Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1928)
- Date
- 1928-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 DIE STIMME Seite 5 zeichnet; nach Vollzeicfonung des Kapitals soll die Geschäftstätigkeit der Kreditgenossenschaft aufgenommen werden. Das Präsidium bestellt aus den Herren Direktor K a r e s k i, Doktor A11 s c h u 1 und Dr. T a i t z 1 i n. Die jüdische Wanderung Die dritte jüdische Emigrationskonferenz in Berlin. — Die Zusammenarbeit der Ica mit den Wanderungsorganisationen. — Eine gemeinsame Konferenz. Von unserem Berliner M.-Bericherstatter. Die jüdische Wanderung ist heute nicht so sehr Katastrophenbewegung als dauernde geradezu organische soziale Erscheinung, da sie den Anschluß an die Produktion erstrebt, welchen den Juden die heutigen Verhältnisse in ihren Wohnländern, besonders in Osteuropa, schwer machen. Daher sind gerade jetzt die Bestrebungen auf Regelung der jüdischen Wanderung, besonders die Bemühungen, dem jüdischen Wanderstrom neue Einwanderungsmöglichkeiten zu erschließen, da die bisherigen zum größten Teil erschöpft sind, von besonderer Wichtigkeit. Diese Aufgaben, verbunden mit Fürsorgearbeit und beruflicher Ausbildung, haben die amerikanischjüdische Organisation »H i a s« (Hebrew Ide Association) und die europäische Organisation »Emi gdirekt« übernommen; sie haben sich bereits vor längerer Zeit zu gemeinsamer Arbeit vereinigt und über ihre Initiative wurde jetzt in Berlin die dritte jüdische Emigrationskonferenz in Anwesenheit von 45 Delegierten aus verschiedenen Ländern abgehalten. Wie der Präsident des »Emigdirekt«, Dr. M. K r a i n i n, in seiner Eröffnungsansprache hervorhob, ist in der Zentralisierung der die Regelung der Wanderung betreffenden Arbeit ein Schritt nach vorwärts dadurch zu verzeichnen, daß die Jewish Colonisation Association (Ica) sich der Vereinigung »Hias« — »Emigdirekt« angeschlossen hat. Es wurde ein vereinigtes ausführendes Organ, die »Hicem«, gebildet, in deren 20gliedrigem Rat die Hälfte der Mitglieder die »Ica«, die andere Hälfte »Hias«—»Emigdirekt« entsendet. Der Rat bildet aus seiner Mitte einen 10 gliedrigen Ex-ekutivausschuß, der wieder aus seiner Mitte drei Direktoren (darunter, einen von der Ica) wählt. Die neue vereinigte Organisation »Hicem« hat anschließend an die allgemeine Emigrationskonferenz ihre erste Beratung unter dem Präsidium des preußischen Abgeordneten Dr. Oscar Cohn abgehalten, bei der der Direktor der Ica, Dr. Eduard 0 u n g r e, das Arbeitsprogramm der vereinigten Organisation entwickelte. Die »Hicem« will anscheinend ihr Hauptargument auf Hinlenkung des jüdischen Wanderungsstromes nach Argentinien richten. Die Emigrationskonferenz, welche der Tagung der »Hicem« voranging, befaßte sich mit Fragen der Konzentration und Produktivierung der jüdischen Emigration. Besonders betont wurde, daß für die überseeischen Länder, die heute der jüdischen Einwanderung offen stehen, wie Kanada, Südamerika, Südafrika und Australien, hauptsächlich agrarisch oder handwerklich geschulte Emigranten in Betracht kommen. Daher ist der landwirtschaftlichen Ausbildung von Juden größte Wichtigkeit beizumessen. Die Konferenz faßte eine Reihe programmatischer Beschlüsse für die künftige Arbeit, von denen besonders die Vorbereitungen für Schaffung eines Finanzorgans für die Emigration und Kolonisation, die Einleitung von Maßnahmen zur Ueberftihrung der Emigranten in die 1 a n dw i r tschaftliche Arbeit sowie die Durchführung der berufstechnischen Ausbildung der Emigranten auch in den Einwanderungsländern hervorzuheben sind. Der Völkerbund für Ansiedlung jüdischer Flüchtlinge auf palästinensischem Staatsboden. Auf der Emigrationskonferenz in Berlin berichtete u. a. der Delegierte des »Emigdirekt« in Genf, Herr A b e r s o n, über einen im Völkerbund entworfenen Plan, etwa 750 jüdischen Flüchtlingen, die sich in Konstantinopel befinden, die Ansiedlung in Palästina zu ermöglichen. Darüber erfahren wir vom Internationalen Arbeitsamt in Genf: Aus Rußland waren zirka 90.000 Personen nach Konstantinopel geflüchtet, deren Zahl durch verschiedene Evakuierungen auf knapp 2800 zurückgegangen ist. Darunter befinden sich 750 Juden. Vor kurzem haben amerikanische Wohlfahrtsorganisationen für die Versorgung des Restes der russischen Flüchtlinge in Konstantinopel, der sich nur noch bis zum 8. Februar d. J. dortselbst aufhalten darf, 100.000 Dollar gestiftet. Für die jüdischen Flüchtlinge ist auf Anregung Abersons eine Ansiedlung in Palästina geplant. Die Kosten sollen zum Teil vom Flüchtlingskolonisationsfonds des Völkerbundes, zum anderen Teile von jüdischen Organisationen getragen werden. Die Palästina - Regierung soll vom Völkerbund ersucht werden, diesen Flüchtlingen unentgeltlich Staatsboden zur landwirtschaftlichen Ansiedlung zur Verfügung zu stellen. Dr. J. W. Tschlenow (Gestorben am 31. Jänner 1918.) i'JL bi ÄshtV e ‘ » r. . ' Vs7 *4 Es war wenige Wochen, nachdem die Balfour- Deklaration die jüdische Welt mit hoffnungsvoller Freude erfüllt hatte; da starb — am 31. Jänner 1918 — in London ein Mann, dessen ganzes Leben dem Ziel gewidmet war, zu dem Balfours Erklärung den Weg freilegte. Dr. Jechiel W. Tschlenow. An der Schwelle der Erfüllung sank er zusammen, wie einige Monate später der Vorkämpfer des Sozialismus in Oesterreich, Dr. Viktor Adler, dem Tschlenows Wesen und Wirken in vielem ähnlich war, in der feinen Menschlichkeit, in der klaren reinen Denkweise und in der Fähigkeit, taktische Gegensätze zu überbrücken, ohne die richtige Bahn auch nur um Haaresbreite zu verlassen. Tschlenow wurde im Jahre 1863 in der russischen Stadt Krementschug geboren, genoß eine streng religiöse Erziehung und erhielt erst spät die Erlaubnis seiner Eltern, das Gymnasium in Moskau zu besuchen. Dort schloß er sich der russischen Volksbewegung der ,,Narodniki“ an und war ein Anhänger des Sozialismus. Als jedoch im Jahre 1881 die Pogromwelle einbrach, war, wie bei so vielen jungen Juden in Rußland, auch Tschlenows sozialistischer Traum zerstört. Er schloß sich der nationalen Studentenbewegung, der ,,B i 1 u“ an und stellte sich an die Spitze der Moskauer ,,Bilu“-Gruppe. Im Jahre 1884 — Tschlenow hatte inzwischen die medizinische Fakultät der Moskauer Universität bezogen und wurde später, nach vollkommenster Fachausbildung in W i e n und an deutschen Kliniken,'ein bekannter Spezialarzt für Laryngologie — begründete er den Verein ,,Bnei-Zion‘‘, aus dem eine Reihe bedeutender zionistischer Führer, wie Ussischkin, der jüngst verstorbene Tiomkin, Naiditsch, Levontin, Rabbiner Mase u. a, hervorgingen. Der Verein arbeitete für die palästinakolonisatorischen Ziele der Chowewe-Zion-Bewegung, die nach der Kattowitzer Konferenz einen starken Aufschwung nahm. Dieser Bewegung schloß sich auch Tschlenow Im Kriege begründete Tschlenow das zionistische Büro in Kopenhagen, kehrte aber nach kurzem Aufenthalte in L o n d o n, wo er an den vorbereitenden Schritten zur Sicherung der jüdischen Ansprüche auf Palästina teilnahm, nach Moskau zurück. Dort leistete er zwei Jahre ungeheurer Arbeit, an der Spitze der Zentrale des großartigen Hilfswerkes der russischen Judenheit für die Kriegsnotleidenden, obwohl das schwere Magenleiden, dem er kurze Zeit später erlag, seine Gesundheit unterwühlte. Nach der Kerenski-Revolution leitete Tschlenow die Zionistenkonferenz in Petersburg, die erste im freien Rußland und bereitete eine allgemeine Konferenz der russischen Juden vor, in der ihre innerpolitischen Forderungen formuliert werden sollten. Die Ereignisse, welche zur Balfour-Deklaration führten, riefen ihn jedoch nach Kopenhagen und von da nach London. Dort erlag er seinem Leiden. Zehn Jahre sind es her, seit dieser Mann seine gütigen Augen geschlossen hat und er fehlt noch immer der Judenheit Rußlands, die seither Furchtbares über sich ergehen lassen mußte, der Judenheit der ganzen Welt, auf die sein alles begreifender klarer Blick heilend und helfend gerichtet war, der Menschheit im besten Sinn des Wortes, der seine iüdische Arbeit zugleich dienen wollte. Davon geben die Worte Zeugnis, mit denen er auf dem denkwürdigen Uganda-Kongreß den Zionismus definierte: ,,Wir bauen den politischen Zionismus nicht nur auf dem Interesse des Judenvolkes, sondern gewissermaßen auf dem Interesse allerVölker auf.“ Das Internationale statistische llnstitut im Haag hat soeben ein Werk über die Statistik der Großstädte der Welt veröffentlicht. Daraus seien die Angaben, die das Institut über die Zahl der jüdischen Einwohner der Städte über 100.000 Einwohner macht, angeführt, obwohl einige dieser Zahlen, wie z. vB. in Moskau nach alten Volkszählungen angegeben sind, andere wie z. IB. die Zahl der Juden in Berlin, die nach dem Steuerzensitenstand der jüdischen Gemeinde sicher 200.000 übersteigt, offenbar auf ungenauen Ermittlungen beruhen. Die Zahlen sind in der Reihenfolge der Länder, in. dem (in französischer Sprache abgefaßten) Werk angegeben; in Klammern ist die Zahl der Gesamtbevölkerung der einzelnen Städte angeführt: Groß-Berlin 172,672 (4,024.165), Hamburg 19.794 (1,079.126), Köln 12.156 (516.527), München 10.068 (680.704), Leipzig 12.594 .(679.159, Dresden 3734 (548.308), Stuttgart 4548 (341.967), Chemnitz 2796 (331.655), Dortmund 3618 (295.026), Magdeburg 2361 (297.020), Bremen 1328 (294.966), Königsberg 4042 (.279.428), Duisburg 2001 (274,732), Wien 201.513 (1,865.780, wie das Werk angibt, laut Volkszählung vom 7. März 1923), Sofia 17,038 (154.025), Kopenhagen 4637 (561.344), Danzig 4544 (203.164), Reval 1963 (122.419), Helsingfors 954 (160.921), Budapest 207.015 (960.995, Zählung vom 24. Dezember 1925), Rom 6667 (542.123), Mailand 3317 (599,200), Turin 3087 (427.106), Genua 970 (272.221), Florenz 2569 (232.860), Riga 39.443 (337.699, Februar 1925), Oslo 852 (258.483), Amsterdam 68.760 (683.166), Rotterdam 10.876 (516.271), Haag 9150 (354.987), Warschau 155.860 (452.079), Bukarest 43.672 (341.321), Moskau 15.993 (1,617.700, Zählung 1912), Leningrad 34.995, (1,905.589, Zählung 1910), Stockholm 2747 (419.440), Bern 1039 (104.626), Zürich 6662 (207.161), Basel 2516 (140.708), Prag 31.751 (676.659), Montreal 43.769 (618,506, Zählung 1921), Kairo 29.207 (790.939, Zählung 1917), Alexandrien 24.858 (414.617), Teheran 5881 (196.255), Bombay 7548 (1,175.914), Sidney 8695 (899.059), Melbourne 6927 (766.465), Wellington 794 (107.488). Kleine Nachrichten Der Weltverband sephardischer Juden hat soeben den Tätigkeitsbericht für das jüdische Jahr 5687 (1926/27) in hebräischer, englischer und französischer Sprache veröffentlicht. Die Exekutive hat sich im Berichtsjahre mit Fragen der Kolonisation, der sozialen Fürsorge und der Beziehungen zu der Zionistischen Exekutive befaßt. Sie1 eröffnete ferner eine Kreditbank mit einem Aktienkapital von 10.000 Pfund. Als Dr. Tschlenow in den Jahren 1894 und 1896 zu wissenschaftlichen Zwecken in Wien weilte] lernte er hier die Führer der Palästinabewegung, Ing. Kremenetzky, Dr. S c h n i r e r, Ing. Seidener kennen und las Herzls ,,Judenstaat“. Doch die Herzl'sche Idee, die jüdische Kolonisation von einer öffentlich-rechtlichen Sicherung abhängig zu machen, hinderte ihn, wie so viele Anhänger der Chowewe-Zion-Bewegung, die auf praktische Kolonisationsarbeit in Palästina gerichtet war, sich sofort der zionistischen Bewegimg anzuschließen. Erst auf dem zweiten Zionistenkongreß in Basel (1898), trat Tschlenow in die zionistischen Reihen. Er war dann der Verrnittler zwischen der Chowewe-Zion und den Zionisten, trat auch in den Kulturfragen der Herzl-Zeit (beim Auftreten der demokratischen Fraktion auf den Kongressen) vermittelnd auf und stand in kurzer Zeit an wichtiger Stelle in der zionistischen Bewegung. Für die Organisationsarbeit in Rußland hat er gerade in der Zeit der behördlichen Unterdrückungsmaßnahmen sehr viel geleistet. In dem Meinungskampf der sogenannten politischen und praktischen Richtung im Zionismus, war Tschlenow einer der Führer der praktischen Richtung, die gegen Wolfsohn in Opposition stand und übersiedelte, als auf dem zehnten Zionistenkongreß im Jahre 1911 das Führerkollegium in Berlin gewählt wurde, zwei Jahre später nach Berlin, um in die Leitung einzutreten. Die erste Konferenz des ungarischen Zionistenverbaudes nach der lange umstrittenen und verzögerten Legalisierung wurde am 14. Jänner in Budapest abgehalten. Ueber die Genehmigung der Verbandsstatuten durch die Regierung referierte der Vorsitzende Dr. Leopold O s s t e r n, Hierauf folgten Referate des Präsidenten des Verbandes Dr. Nisan Kahan über die bisherigen Erfolge der zionistischen Bewegung und des Herrn Armin B e r e g i über das Kolonisationswerk in Palästina. Auf der Konferenz, die eine Reihe von organisatorischen Beschlüssen faßte, waren Organisationen der jüdischen Jugend und der jüdischen Studentenschaft vertreten, * Die Synagoge in P 1 o c k war vor einigen Tagen Schauplatz eines Trun'kenheitsexzesses einiger durch antisemitische Propaganda aufgehetzter polnischer Huligans. Sie randalierten erst vor dem Eingang, drangen dann ins Innere des Gotteshauses ein und mißhandelten mehrere der dort weilenden Personen. Der Synagogendiener und ein 60jähriger Mann wurden schwer verletzt. Die Exzedenten, die hierauf zu flüchten suchten, wurden der Polizei übergeben. Der Automilliardär Henry For d, durch seine antisemitische Propaganda der letzten Jahre und durch deren öffentlichen Widerruf bekannt, hat in den letzten Tagen dem Präsidenten des American Jewish Committee Louis M a r s h a 11 einen Besuch abgestattet. Angeblich soll die Besprechung der Abstellung der noch heute von früheren Bevollmächtigten Fords betriebenen antisemitischen Propaganda gegolten haben.