Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1928)
- Date
- 1928-01-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife 4 DIE STIMME Nr. 4 maßgebendster Stelle zukommen, lassen erkennen, daß jene jüdischen Kreise, welche die Verhältnisse in Palästina kennen — und der „Vater der jüdischen Palästinakolonisation“, Baron Rothschild, gehört sicher zu ihnen — die Konsolidierung des Aufbauwerkes trotz der gegenwärtigen krisenhaften Zustände nicht bezweifeln. Die Zweifel, mit denen gerade in letzter Zeit so gern operiert wird, stammen gewöhnlich von sachunkundigen Defaitisten. Wenn Baron Rothschild die Garantie dafür übernehmen will, daß die Mittel für die Konsolidierung des Aufbaues aufgebracht werden, so kommt darin die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß die vermögenden Teile des jüdischen Volkes zu dieser Arbeit an der Konsolidierung herangezogen werden können. Kommt diese Form der innerjüdischen Anleihe zustande, so kann mit unverminderter Kraft unter der breiten Masse, welche für den Palästinaaufbau im Wege des Keren Hajessod herangezogen wurde und wird, und von der der größte Teil der Keren Hajessod-Einnahmen stammt, die Aufbaupropaganda in verstärktem Maße weitergeführt werden. Die mehr als 40.000 Pfund betragenden Eingänge des Keren Hajessod im Monat Dezember, worüber wir an anderer Stelle berichten, zeigen, daß die Massenarbeit für die Aufbringung von Mitteln zum Palästinaaufbau sich in der letzten Zeit in den meisten Ländern intensiviert hat. Auch in Oesterreich ist es notwendig, diese Intensivierung vorzunehmen, da die Keren Hajessod-Eingänge hier noch immer unter den Möglichkeiten bleiben, welche die jüdische Bevölkerungszahl Oesterreichs und ihr wirtschaftlicher Status bieten. Die Werbeaktion für den Keren Hajessod, die anschließend an die in der ersten Hälfte Februar bevorstehende Konstituierung des österreichischen Pro-Palästina-Komitees einsetzen wird, gibt die Möglichkeit einer intensiven Massenarbeit, die hoffentlich den der Stärke der österreichischen Judenheit entsprechenden Anteil an den Keren Hajcssod-Eingängen erbringen wird. Die Aufbaupropaganda unter der jüdischen Masse ist heute eine Selbstverständlichkeit, die von keiner großen Einzel transaktion berührt wird oder mit ihr in Ver-. bindung gebracht werden kann. ] Das jüdische Leben [ im in aauaassg | Grundstück Angelegenheiten Kauf * Verkauf Verwaltung Belehnung betreffend Häuser Villen Güter sfeh vertrauensvoll an die Y Realitätenand Verwaltungskanzlei Dr. jur. Marem Somer Demonstrationen für die Jassyer Synagogenschänder Ausschreitungen während des Prozesses. — Eine Beschwerde des englischen Board o! Deputies. Vor dem Jassyer Gericht hat die Verhandlung gegen sechs Studenten begonnen, die der Teilnahme an der Zerstörung der Jassyer Hauptsynagoge und der Schändung der Synagogenheiligtümer beschuldigt werden. Als Verteidiger fungieren der Antisemitenführer Professor C u z a und fünf antisemitische Advokaten. Am Tage des Prozeßbeginnes fanden wüste Ausschreitungen gegen die Jassyer Juden statt, mehrere jüdische Passanten erhielten blutende Wunden, an zahlreichen Häusern wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Zur Verhütung weiterer Exzesse, wurden mehrere Abteilungen Kavallerie in die Stadt gelegt. Offenbar unter dem Eindruck der Demonstrationen wurde der Prozeß gegen die sechs der Synagogenschändung angeklagten Studenten vertagt. Die Angeklagten wurden auf freien Fuß ge? setzt und wurden von ihren Kollegen durch lärmende Umzüge gefeiert, wobei es wieder zu Anpöbelungen von jüdischen Passanten kam. Wie der rumänische Außenminister Titulescu dem Joint Foreign Committee des Board of Deputies der englischen Juden auf dessen an ihn gerichtete Beschwerdeschrift mitteilte, sind bisher im Zusammenhang mit den früheren Ausschreitungen drei Präfekten ihrer Aemter enthoben, worden. Insgesamt 13 Studenten wurden bisher verurteilt, 14 stehen unter Anklage. Die Regierung hat 5 Millionen Lei für Reparatur der beschädigten Synagogen votiert. Das Joint Foreign Committee hat. wie in seiner letzten Sitzung mitgeteilt wurde, seine Korrespondenz mit dem rumänischen Außenminister der britischen Regierung zur Kenntnis gebracht und sie ersucht, in Form von freundschaftlichen Vorstellungen bei der rumänischen Regierung die Vorschläge des Komitees zu unterstützen. Das Komitee erwägt noch andere Maßnahmen. DerWahlblockder Minoritäten in Polen Wie aus Warschau gemeldet wird, hat sich der Wahlblock der nationalen Minderheiten in Polen (Ukrainer, Juden, Deutsche, Weißrussen) bereits konstituiert. Die gemeinsamen Kandidatenlisten in den einzelnen Wahlkreisen werden nach den lokalen Verhältnissen zusammengestellt. Die Staatsliste zeigt folgende Spitzenkandidaturen: an erster Stelle der Ukrainer L ew i c k i, an zweiter Stelle der Zionist J. Grünb aum, an dritter Stelle der Weißrusse Jeremicz, an vierter Stelle der Deutsche Naumann. Das jüdische Genossenschaftswesen Der amerikanische Joint und' die Tca /haben zur Durchführung der konstruktiven Hilfsarbeit für die Juden Europas ein gemeinsames Organ die „American Joint Reconstruction Foundation“ (weiterhin kurz „Foundation“ genannt}, geschaffen; die Foundation bildet eine selbständige Körperschaft nach englischem Recht, der je sechs Vertreter der beiden oben genannten Organisationen und acht Vertreter der europäischen Judenheit angehören. Dem jetzt vorliegenden Bericht der Foundation über ihre Arbeit von Mai 1924 bis Dezember 1926 sind aufschlußreiche Daten über die Entwicklung der jüdischen Genossenschaften, sowohl Kreditals auch Produktiv- und Konsumgenossenschaften in Europa zu entnehmen, einem Gebiete, dem die Foundation in ihrer Tätigkeit besondere Aufmerksamkeit scrhenkt. Nach dem Bericht bestehen jetzt in den verschiedenen europäischen Ländern 535 Genossenschaften, die von der Foundation kontrolliert werden. Die kreditgenossenschaftliche Bewegung breitet sich besonders in Polen aus — wo heute 340 Kassen vorhanden sind — den verschiedenen Teilen Rumäniens, mit 67 Kassen, davon allein in ßessarabien 40 Kassen, ln Lettland hat die Foundation 21 Genossenschaften und in der Tschechoslowakei 15. In allen diesen Ländern ist auch ein ununterbrochenes Wachstum der Zahl der genossenschaftlich organisierten Familien festzustellen. So betrug die Mitgliederzalhl der jüdischen Kassen in Polen zu Ende des Jahres 1926 über 107.000, während sie zum 1. Oktober 1927 bereits auf 135.000 gestiegen war. In Alt-Rumänien, wo die Bewegung sich erst in jüngster Zeit entwickelte, waren .am 31. Dezember 1926 bereits über 10.500 Familien in den Genossenschaften organisiert; in IBessarabien, wo schön vor dem Kriege ein blühendes Genossenschaftswesen bestand, über 27,000; in der Bukowina 4500 und in Transylvanien, wo die Bewegung sich auch in der ersten Entwicklung befindet, 3700. Zusammen also in Rumänien 45.700 in 67 Kassen. Erfolgreich arbeiten auch die Kreditkassen in der Slowakei, in Karpathorußland und Lettland, In einzelnen Ländern hat unter der Ungunst der wirtschaftlichen' Verhältnisse die genossenschaftliche Arbeit mit Schwierigkeiten zu kämpfen, so in Litauen. In einer Reihe von anderen Ländern, Estland, Oesterreich, Bulgarien, der Türkei unterstützt die Foundation Darlehenskassen, die wirtschaftliche Stützpunkte der jüdischen Bevölkerung bilden. Einen besonderen Raum in der Arbeit der Foundation nimmt die Kreditierung der Arbeiter- Genossenschaften in Polen ein. Die Konsum- und Produktiv - Genossenschaftsbewegung der jüdischen Arbeiterschaft, die von zwei Zentralen gleleitet wird, hat von dter Foundation, besonders in der Zeit der Krise, starke Unterstützung erhalten. Die Erfolge sind nicht unbefriedigende. In Berlin wurde aus ostjüdisdhen Kreisen eine genossenschaftliche Vol'ksbank unter der Firma „Iwria“ e. G. an. b. IH. begründet. Von dem präliminierten Grundkapital von 200.000 Mark ist die IHälfte bereits ge¬ Menschen sagt, es kommt das Geheimnisvolle, das Wunderbare im Schicksal des jüdischen Volkes, bei dem alle Kausalität wie aufgehoben erscheint, bei dem alle materialistische, ja alle empirische Geschichtsauffassung versagt. Es kommt ein Neffe jenes harten Salisbury, es kommt Balfour. Arthur James Balfour, der keinerlei inneres Verhältnis^ zum Judentum hatte, der außer dem täglichen kühl-politischen Verkehr mit Juden, nie Teilnahme für sie gezeigt hatte, ein Denker, ein Spintisierer, ein Zweifler, ein Gelehrter, der über den Dingen stand, kommt als Neffe des Lord Salisbury mit 26 Jahren ins Parlament. Natürlich wurde er später Minister und machte seine Sache nicht schlecht. Er wurde Ministerpräsident, ai^sein Onkel sich zurückzog. Ein glänzender Ministerpräsident. Die Liberalen schlugen ihn 1907 aufs Haupt, aber alle Welt sagte ihm nach, er sei ein Monn der Pflicht, der Gerechtigkeit, ein Gentleman. Ich erinere mich sehr genau, ihn im Parlament mehr als einmal gesehen zu haben, auf der Ministerbank, auf der Oppositionsbank. Eine imposante Gestalt, er hat keinen Bart, sonst würde er in seiner Größe, in seiner Schlankheit, in seiner imposanten Art des Blicks, an Herzl erinnern. Dieser kühle, höcharistokratische Mann, dieser reservierteste aller reservierten Engländer, wird im Jahre 1917 der Cyrus des 20. Jahrhunderts. Er tut das für uns, in unserer Zeit, das Cyrus, der König von Persien, 532 für uns tat. Oeffentlich und ehrlich, angesichts der ganzen Welt, sagt er: Die Juden wollen Palästina. Sie haben mitgeholfen, Palästina von den Türken zu befreien. Die Juden sind treu. Wenn wir das Mandat über Palästina übernehmen und den Juden ihr Heim geben, so sichern wir uns den sehr gefährdeten Weg nach Indien und Aegypten. Das alte Fleckchen Erde, über das so viele Völker gezogen sind, um das so viel Blut geflossen ist, die nie erloschene Sehnsucht des jüdischen Volkes, Balfour hat es uns wiedergegeben. Aber warum war es Balfour, der die Verantwortung für diese Deklaration übernahm, der sie abfaßte? Balfour war 1917 ein ganz gewöhnlicher Abgeordneter; er hatte ja im Jahre 1911 die konservative Führerschaft niedergelegt. Warum war es nichULloyd Georges, der mächtige Premier, der den Krieg durchsetzte mit dem Aufgebot aller Kraft, der mit eiserner Hand Freund und Feind beherrschte, der mit Juden viel verkehrte und ein überzeugter ehrlicher Judenfreund ist? Warum gerade Balfour? Ich glaube es sehr gut zu verstehen. Sehen Sie, alle Dinge in dieser Welt — gestatten Sie, daß ich als Philologe diese Pedanterie vorbringe — alle Dinge dieser Welt, haben mehrere Benennungen. Wenn einer von seinem Schwiegersohn spricht, der in einer Volksschule tätig ist, so sagt er „Pädagoge“; seine Frau sagt vielleicht nur „Lehrer“; der Zyniker sagt ein Wort, das ich anstandshalber nicht Vorbringen kann: es kommt im zweiten Teil des Wortes „Pauker“ vor; den ersten Teil des Wortes kann ich nicht sagen. Ist einer bei einer Zeitung, so sagt sein Schwiegervater, mein Schwiegersohn ist Publizist; andere sagen „Tagesschriftsteller“; der Zyniker sagt, ein „Tintenkuli“. So geht es durch alle Dinge. Der Zyniker sieht im jüdischen Volk immer nur unsere komische Seite. Wir haben sie, geradeso wie der Volksschullehrer, der Journalist; aber der Zyniker sieht nur die eine, die komische Seite, und die Zyniker der ganzen Welt sahen nichts als die Komik der Juden, sowie viele Juden nichts als Komik sahen im zionistischen Programm. Ich erinnere mich genau an den Herrn, der es Herzl ins Gesicht sagte: „Und Sie werden Gesandter des jüdischen Staates in Wien“. Wir haben eine große Majorität unter uns, die so denken; warum sollen wir uns wundern, wenn unter den Völkern die zynische Anschauung vom Judenproblem überwiegt? Der einzige Mensch in England, der einzige Nichtjude, der das Judentum nicht zynisch sah, sondern in seiner ganzen Größe, in seiner ganzen mystischen Größe, das ist Balfour. Er ist, trotzdem er über 50 Jahre in der Politik tätig war, ein Mystiker, der davon überzeugt ist, daß trotz aller unserer täglichen Erfahrungen, trotz der Kausalitätsgesetze, an dem Judenschicksal etwas ist, was über diese Erfahrungen und alle Kausalität hinausgeht. Es ist etwas im Judencharakter, in der Judenrasse, wenn sie wollen — obwohl ich das Wort nicht gern gebrauche — das sich vorläufig aller Erkenntnis entzieht. Ihm, Balfour, stand es fest: Ein Volk, das nach solchen Verfolgungen fortdauert, ein Volk, das man seit 3000 Jahren helotisieren will und das sich helotisieren läßt, ein Volk, das treu an seinem alten Gott, an seiner Geschichte hängt und immer noch die Sehnsucht hat, nach dem Boden der Väter, mit einem solchen Volk verlohnt es sich, ein weltgeschichtliches Experiment zu wagen. „Es ist ein Experiment, wenn Sie wollen ein Abenteuer“, sagte er im Oberhaus zu Lord Islington; „aber, muß alles so bleiben, wie es ist?“ Und in der Albert Hall bei der Versammlung der Zionistischen Föderation, tat er einen Ausspruch, den ich in Hunderttausenden Exemplaren verbreiten möchte: „Wir, die Juden auf der einen, England auf der anderen Seite, sind Teilhaber in diesem großen Unternehmen. Wenn wir euch im Stich lassen, könnt ihr nicht reüssieren, Wenn ihr uns im Stich läßt, könnt ihr nicht reüssieren. Aber ich bin überzeugt, wir werden euch nicht im Stich lassen, und ihr nicht uns. Und wenn ich in dieser hoffnungs- und vertrauensvollen Prophezeiung recht behalte — und ich werde Recht behalten — dann können wir beglückt der Zukunft entgegensehen, da es in vollstem Maße gelungen sein wird, Palästina zum Heim des jüdischen Volkes zu machen." 488923484848535348535353912353535348 99999994555