Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1928)
- Date
- 1928-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 5 HOTEL-RESTAURANT GUTHl Wien II., NollandstraBe 14 * Tel. 49-3-70 I Gut bürgerliches Haus mit anerkannt vorzüglicher Küche. I INIttag-Menus S 3. ■ Jeden Sonntag abends Publikums-Tanz bei nicht erhöhten ■ Preisen! I Österreich Die getauft werden sollen Seit ungefähr zwei Wochen hält das jüdische Lehimädchenheim Wiens einen Platz für das Mädchen J. E. offen. Ende Dezember kam die christliche Pflegemutter dieses Kindes zur Kultusgemeinde und bat, diese möge nun die Fürsorge des Kindes übernehmen, es werde bald vierzehn Jahre alt und dann stelle die Gemeinde Wien die Bezahlung des Pflegegeldes ein. Es wurde sogleich beschlossen, am vierzehnten Geburtstag des Mädchens dieses im Elisabeth-Heim unterzubringen. Pflegemutter und Kind schienen damit einverstanden zu sein. Am Geburtstag war aber J. E. verschwunden. Bald stellte sich heraus, daß sie heimlich zu ihrer früheren Pflegefrau ins Burgenland gefahren ist und dort zu bleiben gedenkt. Da kein jüdischer Vormund, keine Mutter vorhanden ist, hat niemand das Recht, sie zu holen. Jedenfalls, auch wenn sie nicht getauft wird, geht sie der jüdischen Gemeinde verloren; leider kommt sie auch durch ihren Streich um eine vorzügliche gewerbliche Ausbildungsmöglichkeit. Einer, glücklicherweise, nicht allzu großen Gruppe von Kindern jüdischer Abstammung, ist gleichsam durch ihr Geschick, die Taufe bestimmt: den unehelichen jüdischen Kindern, die in christlichen Arbeiterfamilien an der Peripherie der Großstadt oder in Dörfern bei Batiern verborgen gehalten werden. Die Zahl der unehelichen Geburten unter den Juden beträgt, laut Statistik, nach Prozenten gerechne t, ungefähr ein Drittel der Zahl bei den Nichtjuden. Außerdem sind hier die Kinder ritueller Ehen mitgerechnet. Wir besitzen keine neueren statistischen Daten, dürfen aber annehmen, daß die unehelichen Geburten in Wien jetzt seltener sind, als in der Vorkriegs- und Kriegszeit, wo die unehelichen jüdischen Mütter aus dem nunmehrigen \usland zwecks heimlicher Niederkunft nach Wien kommen. Nicht unter den Neugeborenen, sondern unter den heranwachsenden unehelichen Kindern sind jetzt völlig verlassene besonders zahlreich: eine Folge der Pogrome und des Krieges. Auch sonst ist schon vereinzelt Falschmeldung einer Gebärenden vorgekommen, die bald nach der Niederkunft verschwunden ist. Das arme Kind trägt dann zeitlebens in seinem Geburtsschein den Vermerk: Sohn oder Tochter der angeblichen N. N. Von jüdischen Kindesweglegungen sind mir im Laufe der letzten fünf Jahre sechs Fälle bekannt geworden. Alle erfolgten bezeichnenderweise in Fürsorgeinstituten oder an anderen Stellen, wo rasche Entdeckung und die Pflege des Kindes gesichert schien. Die israelitische Kultusgemeinde sucht d i e jüdischen Kinder in christlicher Pflege zu erfassen. Es wird getrachtet, daß jüdische Vormünder gestellt werden und dann ist es fast ausschließlich möglich, das Kind, sobald es 6 Jahre alt ist, in einem jüdischen Waisenhaus unterzubringen. Manchmal wird auch eine Adoption seitens gut situierter, kinderloser Juden durchgeführt. Anders ist es mit den jüdischen Kindern auf demLande bestellt. Im Jahre 1923, als etwas Geld vorhanden war, solche Kinder in jüdische Pflege zu bringen, wurden mit Hilfe der Behörden mehr als 200 jüdische Kleine in der Pflege von Bauern in den Alpenländem gefunden. Unsere Bemühungen, die Kinder zu übernehmen, war in überraschend wenigen Fällen von Erfolg gekrönt. Die Bauern hatten ihr Judenkind, auch wenn für dieses kein Pflegegeld bezahlt wurde, bereits lieb gewonnen oder es war auch schon groß genug, eine billige Arbeitskraft für die Landwirtschaft abzugeben. Außerdem lag die Vormundschaft meist in den Händen von Bauern. Die Kinder, die während der christlichen Unterrichtsstunde stumme Zuhörer sind, keinen jüdischen Religionsunterricht genießen, werden, um durch eine Religionsnote ein Schulaustritts- Zeugnis zu ermöglichen, fast durchwegs einen Tag nach dem vierzehnten Geburtstag, getauft. Nicht zu unterschätzen ist bei solchen Taufen die Rolle, welche die Fremdheit, ja der Haß gegen die jüdische Mutter und die jüdischen Verwandten spielt, welche das Kind vielleicht nie persönlich kennen gelernt hat. Die Größe solchen Hasses ersah man aus dem Falle Kaschowy, wo der Junge seine uneheliche Mutter ungerechter Weise eines Mordversuches zieh. Ausnahmsweise kommt es vor, daß sich die Berufsvormundschaft eines ländlichen Bezirkes, kurze Zeit, bevor ein jüdisches Pflegekind 14 Jahre alt wird nach Wien um Rat wendet. Während der letzten zwei Jahre war dies dreimal der Fall und in lobenswerter Weise haben das Lehrlingsheim ,,Z ukunf t“ und däs ,,Elisabeth-Hei m“ die betreffenden Kinder kostenlos zur Erziehung und Pflege übernommen. Die Kinder auf dem Lande dürfen aber nicht ausschließlich dem guten Willen der behördlichen Vormundschaft überlassen bleiben. Hier bietet sich dem Verbände der israelitischen KultusgemeindenOesterreichs eine lohnende Aufgabe: Pflegschaftsaufsicht und Vormundschaft über die Jüdischen Kinder in den ländlichen Bezirken. S. A. Juden fördern den Abfall Jugendlicher In Ergänzung seiner unter diesem Titel in der vorigen Nummer der »Stimme gemachten Ausführungen schreibt uns der Verfasser, Herr Siegfried Abcles: Mein Artikel hat im Kreise der Mitglieder der J. S. A. J. Unwillen erregt. Sie behaupten, daß vor allem aus dem Aufsätze nicht klar hervorgehe, daß darin zwei verschiedene Körperschaften besprochen werden. Die Kommunisten, früher Linke Poale Zion, haben mit ihnen nichts gemein, was auch unsererseits keineswegs behauptet wurde, übrigens nennen sich diese Kommunisten, die wohl im alten Lokale in der Blumauergasse verblieben sind und deren jüdische Mitglieder noch heute den Grundstock bilden, nicht mehr Poale Zion. In diesem Kreise spielte sich der Vorfall mit A. U. ab, der um einer unangenehmen Vormundschaft zu entgehen, aus dem Judentum austrat. Selbst bei der Schilderung dieser Tatsache betonte ich, daß es nicht offizielle Einwirkungen waren, die den Jungen zum Abfall bewogen, sondern Einflüsse der Altersgenossen unter den Kommunisten. Umso ferner lag es mir, eine offizielle Beeinflussung seitens der J. S. A. J. anzunehmen, da ich wiederholt in dem Artikel die einwandfreie jüdische Gesinnung dieser Organisation betonte. Worauf ich Gewicht legte, ist, daß die Organisation der Zweigstelle XVI. nicht stramm genug sei, um jüdisch schädlichen Einfluß der sozialistisch freidenkerischen Sendlinge aus der Bebelgasse hintanzuhalten. Zwei jugendliche Führer der J. S. A. J. erklären mir nun, daß diese schädlichen Einflüsse, ihrer Meinung nach, niemals in ihrem Kreise zur Geltung kommen konnten, wohl aber möglicherweise im selben Lokale, das an anderen Abenden eine kommunistische Gruppe innehat. Gewisse Organisationsmängel, außerdem ständiger Besuch von befreundeten Christen, nicht aber Mitgliedschaft von Christen, wird von ihnen zugegeben und aus dem Milieu des Bezirkes begründet. Die Zweigstelle befinde sich bereits auf dem Wege, eine vollwertige jüdisch-sozialistische Vereinigung zu werden, die Vorträge seien zu 50 Prozent solche von jüdischem Inhalt und es sei bereits ein hebräischer Kurs eingeführt. Der Junge L. R. sei nur ganz kurze Zeit Mitglied gewesen und es sei schon deshalb augenscheinlich, daß nicht der Einfluß der J, S. A, J-Gruppe ihn zum Austritt bewogen habe. Er ist gegenwärtig nicht mehr Mitglied der Gruppe. * Der Verband der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend bat an den Präsidenten des zionistischen Landeskomitees Dr. Goldhammer ein Schreiben gerichtet, das auf die in der vorigen Nummer erschienenen Ausführungen des Herrn Siegfried Abeies in einigen den Verband betreffenden Punkten entgegnet und am Schlüsse feststellt: »Im übrigen halten wir es für überflüssig, besonders zu betonen, daß wir gegen die Assimilation und für die Austrittsbewegung kämpfen.« Das Schreiben wurde Herrn Abcles zur Aeußerung über die darin enthaltenen Mitteilungen übermittelt. Ing« Kremenetzky und Oberrabbiner Chajes auf dem Ehrenblatt des Goldenen Buches In der Sitzung vom 10. Jänner hat das Direktorium des Keren Kajemeth in Jerusalem einhellig beschlossen, die erste Seite des Jubiläumsbandes des Goldenen Buches des Jüdischen Nationalfonds für 10 Ehreneintragungen zu reservieren. Unter diesen Eintragungen befindet sich auch der Name des verewigten Oberrabbiners Prof. Chajes und des Herrn Johann Kremenetzky, des ersten Leiters des Keren Kajemeth. Ferner wurden u. a. Achad H a a m und Wladimir T i o m k i n eingetragen. Die Weltorganisation zionistischer Frauen (Wizo) hält in Prag eine Konferenz ihrer kontinentalen Verbände ab. Als Vertreterinnen der österreichischen Frauen-Organisation nehmen Frau Sophie Löwenherz und Frau Dr. Martha Hoffmann an der Konferenz teil. Erklärung Herr Prof. Moses Rath, Mitglied des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, übermittelt uns folgende Erklärung: »Bei der Generalversammlung des Vereines »Beth-Israel« wurde gegen mich der Vorwurf erhoben, ich wäre in der sozialdemokratischen Partei politisch organisiert, obwohl ich Mitglied des Zionistischen Landeskomitees und zionistischer Mandatar im Kultusvorstand bin. Ich erkläre demgegenüber: Ich gehöre seit 24 Jahren ununterbrochen der Zionistischen Organisation an und war niemals bei der sozialdemokratischen Partei gewerkschaftlich oder politisch organisiert. Dieses, in den letzten Wochen von einem Herrn systematisch verbreitete Gerücht ist glatt erfunden,« Aus den zionistischen Ortsgruppen Wien Trauerkundgebung für Wladimir Tiomkin. Am 23. Jänner veranstaltete dias Zionistische iLandeskomitee gemeinsam mit der Union der Zionisten-ReVisionisten Oesterreichs im Ollympia-Saal eine Trauerkundgebung für Wladimir Tiomkin s. A. Die Kundgebung wurde durch eine Ansprache des Präsidenten des Land!eskomitees Dr. Goldhammer ertöfibet, der in warmen Worten der in den letzten Wochen diahingegangenen zionistischen Führer Oberralbbiner Chajes, Direktor Epler, Dr. Davidsohn und Ing. Tiomkin gedachte. Die Versammelten, die den großen Saal dicht füllten, hörten die Ausführungen des Präsidenten stehend an. Sodann hielt im »Namen der Zionisten-Revisionisten Oesterreich« (der revisionistischen Gruppe hatte Tiomkin seit ihrer Gründung angehört) Herr P. Hall e r die Gedenkrede. Er zeichnete ein scharfumrissenes Charakterbild des verstorbenen Führers, der kein Kompromiß kannte und von dem Tage an, da er in die zionistischen Reihen trat, bis zu seinem letzten Atemzuge reiner Judenstaatszionist war. Als einer der Wegbereiter des kommenden Judenstaates wird er in der Geschichte des jüdischen Volkes 'fortleben. Der letzte Redner Dr. N. M. Gelber gab eiime eindrucksvolle historische Darstellung der Persönlichkeit und de; Wirken Tiomkins. Er charakterisierte sein Wirken in der russischen volksrevolutionären Bewegung und1 in der Pionierarbeit der Chowewe-Zion für Palästina, im politischen Zionismus in der jüdischen Landespolitik in der Ukraine, in den großen jüdischen Aufbau- und Wohlfaihrtsorganiisationein, sowie als Führer der zionistischen Opposition in den letzten Jahren. Mit Dankesworten des Präsidenten schloß die würdige Kundgebung, die bei allen Teilnehmern tiefen Eindruck hinterließ. Vortrag Rabbiner Mehrer in der Zionistischen Bezirkssektion IV—V. Im Rahmen der Mittwoch-Sitzungen der zionistischen Bezirkssektion Wien-Margareten fand am 25. Jänner ein Vortrag des Rabbiners des Bezirkes, Herrn Dr. Gabriel Mehrer, über »Bibelexegese« statt. Ausgehend von den zwei bekannten Kriterien eines Volkes: iLand und Sprache, wies der Vortragende an Hand von Beweisen naoh, daß wir sowohl das erste in Erez Israel besitzen, ian das uns eine zweitauisendjährige Sehnsucht knüpft, als auch das andere im der hebräischen Sprache, die nie aufgehört hat, unsere nationale Sprache zu sein. Und die Krone dieser Sprache ist die Bibel mit ihren unzähligen »Kommentaren und Erläuterungen. Aber nur ein wahrer Jude kann die Bibel richtig lesen und sie richtig verstehen: mit dem eohten jüdischen Herzen. Ein anderes Lesen macht sie unverständlich. »Die sehr beifällig aufgenommenen, aus warmem Empfinden kommenden Ausführungen fesselten die überaus zahlreich erschienene Zuhörerschaft vom Anfang bis zum Ende des mehr als einstündigen Vortrages. Leoben Die Arbeit der zionistischen Ortsgruppe Leoben wird trotz der Abwanderung einer großen Zahl von Mitgliedern rege aufrechterhalten. In der letzten am 24. Jänner stattgefundenen stark »besuchten Versammlung der Ortsgruppe hielt der Ofbmann Herr iSämon »G e wing dem verstorbenen Wiener Ofeerrabbiner Dr. Chajes einen tiefempfundenen Nachnuf. Vereinsnachrichten Die Universitätsvorträge des Maimonides-Instituts werden nunmehr mit Genehmigung des Rektorats wieder aufgenommen, und zwar im großen Hörsaal 34 der philosophischen Fakultät, jeden Montag und Mittwoch 6A Uhr abends, über Hebräische Literatur und Geschichte des Judentums. Der Zyklus beginnt Mittwoch, den 1. Februar, mit einem Vorträge über »Die geistigen Führer des Judentums zur Zeit des Unterganges des Staates«. Im Hörsaal Zirkusgasse 33 finden außerdem bis auf weiteres am jedem Montag, Dienstag und Donnerstag, 6 bis 8 Uhr, die Vorträge über Bibel, Talmudisches Recht, Midrasch, More Nebuchim und Chowoth halewawoth statt. Jüdisches Zentrum der Sozialen Hilfsgemeinschaft Anitta Müller, II,, Untere Augartenstraße 35. iSomntag den 5. Februar d. J. 3 Uhr nachmittags Chamischa-Assar-Feier (der Bibelschule des Elternvereines (Lehrer Herzberg). Jüdische Volksbibliothek »Zion«, II., Glockengasse 30: Sonntag, den 5. Februar, um A8 Uhr abends, im großen Saale des Jüdischen Zentrum, II., Untere Augartenstraße 35: Cha - mischah -Assar-Feier, „Theologia“, Verein jüdischer Hochschüler an der isr.- theol. Lehranstalt. Bei der am 18. v. M. stattgefundenen Generalversammlung wurde folgender Ausschuß gewählt: Dr. Kahane Präsident; S. S'dhiönMum Vizepräsident und Schriftführer; J. »Glifczenstein Vizepräsident; »H. Frostig Kulturreifereht; J. Glaser Schriftführer; S. Kohlberg Kassier. Jüdisches Realgymnasium (Notstandsfonds): Mittwoch, den 8. Februar, um lA9 Uhr abends, findet im Kursalon des Stadtparks ein Gesellschaftsabend (Akademie mit Tanz) zugunsten des Notstandsfonds der Anstalt statt. Restliche Karten an der Abendkasse. Jüdische Tischgesellschaft Landstraße: Samstag, den 4. Februar, 149 Uhr abends im Cafe Lovrana, III., »Löwengasse 36, Chamischah-Assar-Feier. Festrede: Dr. E. M. Zweig (Jerusalem). Musikalische und deklamatorische Darbietungen, Tanz. Gäste herzlichst willkommen. Tempelbau verein lür den 3. Bezirk in Wien: Sonntag, den 5. Februar, 10 Uhr vorm., findet im Löwenkino, III., Löwengasse 33, die Gründungsversammlung statt. Haben Sie schon Bäume für den Chajes - Wald gestiftet7 Wenden Sie sieh diesbezüglich en den Koren Kajemeth Wien, I., Kärntnerstraße 28, Telephon 77-4-83/B6