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Die Stimme · 1928-01-26 · Heft 4 (26.1.1928) · page 13

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 4 (26.1.1928)
Date
1928-01-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 4 PIE STIMME Seite 13 Fragezeichen hinzustellen und sich nicht auf geheimnisvolle Mächte zu verlassen... Ich weiß es aus eigener Erfahrung, Sie können es mir glauben: Wäre nicht mein Verstand, ich wäre schon lange ein Mystiker. Gewiß 1« »Sie haben sehr viel gelesen,« seufzte Lewandkowski. »Das Lesen ist nicht die Hauptsache« — Fliegelmann wurde sehr ernst — »die Philosophie — Sie verstehen? — will aus der Theorie das Leben bilden, aber das Leben ist viel umfassender... Man muß aus dem praktischen Leben heraus die Wahrheit suchen. Das Leben muß man verstehen lernen, darüber nachdenken, dann braucht man nicht lesen ...« In der Nacht schien ein reiner, heller Mond. Er stieg genau über dem Kamin des gegenüberliegenden Daches auf. Am Himmel lagen kleine, schmale Wölkchen und zwischen ihnen wandelte der Mond. Auf dem Hof war alles mit einem blauen Schein übergossen. Das Fenster, das Fliegelmann interessierte, war noch erleuchtet, doch die Vorhänge waren geschlossen. Fliegelmann saß beim Fenster und sein Blick wanderte zwischen Himmel und Fenster hin und wieder. Der Fenster Vorhang hob sich und ein bekannter Kopf zeigte sich. Man sah zwei nackte, runde Arme und gelöstes Haar.... Fliegelmanns Augen suchten rasch den Mond. »Ein loses Geschlecht,« murmelte er und entschlief zu einem unruhigen Schlaf ... Einige Tage später — es war am Nachmittag — saß Fliegelmann vor einem Buche und las. Draußen ging ein mächtiges Gewitter nieder; es regnete in Strömen; die Blitze waren so grell und die Donner krachten so heftig, daß Fliegelmann nach jedem Donnerschlag zum Fenster lief, um sich zu überzeugen, ob alles draußen wirklich noch feststehe. Beim Fenster drüben sah »sie« heraus. Sie bemerkte ihn scheinbar nicht, hatte den Kopf in die Hand gestützt; ihre Augen sahen erschrocken drein und schauten traurig in die schwarzen Wolken.. Fliegelmann ging ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab... Das Gewitter hatte sich verzogen, die Sonne schien wieder hell, alles sah frisch aus. Fliegelmann stellte sich ans Fenster und schaute hinüber. Das Mädchen drüben hob oft die Augen und ihr Blick war dreist. Fliegelmann blickte sie nun unaufhörlich an, anfangs etwas schüchtern, dann immer dreister, und sein Gesicht war vorbereitet zu einem breiten Lächeln. Das Mädchen hob wieder die Augen und verschwand plötzlich vom Fenster, kam einige Male zurück und sah sehr unruhig aus. »Die Zeit ist da,« dachte Fliegelmann und faßte Mut.... Er nickte mit dem Kopfe und ein süßes Lächeln stand auf seinem Gesicht — —. Das Mädchen stand rasch auf, eine große, rote Zunge wurde sichtbar und der Fenstervorhang fiel zu.... Es dauerte einige Sekunden, bis Fliegelmann zu sich kam. Als er aufschaute, war drüben der Vorbang unten und am Himmel stand ein herrlicher Regenbogen. Als er nachts im Bette lag, biß er sich erregt auf die Lippen; er konnte nicht den richtigen Ausdruck finden für das Gefühl, das sein Herz jetzt für das Mädchen hatte: war es Haß oder Verachtung? Wieder sah er im Schlaf die hellen Pünktchen, wie damals, nur diesmal waren sie nicht in der Reihe, sondern sie flirrten nach allen möglichen Richtungen im Dunkeln. Und das Bett, so schien es ihm, drehte sich und schwankte im leeren Raum. Als Fliegelmann erwachte, hatte er nur einen Gedanken: den Willen mächtig anspannen, um dem Unglück standzuhalten; denn ein kluger, verständiger Mensch darf nie den Mut verlieren. Und als er mit Lewandkowski zusammenkam, sprach er: »Der Mensch muß vorsichtig sein. Man muß ständig Kräfte bereit haben, um gewappnet zu sein gegen ein plötzliches Unglück, das uns ja überall erwartet. Ich kann ruhig sagen: wäre ich nicht stets vorbereitet auf jeden unvorhergesehenen Zufall — Sie verstehen? — so wäre es schlecht mit mir bestellt, sehr schlecht, Lewandkowski!« (Fortsetzung folgt.) Nur noch wenige Tage haben Sie Gelegenheit, den sensationellen Sonderverkauf in Weißwaren im Warenhaus Brüder Sc hi ff mann, 2. Bezirk, Taborstraße 48, zur Deckung Ihres Bedarfes auszunützen. Verblüffend sind die Angebote anläßlich der »Weißen Woche«. Alle Erzeugnisse der weltbekannten Qualitäts-Standard-Marke »Lilien« werden zu original Fabrikspreisen verkauft. Das Riesenlager in allen erdenklichen Weben, Chiffons, Gradl, Bettüchern, ferner in Damen- und Herrenwäsche wird bei erstklassiger Qualität zu verblüffend niedrigen Preisen abgegeben. Nachstehend einige Preisbeispiele: Wäsche-Chillons p. Mtr. 59 Groschen, Geschirrtücher ä 49 Groschen, Damastservietten m. Hohlsaum ä 58 Groschen, Madras-Stoife, für Vorhänge p. 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(Entgeltlich.) 1 Für Mußestunden [ Schach Dr. Siegbert Tarrasch Nicht wie ein vorwärtsstünmendes Genie, sondern in zäher Beharrlichkeit hat iS'iegbert Tarrasch die Stufen schaöhlichen (Ruhms erklommen, ln Breslau 1862 als Sohn eines jüdischen Kaufmannes geboren, begab er sich nach Berlin, wo er an der Universität Medizin studierte und wie alle späteren Meister, begann er frühzeitig, sich mit Schach zu besdh'äftigen. 21 Jahre alt, errang er in Nürnberg 4883 den ersten Preis und damit die Meisterwürde, 1885 wurde er in Hamburg Zweiter, 1888 in Nürnberg Erster. Und nun begann eine Serie unerhörter Erfolge, die ihn in der ganzen Schachwelt bekannt machten. In Breslau 1889, Manchester 1890, Dresden 1892, Leipzig 1894, Wien 1898, Monte Carlo 1903, Ostende 1907, also in sieben internationalen Turnieren erlangte Dr. Siegbert Tarrasch den ersten Preis und stand damit an der Spitze der zeitgenössisdtoen 'Großmeister. Dazu kamen noch seine in den Wettkämpfen gegen Walbrodt und den amerikanischen Vorkämpfer Frank Marshall erzielten Erfolge, die ihn als allen lebenden Meistern zumindest ebenbürtig erscheinen ließen. Damit war eine Rivalität zwischen ihm und Dr. Emanuel Lasker geschaffen, der durch Besiegung des alten Steinitz den Weltmeistertitel errungen hat und ihn gegen jeden Kämpfer zu verteidigen entschlossen war. Oie lldee eines Wettkampfes tauchte sdhön im Jahre 1903 auf, gelangte nach langwierigen Verhandlungen erst im Herbst '1903 zur Ausführung. Iln diesem Kampf blieb Dr. Lasker mit 8: 3 bei 5 Remisen Sieger. Immerhin gab es viele kritische Stimmen, die erklärten, Tarrasch habe zwar eine Niederlage erlitten, sei aber nicht besiegt worden. Nicht nur hier, auch in anderen Kämpfen, hat sidh1 die Ueberlegenheit des entsdhlußfreudigent, genial wagenden Praktikers gegen den allzu wissenschaftlich operierenden Theoretiker erwiesen und niemand hat Laskers und Tarrasch' Spielweise besser charakterisiert als Lasker selber, der erklärte, daß er das Nützliche liebe, weil es schön sei, indes Tarrasch das Schöne gelten lasse, wenn es nützlich sei. Nach diesem Wettkampf trat Dr. Tarrasdh! auch weiterhin .mit großer Energie in zahlreichen Turnieren auf und blieb der gefährliche Gegner sogar den Größten gegenüber. Im Jahre 1922 konnte er in Wien mit Aljechin und Maroczy teilen und unter den Modernsten erfreut er sich großer Achtung. Man darf nicht vergessen, daß Tarrasch eine ganze Generation herangezogen und durch seine tiefgründigen Analysen unzähligen Spielern Genuß und Belehrung bereitet hat. Seine Erfolge verdankt der heute 66jährige löroßmeister seinem mit allen Finessen ausgestatteten Positionsspiel, worin er sich als echter Schüler Steinitzens erweist. Die Theorie des Endspiels ist durch ilhta wesentlich ausgebaut und bereichert worden. Gegenwärtig lebt Dr. Tarrasch, der seine Nürnberger ärztliche Praxis aufgegeben hat, ständig in München, von wo aus er verschiedene iS'chachspalten redigiert und sich schachsohrilftstellerisdh betätigt. Er bleibt nach wie vor als Teilnehmer an allen großen internationalen Turnieren genannt. Nachstehend seine schönste Matchpartie gegen Doktor Lasker. Weiß: Dr. Lasker. Schwarz: Dr. Tarrasclh. 1. e2—e4, e7—e5. 2. Sgl—f3, Sb8—c6. 3. Lfl—b5, a7—a6. 4. Lb5—«4, Sg8—16. 5. 0—0, Lf8—e7. 6. Tfl—el, b7—b5. 7. La4^b3, d7—d6. 8. c2—c3, Sc6—a5. 9. Lb3—c2, c7—c5. 10. d2—d4, Dd8—c7. 11. Sbl—d2, S’a5—c6. 12. h2—h3, 0—0, 13. Sd2—fl, c5Xd4. 14. c3Xd4, Sc6Xd4. 15. Sf3Xd4, e5Xd4. 16. Sfl—g3, Sf6—d7 (um dem Läufer Platz zu machen). 17. Lc2—b3, Dc7—b6. 18. Sg3-Hf5, Le7—f6. 19.Lcl-44, S’d7—e5. 20. Lb3—d5, Ta8—a7. 21. Ddl—b3 (droht mit 22. SdXDd4X 23. Le3 zu gewinnen), Ta7—c7. 22. g2—g4, g7—g6. 23. S'f5-Ji6t, Kg8—g7. 24, g4—g5, L'f6—d8. 25. Db3—g3, f7—f6 (Zurücksdhfagung des Angriffs). 26. Sh6—f5f (interessantes Opfer), Kg7—h5. 27. Sf5—Ihi4, f6Xg5. 28. Lf4Xg5, Ld8Xg5. 29. Dg3Xg5 (es droht f2—f4), d4—A3!! (der entscheidende Zug!). 30. Kgl—hl (der f-ßauer ist nicht zu decken), Tc7—c2. 31. Tel—e3, Tf8Xf2. 32. Sh4—g2 (der einzige Zug!), d3—d2. 33. Tal—gl, Tc2— cl. 34. Dg5—e7, TclXglt 35. KhlXgl, d2—dl Df. 36. KglX'f2, Ddl—f3f. 37. Kf2—el, Db6— a5f. 38. Te3—c3, Lc8Xh3. 39. De7Xd6 (neue Mattdrohung!), Da5Xc3f. 40. b2Xc3, Df3Xc3f. 41. Kel—e2, Dc3—c2f. 42. Ke2—e3, Dc2—d3f. I RÜCHERSTUBE M. RATH I | II. TABORSTRASSE 20 a, TELEPHON 43-1-58 :j l\ MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT |j « JUGENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRA1CA jj 43. Ke3—14, g6—g5f (Doppelwindung im Problemsiime!). 44. Klf4Xg5, iSe5—f7f. Weiß gibt auf. Schadwftchrichten. dm Wiener Schachklub ist gegenwärtig ein Klubturnier mit zehn Teilnehmern im Gange. — Im Laufe des Monates März soll das 12. Leopold-Trebitsch - Gedenkturnier stattfinden. Spielmann, Grünfeld und Professor Becker haben bereits ihre Mitwirkung eugesagt. Scherz und Humor Der Ratgeber Zu dem berühmten Finanzier Strousberg kam ein Verwandter mit dem zudringlichen Ersuchen um eine Anstellung. Strousberg (sehr beschäftigt): „Was soll ich mit Ihnen anfangen? lieh könnte ISie doch höchstens mit einem kleinen Posten bei meinen rumänischen Eisenbahnen beschäftigen, wollen Sie das?" Petent: „'Nein, das ist mir zu weit. Ich wiM in Berlin bleiben; bei Ihnen im Geschäft; als Ihr Ratgeber. Wenn Sie bei Ihren Tausenden von Affären manchmal nicht wissen, ob so oder so, sollen Sie mich fragen. Ich bab doch einen guten Kopf, da werd' ich Ihnen jedesmal guten Rat geben." Strousberg: .Schön! Fangen wir gleich an! Also geben Sie mir einen Rat: Wie werd' ich Sie los?" * Kritik Meyer beer schenkte zwei armen Juden Eintrittskarten zu seinen „Hugenotten" und forderte sie auf, am nächsten Tag zu ihm zu kommen, um ihm über den Eindruck Bericht zu erstatten, „Nun, wie haben euch die .Hugenotten" gefallen?" „Die Oper is schön," erwiderte der Sprecher, „nor de Musik harget awek!" Angewandtes Sprichwort Im Jahre 1872 machte der Kronprinz Friedrich, später Kaiser Friedrich HK., eine Reise nach Breslau. Auf dem Bahnhof stellte der Oberpräsident die Honoratioren vor: Siegfried Guttentag — Oskar Guttentag — Sally 'Guttentag — Benno Gutteniag — David Guttentag — Karl Guttentag — Samuel Guttentag — Hugo Guttentag — Da wandte sich der Kronprinz an seinen Adjutanten und flüsterte ihm diskret zu: „Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von G u 11 e n t a ,g e n." Einkassiert „Nu, hat <er bezahlt?" „Gewiß hat er bezahlt.“ „Haste’s mitgebracht,“ „Gewiß, hab' ich'® mitgebracht." „Bargeld?" „So gut wie bar. In Wechsel." „Wechsel? Auf wen?" „Auf Rothschild." jR o t h s c h i 1 d b r a iu c h t zu akzeptieren!" sehnlichst erwartete J3uch ist da! \ Die jüdischen Schwänke Herausgegeben von Nax Präger und Siegfried Schmilz. Diese Sammlung von Anekdoten Witzen Schwänken führt in das Reich echten Humors Jede Seite zwingt zur Heiterkeit Wer bei diesem Buch nicht lacht, der hat das Lachen nie gekannt! Eleganter Ganzleinenband 8 Schilling durch alle Buchhandlungen oder direkt von R. Löwlt Verlag Wien I. Fleischmarkt 1 RotenturmstraBe 32J

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