Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-02-02 · Heft 5 (2.2.1928) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 5 (2.2.1928)
Date
1928-02-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053758--0078-3055334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 DIE STIMME Nr. 5 r auMm« / m Baracken un icr vom Keren Hajessod errichteten Siedlung „Maawar“ in Petach Tikwah, der jüdischen Kolonie, wo jüngst die Arbeitslosendemonstrationen staiifanden. >1 % t-iV*' Beim Finanzminister von Tel Aviv Von Prof, Arthur Freud. Ein größerer Gegensatz läßt sich wohl schwer denken, als das alte arabische Jaffa, die laute, farbenreiche Hafenstadt mit den verfallenen Häusern in den engen Gassen und das benachbarte Tel A v i v, das ursprünglich als jüdische Vilienvorsladt von Jaffa gedacht sein mochte. I nteressant, wie die ganze Stadt, ist auch ihre Geschichte: im Jahre 1908 vereinigte sich eine Gruppe von jüdischen Privatleuten aus Jaffa, um auf der Sanddüne ein Villenviertel anzulegen, das erste hebräische Gymnasium Palästinas, das den Namen Theodor H e r z 1 s führt, wurde hier errichtet und stolz nannte man die neue Häuserkolonie Tel Aviv (Frühlingshügel). Mit der neuen Einwanderung nach dem Kriege wuchs Tel Aviv, dar. 1921 bereits 3000 Einwohner zählte und eine eigene Verwaltung erhielt. Aber erst in den allerletzten Jahren nahm die Stadt ihren Aufschwung, die Jahre 1925 26 weisen eine geradezu amerikanisch anmutende Bautätigkeit auf, und heute ist Tel Aviv eine ganz große Stadt, mit einer bedeutenden Ausdehnung und ungefähr 40.000 Einwohnern. Zionistische Idealisten haben an dieser Stadt besonders viel auszusetzen und in der Tat fehlt es bei vielen dieser neuen Häuser nicht an allerlei Krimskrams, der geschulteren ästhetischen Sinn nicht gerade angenehm anspricht. Dennoch ist der Gesamteindruck von Tel Aviv geradezu überwältigend: eine große funkelnagelneue Stadt am blauen Meeresufer, eine Unzahl von Villen mit Veranden, Balkis tradeu, .Baikonen, Pergolen und Terrassen, in üppige junge Gärten gestellt; eine berauschende Symphonie, die vom Weiß und Gelb der Häuser, dem Grün der Gärten und dem Blau des Himmels und des Meeres ihre Farbculöne bezieht. Hier findet man elegante Villen mit komfortablen Wohnungen, die in einem Wiener Cottage in Ehren bestehen könnten; hier ist bereits alles, was der verwöhnte Europäer braucht und in dem erwachenden Lande noch nicht überall findet: Wasserleitung, Badezimmer, elektrisches Licht und dergleichen Dinge mehr. Bewegtes Leben herrscht in den breiten asphaltierten Straßen und es ist das jugendliche Element, das allenthalben in die Augen fällt, der Typus des ,,Chaluz“ und der „Chaluzah“, an Kleidung lind Gebaren untrüglich kenntlich. Man sieht es diesen jungen Menschen beiderlei Geschlechts an, daß es nicht die Not des Lebens, sondern eine Fahne war, die sie in dieses schv/er zu bezwingende Land geführt hat und man mag sprechen, mit wem man will, jeder singt das Loblied des Chaluz, der in der Tat bereits in alle möglichen Positionen der Arbeit eingedrungen ist, in der Landwirtschaft sowohl wie in der städtischen Industrie, der Straßen baut, Kanäle betoniert und sich schlechterdings jeder Arbeit unterzieht. (Daß studierte Leute hier Steine klopfen oder Kühe weiden, ist eine Erscheinung, über die sich keiner mehr wundert, der einige Zeit in Palästina lebt.) Tel Aviv ist über Nacht eine große moderne Stadt geworden, mit einem Handelszentrum, in dessen Kaufläden man alles zu kaufen bekommt, was der Europäer braucht, mit zahlreichen gutgeführten Hotels und Pensionen, mit Restaurants, Kaffeehäusern und einem wundervollen Badestrand; in einem Klub am Meeresufer, wo ich eingeführt wurde, tanzen elegante Menschen Modetänze zu den Klängen einer Jazzband und zahlreiche primitiv gebaute, aber sehr rasche Autobusse, fahren um geringes Geld nach allen Richtungen der ausgedehnten Stadt. Diese erste reinjüdische Stadt, in der sich alles private und öffentliche Leben in hebräischer Sprache abspielt — sie ist die Sprache des Kindergartens und der Schule, des Plakats und des Firmenschildes, der Geschäftsrechnung und der städtischen Amtsführung, der Zeitung und des Theaters — stellt ein Stück neues Europa im ältesten Orient vor und die jung organisierte, eben erst seßhaft werdende Judenschaft Palästinas, hat hier eine ganze Anzahl von Institutionen geschaffen, welche eben Europäer brauchen und die bei den Arabern bislang nicht zu finden sind. So gibt es hier eine Zentrale der über das ganze Land sich erstreckenden Arbeiterkrankenkasce, einen Arbeiterbildungsverein mit zahlreichen Kursen aus den verschiedensten Wissensgebieten, Öffentliche Bibliotheken, darunter die Zentrale der Arbeiterbücherei, die im Lande bereits neunzig Filialen unterhält, ein Spital der amerikanisch-jüdischen SanitätsgeseHschaft ,,Hadassah“, ein ausgebautes hebräisches Schulsystem, das mit zahlreichen Kindergärten beginnt, der Handelsschule, Gewerbeschule und dem Gymnasium endet, ein Musikkonservatorium fehlt auch nicht; es gibt ferner hier zwei hebräische Tagesblätter, ein bürgerliches und eines der Arbeiterorganisation, Kinos und ein mehreren Tausend Personen Raum bietendes ,,Volkshaus“ für große Versammlungen und Vertrag0 aller Art, das freilich nur aus einem großen überdeckten Podium und einer Fülle von Bankrei.hen unter freiem Himmel besteht; eine primitive, aber dank dem glücklicher Klima völlig ausreichende Einrichtung. Ein großes Theatergebäude, das Unternehmen eines privaten Kapitalisten. ist eben im Bau. Der überraschenden Entwicklung dieser Stadt ist. rUerdim-r. auch der Rückschlag, nicht erspart geblieben, und die Wirtschaftskrise, die heute in Palästina herrscht, ist in allererster Reihe eine Krise von Tel Aviv. Diese Stadt, welche der ,,Privatinitiative“ — den Gegensatz dazu bildet in Palästina die ..nationale Kolonisation“ — ihr Dasein dankt, ist allzurasch in die Höhe geschossen, als daß ihr die rückläufige Bewegung erspart bleiben könnte. Die mittelständischen Schöpfer von Tel Aviv scheinen fast vergessen zu haben, daß eine Stadt ein organisches Gebilde ist und nicht schneller wachsen kann, als ihr noch junges und schwaches Hinterland. Die Vcr!reter der linken Richtung werden auch nicht müde, auf diesen Umstand hinzuweisen, während dies die Wortführer des bürgerlichen Elements freilici nicht wahrhaben wollen. Ich habe Gelegenheit gewonnen, über die Situation der Stadt bei deren Vizebürgermeister und Finanzreferenten, dem Exponnenten der zweitstärksten Partei, der bürgerlichen Volkspartei, der heute der wichtigste Mann in der ,,Irijah“ (Munizipalität) ist, Informationen einzuziehen. Herr Lerner ist ein agiler Mann von noch jugendlichem Alter und voll von Plänen; er bezeichnet sich als einen Gegner der ,,linken Ordnung“, womit die Arbeiterpartei gemeint ist, welche die meisten Stimmen hat und den Bürgermeister stellt. Zunächst gibt er mir ein paar Zahlen über die Entwicklung von Tel Aviv: die sogenannte „vierte Alijah“, die große Einwanderungswclle um 1925, hat 4—5 Millionen englische Plund mitgebracht, RUCHERSTUBE M. RATH j II. TABORSTRASSE 20 a, TELEPHON 43-1-58 I: 7 M MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT II JUGENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRAICA jj »»••••••«•»*••»••••••••••• •••••••••••••••••••- s: wmammmmKmummmmmmmmmmm* SIEGM. KORNMEHL QroQf lelschhauer« I Zentrale fX, Berggasse 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, Abteilungen für er::-Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IXf Berggasse 15 XVIII, Währlngerstraße 97 leider aber wurde der größte Teil dieser Summe in Bauten hineingesteckt. So ist eine große Stadt entstanden, mit einem Straßennetz von 70 km, von denen 30 km bereits voll ausgebaut sind, die Schulden der Stadt belaufen sich auf 262.000 englische Pfund, was natürlich eine drückende Belastung darstellt, zumal für einzelne Posten, z. B. eine amerikanische Anleihe von 75.000 Pfund, deren Zinsendienst bereits zu leisten ist. Die Steuereingänge haben von April 1925 bis April 1926 nicht weniger als 143.000 Pfund betragen, die Besteuerung ist jedoch unter dem neuen Regime sehr stark herabgesetzt worden und das Gesamtbudget der städtischen Verwaltung beträgt heule 72.000 Pfund, für 1928 ist eine weitere Kürzung auf 64.000 Pfund vorgesehen. Die hauptsächlichsten Steuern sind Haus- und Geschäftssteuern, Wasser-, Spital- und Straßensäuberyngsabgaben, ferner eine recht hohe Bildungssteuer zur Erhaltung der Schule, wobei jede Person über 18 Jahre besteuert erscheint. „Wir haben gegenwärtig 9200 Kinder in den Schulen, die natürlich kein weiteres Schulgeld zahlen“ — erklärt mir der Finanzreferent, hie und da einen Blick in seine säuberlichen hebräischen statistischen Kolonnen werfend. Er rechnet mir vor, welche Bedürfnisse die Stadtverwaltung zu decken hat, rühmt das Entgegenkommen der Regierung, welche der Stadt in ihrer schwierigen Lage beigesprungen und ihr bisher 60.000 Pfund vorgestreckt hat. Ich frage den Tel Aviver Finanzminister nach seiner Meinung über die Zukunft von Tel Aviv. Wird diese Stadt bestehen können, bis das entsprechende. Hinterland da ist, das man zufolge seines landwirtschaftlichen Charakters nicht so rasch aus dem Boden stampfen kann wie eine Stadt? „Unser Hinterland“, sagt Herr Lerner, „ist. Syrien, Transjordanien, Aegypten, Die Zukunft von Tel Aviv liegt in der Exportindustrie. Wir haben bereits drei Strumpffabriken, eine Schokoladefabrik mit neunzig Arbeitern, man erzeugt Trikotagen und es gibt eine ganze Reihe von Klein- und Hausindustrien.“ Und er beginnt mit einer Aufzählung von Artikeln, die heute schon in Tel Aviv produziert werden: Biskuit und .Tarne, Seife, Eis und Sodawasser, Kohlensäure und Krawatten, Leder, Schuhe, Dochte, Maccaroni, Möbel, Klaviere, Lampenbestandteile, Eiskasten, Eisenkassen und noch eine Reihe von Gegenständen. Um vorwärtszukommen, brauchen wir in erster Reihe eines: Kredite, an denen es sehr fehlt. Wir sind konkurrenzfähig und haben dies bereits bewiesen. Tel Aviv kann ein Industriezentrum des nahen Ostens werden. Momentan ist freilich die Lage nicht günstig.“ So urteilt der Wortführer der bürgerlichen Partei in Tel Aviv, die im Stadtrat 20 Sitze hat (um einen weniger als die Arbeiterpartei), und so urteilen alle, die sich zu den Bürgerlichen zählen. Und Herr Lerner entwickelt mir einen Zukunftsplan, wie die Krise von Tel Aviv behoben werden kann; einen Plan, in dem die Kreditbeschaffung aus Amerika im Vordergründe steht. Ich weiß nicht, oh alle diese Pläne sich so bald werden verwirklichen lassen und Tel Aviv scheint ein nicht leicht zu lösendes Problem darzustellen. Da sind in knappen Monaten Tausende kleiner und mittlerer Kapitalisten zusammengeströmt, Tausende von Arbeitern nach sich ziehend, die alle beim Häuserbau Arbeit fanden — im Handumdrehen entstand ein© Stadt von bedeutenden Dimensionen, in welche ein Großteil des mitgebrachten Kapitals hineingebaut wurde, der allgemeine Taumel riß die Leute fort, die in zahlreichen Fällen nicht mir ihre ganze Barschaft im Hausbau aufgehen ließen, sondern in Erwartung amerikanischer Entwicklungen, in manchem Falle für 5000 Pfund bauten, wenn sie 200 ihr eigen nannten: der Rückschlag mußte kommen und die gegenwärtige Wirtschaftskrise in Palästina ist in erster Reihe eine Krise von Tel Aviv. Es ist fraglich, ob sich ein Universalheilmittal für die Nöte dieser Stadt, deren Schöpfer keine Geduld hatten, so rasch finden lassen wird. So mancher wird wohl daran glauben müssen, so mancher, der nicht warten kann, bis sich die Zeiten bessern, wild der schönen Stadt den Rücken kehren müssen. Daß ein kleiner Prozentsatz der Bewohner dies bereits getan hat, ist nur natürlich. Aber die rauschende Stadt am herrlich blauen Meeresufer wird bleiben, und daß sie eine Zukunft hat, wie mir ihr Finanzreferent zu versichern nicht müde wird, glaubt man, wenn man den Arbeitseifer und die Emsigkeit all der Leute verschiedensten Standes und verschiedenster Herkunft sieht, die da zusammengeströmt sind, um nach ihrer Weise mitzubauen an dem „jewish national home“, wie es in der Erklärung Lord Balfours heißt, dem Dokument, welches die zionistische Politik Englands inauguriert hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.