten kommen konnte, Bianu forderte eine Revision der Strafen. Die Regie* rung hat die Demission Bjanus nicht angenommen. Von der Mischehe Die Mischehe zwischen Juden und Nichtjuden ist ein sozialpolitisches Problem ersten Ranges; auf ihre Bedeutung haben jüdische und nichtjüdische Soziologen wie Ruppin, Theilhaber, Sombart u. a,, mehrfach hingewiesen. In den letzten Jahren nehmen in Deutschland und Oesterreich die Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden andauernd zu. Aus den amtlichen Statistiken ist z. B. zu entnehmen, daß in den Jahren 1901 bis 1925 in Deutschland 93.661 jüdische Ehpn und 29-904 Mischehen (d. i. mehr als 32 Prozent), geschlossen wurden. Die reinjüdischen Ehen weisen, wie die Ehen überhaupt, eine rückläufige Tendenz auf, bei den Mischehen ist dieser Rückgang relativ geringer (die Zahl der reinjüdischen Ehen in Deutschland sank von 7497 im Jahre 1920, auf 2904 im Jahre 1925, die der Mischehen in den gleichen Jahren von 2211 auf 1450). Auffallend ist, daß doppelt so viel jüdische Männer nichtjüdische Frauen heiraten als umgekehrt; von 1919 bis 1925 gingen 8041 jüdische Männer Ehen mit nichtjüdischen Frauen ein, dagegen heirateten nur 4932 nichtjüdische Männer jüdische Frauen. Nach dem vorliegenden statistischen Material aus Deutschland sind dort, wie überall, die Kinder aus Mischehen vorwiegend im nichtjüdischen Bekenntnis erzogen worden; in Preußen z. B. wurden nur 23 Prozent der Kinder aus Mischehen als Juden erzogen. Das Judentum in Deutschland verliert also durch die Mischehen ebensoviel wie durch den Geburtenrückgang. Die Wahlen in Polen Der Ansturm gegen den Block der nationalen Minderheiten. — Das Treiben der Agudah. Aus Warschau wird uns berichtet: Der Block der nationalen Minderheiten hat, wie vorauszusehen war, den stärksten Ansturm von den Faktoren auszustehen, die den Wahlapparat beherrschen. In Warschau, wo die Propaganda für die Minoritätsliste unter den Juden erfolgt, wird mit allen Mitteln, von der individuellen Drohung gegen die Wählerschaft bis zum Verbot von Versammlungen, gegen sie gearbeitet. Es wurden zwei jüdische Versammlungen verboten, in denen Dep. Grünbaum und andere führende Kandidaten des Minderheitsblocks sprechen sollten. Die Wahlkomi" tees des Minderheitsblocks haben, um zu diesem Verhalten der Behörden Stellung zu nehmen, eine Konferenz abgehalten, in der gegen dieses an Terror grenzende Verhalten protestiert und kundgetan wurde, daß das polnische Judentum sich durch keine Denunziationen und Repressalien abhalten lassen wird, im Kampf für seine Rechte, sowie für Freiheit und Gleichberechtigung auszuharren. Es wurde beschlossen, daß die jüdischen Parteien und Organisationen, die dem Minderheitenblock angehören, sofort nach den Wahlen an die Schaffung eines jüdischen Nationalrates schreiten sollen. In Ostgalizien fanden Verhandlungen zwischen der Agudas Jisroel und den Zionisten, die bekanntlich selbständig kandidieren, statt, um einen einheitlichen Wahlblock zu schließen. Diese Verhandlungen blieben ergebnislos und die Agudah hat nunmehr ihre Liste, wie sie in Kongreßpolen besteht, auch in Galizien aufgestellt. Diese aussichtslosen Kandidaturen sind nur dazu da, um den jüdischnationalen Parteien Stimmen abzuziehen. Etliche Agudah-Leute kandidieren bekanntlich in Kongreßpolen auch auf polnischen Regierungs- Iisten (natürlich an aussichtsloser Stellei und haben sich damit offen als Gegner der selbständigen jüdischen Politik deklariert. Es scheint aber, daß sie ihr Spiel nicht lange treiben werden Für ihre eigenen Kandidaturen haben sie sich bekanntlich mit der Gruppe P r y 1 u c k i-W er m* kraut, einer Spaltungsschattierung der Jüdischen Volkspartei, alliiert. Diese Allianz dürfte aber in Brüche gehen. Der ehemalige Deputierte Prvlucki der seinerzeit in Kongreßpolen gewählt wurde, hat verlangt, daß er auch jetzt in Kongreßpolen als Kandidat aufgestellt werde. Seine politischen Geschäftspartner haben jedoch einen frommen Betrug begangen und ihn jedoch im Wahlkreis Wolhynien ausgestellt, wo er keinerlei Aussichten hat. Nun droht Prylucki mit dem Austritt aus dem Wahlblock mit Kirschbraun, dem Protagonisten der Agudahpolitik in Polen. Ein festgefügtes Bündnis auf Gedeih und Verderb! < den Kiddusch. Das Gefäß des Judentums, das sie aus ihren. Geburtsländern gebracht haben, diente ihnen nicht zum Licht einer Erneuerung. Verschimmelt ist es. Ein Fraß für Ratten. Die Besten der Juden Ame" rikas sind wie im Sturm verweht, die Gottesfürchti* gen gezwungen, dem Pöbel und seinen Gebräuchen untertan zu sein, die wahrhaft Reinen sind einsam und verlassen und weinen im Stillen. So steht auch die Masse da, dem Grobmateriellen des Tages verfallen, den Gelüsten preisgegeben, verlassen, vogelfrei, ohne Pflege, ohne Lehre, ohne Ehrfurcht. Die Tageszeitungen sind geschmacklos, schmutzig, verwahrlost und frech. Bewußt verderben sie’ die Masse, um jeden Tag Unreines zu häufen, aus dem Angesicht das Zeichen der Gottbeschaffenheit zu wischen, jede edle Regung zu ertöten, die ihr noch zurückblieb als letzter Rest des Erbes der Väter. Die hebräischen Zeitungen — wie viel sind ihrer in Amerika und was vermögen sie? — man beachtet sie nicht und hört nicht auf sie. Nicht viel besser steht es um die hebräische Erziehung. Die meisten jüdischen Kinder haben überhaupt keine solche. Soll man an den Juden Amerikas verzweifeln? Durchaus nicht. Im Gegenteil, Die die amerikanischen Juden von früher her kennen, werden bezeugen, daß sich in den letzten Jahren die Dinge zum Besseren wandeln. Langsam zwar, aber sie wandeln sich. Es ist ein In-Sich-Gehen zu vermerken. Sie sind bereits in ihrem neuen Wohnort verwurzelt, führen schon seit langem ein ruhiges Leben. Jetzt zeigen sich schon Zeichen vom ,,Hinströmen zu Gott“. Vorläufig benützen sie jenen Kraftrest, der übrig blieb vom Kampf um das Dasein, zur Herstellung von Werkzeugen. Sie bauen Bethäuser, Volkshäuser» Versammlungshäuser, Jeschiwoth, Talmttd-Thoras, Krankenhäuser usw. Sie richten ihren Sinn bereits auf die Erziehung ihrer Kinder. Das Ergebnis ist: Amerika ist ein großes Feld, groß und geräumig zum pflügen und säen. Möge sich unter uns eine Jugendschar finden, eine ,.Prophetenkette“ und ,,Söhne von Propheten", die zu den Juden Amerikas gehen, ins Volk gehen, ihm das Wort Gottes zu bringen, aus Liebe und mit Aufopferung, nicht um Lohn zu empfangen, nicht um Politik zu machen, nicht einmal zum Zwecke eines „Drive“, sondern um ein Haus Israels zu bauen, eine jüdische Provinz erobern zu helfen. Von allen Enden der Erde sind seit vier Jahrzehnten hunderttausende jüdische Seelen, ein mäch" tiges und großes Volk in die neue fremde Welt geschleudert worden. Und nun sind sie eines Lebens in Freiheit würdig befunden worden, in Freiheit und Frieden, womit die Juden seit langem nicht bedacht waren. Sie sind in unseren Tagen fast die einzigen Stützer für ganz Israel. Mögen wir unseren Sinn auf diese Gemeinschaft richten, sie aus ihrer geistigen Primitivität zu erheben und ihnen Lebensodem einzuflößen. Ich vertraue auf ihre Kraft, sich aufzurichten. Ich glaube auch, daß das Judentum Amerikas die Kraft hat, Erez Israel aufzubauen. Ich wollte, es fänden sich Menschen, die sich ihnen gesellten, ihnen in Treue und Wahrheit den richtigen Weg zeigten. Ich wollte mich kurz fassen und habe ausgeholt. Der Dampfer nähert sich London, es wird zur Mahlzeit geblasen. Ich muß also abbrechcn. Dieser Brief wird Dich nahe an Deinem 70. Geburtstag erreichen* Mein Herz vergeht, daß ich während dieser Tage nicht bei Dir sein werde. Was soll ich Dir von der Ferne wünschen? Gott versüße Dir die Tage Deines Alters. Er heile Dein Gemüt und bringe Dir wieder Zufriedenheit und Ruhe. Es mag zum Trost sein, daß Du Deine Kraft nicht vergebens aufgerieben hast, daß Du der Erzieher einer Generation wurdest, zur Erlösung. Möge Dein Auge die Früchte Deiner Arbeit in Deiner Nähe sehen. Und wir alle, Deine Schüler, wenden Dir unser Herz zu mit unendlicher Liebe und beten für Dein langes Leben und Deine Genesung. Es umarmt Dich mit Liebe und Dank Ch. N. Bialik. Jules Verne in der Judengasse Von S, Meiseis. Am 8. Februar 1828, also genau vor hundert Jahren, hat Jules Verne zu Nantes das Licht der Welt erblickt. Seit bald einem Vierteliahrhundert ist Jules Verne tot, aber er ist noch heute recht lebendig. Wohl kein zweiter Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts macht es so überflüssig, über Art und Gattung seiner Werke Näheres zu berichten» wie Jules Verne; sein Name ist einer der volkstümlichsten, und die Jugend von heute verschlingt seine Bücher womöglich mit eben solchem Heißhunger, wie sie einst die heute Erwachsenen in ihrer Jugend verschlangen. Jules Verne begann seine schriftstellerische Tätigkeit mit mehreren „Comedies" und einigen Operntexten, aber schon seine erste Schilderung einer Phantasiereise, die er 1863 veröffentlichte, hatte einen solchen Riesenerfolg, daß er sich entschloß, von nun an ausschließlich den problematisch naturwissenschaftlichen und dabei wunderreich-phantastischen Roman zu kultivieren. Allgemein ist die Ansicht verbreitet, Jules Verne sei der Urheber dieser ganzen Literaturgattung gewesen, er habe als erster den naturwissenschaftlich begründeten abenteuerlichen Reiseroman geschaffen. Es mag aber daran erinnert sein, daß bereits zweihundert Jahre vor ihm Cyrano de Bergerac eine Reise nach dem Mond beschrieben hat. Aber der Ruhm Jules Vernes als eines phantasiebegabten genialen Schriftstellers bleibt durch dieses Vorgängertum unberührt. Jules Verne war ein naturwissen* schaftlicher Romantiker von erstaunlicher Bildnerkraft. Er konnte seine spannenden Abenteurerromane schreiben, weil er nicht die Ergebnisse der Naturwissenschaft, sondern ihre ungelösten Probleme zu allerhand Phantasiestücken verwandte. Er verstand es, durch eine geschickte naturwissenschaft-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.