Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1928)
- Date
- 1928-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053757--0056-3055311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4 DIE STIMME Seite- 3!and, auf ziemlich geschlossener Fläche konzentriert, was die kolonisatorische Arbeit erleichtert. Die neuen jüdischen Bauern in Rußland haben sich, soweit den Berichten exakter Beobachter zu entnehmen ist, gut bewährt, obwohl «ie unter schweren Bedingungen arbeiten.' Trotz aller dieser anscheinend günstigen Auspizien hat diese Kolonisationsunternehmung nicht den Wert, den ihr die Sowjetregierung zuspricht, und ihre Grundlage ist mehr als unsicher. Die Behauptung, die Ansiedlung von 100.000 jüdischen Familien auf dem russischen Lande würde die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden günstig beeinflussen, ihre Not lindern, ihre Wirtschaftsstruktur normalisieren, ist schon bevölkerungsslatistisch als Trugschluß zu erkennen. In Rußland gab es im Jahre 1925 eiile jüdische Bevölkerung von 2.7 Millionen Seelen. Bei einer, hoch angenommenen, natürlichen Vermehrungsquote von 15 Promille im Jahr würde der Zuwachs in 10 Jahren ca. 400.000 Menschen betragen, also in diesem Zeitraum die Ansiedlung der 100.000 Familien auf dem Lande den natürlichen Zuwachs gerade noch aufnehmen. Nun ist schon aus den interessierten Berichten des „Kömzet" zu erseHren, daß für den1 Rest der in Ausstaht genommenen Kolonisationsperiode mit der Ansied' lunj) von höchstens 30.000 Familien zu rechnen ist; mit den bisher angesiedelten ergibt das 65.000 Familien, also weit weniger ab der natürliche Bevölkerungszuwachs in 10 Jahren. Dazu kommt aber, daß der freie Boden, der für die jüdische Kolonisation zur Verfügung steht, kein Kulturboden ist. Nach offiziellen Feststellungen sind fast 30 (Prozent des den jüdischen Siedlern zugewiesenen Bodens nicht anbaufähig, was die Ertragsmöglichkeit der zugewiesenen Landlose (15 bis 25 Desiatinen pro 'Familie sind theoretisch angesetzt) im voraus um etwa ein Drittel verringert. Die Umwandlung dieser Landstriche in Kulturboden erfordert riesige Mittel, die durch Wohlfahrtsorganisationen, deren Einnahmenradius beschränkt ist, nicht aufgebracht werden können. Die Sowjetregierung aber kann diese Mittel nicht belstellen; denn selbst wenn sie wollte und könnte, müßte sie vor allem die Fordert: ugen der russischen Bauernschaft berücksichtigen. Die russische Agrarrevolution hat, verbunden mit der allgemeinen Zerstörung der Volkswirtschaft, die seit je bestehende Bevßlkerungskrise auf dem flachen Lande noch verschärft. In einer vor einiger Zeit erschienenen offiziellen Publikation des .sowjetrussischen Zentralkommissariats für Landwirtschaft stellt Professor Bolschakoff im Kapitel „Binnenwanderung" fest, daß es gegenwärtig einen Ueberschuß von 10 Millionten bäuerlicher Binnenwanderer gibt, die in die Landwirtschaft eingestellt werden müssen, während die freie kultivierbare Bodenfläche für knapp eine Million Menschen ausreicht. Der den Siedlern zugewiesene schwere Steppenboden erfordert — trotz der billigen Anfänge — für die (Schaffung einer lebensfähigen Wirtschaft große Kapitalien fdie niedrigste llnvestitionssumme auif anbaufähigem Boden wurde mit 2000 (Rubel pro Landlos berechnet), um nur Getreidewirtschaft zu führen. Nun strebt naturgemäß der kommunistische Staat darnach, den Getreidehandel zu beherrschen und im Interesse der Versorgung der Städte mit billigen Lebensmitteln sowie einer gewinnbringenden Ausfuhr die Preise zu drücken. Für die schlechten Produkte aber, die dem Bauern die staatliche Industrie liefert, muß er exorbitant hohe Preise zahlen. Unter dem kommunistischen Wirtschaftssystem ist also die Entwicklung einer normalen Landwirtschaft selbst auf extensiver Grundlage nicht möglich. Es ist also nicht anzunehmen, daß die Entwicklung der bisher geschaffenen jüdischen Kolonien in Rußland, die noch in den Anfängen steckt (zwei Drittel der Kolonisten haben noch keine Häuser, sondern wohnen in Erdhütten, mehr als die Hälfte haben noch unzulängliches Inventar) ohne Zuschuß von sehr großen Mitteln gewährleistet ist, welche die finanzielle Kraft der ausländischen Wohltätigkeitsorganisationen übersteigen. -Fragt man nun, weshalb mit ungeheurer Propaganda ein unzulänglicher Plan in Szene gesetzt wurde, auch Jüdische Hirten in der Steppe. (Nach einer Zeichnung von J. Rabay.) auf die Gefahr hin, daß gerade durch die UebertreibungeA der Propaganda für die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation die Millionen landhungriger russischer Bauern zur Ansicht gebracht werden, die Juden nehmen ihnen allen verfügbaren Boden weg, daß also dadurch der A n t i s e m i t i sm u s in die Bauernmassen getragen wird, — so muß man die Antwort auf politischem Gebiete suchen. Im Kampf gegen England, den es hauptsächlich im vorderen Orient führt, hat Sowjetrußland der britischen Konzeption des jüdischen Nationalheims in Palästina eine andere „jüdische" Konzeption entgegenstellen wollen; und daraus entstand der Trick von der Lösung der Judenfrage in Rußland, zu dem sich die schwersten Verfolgungen der Anhänger des Palästinagedankens in Rußland gesellten. Dabei rechnete die Sowjetregierung au! das Wohlwollen jener jüdischen Kreise, die in der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina irgendwelche Gefährdung der bürgerlichen Rechte in den gegenwärtigen Wohnlündem der Juden zu erblicken glauben. Die Verbindung mit dem amerikanischen Judentum wurde besonders eifrig angestrebt, da sich die Sowjetregierung davon, ähnlich wie vor 20 Jahren die Zarenregierung, die damals Witte nach Amerika entsandte, eine Stütze für ihre seit drei Jalhren heimlich betriebenen Bemühungen um eine amerikanische Anleihe (gegen Anerkennung der russischen Vorkriegsschulden) versprach; diese Anleihebemühungen, für die es der Sowjetregierung gelang, eine Reihe bekannter jüdischer Philantropen, ohne daß sie es wollten oder verstanden, zu ihren Agenten zu machen, sind eben jetzt durch den ablehnenden Beschluß der amerikanischen Bankenkommission gescheitert. Für die jüdische Kolonisation in Rußland trägt heute — dank dem geschickten Spiel der Sowjetleute — eine jüdischamerikanische Wohlfahrtsorganisation die Hauptverantwortung. Auch das ist eine politische „Deckung" der Sowjetmachthaber, die gegen einen drohenden Sturm mit genügenden „Ablenkungsmitteln'1 versehen sein müssen, die es ihnen ermöglichen, sich selber rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Auch da eine bewährte Methode; der Zarismus hatte seit Jahren die „schädlichen Juden" und das „internationale Judentum" im IRequisitarium seiner Ablenkungsmittel. Es gibt eben keine neuen Tricks, am wenigsten in der Politik. Fassen wir das (hier Gesagte zusammen, so ergibt sich eine Erkenntnis: Die wirtschaftliche Umschichtung der russischen Juden ist eine Notwendigkeit, da ihre gegenwärtige Wirtschaftslage geradezu ruinös ist. Ihre landwirtschaftliche Kolonisation in Rußland wäre sicher ein konsolidierender Faktor; doch was die russische Regierung auf diesem Gebiete unternimmt, ist unzulänglich, kann die Lage der Juden nicht wesentlich beeinflussen und birgt Gefahren in sich. Die Sowjetleute haben es unternommen, um daraus außenpolitisches Kapital zu schlagen; ob sie sich selbst damit nützen werden, ist fraglich, kaum fraglich ist aber, daß die Juden selbst nicht gut dabei fahren werden, und es steht zu erwarten, daß es über kurz oder lang Rettungsaktionen für die jüdische Kolonisation in Rußland geben wird. Die Konsolidierung des Palästina-Aufbauwerkes Die Verhandlungen zwischen Weizmann und Baron Rothschild. (Von unserem Londoner T. - Berichterstatter.) Ueber die Verhandlungen, welche der Präsi* dent der Zionistischen Weltorganisation Professor1 Weizmann anläßlich seines letzten Aufenthaltes in P a r i s mit Bar. Edmund Rothschild über die Frage der landwirtschaftlichen Ansiedlung eines Teiles der palästinensischen Arbeitslosen geführt hat, (wir haben über diese Unterredung, die zu den Meldungen über; eine große Spende des Barons Rothschild für den Palästina-Aufbau Anlaß gab, in der letzten Nummer unseres Blattes berichtet. Die Redaktion), hat ihr Korrespondent an maßgebender Stelle Informationen eingezogen, auf Grund deren er in der Lage ist, folgendes mitzuteilen: Bei seiner Anwesenheit in Paris besprach Präsident Weizmann mit Baron Edmund Rothschild die Frage, wie die etwa mit 1 Million Pfund zu veranschlagenden Mittel für die landwirtschaftlich^ Ansiedlung von zirka 1500 Arbeitslosen in Palästina aufzubringen wären. Prof. Weizmann hat auf Grund der Vorschläge der Finanzexperten mit mit Baron Rothschild zwei Wege zur Aufbringung dieser Million Pfund erörtert; der eine ist die Auflegung einer Art von inneren Anleihe unter der Judenschaft der Welt, der andere die Aufbringung dieses Betrages bei Bankiers unter Garantie des Völkerbundes, Baron Rothschild vertrat den Standpunkt, daß die Aufbringung dieses Betrages in verschiedenen Finanzzentren mit Hilfe des Völkerbundes damit verbunden wäre, Kreisen, die außerhalb der durch den Rahmen des Mandates und die politische Situation gegebenen Verhältnisses stehen, einen gewissen Einfluß auf die Palästinakolonisation zu gewähren. Baron Rothschild war daher der Ansicht, daß für die Aufbringung der Million Pfund der Weg der innerjüdischen Anleihe zu beschreiten sei. Auf den Vorhalt, daß dieser Weg mit Schwierigkeiten verbunden ist und die Auflegung einer sogenannten inneren Anleihe unter der Judenheit die Arbeit für den Palästina-Aufbaufonds, den Keren Hajessod, berühren würde, erklärte Bar. Rothschild, daß er bereit sei, dieAufbringung der inneren Anleihe zu übernehmen und die Erreichung ihres vollen Betrages von 1 Million Pfund zu garantieren. Diese Mitteilungen, die uns, wie nochmals hervorgehoben sei, auf Grund von Informationen aus englischen Thron lustig mache, über den englischen Adel wie über das englische Volk. Diesem Gladstone paßte Disraelis fanatische Parteinahme für seinen Stamm vortrefflich in seinen Kram. „Disraeli“, sagte er, „nimmt nur zwei Dinge auf der Welt ernst — das Judentum und seine Frau“. Dieser Zyniker hat England in seinem Leben die Richtlinien vorgezeichnet’, die ihre Geltung haben bis auf den heutigen Tag. Von der Politik Gladstones ist nichts übrig geblieben und von seiner Partei eine ganz kleine Gruppe, die vergeblich Mühe macht, wieder aufzusteigen. Disraeli sprach und schrieb vom Judentum, weil er mußte. Auf einer Fahrt durch das Eeastend von London, wo die orthodoxen Juden wohnen, sah er einmal eine Laubhütte. Er ließ sich von den Leuten erklären, was Sukkoth bedeute. Er macht sich eine Notiz, die er später in eines seiner Bücher aufnahm. Die Weinberge Israels sind längst nicht mehr, aber die Juden der ganzen Welt, im Eise des Nordens, wie in den Gluten der Mitte, wo immer sie sind, feiern immer noch das Fest der Weinlese. Ein Volk, das ein solches Gedächtnis hat, das noch seine Weinlese feiert, trotzdem es längst keine Weinberge hat, dieses Volk wird wieder seine Weinberge bekommen. Nun hätte ich sehr gerne das größte Wunder seines Lebens, die Freundschaft mit der Königin Viktoria, erzählt. Das ist ein einziges Kapitel, nicht nur in seinem Leben, sondern in der Geschichte Englands. Wieder wird er von allen Seiten verunglimpft. Er soll es einem Freunde auf seine alten Tage gesagt haben, seine Freundschaft mit der Königin beruhe darauf, daß er die Schmeichelei sehr dick auftrage. Von wem hat es die erfahren, was Disraeli vertraulich gesagt haben soll? Ein Gentleman war der Herr für keinen Fall; die Vermutung liegt nahe, er sei auch ein schlechter Erfinder gewesen. Treue und Loyalität bis zum Aeußersten — das war es, was die Königin für ihn gewann. Doch das gehört eigentlich nicht hieher; ich wollte ja vom Verhältnis Disraelis zum Judentum sprechen. Also, liäch dem Wenigen, das ich Ihnen mitteilen konnte, werden Sie zugeben: Disraeli war, wie man heute sagt, ein eifriger Zionist. Als unser Herzl die „Welt“ gründete und er uns im engeren Kreise auseinander setzte, wie er sich die Zeitschrift dachte, sagte er unter anderem, es müßte die Vorgeschichte des Zionismus dargestellt werden, und ich bekam den Auftrag, das Kapitel Disraeli zu schreiben. Es war für Herzl ganz selbstverständlich, daß Disraeli ein ernster Zionist war, und zwar in tiefster Seele. Aber bestand Disraeli die Feuerprobe? Wir wollen sehen, 1874, der Mann war gerade 70 Jahre alt, trug ihn eine konservative Welle hoch empor; er wurde Ministerpräsident; die liberale Partei war vernichtet. Er konnte machen, was er wollte; die Königin hatte er auf seiner Seite. Nun kamen die bulgarischen Greuel, die auf dem Balkan und in Rußland ungeheure Erregung auslösten; es kam zum russisch-türkischen Krieg, der damit endigte, daß die russischen Heere vor den Toren Konstantinopels standen. Hat es je eine solche Gelegenheit gegeben, den Juden den Charter in Palästina zu verschaffen? Fs bedurfte nur eines kleinen Emissärs, um dem Sultan zu sagen: „Die Russen haben die schweren Stiefel auf deinem Nacken, ich bin der einzige, der dich befreien kann; ich will etwas dafür haben, nicht für mich, aber für meinen Stamm, für die Juden.“ Es ist leicht zu vetstehen, daß der Sultan jauchzend in den Charter eingewilligt hatte, um den Herzl ein halbes Jahrhundert kämpfte, ohne ihn zu erlangen. Hat Disraeli dieses Wort gesprochen? Nein! Er hat es nicht gesprochen. War er also doch dieser Lump, als den ihn die Liberalen darstellen? Durchaus nicht. Man gibt einem etwas, wenn er es verlangt. Wer hat denn Palästina haben wollen? Wo waren die Juden, die nach Palästina gehen wollten? Sie waren nicht da. Und nun haben Sie ein prächtiges Beispiel dafür, wie die alte Doktrinfrage von der Geschichte beantwortet wird. Sind es einzelne große Männer, die die Geschichte machen oder ist es die Masse? Der große Mann war da, aber es fehlte das jüdische Volk, es fehlte die Masse. Und das erlösende Wort wurde von dem Zionisten Disraeli nicht gesprochen. Man erinnert sich daran, wie in dem wundervollen Buche Esther, Mordechai zu Esther sagt: „Wirst du nicht beim König richten, daß die Anschläge von Hamaan zunichte werden, so wird die Hilfe von anderer Seite kommen.“ Es brauchte lange, bis sie kam, aber sie kam. Das zionistische Erziehungswerk unter den Juden des Ostens begann; Englische Christen bereisten Palästina und predigten in England Heimkehr der Juden nach Palästina. Es kam die Schrift Pinskers — Ihnen brauche ich sie nicht zu nennen; es begannen die Chowewe-Zion mit ihrer Arbeit und es kam Herzl mit seiner ungeheuren Konzeption und mit seiner Propaganda, der er sein reiches, an Möglichkeiten unendlich reiches Leben hingab. Die Masse war erzogen. Damals war der Schüler Disraelis, Lord Salisbury, der englische Premierminister auf der Höhe seiner Macht. Da sagten die Leute zu Herzl: „Wende dich an ihn, entwirf ihm das Programm, setze ihm auseinander, was ein jüdisches Palästina für England bedeuten kann.“ Er schickte einen Emissär zu ihm, mit schweren Kosten. Salisbury wollte ihn nicht einmal empfangen. Er suchte einen zweiten Weg. Er ließ sich von Nordau an Alfred Austin empfehlen, den Salisbury zum Hofdichter gemacht hatte. Austin lud ihn ein. Herzl war ganz entzückt von diesen feinen Leuten auf ihrem eigenen Gütchen. Austin gab ihm ein Empfehlungsschreiben an Salisbury. Herzl wurde nicht empfangen. Und nun kommt das Unglaubliche, das man nur mit Widerstreben in einem beleuchteten Saale und vor viele»