Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-02-02 · Heft 5 (2.2.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 5 (2.2.1928)
Date
1928-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053758--0072-3055328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2 DIE STIMME Nr. 5 Versammlung, kein einziger Jude Wiens kann, wenn er seinem Herzen nach entscheiden soll, eine bessere Ehrung des verblichenen Oberrabbiners Vorschlägen, als die Erhaltung dessen, was Chajes geschaffen hat; es ist das schönste Denkmal, das sich ein Jude in Wien je gesetzt hat. Justizrat Dr. Bachrach schlug vor, daß sich das einberufende Komitee als Arbeitsausschuß konstituieren und aus seiner Mitte eine engere Exekutive wählen solle, die dem Arbeitsausschuß detaillierte Vorschläge unterbreiten möge. Der Antrag wurde einhellig angenommen. Der Arbeitsausschuß tritt bereits in den nächsten Tagen zusammen. Sozialpsychologie des Numerus clausus (Zur ungarischen Numertts-clausus-Novelle.) Die ungarische Regierung, die vor dem Völkerbund eine Abänderung des Numeruscdausus-Gcsetzes hatte Zusagen müssen, hat, um den Schein zu wahren, eine Novelle zum Gesetz eingebracht. Die Rassenscbützler, die der Regierung sehr na/hestehen, haben daraufhin — wohl nicht ohne freundschaftlichen Wink — igegen die Gesetzesänderung demonstriert, indem sie durch ihre Studenten die indischen Hochschüler blutig schlagen ließen, iDie Regierung brauchte diese Demonstration, um darauf hinzu weisen, wie liberal ihre Novelle sei. die bereits die Ausschüsse passiert hat und jetzt vor der parlamentarischen Verabschiedung steht. In Wirklichkeit wird sich nichts am Numerus dausus in Ungarn ändern, da die Kontingentierung" bestehen bleibt. Der Unterridhtsminister Graf K 1 e b e l's b'e r g hat selbst offen erklärt, daß durch die Abänderung des Gesetzes über den Numerus clausus die Juden kaum den Brucht-ei! eines Prozentes igeiwinaem dürften. Das Ganze ist also eine Komödie, die fürs Ausland in Szene gesetzt wird, ilm Zusammenhang mit diesen Vorgängen gewinnen die folgenden Darlegungen unseres B. S.-Mitarbeiters an Interesse, welche die wahren Ursachen der Numerusalausus-Politrk aufdecken und zeigen, daß die Hoffnungen der ungarischen Juden auf das „Ordnungsregime” in Ungarn trügerisch sind. Die Red. Nun hat sich der Freudenlärm über die angekündigte Aufhebung des Numerus clausus in Ungarn längst gelegt. Die ganze für den Völkerbund gestellte Aktion der ungarischen Regierung ist ein Scheinmanöver, alles wird trotz der parlamentarischen Diskussion beim alten bleiben und auf dem Kampfplatz bleibt nur eine Anzahl blutig geprügelter Studenten und Studentinnen. — „Verspricht euch die Regierung, dem Zwange gehorchend, eine Aufhebung oder wenigstens eine Milderung des Numerus clausus, um eure Zahl künftig zu vermehren, so wollen wir Studenten es euch mit Fäusten und Knüppeln einbläuen, daß ihr uns schon jetzt viel zu viel seid, daß wir euch überhaupt nicht wünschen und uns nicht eher beruhigen werden, bis wir eure Zahl so tief herabgedrückt haben, daß die magyarischen Hochschulen als judenrein angesehen werden können. Wir wollen unsere Rasse schützen" — so lautete die Antwort der Rassenschützler an die Juden in Ungarn. Der rassenreine Magyar, Graf Klebeisberg, kann inner¬ „HANSA“ WIEN I., FRANZ JOSEFS-KAI 13 TELEPHON 75-409 Muser, Büros, Wohnungen, Hypotheken, Verwaltungen Unter wenigen Tagen beste Resultate Eigene Kreditabteilung nur für grofie Transaktionen lieh nicht Nein sagen zu diesem Programm .... Man muß nämlich sehr naiv sein, um nicht .einzusehen, daß der Regierung diese Studentenrevolten nur erwünscht waren, manche behaupten sogar, daß sie von der Regierung ermuntert, wenn nicht direkt b estellt wurden. Die ganze öffentliche Meinung irrt nämlich auf eine geradezu verhängnisvolle Weise in der Beurteilung des Numerus clausus hinsichtlich seiner Motive, seiner Bedeutung und insbesondere der Mittel zu seiner Abwehr. Der Ausbruch des Antisemitismus in Ungarn, dem Lande, wo er am wenigsten vorhergesehen, befürchtet und denkbar schien, hat die ganze jüdische Welt so überrascht, daß man sich ihn fast nur auf eine mystische Weise, durch einen unerklärlichen Umschwung des Geistes erklären konnte und man hoffte noch immer auf eine ebenso plötzliche Umkehr des Geistes, die früher oder später eintreten müsse. In Wirklichkeit sind hier sehr reale, handgreifliche, offen zutage liegende Motive im Spiel. Der Numerus clausus in bezug auf die Hochschulen ist ja nur das Glied einer Kette, die das ganze bürgerliche Leben umschließen soll. Auf dem Gebiete des Kinowesens ist in Ungarn der Numerus clausus in seiner höchsten Gestalt als »Numerus? nullus« durchgeführt worden, und zwar schon im Jahre 1921, indem allen jüdischen Kinobesitzern die, Konzessionen in einem kurzen Zeitraum entzogen und an rassenreine Magyaren verliehen worden sind. Aber davon machte man in der Welt wenig Aufhebens. Aehnliches wurde geräuschlos auf mehreren anderen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens durchgeführt, wo nur die Sache in den Händen der Behörden ruhte. Das Programm der »Erwachenden Ungarn« besteht nämlich darin — überall die Juden so weit es geht zu verdrängen. U e b e r a 11, im Handel, in der Industrie, im Ackerbau, im öffentlichen Dienst. Aber das läßt sich nur in den konzessionierten Gewerben und dann im Hochschulwesen bequem durchführen. Handel, Industrie, Bankwesen und dergleichen erfordern so viel Fachkenntnisse, Routine, Erfahrung, die nur in langjähriger Uebung erworben werden kann, daß hier selbst der fanatischeste Rassenschützler es bald aufgeben muß, das Prinzip der Tüchtigkeit im Kampfe ums Dasein durch das der Rasse zu ersetzen. Aber die Tendenz geht dahin. Daß die Juden eine fremde Rasse seien, die man aus allen Gebieten verdrängen müsse, entdeckten die Magyaren und erhoben es zum Range einer feststehenden Ueberzeugung, seitdem im Frieden von Versailles das frühere Ungarn auf den dritten Teil seines Territoriums und seiner Bevölkerung beschnitten und alle Provinzen von ihm abgetrennt wurden, in denen Nichtmagyaren wohnten und die großen industriellen Unternehmungen lagen, die Ungarn reich gemacht und ihm seinen wirtschaftlichen Rang in Europa verliehen, so daß es in der Real- Union mit Oesterreich in der Stellung einer Großmacht teilnehmen und die daraus fließenden Vorteile persönlicher und staatlicher Natur genießen konnte. Die Magyaren waren die herrschende Rasse in diesem Gewimmel von slawischen und romanischen Völkerschaften, die die Länder der »Krone des heiligen Stephan« bewohnten. Sie waren an Zahl jeder einzelnen von ihnen weit überlegen, in ihrer Gesamtheit dagegen waren die anderen dreimal so zahlreich. Die Magyaren waren die Träger des Staatsgedankens* brachten aber zu einem Staatsvolk bloß militärische und diplomatische Fähigkeiten in hinreichendem Maße, aber nur äußerst geringe kulturelle und wirtschaftliche Begabung mit. In dieser Beziehung wurden sie in glücklicher Weise durch die Juden ergänzt. An den Werken der wirtschaftlichen und intellektuellen Kultur, die in dem Ungarn vor dem Kriege geschaffen wurden, hatten die Juden und — erst nach ihnen die Deutschen — einen unverhältnismäßig großen Anteil. Es war eine Art Teilung der Arbeit: das Herrschen nahmen die Magyaren für sich in Anspruch, die schöpferische Produktion überließen sie den Juden. Die Betriebsamkeit, Organisationsfähigkeit und Intelligenz der Juden lieferte die materiellen und geistigen Mittel mit denen die Magyaren im Rahmen der habsburgischen Monarchie Großmacht spielen, ein großes Heer mit glänzendem Offizierskorps, einer imponierenden Diplomatie, einem zahlreichen, gut besoldeten Beamtenstab unterhalten konnte, in welchem die jüngeren Söhne der Hocharistokratie und die Gentry bequem und ehrenvoll Unterkunft fanden. Beide Teile fühlten sich wohl dabei und die Magyaren lebten seit 1868 bis zum Zusammenbruch sehr gut mit und — von den Juden. Aber da kam der große Kladderadatsch — und bald darauf füllte sich das kleine übriggebliebene Rumpf-Ungarn mit zahllosen ehemaligen Offizieren und Beamten aller Dikasterien, die keine Beschäftigung mehr hatten. Die Dienste, die sie bisher dem Vaterlande auf dem Schlachtfelde oder in der Beherrschung fremder Völkerschaften geleistet hatten, berechtigten sie mindestens zu einem ebeno guten Leben, wie vormals. Jeder von ihnen war bereit, ein Opfer seines Adelsstolzes zu bringen und sich herbeizulassen, Bank- oder Fabrikdirektor oder auch sogar Leiter eines Warengeschäftes oder einer gutgehenden Advokaturskanzlei zu sein. Aber sie fanden alle diese prosaischen, unadeligen Stellen von Juden besetzt. Da dämmerte es ihnen zum ersten Male auf, daß diese Juden, die man bisher wie Brüder geliebt, die man — wie die Friedensunterhändler an die Entente nachdrücklich betonten — einen „integrierenden Bestandteil der magyarischen Nation« bildeten, diese Juden, mit denen man schmauste und pokulierte, mit denen man sich so gern verschwägerte — eigentlich eine der magyarischen Rasse fremde und folglich auch untergeordnete Rasse bildeten, die man gänzlich aus dem Lande schaffen müßte — um ihre Plätze einnehmen zu können. Freilich, viele dieser Stellen erforderten Fachkenntnisse, die man nicht über Nacht erwerben konnte. Aber Seriös Prompt Hebräische Namen Von Prof. Dr. Z. P. Chajes, s. A. Wir veröffentlichen nachstehend einen unbekannten Aufsatz des verewigten Prof. Chajes, der aus dem Jahre 1904, der Zeit seiner Wirksamkeit in Florenz stammt. Unsere Vorfahren waren in der Namengebung nicht schöpferisch. Die ältesten israelitischen Namen scheinen dem kananäischen Mutterboden entsprungen zu sein, sogar die Stammesnamen Jakob und Josef. Bekanntlich fand man auf einer ägyptischen Liste palästinensische Ortsnamen, die sich wie Jakob-El und Josef-El ausnahmen. Unseren Alten eigentümlich waren — zum größten Teil wenigstens — jene Komposita, die den Gottesnamen Jah bezw. Jahü aufweisen. Ganz einzigartig sind freilich auch solche Eigennamen nicht; wir treffen nämlich ähnliche bei den anderen Semiten. Allerdings mit anderen Götternamen1). Im übrigen sehen wir in den heiligen Schriften kunterbunt Heimisches und Heidnisches. Sogar fremde Gottheiten fanden durch Eigennamen Eingang. Man denke an Mardochai (der babylonischen Örtsgottheit Mardük geweiht, bibl. Merodach), an Esther (Istar oder Astarte, bei den Syrern Estra, Bezeichnung der Venus), schließlich an Nebo (babylonische Gottheit Nabu). Natürlich dachte man hiebei an die ursprüngliche Bedeutung der Namen nicht mehr, so wenig, wie z. B. die christlichen Theologen, die Apollinar hießen, den Heidengott im Auge hatten. In der nachbiblischen Zeit wurde es noch weit ärger. Ich muß nicht erst an die vielen griechischen und römischen (später auch persischen) Namen, die das Judentum überfluteten, nachdrücklich erinnern. Unsere Rabbinen (Midrasch Wajiskra Rabb., Kap. XXXII), sprechen sich mit aller i) Z. B. hebr, Zidkijahu, südarab. Zadkiel, ein Name, der sich — obschon nicht biblisch — auch (bei «den, indischen Juden findet, Wahrscheinlich eine uralte Traditio®. Hebr. Zecbarjahu, phön. Z'charbaai, ähnlich auch hebräisch Semmel, phön. Simbaral. Schärfe nur dagegen aus, daß man hebräische Namen — aus Assimilationsrücksichten — romanisiere. „Heißt jemand Rüben, soll er sich nicht Rufus nennen, Benjamin nicht Alexander, Jehuda nicht Julianus, Josef nicht Justus." Also das beliebte Vertuschungssystem perhorreszierten sie; sonst nahmen sie dieselben Namen skrupellos auf. Alexander ist sehr häufig, aber auch Julian und Justus begegnen wir in rabbinischen Kreisen. Sie verboten auch (b. Joma p. 38 b) Namen berüchtigter „Frevler" den Kindern beizulegen. Trotzdem gibt es Talmudlehrer, die Hija b. Titus und Jehuda b. Titus heißen, und doch galt ihnen Titus als Prinzip des Bösen. Gewiß stand hiebei nicht der flavische Kaiser Gevatter; sie nahmen vielmehr den Namen zu Ehren der späteren Imperatoren — der Antonine — an, die mehrfach judenfreundliche Gesinnungen äußerten. Aber im ganzen und großen verstanden die Juden unter Titus den Zerstörer des Tempels und sie ließen bei aller dem seinen Namen jüdisch werden! Die jetzigen Juden — soweit sie sich noch hebräischer Namen bedienen und soweit Europa in Betracht kommt — haben den Kreis sehr eng gezogen. Eine geringe Anzahl biblischer Namen wiederholt sich zum Ueberdrusse; auch bei Juden, die am Alten festhalten, haben fremde Namen das Bürgerrecht erlangt. Da sich nun bei unseren modernen Brüdern häufig das Bedürfnis regt, sprachlich-nationale Namen in ihren Familien aufleben zu lassen, so dürfte es wohl am Platze sein, uraltes Sprachgut, das einer unverdienten Vernachlässigung anheimfiel, aus den Verstecken zu holen. Ich will im nachstehenden — hauptsächlich aus der Bibel — Namen ans Licht ziehen, die — soviel ich sehe — der Vergessenheit preisgegeben wurden und doch verdienten, zu neuem Dasein zu erstehen. Die Liste macht auf Vollständigkeit keinen Anspruch. A) Männliche Eigennamen: Ich sehe nicht ein, warum Adam links liegen bleibt. Bei Nichtjuden ist der Name bekanntlich im Gebrauche (z. B. Adam Smith, Adam Mickiewicz; der hebräische Dichter Lebensohn sen. nannte sich wohl Adam, doch war es nicht sein eigentlicher Name, nur Akrostichon2). Hiezu noch £nos (ein sich anschließendes Wesen, das Zoon politikon); ähnliche Eigennamen kennt auch das Griechische (Anthropos und Anthropios). Man könnte auch unseren Rassennamen Sem wieder einführen (s. das gr. Onomas, wie ein Lakedämonier heißt vielgenannt, berühmt). Interessant ist, daß wir das gut hebräische Immanuel („mit uns ist Gott" Sohn des Jesajas) in der Regel erst aus zweiter Hand bekommen (wenn z. B. ein deutscher Jude seinem Sohne den Vornamen Kants beilegen will). Aehnlich geht es dem Joachim hebr. Jehoiachin (Name eines jüdischen Königs), der aus dem jüdischen Namensregister verschwunden ist und erst von draußen importiert wird. Ganz brauchbar wären: ßthan (fest, stark, vgl. gr^ Dynamios), ein legendärer Sänger; Amoz (gleiche Bedeutung, Vater des Jesajas), Heman (der Treue3),’ ein Dichtergenosse Ethans. Barak (= Blitz, historisch berühmt durch Hamilkar, der das Kognomen Barkas hatte), Geber (= Mann, bei den Deutschen häufig Mannus, schon Tacitus, Germania), B ö a z (= der Muntere, vgl. gr. n. pr. Hilaros), Barzilai (= Eisenmann, in Italien jüdischer Familienname, bei den Deutschen, auch Griechen Siderios), Höbäb (= Liebling, bei den Palmyrenern häufig als Habibi), Heber [= Freund, auf griechischen Inschriften), Hamül (vielleicht Hätschelhans, vgl. Ezech. 24, 21, dazu altd. Thiemo, gr. Therapon). Nadab (= der Edle, gr. Eugenes, unser Eugen), Amon (= Meister, Künstler, auch bei den Griechen Technon), Izhaz (= Leuchtender, vgl. Lam- ») Ich weiß, daß es hei den Juden als Regel gilt, voralbrahamisdhe Namen nicht ru gebrauchen. (Doch findet sich/ — wie bereits bemerkt — im Talmud ein (Benjamin, Sohn J e p h e t s (bei den Karäern ein nicht seltener Name). Auch Eva ist im Gebrauche. a) Möglicherweise auch „Verliebter“; ich denke an araJb. haim verliebt sein; für einen Dichter ein recht passender Name.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.