Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1928)
- Date
- 1928-01-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 DIE STIMME Seite 11 Professor Moritz Lazarus und seine vor kurzem verstorbene Gattin Nahida Ruth Lazarus. (Nach einer uns von Dr. Hermann Fialla freundlichst zur Verfügung gestellten Photographie.) Jüdische Diplomatinnen vor 300 Jahren Esther K j e r a war die Witwe des jüdischen Gelehrten Rabbi Elia in Konstantinopel. Sie wird als sehr kluge und fähige Frau beschrieben. Durch die Sultanin wurde Esther auch mit dem Sultan M u r a d III. bekannt und als die erste Sultansfrau starb, wuchs der Einfluß Esthers im Sultanhof in solchem Maße, daß selbst die Notabein des Landes um ihre Protektion warben. Die einflußreiche Stellung Esthers im Yildis war auch in den Staatskanzleien des christlichen Europa ein offenes Geheimnis und die europäischen Diplomaten versäumten es niemals, sich der Fürsprache der jüdischen Diplomatin zu versichern, ehe sie mit dem mächtigen Sultan Murad direkte Verhandlungen begannen. Esther Kjera war die geheime Vermittlerin zwischen dem Sultanhof und dem Gesandten von Venedig in den wichtigsten staatspolitischen Unterhandlungen, Die Chronik verzeichnet, daß Esther Kjera als Vermittlerin zwischen Katharina de Medici und der Sultanin so erfolgreich gewesen sei, daß sie nicht nur mit sehr wertvollen Geschenken, sondern auch mit einem Handschreiben der Königinmutter von Frankreich ausgezeichnet wurde. In ihrer hohen Stellung tat Esther Kjera auch sehr viel für die Förderung j ü - discher Gelehrter und jüdischer Wissenschaft. Es liegt in der Natur der Sache, daß eine so einflußreiche Persönlichkeit viele Neider hatte, die dann ihren Untergang herbeiführten. Es mutet wie ein Kapitel aus der Geschichte der persischen Königin Esther an, wenn man liest, daß der Großwesir ein großes Mahl gab, zu welchem auch Esther und ihre vier Söhne geladen wurden. Esther wurde auf den Treppen von den ihrer harrenden Offizieren meuchlings ermordet und auch drei ihrer Söhne niedergemetzelt. Der vierte Sohn rettete sein Leben nur dadurch, daß er erklärte, seinen jüdischen Glauben abzuschwören und den mohammedanischen an- Professor Michelson 75 Jahre alt Einsteins Vorläufer und ihm kongenialer Forscher auf dem Gebiete der Astronomie, Professor Albert Abraham Michelson ist 75 Jahre alt, Gleich Einstein ist er Jude und weltberühmt. Er wurde im Jahre 1853 zu Strelno in Posen geboren und wänderte noch als Kind mit seinen Eltern nach San Francisco aus. Einerder fähigsten Studenten an der See-Akademie in Annapolis, erhält er nach Beendigung seiner nehmen zu wollen. Nach der Ermordung Esthers, am 30. März 1600, konfiszierte die türkische Regierung die ganze Hinterlassenschaft. Zur selben Zeit lebte in Konstantinopel eine andere jüdische Frau, namens Esperanza M a 1 k i. Ueber ihr Leben ist wohl nicht viel bekannt, doch verzeichnet die Geschichte, daß sie als Geheimsekretärin der Mutter des Sultans, die diplomatische Verhandlungen auf eigene Faust führte, einen großen Einfluß besaß. Königin Elisabeth von England führte eine eifrige politische Korrespondenz mit der Mutter des Sultans und die Konzepte der Antwortschreiben stammten durchwegs von der Sekretärin Esperanza Malki. Einmal, als die Sultanmutter der Königin von England wertvolle Geschenke übersandte, schrieb Esperanza Malki einen langen Begleitbrief im eigenen Namen an die Königin. Dieser Brief, der das Datum vom 16. November 1599 trägt, ist noch erhalten und wurde von Dr. M. Keyserling in seinem im Jahre 1879 erschienenen Buch »Jüdische Frauen in der Geschichte, Literatur und Kirnst« in seinem ganzen Wortlaut in deutscher Uebersetzung veröffentlicht. Die Konditorei Karl Neumann im 2. «Bez., Gredlerstraße 2, hat sich ihren (Ruf dadurdh.' erworben, daß dort die feinsten Leckerbissen an Konditorei- und' (Bäokerwaren erzeugt werden. Der Inhaber der altrenommierten Firma, Karl Neumann, gilt als erstklassiger Facbmann auf dem Geibiete d'es Konditorgewerbes. Von besonderem .Interesse ist seine Begabung, aus Zuckerwarenmateriai künstlerisch einwandfreie Formen wie Bilder und Figuren zu modellieren, sich sozusagen als Künstler im Komditorgewerbe zu 'betätigen. Tatsächlich, haben auch unzählige seiner Leckerbissen-Plastiken die Tafel bei Diners und Hochzeiten geziert. Herr Neumann liefert die Bestellungen mit eigenem Service, sodaß auch «die Sicherheit betreffs der rituellen Ansprüche geboten ist. Die beste Ueberzeur gung für die Qualität bietet eine Kostprobe in der Konditorei Neumann, die übrigens als Cafe-Konditorei geführt wird. Ein zweites Geschäft der Firma befindet sich im 3. Bez., ÜLöwengasse 17. Studien an der Schule, die ihn herangebildet hat, eine Dozentur für Physik und Chemie. Im Zusammenhang mit einem Referat über die von Maxwell aufgestellte neue Lichttheorie, versenkt er sich in die alten und neuen Lehren vom Wesen der Lichtwellen und des Aethers und ist nach kurzer Zeit vollständig im Banne dieses interessantesten Problems der Physik. Im Jahre 1880 begibt er sich zwecks eingehender Studien nach Europa. Nach seiner Rückkehr wird er als Dozent für Physik nach der Case-Schule in Cleveland, dann als Professor nach der Clark-Universität in Worcester berufen. Seit dem Jahre 1892 lehrt er Physik an der Universität von Chicago und setzt mit einem unermüdlichen Eifer seine Experimente über die Lichtgeschwindigkeit und die Messung der entferntesten Himmelskörper fort. Das Interferometer, eine der bedeutendsten Erfindungen Michelsons, überraschend durch die Einfachheit seiner Konstruktion wie durch die Genauigkeit der Messungen, die man mit seiner Hilfe anzustellen vermag, gehört zu den geistreichsten Konstruktionen physikalischer Apparate. Mit dem Interferometer ist das berühmte Michels o n-M o r 1 e y-E xperiment durchgeführt worden, das Einstein für seine Relativität®-Theorie fruchtbar verwertet hat und' das auf diese Weise zur Grundlage der wichtigsten und weitgehendsten astronomisch-physikalischen Untersuchung der Neuzeit geworden ist. Im Jahre 1907 wurde Michelson, fn Anbetracht seiner Verdienste um die Förderung der Physik, der Nobelpreis zugesprochen.. Ein jüdischer Vorstadtsänger In der vergangenen Woche verstarb hier in Wien der Nestor der Volkssänger, Salomon Albert Hirsch. Die heutige Generation weiß nichts von seiner Kunst. Hirsch war ein Charakterdarsteller ersten Ranges, der seine selbstverfaßten Szenen mit den primitivsten Behelfen auf einem kleinen, niedrigen Podium im raucherfüllten Saal irgend eines Vorstadtgasthauses vorführte und damit sein Auditorium geredezu erschütterte. Ich erinnere mich noch an seine dem Leiben abgelauschten Typen in „Der S’chikernik" und „Das Nesahome-Licht"1 zweier Leistungen, die noch 'heute, nac'h 40 Jahren künstlerisch in mir nachwirken. Hirsch verstand es aber auch durch seine echte vis comica seinem Publikum Tränen des Lachens zu entlocken, ohne, im Gegensatz zur heutigen Zeit, jemals auch nur ein einziges undezentes Wort zu gebrauchen; seine Vorstellungen wurden deshalb auch regelmäßig von Familien besucht, die getrost ihre Kinder mitnehmen konnten. Aus der Fülle seiner Couplets ist mir besonders sein „Jetzt bin ich Oischer Melach" im Gedächtnis, eine Strophe davon behandelt das Pessachfest; dieses ist nahe, ein armer Jude sorgt sich ab, weil er iMazzes zu kaufen nicht in der Lage ist; er kommt abends nach Hause und findet im Zimmer , ein Paket Mazzes vor; auf sein Befragen, gesteht ihm sein Weib, daß sie Bettzeug versetzt und von dem Erlös die Mazzes gekaulft habe, worauf er ihr antwortet: „Jetzt bin ich Oischer Melach, nu deck dich mit die Mazzes zu!“ Hirsch gab seine Vorstellungen ambulant, das heißt, er spielte jeden Tag in einem anderen Lokal der Wiener Vororte (damals gab es noch (kein. Groß-Wien), nach der Vorstellung wurde das Klavier und die paar Bretter mit drei Sohragen für das Podium auf ein Wägelchen verladen und zur nächsten „Kunststätte" geführt. Sein Sohn Adolf — jetzt der '„dumme Kerl von Wien" — bearbeitete schon damals den Flügel virtuos, überhaupt bestand das Ensemble bis auf wenige engagierte Kräfte wie Armin, iMenzar, Kassina, vornehmlich «aus der Gattin und den Töchtern von Hirsch. Nac'h seinem Solovortrag erschien Hirsch gewöhnlich nochmals auf dem Podium, um für einen bedürftigen Juden eine Kollekte unter den Zuhörern zu machen, wobei er sich immer als Erster mit einer namhaften Spende beteiligte. Wien ist um ein Original ärmer geworden. Gäbe es für diesen Meister der Volkskunst auch keinen Platz in der lEhrengalerie Wiener Originale, so findet dieser große, aber zeitlebens bescheidene Künstler dennoch ein Plätzchen im Ehrengrabe der nachweltlichen Erinnerung. Alfred Walters. Der Dichter der jüdischen Hymne bei Kaiser Franz Joseph* Vor genau 50 Jahren schrieb der hebräische Schriftsteller Naftali Herz I m b e r ein Gedicht mit dem Titel „Tikwatenu" und diese einfachen Verse wurden die Hymne der jüdischen Hoffnung, die „Tikwah', Nichts von den hebräischen Dichtungen dieses aus einem kleinen Städtchen in Galizien stammenden jüdischen Aufklärertypus, weder sein überschwenglicher Hymnus „Mischmar-ha-Jarden*^ noch seine Naftali Herz Imber, der Dichter der „Hatikwah". wortreichen „ßarkäi"-Gesänge , erlangten Dauer; doch „Hatikwah“ ist das Lied des Volkes geworden und macht seinen Schöpfer unvergänglich. Ihn selbst hat das jüdische Wanderschicksal durch die Welt getrieben und Armut und Not waren ihm (trotz zeitweiliger Unterstützung dürch einige reiche Mazane) treue Begleiter. Aus dem engen galizischen Städtchen strebte er schon als Jüngling in die große Welt, der sich zu ergeben ihn die Aufklärungsschriften, welche er las, aufforderten. Und seine erste Station in der großen Welt war Wien. Wie sein Bruder Schmaychu Imber, dessen Sohn S, J. Imber durch jiddische Dichtungen („Estarka“ u. a.) bekannt wurde, jetzt erzählt, hatte Naftali Herz Imber ein hebräisches Huldigungsgedidh-t an Kaiser Franz Josef I. verfertigt und eingesandt. Wie es damals üblich war, wurde ihm mitgeteilt, daß er zum Dank für diese Huldigung aus der kaiserlichen Privatschatulle eine Zuwendung erhalten werde (solche hebräische Huldiglungsgedichte bekam Franz Josef bis in seine letzten Lebensjahre alljährlich aus Galizien). Imber wollte sich bei „seinem Kaiser“ für das Geldgeschenk bedanken und fuhr (1875) kurz entschlossen nach Wien. Hier kam er um eine Audienz ein und die wurde ihm gewährt. Franz Josef empfing den Verfasser der hebräischen Huldigung« verse und nahm seinen Dank entgegen. Mit dem ansehnlichen Geldgeschenk, das Imber empfing, wanderte er über Ungarn und Serbien nach Rumänien, wo er im Hause des durch seine Gelehrsamkeit und Frömmigkeit bekannten jüdischen Barons Moses Goldbe rg gastliche Aufnahme fand. Dort schrieb er auch das Ge- UHU DIE SCHÖNSTEN BÜCHER II L KUNST 8 8 LITERATUR A IUI |!^ WISSENSCHAFT Al IW r 1 1 SPOTTBILLIG 1 I W III1 BOCHERSCHWEMME „VIENNA“ 1 I..BOQNJERBASSE 4 Wissenschaft, Literatur, Kunst