Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1928)
- Date
- 1928-02-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 DIE STIMME Nr. 5 FLIEGELMANN Von H, D. Nomberg (Schluß.) 3. Kapitel. Fliegelmanns schwache Nerven, seine Heiratspläne. Zwei Jahre waren vergangen; in Fliegelmanns Leben hatte sich wenig geändert. Nur die Sehnsucht seines Herzens nach einem Weibe wuchs. Sie wühlte sein Inneres auf, erregte seine Nerven und störte ihn in letzter Zeit im Lesen. Es kam oft vor, daß er plötzlich ein gewöhnliches Wort vergaß. Er bekam Schwindelanfälle und hatte oft das Gefühl, als sei es in seinem Kopfe schütter. Sehr oft fiel ihm seine Kindheit ein: Er erinnerte sich eines Vaters, eines kleinen, mageren Juden, der stets hustete. Er gedachte einer kalten Nacht. Der Vater war mit einem starken Husten aus dem Bett gekrochen und er, Fliegelmann, zitterte vor Kälte, als er allein im Bette blieb, das er sonst mit dem Vater teilte. Dann fiel ihm des Vaters Tod ein: als der Vater tot lag, sah er klein aus, daß es schien, er habe sich eingerollt und sei eingeschlafen. Fliegelmanns einzige Schwester weinte damals sehr und wischte sich mit der Schürze die Nase. Als sie beide vom Begräbnis heimkamen, schlugen und rissen sie sich um eine halbe Orange, die auf dem Fenster lag... Dann hatte Fliegelmann Kosttage bei fremden Leuten. Seine Schwester ist jetzt irgendwo die Gattin eines Lehrers und will von ihm nichts wissen, denn er ist ein Aufklärer, ein Abtrünniger. Sie hat wohl eine Menge Kinder, die geradeso abgerissen und hungrig herumlaufen wie Lewandkowskis Rangen — er, Fliegelmann, ist ihnen Onkel. Alle diese Dinge liefen ihm oft im Kopf herum. In dem neuen Paß, den man Fliegelmann aus seiner Geburtsstadt gesendet hatte, war angegeben, er sei 36 Jahre alt. Als er das las, erschrak er; ihn quälte der Gedanke, daß er die Zeit zum Heiraten versäumt habe. Fliegelmann suchte Bekanntschaften; es kam ihm schwer an. Er lernte ein Mädchen kennen, eine Dentistin. Sie war nicht gerade schön, neigte sehr zur Körperfülle und hatte ein dickes Gesicht. Stets lachte sie, auch beim Sprechen, so daß es schwer war, sie zu verstehen und sie liebte es, ihre Haare oft auf- und zuzuflechten. Fliegelmann begann sie häufig zu besuchen und in seinem Herzen wuchs neues Hoffen. Er sprach mit ihr stets von Büchern, Schriftstellern und Philosophen. Sie horchte still zu und unterbrach ihn höchstens mit der Frage: „Wünschen Sie Tee?“ Die Sache dauerte schon einen Monat. Fliegelmann kam wieder zu Besuch und seine neue „Hoffnung“ war ins Nebenzimmer gegangen, um Tee zu holen. Fliegelmann blieb allein, sah sich im Zimmer um. Er hatte nichts zu tun; da nahm er einen kleinen Spiegel vom Tisch und betrachtet sich darin. Indes kam das Mädchen mit dem Tee. „Ei, Sie schauen auch gern in den Spiegel, Herr Fliegelmann? Und da werft Ihr Männer uns Frauen noch vor, daß wir kokettieren!“ „Ja“, entgegnete Fliegelmann, und dehnte seine |i Das sehnlichst erwartete J3ach ist da! »Die jüdischen Schwänke Herausgegeben von Max Präger und Siegfried Schmitz. Diese Sammlung von Anekdoten Witzen Schwänken führt in das Reich echten Humors Jede Seite zwingt zur Heiterkeit Wer bei diesem Buch nicht lacht, der hat das Lachen nie gekannt 1 Eleganter Ganzleinenband 8 Schilling durch alle Buchhandlungen odar direkt von R. Löwlt Verlag Wien I. Fleischmarkt 1 .. ri«ia«nmarni i I RotanturmslraBa 22 Worte bedeutungsvoll — „wir wollen auch gefallen — und gar ich — Ihnen.“ Die letzten Worte brachte er still, mit unsicherer Stimme hervor. Das Mädchen fragte verwundert: „So?" und blieb still. Fliegelmann redete auch nichts. Schwer lastete das Schweigen im Zimmer. Das Mädchen nahm ein Buch in die Hand, Fliegelmann betrachtete lange den Ofen. „Wieviel mag zum Beispiel so ein Ofen kosten? Wirklich ein schöner Ofen!“ ... er sprach leise und fühlte dabei, er sage eine Dummheit; verlegen zog er die Achseln hoch. Sie saß lange still, das Buch lag offen vor ihr; plötzlich lachte sie hell auf. „Lächerlich . . . köstlich ..." brachte sie mit Mühe unter Lachen hervor, deutete mit dem Finger auf das Buch und klappte es zu. Fliegelmann wußte nicht, ob sie über ihn lache oder über eine Stelle im Buche. Im Zimmer herrschte weiter beengende Stille. Dann kam ein Bekannter. Erleichtert atmete das Mädchen auf. Fliegelmann ging. Seine Besuche waren für immer beendet. 4. Kapitel. Fliegelmann wird verrückt. Die Zeit verging rasch, und Fliegelmann blieb einsam. Seine Nerven wurden immer imruhiger, im neuen Paß stand verzeichnet: Alter: 38 Jahre ... Der Herbst war naß und kalt und wirkte auf Fliegelmanns Gemüt sehr schlecht. Oft ging er ziellos über die Gassen, las fast gar nicht mehr. Die Straßen waren stets naß, die Droschken spritzten den Kot auf. Fliegelmann wunderte sich bei seinen planlosen Wanderungen über die vielen Leichenzüge, denen er begegnete. Auch viele Mädchen sah er mit Büchern unterm Arm. Sie rafften ihr Kleid empor, die weißen Unterröcke waren mit Kot beschmutzt, und die Mädchen eilten, eilten vorwärts. Es wurde Abend. Fliegelmann fühlte sich müde, vor den Augen schwindelte es ihn, das Hirn war wie schütter, das Rückgrat wie gebrochen.... Er ging zum Arzt. Der untersuchte ihn lange und fragte ihn dann, ob er verheiratet sei. Fliegelmann log und sagte „Ja.“ Als er fort war, verdroß ihn die Lüge. — „Ich fühle“, sprach er zu Lewandkowski, der ihn wieder einmal besuchte, „daß ich Pessimist werde. Eigentlich ist ja auch der Pessimismus das letzte Wort der Philosophie...“ Dann begann er einen Satz von Schopenhauer zu zitieren; in der Mitte des Satzes brach er ab und warf einen Blick auf Lewandkowski, der ruhig dasaß und sich bemühte, eine recht dicke Zigarette zu drehen. Fliegelmann verdroß dies und noch mehr empörte es ihn, daß Lewandkowski gar nicht bemerkt hatte, daß er seine Rede unterbrochen hatte. „Lewandkowski!“ — fuhr er plötzlich los — „Sie sind ein Narr!“ Der hörte das Wort gar nicht, sondern blies mit fröhlichem Eifer dicke Rauchringe. Fliegelmann sah ihm lange zu, dann sprach er: „Sagen Sie mir, Lewandkowski, haben Sie wirklich so viele Kinder nötig gehabt? Sie sind ein leichtsinniger Mensch, ich sage es Ihnen.“ Lewandkowski antwortete lachend: „Ich habe genau sechse. Sie gar keine, Fliegelmann. Na also — stellen Sie sich vor, jeder von uns hätte drei. — Ist die Antwort nicht gut? Sagen Sie selbst.“ Sein guter Witz machte ihm selbst Freude, er lachte laut. Fliegelmann aber wurde durch das Gelächter noch mehr erregt und fuhr los: Verblüffend wirkt die 'fast um glaubliche Leistungsfähigkeit des bekannten Warenhauses (Brüder S c h i i f m a nra, 2. (Bez., Taborstraße 48. Während der heuer zum erstenmal veranstalteten, am Montag, den 31. v. M. begonnenen Seiden-Woche werden Seidenwaren jeder Art für Kleider, Wäsche, (Mäntel usw. zu noch nie dagewesenen Preisen abtgestoßen. Seide — die große Mode — ist auch für die große Masse der Minderhemi11elten erschwinglich geworden. Nachstehend die Preisliste: Faille de Claire, alle Farben, p. iMtr. nur 98 Groschen, K.-Seide f. Kleider, 80 Zentimeter breit, p. Mtr. S —.98, Waschseide, 70 br., S 1.50, Diagonal-Seide, blau, 60 br., S 1.90, Crepe-de-Chine-lmit., alle Farben, 100 br,, S 2.90, Satin de Chine und Moiree-Seide, in allen Farben, ä S 2.50, K.-Seide, Schotten, f. Kl., 80 br., S 2.50, Pongis, weiß, 100 br,, S 2.90, Chantung-Seide, alle Farben, 80 ihr., S 2.90, Crepe Marocain, 100 br., S 3.90, Liberty- und Lame- Seide, 90 br., p. Mtr. S 3.90, Tafte, alle Farben, u. Duwetine- Seide, schwarz, ä S 3,90, Crepe de Chine, f. Kleider, alle Farben, 100 br., S 4.90, Surra-Seide, 90 br„ u. Pongis, 100 br., in allen Farben, ä S 4.90, Crepe Georgette, 100 br., alle Farben, f. Kleider, S 5.90, Fourlards, neueste iDessins, 100 br., S 6.90, Crepe Satin, 100 br., alle Farben, S 7.90, Ripse, f. Mäntel, 90 br,, S 7.90. Jeder Kunde erhält ein Gesdhenik. — Provinzversand per Nachnahme 1 Die Restbestände der „Weißen Woche“, darunter Auslagestücke, werden zu teilweise tief reduzierten Preisen abgestoßen. Versäumen Sie nicht diese ungewöhnlich günstige Kaufgelegenheit! (Entgeltlich.) Redaktionsschluß Montag abends; später einlangende Verlautbarungen und Ankündigungen, deren Publikation in unserem Blatte gewünscht wird, können in der lanienden Wochennummer nicht mehr Aufnahme finden. Wir ersuchen allen Manuskripten, die ans nicht über Verlangen eingesendet werden, Rückporto befzulegen, da sonst Rücksendung nicht erfolgt. „Hören Sie, Lewandkowski, Sie sind ein Narr, ein Narr! Sie verstehen? Ein Narr! Hören Sie, was ich sage? Ein Narr!“ Fliegelmann fühlte, daß er erregt sei lind brach ab. Lewandkowski zog ein saures Gesicht, schüttelte verwundert den Kopf, empfahl sich und ging. Fliegelmann blieb allein in seinem Zimmer und begann über den Pessimismus nachzudenken. Doch seine Gedanken nahmen keine feste Form an und er konnte sich an Sätze und Zitate, die er sonst auswendig konnte, absolut nicht erinnern. Er erhob sich, ging im Zimmer auf und ab und murmelte halblaut vor sich hin: „Ein ausgemachter Narr, ein Narr ... ein Narr . . . ein Narr ...“ Das Wort tat ihm wohl und ging ihm nicht aus dem Kopf. In den nächsten Tagen fühlte er sich sehr elend, bei Nacht fiel er im Traum in tiefe Abgründe, schrie angstvoll auf und erwachte häufig. Das Wetter war tagsüber schlecht, darum versuchte Fliegelmann, zu Hause zu bleiben. In dem Hause, wo er wohnte, war jemand gestorben und auf dem Hof gab es ein schreckliches Weinen imd Schreien, bis der schwarze Wagen kam und die Leiche wegführte. Dann wurde es still.^Fliegelmann versuchte zu lesen, doch nach kurzer Zeit hörte er auf. Vor den Augen flimmerte es ihm. Er legte sich zu Bett. Kaum war er eingeschlummett, da hatte er einen schrecklichen Traum: Er trug einen langen, steifen, toten Körper in ein schwarzes Tuch gehüllt. Das Tuch hielt er mit beiden Händen und schritt gebeugt einher. Er kam vom unteren Stadtviertel und trug den Toten, um ihn zu begraben. Es war finster. Mit ihm gingen zwei Gemeindediener und sprachen miteinander. Aus ihrem Gespräch entnahm er, daß er seine tote Schwester trage. Er war sehr müde. Im Gehen stolperte er über die Schwelle eines Gewölbes, glitt aus, die Tote entfiel seiner Hand und schlug mit dem Kopf an die Schwelle. Und aus dem Tuch drang ein Weinen, wie das Wimmern eines Kindes. Einer der Schammossim sprach: „Nur vorwärts, Fliegelmann, sie ist tot. Das ist nur eine Reflexion. Weiter.“ Und weiter ging's. Doch er wurde bald wieder müde, sehr müde. Die Schammossim stießen und pufften ihn und schrien ihm zu, er möge schneller gehen. Fliegelmann wollte weinen; doch er hatte Angst, das werde eine Reflexion sein und er selbst sei tot. .. Diese Furcht vor dem Weinen drückte ihn schrecklich und er erwachte. Sein Kopf und sein Rücken war wie zerbrochen. Im Zimmer war es so finster, daß darin sogar der graübewölkte Himmel einen Widerschein gab. Das war noch schrecklicher als die schwarze Finsternis. Auf dem Hof schrie eine Katze jämmerlich, hörte für eine Weile auf und schrie wieder. Ihr Geschrei ging Fliegelmann durch Mark und Bein. Er wickelte sich in seine Bettdecke. Die Katze jammerte unablässig. Fliegelmann tat in dieser Nacht kein Auge zu. Als er am nächsten Tag bei der Lektion war,, schuf ihm sein Schüler großen Aerger und Erregung. D.er Junge übersetzte statt: „Die grüne Lampe unseres Nachbars“ — „die Lampe unseres grünen Nachbars“. Fliegelmann wurde aufgeregt, nahm den Jungen beim Kragen, schüttelte ihn und schrie mit einer Stimme, die fast nicht die seine war: „Grüne Nachbarn! Das ist doch unmöglich! Grüne Nachbarn ...!“ Er kam zur Besinnung und wurde ruhiger: „Also, sa£* reibst. Das ist doch nicht möglich! Nicht wahr?“ Seine Stimme zitterte, sein Herz klopfte, er atmete schwer. Der Junge weinte. „Sei doch vernünftig, du mußt doch einsehen, grüne Nachbarn gibt es nicht..." Der Junge aber beulte weiter und lief zur Mutter. Die Mutter kam herein und fragte: „Was hat es gegeben?“ Fliegelmann hatte nur das Gefühl, er müsse ihr zu verstehen geben, daß „grüne Nachbarn“ etwas unmöglich Existierendes seien. Doch er wußte nicht, wie er das tun solle und antwortete darum nicht. Doch die Frau stand noch immer da und wartete auf eine Antwort. Endlich entschlüpfte es Fliegelmann: „Gar nichts gab es. Ich bin heute etwas nervös. Meine Schwester ist gestorben . ..“ Die Mutter des Schülers sprach ihm ihr Beileid aus und fragte ihn mit Interesse über die Schwester aus. Fliegelmann erzählte Lügen und wußte nicht, wie sie ihm eigentlich eingefallen waren. Dann ging er und im Hinausgehen brummte er fortwährend vor sich hin: „Ich bin krank, ich bin krank, krank... krank ... krank ...“ Die immer gleichen Worte beruhigten ihn. Zu den übrigen Lektionen ging er nicht. Abends kam er heim, doch ihn ängstigte das Alleinsein in seinem Zimmer. Er legte sich bald schlafen. Mitten in der Nacht fuhr er aus dem Schlaf empor, in Schweiß gebadet, Im Zimmer herrschte tiefe Finsternis. Das weiße Handtuch an der Wand erschreckte ihn, rasch kleidete er sich an, warf den Mantel um und ging fort. Ohne zu wissen, wohin er gehe, kam er zu Lewandkowski. Der schüttelte ihm voll Freude kräftig die Hand und Fliegelmann war es dabei, als drehe sich ihm das Hirn um. In den Betten sah er schlafende Kindergesichter, in einem Bett seufzte Lewandkowskis Frau. Fliegelmann setzte sich auf einen Stuhl und schlief sofort ein. Im Schlummer fühlte er auf sich Lewandkowskis Hand, er öffnete die* Augen: vor ihm stand Lewandkowski, lachte ihm ins Gesicht und sagte, er sei betrunken,.