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Die Stimme · 1928-02-09 · Heft 6 (9.2.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 6 (9.2.1928)
Date
1928-02-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 6 Jahrhunderte den Juden angetan, durch eine großmütige Tat wieder gutzumachen, daß die Juden ein völkerverbindendes Element sind, daß sie, einmal tm Besitz einer eigenen Heimat, noch mehr und in einer originelleren Weise als bisher den geistigen Besitz der Welt vermehren werden, daß ferner zu erwarten ist, daß die Juden auf ihrem Heimatboden wieder sozial schöpferisch sein werden, als Vorbild für die von sozialen Kämpfen zerrissene heutige Welt u. a. tn. Die Sachwalter des Zionismus, vor allem Weizmann, Sokolow und Jacobsohn, sie haben gewußt, daß diese Erkenntnisse bald wieder im Wir* bei des Geschehens vergessen sein werden, vergessen, bevor sie noch von der Höhe der politischer. Gipfel in die breiten Massen der Völker gedrungen sein werden. So trachteten sie, einen Weg zu finden, um jene Erkenntnisse wach zu erhalten, die. Sympathien für den Zionismus, die in der nichtjüdischen Welt reichlich vorhanden sind, in gewissen Zentren zu sammeln und in mithelfende Kräfte zu transformieren. So schufen sie in allen Ländern die ,,Pro-Palästina-Komitees". In diesen vereinigen sich die geistigen und politischen Führer der einzelnen Staaten und Nationen um ihr moralisches Gewicht zugunsten der Sache des Zionismus einzusetzen. Die Komitees sind die Zentren für die Aufklärung der nicht jüdischen Welt über das Wesen und die Ziele dieser großen menschheitlichen Bewegung. Durch das Sichvereinigen von Männern, die einander sonst im schärfsten Kampfe gegenüberstehen, durch das Erwecken von völlig selbstlosen Sympathien für die Wiedergeburt eines anderen Volkes, durch die Schaffung einer moralischen Solidarität in allen Staaten in bezug auf eine und dieselbe „Wiedergutmachung“ leisten die ,,Pro-Pa!ästina-Komitees“ der Idee der Humanität einen großen Dienst, so daß man mit Recht sagen kann, daß der Zionismus nicht nur in und nach seiner Verwirklichung eine Angelegenheit der ganzen Menschheit ist, sondern quasi schon im status nascendi: daß er schon in seinen ersten Anfängen — und für die nichtjüdische Welt ist er heute ein völlig Neues — jenen Geist der Versöhnung und des Universalismus in die Welt bringt, der das kostbarste Erbteil der jüdischen Antike, der großen jüdischen Propheten ist. Es liegt eine tiefe historische Bedeutsamkeit darin, daß das Entstehen des Völkerbundes, dessen Ideal diese Propheten zuerst aufgestellt haben, zeitlich zusammenfällt und in der politischen Wurzel gemeinsam ist mit der Anerkennung der „historischen Verknüpftheit des jüdischen Volkes mit Palästina“ (Präambel des Mandatstextes). Denn jenen Propheten war das Wieder* erstehen einer originalen jüdischen Geistigkeit in Zion die Voraussetzung aller Völkerversöhnung. Auch der Nichtgläubige wird daher in ienem Zusammentreffen eine bedeutsame Fügung sehen. Jedenfalls wird durch das Befassen ,der nichtiüdischen Welt (im Wege der Pro-Palästina-Komitees) mit der jüdischen Sache in ihrer zionistischen Gestaltung, doch letzten Endes — trotz aller politischer, ökonomischer und sozialer Determinanten — die Aufmerksamkeit auf ideelle Werte gerichtet und schon dies wirkt auf alle, die Anteil nehmen, in versöhnendem Sinne. Wir Zionisten wissen wohl, daß wir zwar eine große Idee vertreten, daß aber eine solche nur dann Dauer und durchschlagende Kraft haben kann, wenn die gesamte Atmosphäre der Welt ihr günstig ist und wir zu deren Schaffung durch die Pro-Palästina- Komitees beitragen. Wir schöpfen Mut, Kraft und Anregung aus der Sympathie, welche die führenden Männer aller Völker unserer Idee entgegenbringen« Wenn wir durch die Pro-Palästina-Komitees die Palästinasache in das Gewissen der Welt so tief verankern wollen, daß der Gedanke der Wiederaufrichtung einer sich selbst bestimmenden jüdischen Gemeinschaft ein unverlierbarer Bestandteil alles politischen Denkens wird, so ist das für uns nicht ein taktisches Hilfsmittel, sondern wir fühlen uns verpflichtet, an unserer Tat, die wie keine zweite, bestehende Spannungen lösen, gebundene Energien entfalten, das Weltgewissen entlasten, die Bezie* hungen der Juden zu den Völkern und iene der Nationen untereinander bessern, dem historischen und moralischen Rechtsgefühl eine hohe Genugtuung bereiten, und so den inneren Zustand der Menschheit verbessern kann, alle Nationen teilnehmen zu lassen. In diesem Geiste begrüßen wir den Zusammentritt des österreichischen Pro-Palästina-Komitees. Wir freuen uns, daß in unserem von schweren politischen und sozialen Kämpfen durchrüttelten Lande Männer aller Richtungen, ohne Unterschied der Partei, der Konfession und des Berufs sich dar* in verbinden, um dem Zionismus als eine Sache hoher Menschlichkeit, ihre wertvollen Sympathien zu bekunden, in der Stadt, von der aus vor drei Jahr¬ Achad Haam (sitzend) an seinem 70. Geburtstage am Karmel. (Zu dem untenstehenden Feuilleton.) zehnten der Ruf Theodor Herzls in die Welt ge* drungen ist. Zwecks Vorbereitung der diesjährigen Keren-Hajessod- Aktion, die im Anschlüsse an die Konstituierung des Oesterreichischen Pro-Palästina-Komitees in Anwesenheit des Präsidenten der Zionistischen Weltexekutive, Herrn Nahum Sokolow stattfindet, wird Donnerstag den 9. Februar um Uhr abends im Festsaale des Oesterreichischen Handelsmuseums, Wien, IX., Berggasse 16, eine Konferenz sämtlicher Mitarbeiter abgehalten. Referenten: Dr. Leo Goldharamer, Präsident der Zionistischen Landesorganisation für Oesterreich; Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Freunde des Palästina-Aufbaues, die bereit sind, an der bevorstehenden Keren-Hajessod- Aktion mitzuwirken, werden auf diesem Wege zur Teilnahme an dieser Konferenz höflichst eingeladen. 100.000 Dollar für das Palästinawerk Eine Spende Nathan Straus*. Wie aus Jerusalem telegraphiert wird, hat der jüdisch-amerikanische Philanthrop N a t h a*i Straus an seinem 80. Geburtstage am 31. Jänner an das Mitglied der Zionistischen Exekutive in Palästina, Miß Henrietta S z o 1 d, folgendes Telegramm gesendet; Aus Anlafi meines 80. Geburtstages habe ich heute der Anglo-Palestine-Bank eine Summe von 100.000 Dollar zu Ihrer freien Verfügung überwiesen. Die Verfügung über diesen Betrag obliegt demnach der Zionistischen Exekutive in Palästina, die ihn für das Aufbauwerk verwenden wird. Am 31. Jänner wurde in T e 1 A v i v der Grund' stein für die dortige Filiale des Nathan- und Lina - Straus - Gesundheitszentr um s gelegt. Der Feier wohnten mehr als 8000 Personen bei. Die Palästina-Regierung war durch den Chefsekretär Colonel S y m e s, die Zionistische Exekutive durch Miß S z o 1 d, die Stadtverwaltung durch Bürgermeister Bloch vertreten. Auch Sir Alfred Mond, der gegenwärtig in Palästina weilt, wohnte der Feier bei. In den Ansprachen wurde u. a. her-, vorgehoben, daß Straus in den letzten 13 Jahren eine Million Dollar für Wohlfahrtszwecke in Palästina auf gewendet habe. Die Straße in Tel Aviv, in der das Gesundheitszentrum errichtet werden wird* erhält laut Beschluß der Stadtverwaltung den Namen „Nathan-Straus-Straße“. Baron Rothschild für die Arbeitslosen in Palästina Im Zusammenhang mit unseren Mitteilungen über die Bereitwilligkeit des Barons Edmond Rothschild, an der Lösung der jüdischen Arbeitslosenfrage in Erez Israel aktiv mitzuwirken, meldet die» „Jüdische Preßzentrale“ in Zürich, Baron Rothschild habe sich bereit erklärt, auch seinerseits praktische Schritte zu tun, um die Lösung der Krise in Palästina zu beschleunigen. Er habe der Zionistischen Organisation große Bodenflächen aus seinem Landbesitz Samaria angeb o- Amerikanisches Judentum Ein Brief Bialiks an Achad Haam. Vor einigen Wochen feierte der große ‘hebräische Dichter Ghaim Nachman iBialik, der jetzt in Tel Awiw wohnt, in aller Stille seinen 55. Geburtstag. Bialik zählt zu den ehrfürchtigen Bewunderern des Philosophen Achad Haam, der vor einem Jahre 71jährig in Tel Awiw gestorben ist. Davon zeugt der nachstehende Brief des Dichters an Achad Haam, der sich in der Universitäts- und Nationalbibliothek in Jerusalem befindet. Den Brief schrieb Bialik an Achad Haam aus Anlaß von dessen 70. Geburtstag auf der Rückreise aus Amerika, wo Bialik damals auf einer Propagandareise geweilt hatte. Der Brief ist gleichzeitig eine wertvolle Studie über das Wesen des amerikanischen Judentums in seinen verschiedenen Schichtungen, wie es Bialik sah, Wir verdanken das interessante Dokument der Freundlichkeit unseres palästinensischen Mitarbeiters L u c u s, der uns auch die hier reproduzierte, wenig bekannte Aufnahme Achad Haams, die an seinem 70. Geburtstage gemacht wurde, zur Verfügung gestellt hat. Die Red. 27. Tamus 5686 auf der „Aquitania“. — Auf dem Wege von New York nach London. Mein Lehrer und Freund! Ich verlange von Dir keine Verzeihung dafür, daß ich Dir nicht aus Amerika schrieb. Was sollte mir die, da ich mir selber nicht verzeihe, Ich bitte nur um ein mildes Urteil. Vielleicht erhalte ich dieses wenigstens zum Teil, wenn Du Dir meine schwere Arbeit und die Bedrängnis, in der ich mich seit sechs Jahren befinde, zu Gemüte führst. Bedenke doch; Meetings, Bankette, Empfänge, Gespräche, Beratungen, Doktorate *) (Du hast es gewiß gehört, daß ich zweimal Doktor geworden bin). Ich bin nun wie „ein Esel der Esel“. Hiezu kommt der Lärm, das Geräusch, das wilde Toben, der Bluff * Als Bialik in Amerika weilte, erteilten ihm zwei Hochschulen Ehrendoktorate. und der Humbug Amerikas. Dann die Unstetheit, das ewige Hin und Her, das Ziehen von Ort zu Ort, der ermüdende Schlaf nach bis zum Morgengrauen durchwachter Nacht. Und meine Seelenverfassung angesichts meines Unvermögens diesem grauenvollen Abgrund gegenüber, der New York heißt! Ich war wie ein Stummer. Ohne jede Kenntnis der Sprache. Ich fand nirgends hin, ohne einen Wegweiser, einen Wächter meiner Schritte, der mir Hand und Fuß sein mußte. Oft brachte mich ein kleiner Fehltritt in Gefahr, unter die Räder der Automobils zu geraten, die alle Straßen überfluten, gleich tausend Teufeln hin und hersausen, die leblose Straße gleichsam in lebendiges Getier verwandelnd. Die ganze Fläche ist Getümmel und Verwirrung, es stürmt wie ein Orkan, Tag und Nacht. Und die Reden! Die Reden, die ich anhören und die ich halten mußte. Kennst Du den Umfang und die Qualität der amerikanischen Reden? Eine Hölle! Und ich war der „Höllenfürst". Ich bin in jene bekannte Oertlichkeit geraten, mit deren Inhalt jene gestraft werden, die „die Worte der Weisen verhöhnen“. Und war es nicht gerade jene Oertlichkeit im wörtlichen Sinn, so immerhin die Mäuler der Amerikaner; und dies mit der englischen Sprache, und von ihr jene Worte, die Meetings und Bankette heißen. Versuche es doch, jemand dazusitzen, sowie ich dasaß, und eine Stunde, z^rei Stunden, drei Stunden, vier Stunden, ohne Unterlaß, eine Rede nach der anderen über sich ergehen zu lassen, bis die Eingeweide bersten, der Schweiß in Strömen rinnt, der Sinn wirr wird und jeder Gedankentropfen im Hirn eintrocknet. Und nachher, wenn die Reden vorüber sind, die vom Fürsten und vom Vogt, vom Vogt der Vögte, vom Sachwalter, vom Rabbi und seinem Gabba, vom Philanthropen, vom Doktor aller Dummheiten qnd von..., und von..., wenn das alles vorüber ist, wird die Reihe umgekehrt und beginnt von vorne. Geld wird gegeben, auf den Tisch ausgebreitet, über das zu Gebende verhandelt, die Lust zu geben, mit allerlei Listen und Tricks angefacht. Ein Ort der Reden und der Reklame, endlos, endlos... Das ist eine ansteckende Krankheit, die ganz Amerika verseucht hat, davor uns der Himmel bewahre I Ich bin immer unter den Rednern der letzte gewesen, man hielt mich bis zum Schluß jeder Versammlung als eine Art von Unterpfand zurück, bis zum Eintreiben der Gelder, das zuletzt erfolgt („nach Belieben der Versammlung“), um zu verhindern, daß die Begeisterten sich vor dem letzten Kapitel, dem entscheidenden, fortschleichen. Das dauerte immer bis zwei oder drei Stunden nach Mitternacht, wo ich doch schon längst vorher aller Reden überdrüssig und todmüde war. Um 3 Uhr in mein Zimmer zurückgekehrt, war ich immer ausgepreßt wie eine Zitrone, hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge und konnte keinen Schlaf mehr finden. An jedem nächsten Tage ging ich dann wie ein Mondsüchtiger umher, unfähig zu jedweder Arbeit, Körper und Geist belastet, unvermögend auch nur einen Brief zu schreiben. Und so brachte ich in Amerika volle fünf Monate zu. Es kam vor, daß ich zwei oder dreimal am Tage ohnmächtig wurde; ich konnte meine Sinne nicht sammeln!! Einen Trost habe ich. Im Jenseits wird man mir diese fünf mühevollen Monate von den zur Hölle verdammten Monaten abrechnen. Sie werden sicherlich nicht weniger wirken als volle zwölf Höllenmonate ausgesprochener Sünder. Wenn ich nicht wüßte, daß aus Widersachern keine Fürsprecher werden können, würde ich Dich nach hundertundzwanzig Jahren in Anspruch nehmen, mir vor dem himmlischen Gericht ein gerechter Fürsprecher zu sein, mich dort zu verteidigen. Aber ich hoffe in meinem Herzen; Dein Herz wird sich mir öffnen und ich werde Gnade finden, wenn Du meiner Rechtfertigung, von mir mündlich vorgebracht, hören wirst. Willst Dfu den Erfolg meiner Bemühungen wissen? Das kann man stehenden Fußes nicht erzählen. Wenn ich in der Heimat sein werde, werde ich mich Dir gegenübersetzen, wie es meine Art ist, in aller Bequemlichkeit, wie ich es liebe, und werde nicht

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