Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1928)
- Date
- 1928-01-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 4 dicht „Tikwatenu“, das später seinen Namen in der ganzen jüdischen Welt berühmt machte. Nach dem russischtürkischen Krieg kam Imber nach Stambul und lebte dort als Hausierer. Durch einen Zufall wurde er in der türkischen Hauptstadt mit dem englischen Gelehrten und Philantropen Sir 0 1 i p h a n t, einem Verfechter der englischen Zionsideen, bekannt, der sich auf der Reise nach Palästina befand. Sir Oliphant nahm Imber als Reisebegleiter mit. Der Aufenthalt in Palästina beeinflußte Imbers dichterische Richtung entscheidend. Nach Europa zurückgekehrt, führte Imber ein Wanderleben, bald von Gönnern zu dichterischem Schaffen angespornt und erhalten, bald in tiefster Armut und Einsamkeit lebend. Schließlich wanderte er nach Amerika aus. Dort verbrachte er seine letzten Jahre as Gelegenheitsdichter in New Yorker „Saloons’’. Immer wieder kehrte in seinen Dichtungen das Motiv der Erlösung des Volkes wieder. Er war ein einsamer alter Mann, dem nur noch der Alkohol hie und da frohe Augenblicke schuf. Imber starb arm und vergessen. Seine „Tikwah" ist heute in aller Munde, wo es jüdische Lebenshoffnung gibt. Ein musikalisches Wunderkind Die Zahl der jüdischen Violinvirtuosen, die schon im jugendlichen Alter durch technische und künstlerische Frühreife die musikalischen Kreise ins Erstaunen setzten, ist ungewöhnlich groß. Um dies zu beweisen, genügt es, nur die Bekanntesten zu nennen, die internationalen Ruf erlangten, wie Joachim, Hubermann, Elman, Zimbalist, Erika Morini, Szigeti. In diese Reihe ist nach den Meldungen amerikanischer Blätter ein neuer Name getreten, Jehudi Menuhim, der erst zehn Jahre alt ist. Der kleine Meistergeiger spielte vor kurzem in einem New Yorker Symphonie-Konzert, unter der Leitung von Fritz iB u s c h, das Violin-Konzert von (Beethoven und in einem eigenen Abend das Mozartsche Konzert D-dur Nr. 7, Tartinis Teufelstriller-Sonate, die Chaconne von Bach und kleinere Virtuosenstücke, und sein Spiel faszinierte geradezu. Wie im vorigen Jahre in Paris, so feiert der geniale Knabe jetzt in New York Triumphe. Er überrascht durch einen ungewöhnlich kräftigen Ton, vollkommen virtuose Ausbildung der Finger- und Bogentechnik, vor allem jedoch durch ein für sein Alter erstaunliches Einfühlungs- und Gestaltungsvermögen. Hoffen wir, daß dieser neue Stern auf dem Geigerhimmel in seiner Weiterentwicklung durch Erfolg und Geldgier nicht gehemmt werde, Jose! Zimbler, der Konzertmeister des Wiener Symphonie-Orchesters gab gemeinsam mit der jungen Pianistin Nelly iFriedländer- Reic'h'lin ein vielbeachtetes Konzert. Zimbler, der sich in Wien einer überaus großen Popularität erfreut, bewies, daß er nicht nur der prachtvolle und vielseitige Musiker ist, als den man ihn kennt und schätzt, sondern auch, daß er in gleichem Maße ein Meister seines Instrumentes ist. Die seltene Vereinigung von echter und tiefer Musikalität mit einer großen Technik und einem schönem, weittragenden Ton stempelt Zimbler zu einem außerordentlichen Geiger, der bei seiner großen Bescheidenheit und bei seinem allem Nur-Virtuosen'h'aften abholden Spiel noch immer unterschätzt wird. Schon die Auswahl des Programmes bewies Geschmack und Kultur. Die überirdische C-moll-Sonate von Beethoven, das fast nie gespielte wunderbare Violinkonzert von Bruch in D-Moll sowie eine Auswahl kleinerer Stücke (darunter jBaal-Sdh’em“ von Blocih) wurden alle in gleich hervorragender Weise zu Gehör gebracht. Stürmischer Beifall nötigte sowohl Zimbler als auch Nelly Friedländer-Reichlin, die über eine erstaunliche Technik verfügt, mehrere Zugaben ab. g. L Kunstgesellschaft zur Pflege synagogaler Musik in Wien Unter dem Titel „Kunstgesellschaft zur Pflege synagogaler Musik’’ hat sich aus den hervorragendsten Kantoren und Teanpelsängern Wiens eine Vereinigung gebildet, um die schlummernden Schätze der so mannigfachen synagogalen Musik der Juden der breiten Oeffentlichkeit zu erschließen. An der Spitze der Vereinigung steht Oberkantor J. Müller. Das erste öffentliche Auftreten der Vereinigung findet Sonntag, den 5. Februar, im Rahmen eines Chamischo-oßor-Festes im Pazmanitentempel (II. Pazmanitengasse 6) statt, wo auch Kartenanmeldungen entgegengenommen werden. Die Vereinigung wird bei dieser Feier Kompositionen der klassischen jüdischen Liturgie zum Vortrag bringen. Dr, Max Präger liest „Jüdische Schwänke“ i Kennen Sie scEon den Witz: „Zwei Juden fahren in der Eisenbahn’’ oder „Eine kranke Frau kommt zum Rebbe“ oder „Der kleine Moritz kommt in die Schule“ usw.? Wir kennen diese Art Witzeerzähler, wir kennen diese Art Anekdoten. Entweder sie sind zotig oder alt oder unjüdisch oder langweilig. Vor allem farblos, weil sie mit der Pointe ins Haus fallen, Max Präger, der Konservieret und Propagator jüdischer Literatur, hatte nicht nur den Einfall, das Beste, was der ostjüdische Geist an Humor 'und Lebensweisheit in den Alltag geworfen, gemeinsam mit Siegfried Schmitz zu sammeln und in deutscher Übertragung als „Jüdische Schwänke“ herauszugeben; er hatte auch den Mut, diese Schwänke zu lesen. Im Kunstsalon der „Bukum“ „erzählte“ der Verleger. Man dachte: Lozelach! Wie man sie von den Kabarettkonferenciers hört. Indes: wirklicher Humor, Schlager auf Schlager, mit einer Lebendigkeit vorgetragen, mit einer Natürlichkeit in ein intellektuelles Publikum geschleudert, als wäre es eine beim Lesetisch geglückte Improvisation. Der Vorleser hatte die Genugtuung, zu beobachten, wie aus dem Staunen ein Schmunzeln, aus diesem ein Lächeln, aus diesem ein Lachen ward. Ein guter Witz m^ß akustisch wirken. Die „Jüdischen Schwänke“ haben die Probe bestanden. Sie sind also nicht nur Lektüre, Auch Material für den — Rezitator. or. I „Die Stimme“ in der großen Revue „Auf nach Tel Awiw" in den Jüdischen Künstlerspielen (Kolporteurszene). Ein jüdisches Bühnenjubiläum. Vor fast vierzig Jahren wurde in Wien die erste stabile jüdische Bühne gegründet. Einer der wichtigsten Anreger dieses Kulturinstituts ist der gegenwärtig 66 Jahre alte Schauspieler Hermann Weinberg, der bereits ein halbes Jahrhundert an der jüdischen Bühne tätig ist und die ganze Entwicklung vom Volkssängertum zum festen jüdischen Theater mitgemacht hat. Aus Anlaß dieses seltenen Bühnenjubiläums findet am 1. 'Februar in den „Jüdischen Künstlerspielen“ im Theater Reklame (II., Praterstraße Nr. 34) für den verdienstvollen Hermann Weinberg ein Ehrenabend mit besonders festlichem Programm statt. Der Vorverkauf für die Vorstellung hat bereits begonnen. Isaak Deutsch in Wien Nach fast vierjähriger Abwesenheit, ist Isaak Deutsch, der frühere ausgezeichnete Leiter der Freien Jüdischen Volksbühne, wieder in Wien. I, Deutsch, der inzwischen am jüdischen Theater in Buenos Aires gewirkt hat, wird, wie wir erfahren, seine Wiener Tätigkeit mit einem Gastspiel an den „Jüdischen Künstler spiele n“, II„ Praterstraße 34, aufnehmen. Geplant ist die europäische Erstaufführung der dramatischen Legende „Des Zadiks Versuchung“, von dem jüdisch-amerikanischen Autor H, S a k 1 e r, mit Isaak Deutsch in der führenden Rolle. Jehuda Ehrenkranz schon früher einmal in Wien beifällig begrüßt, las letzten Montag jiddische Dichtungen, u. a. Perez, Anski, Asel!.; die auf Charakterisierung von Details in Sprache und Stimmung bedachte Art des jungen Sprechers nimmt rasch gefangen. Der Gesamtaufbau der Skizzen tritt in der Wiedergabe durch Ebrcnkranz :m besten zutage, wenn es sich um weicheres, nicht allzu straffes Gefüge handelt (etwa in der Karnevalsszene aus Aschs Roman „Die Zauberin von Kastilien"). Jüdische Bühnen mit künstlerischer Ambition seien auf Ehrenkranz hingewiesen, in dem ein begabter Darsteller steckt. Auf die gewählte Zuhörerschaft übten die Dichtungen und ihre Wiedergabe tiefen Eindruck. —tz. FLIEGELMANN Von H. D. 2. Kapitel, handelt von Fliegelmanns erster Liebe. Von der Liebe hält Fliegelmann sehr viel. »Die Liebe,« pflegt er zu sagen, »ist das Grundprinzip des Lebens. Das Leben ohne Liebe hat keinen Sinn und keine Berechtigung. Ein Mensch, der von der Natur nicht die Neigung zur Liebe erhalten hat, ist weniger wert als ein Mensch, der nicht lesen und schreiben kann.« Und Fliegelmann hat ein .Bedürfnis nach Liebe von der Natur erhalten. Doch wenn man so verständig und klug und prinzipientreu lebt, muß man darauf eingerichtet sein, einsam zu leben . .. »Ich kann nicht lügen, darum kann ich nicht die Cour schneiden« — tröstet er sich stets über seine Ungeschicklichkeit den Frauen gegenüber. Und so hofft er ständig, es werde sich doch eine Seele finden, welche die seine erfühlt. Denn ein flaches Gemüt kann ihn nicht lieben, davon ist er überzeugt.... Fliegelmann hatte eine neue Wohnung bezogen; da bemerkte er im gegenüberliegenden Fenster eine schlanke weibliche Gestalt mit bleichem Gesicht und schwarzen Haaren, in eine weiße Bluse gekleidet. In sein Fenster blickten große schwarze Augen. Es war am Morgen: Draußen war ein blasses Licht mit hellem Schein, den man auf der gegenüberliegenden Mauer sah. Die Fenster v/aren offen und das Mädchen hielt die Hand vor die Augen und sah herüber. Fliegelmann sah hinüber. Das Mädchen senkte verschämt die Augen, ihr Busen bewegte sich, es schien, als seufze sie schwer. Fliegelmann blickte entzückt zu ihr hinüber. Sie hob abermals die Augen und senkte sie wieder, wieder bewegte sich ihre Brust.. Fliegelmann trommelte auf die Scheibe, sprach zu sich: »Genug!« und verließ das Fenster mit dem Gefühl der Befriedigung, daß er sich selbst besiegt, daß er nicht weiter hinübergeschaut hatte, so gern er es gewollt hätte. »Sich selbst besiegen, ist der schönste Sieg,« war sein Gedanke, als'er nachher zur Lektion ging. Doch während der Lektion fühlte er eine gewisse Unruhe. Die helle Bluse und die schwarzen Haare, das bleiche Gesicht und die dunklen Augen gingen ihm durch den Kopf. Eine eigentümliche Heiterkeit erfaßte ihn, er war so gut gestimmt, wie dereinst in seinen Kinderjahren am Erew-Peßach. »Hm... ja!« murmelte er, als er von der Lektion nach Hause ging, und seine ganze Freude drückte sich in dem nicht sehr, inhaltsreichen Wort aus. Sonst sprach er den ganzen Tag nichts mehr, als hüte er ein tiefes Geheimnis, er strich sich fortwährend den Bart und sein Antlitz lächelte. Kaum lag er bei Nacht in seinem Bette und hatte die Augen geschlossen, da drehte sich das Bett um und Fliegelmann kam mit den Augen gegen das Fenster zu liegen. Vor seinen Augen erschien fortwährend die schlanke Gestalt und in der Finsternis glaubte er lauter lichte Punkte zu sehen und hinter ihnen etwas Weißes, wie einen leichten Nebel. Dann schien es, als bildeten die Pünktchen eine gerade Linie vom gegenüberliegenden Fenster zu dem Fliegelmanns. Sein Traum kam ihm so deutlich zu Bewußtsein, daß er von dem unangenehmen Gefühl, mit dem Kopfe auf einer anderen Seite zu liegen, erwachte. Da war das Bett wieder in seiner natür- Nomberg (Fortsetzung.) liehen Lage und Fliegelmanns Augen sahen kein Fenster, sondern den weißen Ofen. Er setzte sich auf und drehte den Kopf zum Fenster. Drüben war es ganz finster. Er legte sich wieder nieder und nach ein paar Minuten hatte sich das Bett wieder gedreht. Fliegelmann lächelte im Schlaf; er hatte einen guten Traum. Am andern Morgen saß das Mädchen wieder beim Fenster. Sie las und Fliegelmann konnte hinüberschauen, wieviel er wollte. Plötzlich hob das Mädchen die Augen und sah ihn an, in ihrem Blick lag etwas Eigenartiges. »Des Menschen Seele liegt in seinem Blick und in seinem Lachen« — diese längst vergessene Phrase eines Buches fiel Fliegelmann ein und gefiel ihm diesmal außerordentlich. »Merkwürdig gut gesagt!« murmelte er. Er ging zu seinem Spiegel, betrachtete sein Gesicht und fand, daß sein Blick dem ihren stark ähnle. Ja, es war kein Zweifel; er gefiel ihr. »Die Seele zieht die Seele an.« So ging es durch zwei Wochen. Das Mädchen saß jeden Morgen beim Fenster und Fliegelmann blickte sie an. Einmal, als er so hinschaute, hob sie wieder, wie sonst, die Augen und sah ihif an, aber sie senkte sie nicht wie sonst, sondern sah ihm stolz und fest in die Augen, so lange, bis Fliegelmann seine Augen verschämt senkte. Als er dann verstohlen einen Blick auf das Mädchen warf, da lag auf ihrem Antlitz ein Lächeln und ihr Busen bewegte sich frei und stolz... Fliegelmann fühlte sich besiegt. »Die Frauen« — sagte er am selben Tage zu Lewandkowski, als sie wieder zusammen Tee tranken — »die Frauen sind doch ein starkes Geschlecht.« »Oho!« — antwortete Lewandkowski und begann etwas von seiner Frau zu erzählen. »Nein, Lewandkowski, Sie verstehen mich schlecht. Ich fasse die Sache — Sie verstehen? — von einem ganz andern Standpunkt auf. Ich meine, daß im Kampf wider uns die Frauen weit mehr Takt und Sicherheit besitzen als wir Männer. Denn sie sind sicher ihrer eigenen Kraft, ihrer Schönheit. Und die Schönheit ist doch alles. Die ästhetische Weltanschauung ist entschieden die höchste.« Lewandkowski schwieg, wie er es gewöhnlich tat, wenn sein Freund die Diskussion in hohe Bahnen lenkte, trank seinen Tee und setzte eine ernste Miene auf wie ein Kind, wenn es der Großvater segnet, Von Zeit zu Zeit sah er Fliegelmann an, seufzte und nahm wieder seine frühere Pose an. Fliegelmann sprach weiter: »Offen gestanden — wir wissen doch im ganzen genommen, nichts. Die psychologischen Grundtatsachen sind so wenig geklärt, daß es einem leicht wird, ein Mystiker zu werden. Zum Beispiel: Sie treffen jemanden auf der Gasse, nehmen wir an — ein Mädchen. Sie blicken das Mädchen an, das Mädchen blickt Sie an. Diese zwei Blicke haben sich getroffen, miteinander gekämpft, einer hat gesiegt.... wie ist das zugegangen? .... Sehen Sie, Lewandkowski, hier fängt der Spiritualismus an. Nur die reine Vernunft — Sie verstehen? — gebietet uns, auf alles die Antwort zu suchen, alles nach dem Gesetze der Kausalität zu verknüpfen, und wo man gerade keine Antwort weiß, ein