Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1928)
- Date
- 1928-02-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 DIE STIMME Seite 9 „Umschwung in Palästina“ Das „Berliner Tageblatt" bringt im Leitartikel, unter dem obigen Titel, eine Korrespondenz seines Jerusalemer Vertreters Ernst Davis, die u. a. besagt: „Die Depression hat in den letzten Wochen nachgelassen und mit ihr der psychische Druck, der zwei Jahre lang auf dem Lande lastete. Führer des Jischuw in Palästina gaben die neue Parole aus: ,Palästina muß sich selbst aufbauen. Es muß die Ueberwindu. ng der Krise und die Kolonisation selbst in die Hand nehmen und selbst eine neue Immigration ermöglichen.' Damit zeigten sie dem Jischuw einen Weg und lösten Energien aus, die nach der langen Lethargie langsam zu wirken beginnen. Die ersehnte große zentrale Geldquelle, aus der befruchtendes Kapital strömen soll, ist zwar auch dadurch nicht bloßgelegt worden. Aber dafür ist in den letzten Wochen aus vielen kleinen Quellen Geld in die Wirtschaft hereingeströmt. Zum ersten Male hat die Industrie die ersehnten langfristigen Betriebs- und Vergrößerungskredite in ansehnlichem Maße erhalten. Wie hoch diese Summen zusammen sind, kann man schwer sagen, aber in Mark ausgedrückt, gehen sie sicher in die Millionen. Eine Million wurde allein durch eine kleine Tel Awiwer Bank, von anonymer Seite, zur Verteilung an Kleinunternehmungen zur Verfügung gestellt, 1.2 M i 1- 1 i o n e n zeichnete eine private amerikanische Gruppe für das Kreditinstitut des Industriellenverbandes, eine dritte Million erhielt ein Haifaer Großunternehmen von seinen Aktionären neu herein, kleine Einzelsummen wurden von anderen Seiten vergeben. Mehrere Betriebe fanden kapitalskräftige Teilhaber oder Käufer. Seit Ende 1926 wird, wenn auch noch in sehr bescheidenem Rahmen, die erste Probe auf die Theorie eines palästinensischen Industriezentrums für die industriearmen Länder des nahen Ostens gemacht, und zwar mit Erfolg. Die Industriewarenausfuhr ist in diesem Zeitraum dauernd und beträchtlich gestiegen, vor allem nach Syrien, wo die Waren Palästinas Zollfreihen genießen." Die polnisch-palästinensische Handelskammer hat an die Lodzer WirtschafLskreise die Mitteilung ergehen lassen, daß sic in der Latfc sei, unverarbeitete Schafwolle in großen Mengen aus Palästina billigst zu exportieren. Diese Mitteilung hat in den einschlägigen Lodzer Industriekreisen reges Interesse hervorgerufen # In' petach Tikwah sind gegenwärtig mehr als 50 jüdische Arbeiter bei der Orangenemle beschäftigt. Die arabischen Händler, welche von den jüdischen Pflanzern die Ernte vorausgekauft haben und die Erntearbeiten selbst durchführen lassen, 'haben sich verpflichtet, in den nächsten Tagen die Zahl der jüdischen Arbeiter auf 2G0 zu erhöhen. * Uebcr den Beginn des Hufenbaues in Haifa sind beglaubigten Nachrichten gemäß zwischen dem englischen Hafenbau- Sachverständigen Palmer und der Palästina-Regierung Differenzen entstanden, da die Palästina-Regierung sofort mit den Vorbcrcitungsarbciten beginnen möchte, während Palmer erst die Bestätigung d'es .ganzen Bauplanes abwiarten will. Ueberdics will das Departement für öffentliche Arbeiten bei der Palästina-Regierung den Bau in eigener Regie ausführen, während Palmer für die LJebcrtragung der Arbeit an eine Privat u n l e r n e h m u n g ein tril t, * Mit dem B a u des judaistischen sowie des physikalischen Instituts an der Universität Jerusalem wird demnächst b cgönnen werden, da es dem Kanzler der Universität, Doktor M a g n c s, gelungen ist, die für den Bau notwendigen Mittel in Amerika sicherzustellen. i» Ein aus Ungarn nach Palästina etngcwanderler Schneider, Chaim B 1 u m, wurde wegen Beleidigung einer jüdischen Frau vor Gericht gestellt, des außer einer Strafe auch auf Ausweis u n g Blums aus Palästina erkannte. Darüber herrscht unter der jüdischen Bevölkerung große Erregung, da nach den Einwanderungsbestimmungen Personen, welche als Einwanderer ins Land gekommen sind, wenn sie sich nicht gegen die Sicherheit des Landes vergehen, nicht ausgev/iesen werden können. Das Einwanderungsamt erklärt nun, Blum sei deshalb ausgewiesen worden, weil er, wie erst bei Gelegenheit der Untersuchung wegen des oben erwähnten Deliktes festgestellt wurde, mit einem Tourislenvisum nach Palästina gekommen war und seinen Aufenthalt über Gebühr ausgedehnt habe; daher sei die Ausweisung gerechtfertigt. * Die Nachricht, der mohammedanische Oberste Rat hätte Nichtmohammedanern den Zutritt zur Höhle Machpelah in Hebron, wo nach der Bibel die Erzväter und Erzmütter begraben sind, gestattet, hat sich als nicht zutreffend erwiesen. Der bisherige Zustand bleibt aufrecht. Ende Februar wird die ägyptische Währung, die bisher in Palästina auch nach dem Inkrafttreten der eigenen Pfund-Währung gesetzliche Zahlkraft hatte, außer Kurs gesetzt werden. * An Stelle der aus der türkischen Zeit stammenden Werko- Steuer in Palästina, welche von städtischem Immobiliarbesitz erhoben wurde, will die Palästina-Regierung eine neue Immobiliensteuer einführen; nach dem Entwurf dieser neuen Steuerverordnung soll die neue Immobiliensteuer höchstens 12/4 Prozent des Wertes des Besitzes nach der letzten Jahresschätzung betragen. * Der verstorbene jüdische Philanthrop Sir E. S. Kadoorie hat, wie bekannt, 120.000 Pfund für die Förderung der Landwirtschaft in Palästina hinterlassen. Die Palästina-Regierung hat bestimmt, daß aus diesen Mitteln zwei landwirtschaftliche Schulen, eine für Araber und eine für Juden errichtet werden. Mit dem Bau der jüdischen Landwirtschaftsschule wird in der Nähe der Kolonie M e s c h a in Unter-Galiläa demnächst begonnen werden, Von Heb Benjamin« Das Pseudonym Reb Benjamin gehört einem der geistreichsten hebräischen Essayisten an, der gerade jetzt sein 25 jähriges Schriftstellerjubiläum feiern kann. Der richtige Name des Reb Benjamin ist Josua Radler-Fcldmann. Wir freuen uns, unseren Lesern in deutscher Uebertragung eine Probe der Schreibweise des ausgezeichneten Schriftstellers und seiner Art zu sehen geben zu können; der hier veröffentlichte Aufsatz ist nach persönlichen Eindrücken während der Anwesenheit des Schriftstellers in Palästina geschrieben. Wenn du, lieber Leser, im Zentrum von Jerusalem, bei der Hauptpost stehst und etwas Interessantes erleben willst, so wende dich ein wenig rechtswärts. Nach einigen Minuten Weges kommst du in ein stilles Gäßchen. Im ersten Haus dieses Gäßchens befindet sich die Werkstatt für den Aufbau des jüdischen Landes durch das jüdische Volk, das Zentralbüro des Keren Hajessod. Mein lieber Leser, du hast sicher schon mehr als einmal von verschiedenen Leuten und durch verschiedene Zeitungen den Namen „Keren Hajessod" gehört, aber du weh', wahrscheinlich nicht viel damit anzufangen. So folge mir, halte dich ein wenig in dem Haus der stillen Gasse von Jerusalem auf und sieh einmal zu, was dort vor sich geht. Das Haus ist nicht groß. Es enthält im ganzen zwölf Zimmer, ebensoviel wie die Zahl der jüdischen Stämme. Es ist still wie die Gasse in der es steht. Keine Bewegung, kein Lärm. Ruhe in den Korridoren, kein Geräusch hastender Massen zu bemerken, Und doch wird in den Zimmern viele, große Arbeit geleistet, die große Folgen hat. Da gibt es einen elektrischen Knopf, der setzt sechzig Länder in Bewegung. Das ist nicht bloß ein schönes Wort, dem Bibelspruch „Sechzig Königreiche sind ihrer" nachgcbildet, sondern Wirklichkeit. Eine lange Tabelle zählt die Namen aller Länder auf. In 48 Staaten gibt es Landeszentralen oder Landesbüros des Keren Hajessod und der Weg, der sie. verbindet, ist so ausgetreten, daß sie sich verständigen können. Nur in 12 Ländern fehlt ein solches Organ und da ist es notwendig, sich mit jeder kleinen Gruppe, mit Tausenden von Einzelpersonen zu verständigen. Das Ziel ist bekannt: es geht um nichts weniger, als das jüdische Volk auf dem nationalen Boden seiner Heimat wieder zu sammeln. Es ist beinahe ein messtanisches Ziel, so schwer wie der SJebergang über das Schilfmeer, sogar viel schwerer als dieser; denn das Schilfmeer hat sich nur einmal durch ein Wunder geteilt; doch hier im stillen Hause gibt es ein. geradezu schicksalhaftes Muß, täglich Wunder zu beweisen. Das Volk, welches von einem Lande der Zerstreuung in das zweite wandert und über sechzig Länder verteilt ist. ist auch in eine Unzahl von Sprachen geschieden; hier in der Werkstatt der Aufbauarbeit muß in acht Sprachen gearbeitet werden — gibt es irgendwo noch ein Volk von kaum 15 Millionen Seelen, das eines solchen sprachlichen Apparates bedarf? Die Publikationen und Broschüren des Keren Hajessod gehen in die Welt in englischer, deutscher, polnischer, russischer, holländischer, französischer, arabischer, hebräischer, jiddischer und spaniolischer Sprache, gelegentlich auch noch in einigen anderen Idiomen. In diesem Hause gibt es Verbindung mit der ganzen Welt und allen ihren Verhältnissen. Man hat ebenso hier Interesse daran den Stand der Ernte in Südamerika zu kennen, wie den Ausfall der Oliven- Von Kairo nach Palästina und Transjordanien wird in den nächsten Wochen von Cook ein regelmäßiger Passagierluftverkehr eingerichtet. * 40 Studierende der Jeschiwa des Oberrabbiners K o o k in Jerusalem, der Jeschiwa in Hebron und ähnlicher Schulen haben sich zur Gründung einer Kleinpächtersiedlung vereinigt. ♦ Der Präsident des Rates der Jüdischen Gemeinde (Waad Hair) von Jerusalem, Josef Meyuchas, feierte vor kurzem seinen 60. Geburtstag und war aus diesem Anlaß Gegenstand zahlreicher Ehrungen, an denen sich auch die Palästina-Regierung beteiligte. ♦ Die Stadtverwaltung von Tel Awiw hat für das Grab des dort verstorbenen berühmten Philosophen Achad Haam einen Denkstein gestiftet, der jetzt bei Ablauf des ersten Trauerjahres feierlich enthüllt wurde. ernte in Südafrika, der Tabakernte auf dem Balkan und der Baumwollernte in Aegypten. Man hat Interesse daran zu wissen, ob der Delegierte, der im Aufträge dieses Hauses ausgesandt wurde, vor, während oder nach der Ernte, vor oder nach den Wahlen, in seinem Bestimmungslande angekommen ist, ob es ihm gelungen ist, unter den zionistischen Repräsentanten eines Landes oder den jüdischen Führern eines anderen Landes Frieden zu stiften. Alle diese Einzelheiten sind von Bedeutung und von Einfluß. In der Propagandaabteilung der Werkstätte für den Palästinaaufbau kann man nicht bloß mit der Sprache der Worte rechnen, sondern muß auch die Sprache des Herzens verstehen. Man hat Interesse an einer Viertelmillion von Keren-Hajessod-Zahlern, Menschen verschiedenster Art und verschiedenster Anschauungen und Richtungen. Schon Moses hat damals, als die Juden in der Wüste lagerten, den Bittruf getan: „Gott aller Richtungen!" Es muß eben eine gemeinsame Sprache, eine Art Esperanto geschaffen werden. In der Finanzabteilung gibt es Rechnungen in allerlei Valuten, nicht bloß in englischen Pfund und in dem hochgeachteten amerikanischen Dollar, dem Gelde des „reichen Mannes", sondern auch in Zloty, Gulden, Rupien, Dinar, Pesetas, Lat, Lit, Lei. Drachmen, französischen und Schweizer Franken, in italinischer Lira, im Alpenschilling, und anderen. Ein Kapitel für sich bilden die Delegierten, Ein Delegierter dieser Werkstatt muß fortwährend die ganze Welt bereisen, auf den verschiedensten Wegen und mit den verschiedensten Beförderungsmitteln. Das große amerikanische Volk verehrt Lindbergh als Sinnbild seines Mutes; der Tag wird kommen, da das jüdische Volk es verstehen wird, den starken Mut, die Ergebenheit und die mühevolle Arbeit dieser Delegierten zu ehren. Das Leben dieser Delegierten bildet eine Martyrologie für sich, nach dem Bibelwort „Alle, die diesen Weg gehen, kehren nicht mehr um". Mehr als einer von ihnen hat sein Blut und Leben geopfert, Versteht das die jüdische Masse immer? Alle Augen sind auf den „reichen Mann" in Amerika gerichtet. Doch der Delegierte unserer Werkstätte kennt noch 59 andere wichtige Punkte. Er kennt Singapore, jene Hafenstadt in der Nähe von Siam. Diese Stadt — was bedeutet sie für den Aufbau des jüdischen Landes? Gerade sie steht an erster Stelle unter den Leistungen für den Aufbaufonds des Landes der Väter. In den sechs Jahren, die der Fonds besteht, hat sich Singapore mit mehr als 5 Dollar jährlich pro jüdischen Einwohner an den Zuwendungen für den Fonds beteiligt. In den Vereinigten Staaten aber macht diese Beteiligung nicht ganz eineinhalb Dollar pro Kopf aus. Ehre und Hochachtung vor den Juden von Singapore! Auch Finnland im hohen Norden hat 5 Dollar pro Jahr und Kopf geleistet, In dieser Hinsicht wurde von den Delegierten nicht nur Singapore entdeckt, sondern auch Ostindien und Holländisch-Indien, Mexiko und Aden, Portugal, Spanien und Cuba, Panama, Peru und Chile, Finnland und Mesopotamien. Es scheint, als verstände es der Delegierte des Keren Hajessod, je entfernter ein Erdenwinkel ist, desto besser die leidenschaftliche Ergebenheit seiner Juden zu reizen. Er scheint nach der biblischen Losung zu arbeiten: „Möge der Verstoßene nicht mehr von mir verstoßen werden". Der Delegierte kümmert sich mit besonderer Sorgfalt um die versprengten Juden und wo ein schwer zugänglicher Ort ist, dort ist er zu finden. Tausende von Kilometern durchmißt er im Jahr, mit der Bahn, mit dem Auto, mit dem Dampfschiff, mit dem Wagen und mit dem Aeroplan. Er kommt an die Grenzen des Volkstums, in das Zwischenreich zwischen Untergang uhd Exi- In der Werkstatt des «® Hfi ■ ■ m Mitte Februar Keren - Hajessod - Aktion* Juden erfüllet eure Keren- I Hajessod^Pflieht! Meidet euch zur Mitarbeit* Je mehr opferwillige Mit~ “■VI IlüVI 1 ■ Arbeiter, desto erfolgreicher das Ergebnis der Keren~Hajessod- Aktion*