Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 DIE STIMME Seite 3 tenf tun einen Teil der Arbeitslosen sofort anzusiedeln, und werde sich auch an der finanziellen Fundierung dieses seines Planes mit einer beträchtlichen Summe beteiligen. Außerdem begibt sich, wie weiter gemeldet wird, Herr Frank, Sekretär des Barons, nach Palästina, wo er mit der zionistischen Leitung in U nterhandlungen über die Ansiedlung von ArbeitslosenindenKolonien treten wird. Die Dinge reifen nicht an einem Tage Kolonienminister Amery über das Palästina-Mandat Der Staatssekretär für die Kolonien und Dominions des britischen Reiches Amery, der gegenwärtig in Kanada weilt, empfing, wie aus New York gemeldet wird, in Ottawa eine Abordnung der Kanadischen Zionistenföderation, unter Führung ihres Präsidenten A. J. F r e i m a n und des Präsidenten der zionistischen Organisation in den Vereinigten Staaten, Louis L i p s k y. Die Abordnung sprach in der Unterredung mit dem Kolonienminister die dringende Forderung aus, daß die Palästina- Regierung die der zionistischen Aufbauarbeit inf Lande entgegenstehenden Hemmungen beseitige und eine Reihe von wirtschaftlichen und fiskalischen Reformen einführe, welche den ungehemmten Fortschritt der Entwicklung des jüdischen Nationalheims ermöglichen. Minister Amery gab die Notwendigkeit von Reformen, insbesondere auf dem Gebiete des Steuerwesens zu und erklärte am Schlüsse seiner Ausführungen, die britische Regierung stehe fest auf dem Boden des P alästina- Mandates und sei fest entschlossen, seine Bestimmungen mit dem möglichsten Erfolg durchzuführen. Zu Ehren Amerys veranstaltete die Föderation der kanadischen Zionisten am 29. Jänner in Montreal ein Bankett, bei dem der Minister eine bemerkenswerte Ansprache hielt; er führte u. a. aus: „Nichts könnte einen ungünstigeren Eindruck machen, als wenn die Juden gerade angesichts der jetzt in Palästina herrschenden vorübergehenden Depression darin erlahmen würden/ das Palästin a-W erk moralisch und f i-. nanziell zu unterstützen. Palästina ist ein kleines Land, mit beschränkten Hilfsnuellen, wo» die Dinge nichtan einem Tage reifen können, besonders wenn auf die Interessen der ver-* schiedenen Bevölkerungsteile Rücksicht genommen werden muß.“ „Die gegenwärtige Krise in Palästina — schloß der Kolonienminister — „ist nur vorübergehend; es bestehen günstige Aussichten für die Industrie, T e 1 A w i w entwickelt sich zum großen I n d u s t r ie- Zentrum, Haifa wird der erste große Hafen des Mittelmeeres sein. Die jüdischen Kolonien sind beispielgebend in der Entwicklung moderner Landwirtschaft.“ Eine gesetzgebende Körperschaft in Palästina? Aus arabischen Kreisen verlautete kürzlich, der demnächst stattfindende palästinensisch-arabische Kongreß werde das seinerzeit von der Palästina- Regierung vorgeschlagene, jedoch von den Arabern abgelehnte Projekt einer Arab Agency (analog der Jewish Agency), in zustimmendem Sinne behandeln. Jetzt verlautet aus der gleichen Quelle das britische Kolonialamt habe eineji neuen Entwurf für die Schaffung einer gesetzgebenden Körperschaft in Palästina (die Verordnung vom Jahre 1922, welche eine gesetzgebende Körperschaft aus 11 Vertretern der Regierung und 12 von der Bevölkerung gewählten Mitgliedern der KARTONNAGENFABRIK GELBANO B CO, WIEN IX. Grundlstr. 5 Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ALLEN ARTEN KARTONS Regierung vorsah, wurde wegen der Wahlabstinenz der Araber nicht verwirklicht), ausgearbeitet und dem Oberkommissär Lord P 1 u m e r übermittelt. Diesen Nachrichten ist nicht allzuviel Bedeutung beizumessen. Sie sind Mutmaßungen entsprungen, die aus dem Reich der politischen Gerüchtemacherei entstammen. Das jüdische Leben Laßt alle Hoffnung schwindenl Amerika will die Einwanderung für 8 Jahre sperren. Die stark rückläufige Wirtschaftskonjunktur in den Vereinigten Staaten, die in der letzten Zeit manche nahezu krisenhaften Formen zeitigt, hat den Drahtziehern der Alienophobie wieder Oberwasser gegeben. Es werden immer neue Vorschläge zur Drosselung der Einwanderung gemacht« Wie aus New York gemeldet wird, ist im Kongreß vom Deputierten Blanton eine Bill eingebracht worden, welche die vollständige Sperre der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten von 1928 bis 1935 sowie eine Registrierung aller Fremden durchführen will. Ferner hat die Einwanderungskommission des Kongresses die von Senator Johnson eingebrachte Bill, welche eine schärfere Handhabung der Ausweisung von Fremden vorsieht, die sich gegen die Gesetze des Staates auch nur in geringem Maße vergehen; darnach soll künftig auch ein Vergehen gegen das Alkoholverbot, Landesverweisung nach sich ziehen. Die Frage der Zulassung von Frauen und minderjährigen Kindern Eingewanderter zur Immigration außerhalb der Quote, welche die beiden Häuser des Kongresses schon einige Jahre beschäftigt, ohne daß bisher eine Lockerung des Quotenprinzips erreicht worden w£re, scheint jetzt doch einer Erledigung zugeführt zu werden. D(ie Einwanderungskommission des Senates hat dem Kongreß einen Bericht unterbreitet, der die Annahme der Resolution des Senators Copeland empfiehlt, laut welcher Frauen und minderjährigo Kinder von Deklaranten, d. s. Eingewanderten, die sich bereits um die Aufnahme in den Staatsverband beworben haben, außerhalb der Quote einwandern dürfen. Der Kongreß hat freilich diese Resolution noch nicht behandelt und es dürfte noch längere Zeit vergehen, bis sie Gesetz wird, wenn es überhaupt zu ihrer Annahme kommt. Des Volkes Jugendblüte Die Hoffnung jedes Volkes sind seine Kinder, Wie sie in Sachsen erzogen werden, das sich rühmt, „alleweil vorne” zu sein, zeigt die Tatsache, daß in Burgstädt drei Knaben iro Alter von 8, 9 und 11 Jahren auf dem alten jüdischen Friedhof etwa 100 Grabstätten zerstörten. Sie warfen die Grabsteine um, zerschlugen die Ch, N. Bialik, (Zu dem untenstehenden Feuilleton.) mm wmm i« verfehlen, Dir alles zu erzählen. Aber ich fürchte» daß ich nichts besonders Trostreiches für mich vorfinden werde, denn sicherlich erreichten Dich Ge-, rüchte über meine „Heldentaten“ in Amerika, aus den Zeitungen oder von irgendwo anders her. Jedenfalls glaube ich, daß unser Rawnitzky *) Dir das Gute nicht vorenthalten hat und Dir jeden Tag alles, was er über mich geschrieben oder gesprochen, treu überbrachte. Und wer weiß, ob Ihr Euch überhaupt danach sehnt, es von mir zu erfahren. Wie dem auch sei, wenn ich nach Tel Awiw komme, werdet Ihr mir davon erzählen; ich werde mich zu Euch setzen und die Ohren spitzen. Ich selber fand keine freie Stunde alles zu lesen, was über mich in den amerikanischen Zeitungen geschrieben wurde, aber auch das wenige, das ich gelesen habe, brachte einen Schrecken über alle 248 Teile meines Körpers. Ich bin Deiner Freundschaft sicher, also auch dessen, daß Du mir das Böse nicht antun wirst, wegen der Zeitungen mich und meine Taten in Amerika zu verurteilen. Du wirst Dich bis zu meiner Rückkehr gedulden, wirst mich anhören und dann entscheiden. Ich bereue meine Reise nach Amerika nicht« Sie war nicht ganz vergebens. Es scheint, daß ich und Herr Schmarjahn Levin diesmal auf den amerikanischen Zionismus ein wenig eingewirkt haben* einen kleinen neuen Abschnitt eingeleitet haben* Neues haben wir ihnen selbstverständlich nicht gegeben, aber das Alte haben sie diesmal wieder und neu gehört. Wir haben ihnen die Ohren geöffnet. Es gab Stunden angenehmen Geschäftes. Es war „Got-. tes Stimme“ in unseren Worten, die Herzen antworteten. Es waren auch Minuten der Begeisterung und des Glaubens und der Quelle des heiligen Geistes. Neue Samen sind gesät worden, vielleicht werden sie Früchte tragen. Es sind greifbare Symptome sichtbar, daß der amerikanische Zionismus, der bis nun aus Dollarsammeln und seiner Organisierung # *) Rawnitzky betreute Achad Haam am Krankenlager, ias ihm vor und hielt ihn über die Ereignisse auf dem Laufenden. bestand, sich zu einem Geschöpf mit lebendiger Seele erweckt. „Die Kinder Israels werden wieder Gott Zuströmen.“ Die Kraft des Unlebendigen, Mechanischen, wird von Jahr zu Jahr mehr und mehr verdrängt werden. Das einzige geistige Fundament, worauf sich der Zionismus in Amerika bis jetzt stützte, ist das Mitleid. Dieses ist es auch, worauf sich alles andere stützt, was gesellschaftliche Tätigkeit in Amerika darstellt. Wohltäigkeit, „Charity“ nennt man das. Auch der Zionismus fällt nicht aus diesen Bahnen« Man baut Volksversammlungshäuser, Zentren, Jeschiwoth, Schulen, Talmud-Thoras, Krankenhäuser« Man gibt für den „Joint“, für die Krim, auch für den Zionismus — dann und wann! Weil das alles den Charakter der Wohltätigkeit trägt, ist es selbstverständlich, daß jene im Vorteile sind, die für aktuelle gegenwärtige Bedürfnisse fordern können. An erster Stelle stehen die Bedürfnisse des eigenen Landes. Mit besonderer Liebe und milder Hand werden diese befriedigt, da das die Macht im Lande demon-> striert, worauf das amerikanische Judentum stolz ist. In zweiter Linie erst kommen Hilfsaktionen für die Juden Rußlands, Polens und anderer Länder, woher die meisten amerikanischen Juden stammen, „Von Deinem Fleisch und Blut sollst Du Dich nicht lossagen.“ Und welcher Jude hat in diesen Ländern nicht ihm Nächste? Zu allerletzt, gleich dem „Afikomen“, kommt Palästina. Für Palästina spendet man aus* einem, irgendwo in einem Winkel, schlummernden Sentiment. Und dieses hat bekanntlich keinen allzu großen Einfluß auf das amerikanische Judentum. Es gibt nur eine Möglichkeit, für Palästina ersprießlich zu wirken, durch Aufwendung einer Art von Zauberkraft, die Herzen zu erwärmen, Tricks, Jahr um Jahr neue Tricks. Die propagandistischen Mittel, die jährlich immer neu anzuwenden sind, müssen womöglich die lautesten, lärmendsten, schrillsten und grellsten sein. Dann erst, wenn dies seinen Höhepunkt erreicht hat, erwärmen sich die Herzen und die Hände öffnen sich. Ist dieser Jahrmarkt vorüber, legt sich der Wind wieder, alles bleibt beim alten. Das geht so Jahr um Jahr. Weil es außer dem Zionismus noch andere Bewerber gibt, gibt es auch einen Wctt> kampf. Jeder tut das Seine im Ueberschiitten der Masse mit Lärm und Wunderdingen, und wer findiger ist, hat den größeren Erfolg. Nicht die anregende Kraft der Zielsetzung öffnet die Hand, nicht die Sache, um die es geht, sondern die Spitzfindigkeit, die Werbefähigkeit der Veranstalter und ihrer Anhänger. An dieser Situation des amerikanischen Zionismus tragen nicht so sehr die Führer die Schuld. Der Ort ist es und auch die Zeit. Der amerikanische Zionismus hatte in Amerika vor der Balfour-Deklaration keine Wurzeln, nicht wie in Rußland, nicht einmal wie in. Deutschland zum Beispiel, Vom Augenblick an aber, da der amerikanische Zionismus seinen Nacken in das Joch beugte (d. i. nach der Balfour-Deklaration und was ihr folgte), ist auch alle materielle Last auf ihn geworfen worden. Alle Zeit wird die Organisation damit belastet, tun den Dollar zu betteln. Der Dollar ist der Anfang und das Ende der Sorge. Zur Verinnerlichung und Vertiefung war keine Zeit. Das amerikanische Judentum kennt auch außerdem aus Gründen des Kampfes um die Lebens“ netwendigkeiten von altersher nichts als Business. Ein Kulturleben, geistiges Leben gibt es bei den Juden Amerikas nicht. Nichts geschieht, um seiner selbst willen. Alles liegt im Rachen des Business. Religion. Gesittung, Literatur, Kunst, gesellschaftliches Leben — das alles wird vom Gesichtswinkel des Geschäftes und des Profits betrachtet. Die Rabbiner, die Zeitungen, das öffentliche Leben stehen nirgends auf so niedriger Stufe. Mit wenigen Ausnahmen haben die Minderwertigsten die Führerschaft inne, in allen Zweigen. Der überwiegendste Teil der religiösen Führer aller Spielarten sind leer an Wissen und Einsicht, nackt und hohl. Und viele von ihnen sind jetzt orthodox, und gerade diese entweihen mit ihren Taten den Namen Gottes und den Namen Israels, Ihr Glaubensbekenntnis ist nichts als leere Phrase. Fern sind sie allem Lebendigen, Wahrhaftigen. Das Wesen ihres Glaubens ist die „Jarmulke“ und der Wein für