Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1928)
- Date
- 1928-01-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 OIE STIMME Seite 9 Die Arbeitslage in Palästina Industrielle Beschäftigung — Der Kamp! um die jüdische Arbeit in Petach Tikwah — Die Notstandsarbeiten der Regierung {Von unserem J. G.-Berichterstatter.) Jerusalem, 20, Jänner. Wie ich Ihnen schon vor aiwei Wochen schrieb, ist «die jüdische Industrie in den einzelnen fPunlkten, wo sie konzentriert ist, recht gut beschäftigt. (Leider ist sie zu klein, um den großen Ueberschuß gezwungen leiernder jüdischer Arbeitshände aufnehmen zu können. Die Orangenkisten- und Tischlerwarenfabrik „Hasdhonron" in Chederah 'hat jetzt zur Orangenerntezeit ihre Arbeiterzalhl von 20 auf 50 erhöhen können. Die Silberbergsche Schachtelfabrik beschäftigt jetzt 100 männliche und weibliche Arbeitskräfte, die Schokoladefabrik „Raanan" in Tel Awiw, die in letzter Zeit stärker für den Export nach Aegypten arbeitete, ihat weitere 20 Arbeiterinnen aufgenommen, so daß jetzt insgesamt 110 Arbeiter und Angestellte tätig sind. Auch in der Konfektionsindustrie «von Tel Awiw sind jetzt bessere Arbeitsmöglichkeiten vorhanden. Doch besteht noch immer die sonderbare Tatsache, daß die Juden, welche in aller Welt in' «der Konfektionsindustrie maßgebend sind, in Erez 'Israel nicht vorherrschend sind. - So hat die jüdische Arbeitskraft im Lande noch immer zu geringe Möglichkeit für Betätigung und .gerade deshalb steht der Kampf um die jüdische Arbeit in den jüdischen iPtflanzungskolonien, der von den Arbeitslosen in iP e t a c h Tikwah geführt wird, noch immer im Mittelpunkt des Interesses. Die jüdische Arbeit ist eine Lebensfrage für die Entwicklung des jüdischen «Palästina. «Die Pflanzer in 'Petach Tikwah haben nun unter dem Druck der öffentlichen Meinung «dem jüdischen Nationalrat, dem Waad Leumi durch ihre Organisation, das sogenannte «Landwirtschaftliche Komitee, eine Erklärung abgegeben, in der sich das Landwirtschaftliche Komitee verpflichtet, die größten Anstrengungen zwecks Beschäftigung einer maximalen «Zahl von Arbeitslosen in iPetaclh Tikwah bei der 'Fruchtlese zu machen. Das Landwirtschaftliche Komitee ist verpflichtet, wenigstens 50 Prozent der nichtqualifizierten Arbeit (Pflücken, Transport), überall, wo die Frucht an arabische Kaufleute verkauft wurde, für jüdische Arbeiter zu sichern. Sollten sich die arabischen Kaufleute weigern, «den kleinen Unterschied zwischen arabischem und «jüdischem Arbeitslohn zu bezahlen, soll der nötige Zuschuß von «den Kolonisten geleistet werden. Doch bisher wird die Fruchtlese noch immer durchgeführt, ohne jüdische Arbeiter zu beschäftigen. So waren am 5. Jänner beim Abnehmen der Früchte 715 arabische und nur 4 jüdische Arbeiter beschäftigt. Die Erntearbeiten nähern sich ihrem Höhepunkt, die Pflanzer wollen «anscheinend dieselbe Taktik «befolgen, die sie in den letzten Jahren immer wieder «befolgt haben, nämlich es «bei leeren Versprechungen bewenden zu lassen. Eine neue Kommission des Waad Leumi, «bestehend aus den (Beamten der Zionistischen Exekutive N a c h man und K a 1 v a r i s k y hat nach einem «Besuch in Petach Tikwah «jetzt in einem iBrief festgestellt, daß nach ihrer Meinung jenes Abkommen in «keiner Weise eingehalten wurde. Aus Meldungen «des Arbeiter-Tagblattes ,,Dawar‘‘ und aus Aeußerungen der Arbeiterschaftseite scheint die Erbitterung der Arbeitslosen aufs neue derart gestiegen zu sein, daß eine Wiederholung unüberlegter Schritte der Leidenschaft zu befürchten ist. Das Verhalten der «Pflanzer wirkt umso betrübender, als Lord P1 u m e r durch den seit Wochen mit der Behandlung dieses Konfliktes befaßten (Governor des 'Süd-Distriktes Mr, Ca mp eil ganz unzweideutig erklären ließ, daß er die Forderung des jüdischen «Nationalrates nach entsprechender Beschäftigung jüdischer Arbeiter für berechtigt hält. Der Chefredakteur der linksbürgerlichen Tageszeitung „Haarez“ Glücksohö gibt in seinem iBlatte klar zu verstehen, daß auch «die bürgerlichen Elemente Palästinas fassungslos vor dieser Haltung der Pflanzer stehen. Besondere Erregung hat «Gliicksohns Behauptung im „Haarez“ «hervorgerufen, wonach sogar die Anglo-Palestine Company, welche die Verwaltung einer großen Anzahl von «Gärten, deren Besitzer momentan «nicht solvent sind, besorgt, «dort ebenfalls Araber beschäftigt. Wenn dies — Erklärungen der Anglo- Palestine Company zu diesem Vorwurf stehen noch aus — wirklich wahr wäre, so wäre es ein schwerer Fehler eines «der zionistischen Organisation zumindest moralisch «verantwortlichen Institutes zu einer «Zeit, da die Arbeitslosigkeit am stärksten ist, zu einer Zeit, da jüdische Arbeiter in «anderen Arbeitszweigen trotz des ihnen so oft vorgeworfenen „hohen Lebensstandard" gesucht werden, so z. B. von arabischen Bauunternehmern in Palästina und Transjordanien in immer steigendem Maße «herangezogen werden. Inzwischen sind die Auffors tun«gs«arbeiten, zu denen die Regierung der Zionistischen Palästina-Exekutive 500 jüdische Arbeiter (je 250 aus Haifa und Tel AWiw) heranzuziehen sich verpflichtet hat, bereits begonnen. Ein Teil der Arbeiter wird mehr als 3Vi Monate beschäftigt sein. Die Aufforstungsarbeiten werden in der Umgebung von Tiberias, Tul Kerem, Bab el Waad und im «Garten des Oberkommissärs durchgeführt. Zwischen «der Arbeitszentrale «der Arbeiterorganisation und der Regierung wurde der «die Arbeit in «der Umgebung von Tiberias betreffende Vertrag bereits unterschrieben. Außerdem wurde dem Arbeitsbüro in INahalal die Ausbesserung der Chaussee in der Umgebung von «N a!h« a - 1 a 1 übertragen. Diese Arbeit wird 40 Arbeiter 'für «vier Monate beschäftigen. Dies sind gegenwärtig die einzigen INotstandsarbeiten der Regierung. Auch sie beschäftigen zu wenig feiernde jüdische Hände. Die Krise der jüdischen Arbeit in Erez Israel alb er ist die am schwersten empfundene im Lande;. «In Jericho sind beim Neubau des großen Hotels, das beim «Erdbeben zerstört wurde, 20 j ü d i s c «h e Arbeiter beschäftigt. Die Arbeit wird drei Monate «dauern und der Löhn beträgt 27 Piaster täglich. Die Beziehungen zwischen den jüdischen Arbeitern und des arabischen Arbeitgeber sind sehr gute. Außerdem arbeiten in Jericho in der landwirtschaftlichen Versuchsstation der Regierung zwei jüdische Arbeiter und zwei jüdische Zimmermal er. Eine Gruppe jüdischer Arbeiter, die bei einem arabischen Hausbau in Amman, der Hauptstadt Transjordaniens beschäftigt sind. rorr Miszellen In Griechenland bildet sich jetzt ein Pro-Palästina- Komitee. Dessen Schaffung hat der griechische Außenminister Micha«lokopoulos in einem Interview in der Salonikicr spaniolischen Zeitung „Renassinua Joudia“ warm begrüßt. John Nixon, Mitglied des Internationalen Arbeitsamtes des Völkerbundes, ist in Palästina eingetroffen, um die Arbeitsverhältnisse im Lande zu studieren. Wie „Haarez" meldet, soll «sich der Oberkommissär von Palästina, Lord P 1 u m e r, in «den nächsten Tagen nach London begeben. Das Blatt knüpft daran die Vermutung, die Reise gelte der Verlängerung der Amtsdauer des Oberkommissärs um ein Jahr. Da durch das große Erdbeben die Wohnung des Oberkommissärs in Jerusalem stark beschädigt wurde, hat der Leiter des Jüdischen Nationalforids, Ing. M, M. U s s i s c h k i n, dem Oberkommissär seine Wohnung überlassen. Sir Alfred Mond hat in Begleitung von Lady Mond und seiner Tochter Lady Erleights eine «Reise nach Palästina und dem Mittleren Osten angetreten. Die Reise geht über Aegypten nach Palästina, Syrien, Transjordanien, Bagdad, dann zurück nach «Palästina, wo Sir Alfred Mond im Zusammenhang mit den Arbeiten der Joint Palestine Survey Commission die Lage studieren und die Jordan-Wasserwerke der 'Palestine Electric Corporation, deren Direktor er ist, besichtigen wird. Mit der Familie Mond reisen Mr. Naaraani vom Sekretariat der Joint Palestine Survey Commission und der berühmte Botaniker Sir Frederick K e e b 1 e, der die landwirtschaftliche Versuchsstation der Zionistischen Organisation studieren wird. Im November 1927 sind nach Palästina 306 Juden, 89 Christen und 20 Mohammedaner eingewandert; im gleichen Zeitraum wanderten 407 Juden, 46 Christen und 189 Mohammedaner aus. In den ersten zehn Monaten des Jahres 927 betrug der Export Palästinas 1,538.647 Pfund (gegen 1, 5.625 Pfund im ganzen Jahre 1926), der Import 5,107.02;» Pfund (gegen 6,429.245 Pfund im ganzen Jahre 1926). Am 1. Dezember 1927 betrug die Zaihl der Juden in der palästinensischen Polizei 350, davon 249 (darunter 40 Offiziere) in der Landes- und 101 (darunter 1 Offizier) in der Gemeindepolizei. Der Entwurf eines neuen Zollabkommens zwischen 'Palästina und Syrien, welcher die junge Industrie Palästinas schwer bedroht und deshalb im Lande starken Widerstand findet, soll, wie der Direktor des Handelsdepartements der Palästina-Regierung Mr. iS t e a d in einer Besprechung mit den «palästinensischen Fabrikanten mitteilte, derart abgeindert werden, daß den Wünschen der palästinensischen Industrie in vieler Hinsicht «Rechnung getragen wird. Die berühmten heißen Quellen von Tiberias, welche Staatseigentum bilden und deren Ausnutzungskonzession bisher eine arabische «Gesellschaft innehatte, sind jetzt «zur Verwertung an ein ijüdisc,hes Konsortium unter Leitung «des Sferrn «Suprasky übergegangen, das die Konzession von den Ar«a«bern käuflich1 erworben bat. Die neuen Konzessionäre haben sich verpflichtet, die bestehenden Badeanlagen, welche noch aus dem Jahre 1833 stammen, durch neue zu ersetzen und ein modernes Hotel zu errichten. Gewaltige Heuschreckenschwärme verheeren das Gebiet zwischen Aegypten und dem Sudan; da Gefahr besteht, daß sie die Richtung auf Palästina einschlagen, wurden dort große Vorbereitungen zur Bekämpfung der drohenden Heuschreckenplage getroffen. Die jüdische Gemeinde [ Dreißig Jahre Wiener Kultus«' wahlkampf Von Dr, E, M. Zweig. Der Verfasser, der hervorragenden Anteil an der Schaffung des zionistischen Kultusgemeindeprogrammes hat, stellt uns die Ausführungen zuij Verfügung, in denen er anläßlich einer Versammlung in Döbling die Entwicklung des zionistischen Kampfes um die Wiener jüdische Gemeinde darlegte. Wir freuen uns, unseren Lesern diesen sachkundigen historischen Ueberblick bieten zu können. Die Red. Kaum hatte sich der politische Zionismus angeschickt, im Namen des Judentums seine Forderungen an die Welt zu richten, als ihm die Legitimation hiezu von der »Israelitischen Kultusgemeinde«, diesem durch den Liberalismus geschaffenen Zerrbild der alten Judengemeinde, drastisch bestritten wurde. Zumal in Wien boten die »Parnassim«, die den Kultusvorstand beherrschenden Plutokraten, alles, was von ihnen abhängig war, zur Vernichtung des sie kompromittierenden Zionismus auf. Vom Oberrabbiner Güdemann bis zum letzten Schammes, von den subventionierten Bethausvereinen bis zu Dr. Blochs „Oesterreichischer Wochenschrift“. Da ließ Theodor H e r z 1 im Jahre 1898 am zweiten Baseler Kongreß die »Eroberung der Kultusgemeinden'« als dringend nötiges Zwischenspiel proklamieren und ging auch gleich — nach seiner tatkräftigen Art — in Wien zum Gegenangriff auf »Mauschels« Trutzburg über. Ihm standen freilich nur, wie er in seinen Tagebüchern klagt, »Bettler und Kinder« zur Verfügung, doch diese jungen Studenten, Handelsangestellten und Doktoren leisteten ihm und der nationalen Idee begeisterte Gefolgschaft. Durch mündliche und schriftliche Propaganda gelang es, in die vom Kahal planmäßig gezüchtete Indolenz der Kultuswähler Bresche zu schlagen und den Anfang einer öffentlichen Meinung zu schaffen. Auch das stockreaktionäre Kultuswahlrecht, gebunden an hohen Steuersatz und mehrjährige Seßhaftigkeit und ohne jede Rücksicht auf die Minderheiten, schreckte die Stürmer und Dränger nicht ab, ihre Kraft zu erproben. Nach dem durch Verrat der „Oesterreichischen Israelitischen Union“ an Herzl mißglückten Versuch vom Herbst 1899 brachten die zur »Opposition« verbündeten Zionisten und die Jüdische Volkspattei im Jahre 1901, beim nächsten Wahlgang, zwei ihrer Leute in der Stichwahl durch. Dieser Erfolg huschte jedoch nur vorbei. Denn nun erst ralliierten sich die Offiziellen unter ihrem neuen Kultuspräsidenten, dem harten Altliberalen Dr. Alfred Stern, der z. B. in seinem Haß gegen die zionistischen »Ruhestörer« so weit ging, sogar den auf der Flucht nach Palästina in Wien rastenden Waisen von Kischenew jede Hilfe zu verweigern. Und wenn die Zionisten für ihr auf Grund der Tagungen von Olmütz, Bielitz und Wien sorgsam abgefaßtes national-demokratisches Wahlprogramm eintraten, so setzte dem die Kahal-Clique nackten Wahlterror entgegen, den großen Wagenpark, mit dem man die abhängigen Wähler zur Urne schleppte, und die Handfestigkeit der Schammossim, welche auf unsere freiwilligen Werber einhieben. So unterlagen wir auch 1903. Doch es war, wie Herzl in treffendem Spott der jubelnden Schar seiner jungen Adepten zurief, nur »ein Kampf der Wagen, aber nicht der Gesänge«. Als unser großer Führer schon sein Herz versagen fühlte, plante er noch anfangs 1904 durch eine wohlmotivierte Eingabe an die Regierung einem modernen Kultuswahlrecht den Weg zu bahnen. Doch vereitelte sein Tod dies Vorhaben. Kaum er in ein Ehrengrab gesenkt war, bereitete Oskar Marmor e k jenes wenig rühmliche Kompromiß vor, das ihn in den Vorstand brachte. Die entmutigten Zionisten duldeten dies voll Grimm. Als aber die Würdelosigkeit des Vorstandes durch das Treiben seines maßgebenden Mitgliedes Ritter von T a u s s i g, welcher in Oesterreich die »Pogromanleihe« des Zaren zu placieren übernahm, zuhöchst stieg, kam es nach Demonstrationen in der Seitenstettengasse und einer Sturmdeputation an Dr. Stern 1908 zum erneuten Wahlkampf, aus welchem sich der Kultuspräsident nur mühsam bei der Stichwahl salvierte. Dafür rächte er sich durch Einführung der Kurie der Höherbesteuerten und durch jenen Coup, der Tausenden mit ungemahnten Steuerrückständen das Wahlrecht raubte. Eine Flut von Ehrenbeleidigungsprozessen und Wahlprotesten gab dieser Aera das Gepräge. Erst 1912 brachte ein Kompromiß die Zionisten Stricker und Dr. Ehrlich in die Ratstube. Trotz deren Bemühungen versagte im Weltkrieg der Wiener Kultusvorstand völlig, indem er — mit nichtssägenden Ausreden — die Fürsorge für die Flüchtlinge aus dem Osten der Monarchie a b 1 fe h ri t e und der Tatkraft warmfühlfender, treüjüdischer Privatleute überließ. "