Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-01-26 · Heft 4 (26.1.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 4 (26.1.1928)
Date
1928-01-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053757--0055-3055310
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 DIE STIMME Nr. 4 iand erhalten, der durch die oben wiedergegebene Nachricht besonders aktuell erscheint: Politische Judenkolonisation Von Oeconomicus. in den Ländern jüdischer Massensiediung in Osteuropa *urdc frühzeitig erkannt, daß die sogenannte „Judenfrage" ihre Ursache zu einem gut Teil in ihrer abnormalen wirtschaftlichen und sozialen Gliederung der jüdischen Bevölkerung hat. und vor fast eineinviertel Jahrhunderten wurde in Rußland von Staats wegen eine wirtschaftliche Umschieb ung der Juden in die Wege geleitet; die Regierung sah ein wichtiges Mittel zur Umgestaltung der ökonomischen und sozialen Existenz der Juden Rußlands in der Schaffung eines jüdischen Bauernstandes und beschloß, die „unproduktive und schädliche'' Wirtschaftstätigkeit der Juden (sie waren die Vermittler zwischen dem adeligen Gutsbesitz und den Leibeigenen) durch Ueberführung in die Urproduktion zu hemmen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde im Jahre 1807 unter der Regierung des Zaren Alexander I. eine Massenausweisung der Juden aus den Landgebieten Weißrußlands in Szene gesetzt und gleichzeitig durch Zusicherung gewisser Steuer- und sonstiger Vorteile der Strom der Ausgewiesenen in die nicht lange vorher an das russische Reich angegliederten Steppengebiete Südrußlands gelenkt, die damals noch fast unbesiedelt waren. Es begann die landwirtschaftliche A n s i e d 1 u n g von Juden im Gebiete des Gouvernements Cherson, aus der sich weiterhin die stärkste jüdische Bauernsiedlung der Welt entwickeln sollte. Alexander I. Nachfolger, Zar Nikolaus L, in dessen gewalttätigem Russifizierungsprogramm die völlige „Aufsaugung" der Juden in erster Reihe atand, setzte das Werk seines Vorgängers fort, indem er die Juden, welche sich auf dem Lande ansiedelcen, von dem ihnen damals zur Pflicht gemachten Militärdienst enthob und auch ausgedienten jüdischen Soldaten nach fünfundzwanzigjährigem Militärdienst Landlose zuwies. Jüdische Kolonisten erhielten eine Reihe von Erleichterungen, auch Investitionskredite, diese aus einem Fonds, der aus den Einkünften der von der Regierung den Juden auferlegten Abgabe auf Koscherfleisch gebildet wurde. Wer sich zur Landwirtschaft entschloß, war gezwungen, in diesem Wirtschaftszweig zu verbleiben. So entstanden die sogenannten jüdischen Militärkolonien in Rußland, die wohl im Verhältnis zur Zahl der Juden im russischen Reiche (über 5 Millionen Seelen vor dem Weltkrieg) keine nennenswerte Rolle in der Wirtschaftsgliederung dieser Bevölkerungsgruppe bilden konnten, aber die größte landwirtschaftliche Siedlung von Juden seit dem Verlust ihrer staatlichen und ökonomischen Selbständigkeit darstellten. Vor dem Weltkrieg gab es in Rußland ca. 12.000 jüdische Kolonistenfamilien. Obwohl unter Alexander II. die Vorrechte der jüdischen Militärkolonien aufgehoben wurden und obwohl im Jahre 1882 den Juden Rußlands verboten wurde, Boden zu kaufen oder zu pachten, nahmen die jüdischen Kolonien in den Gebieten von Cherson und Jekaterinoslaw sowie in anderen Gouvernements im russischen Süden lagen, eine ziemlich normale Entwicklung und es entstand in ihnen im Ablauf der drei bis vier Generationen von 1807 bis zum Weltkrieg. der mit vielen anderen Werten auch sie vernichtete, ein chaiakteristischer jüdischer Bauerntypus. Die abnormale 'wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Rußland dauerte auch nach der unzulänglichen Umschichtungsmaßnahme der Regierung an, wurde durch die Schaffung des sogenannten Ansiedlungsrayons für die Juden noch verschärft, konnte es aber nicht verhindern, daß die um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts besonsonders rapide wirtschaftliche Entwicklung Rußlands auch den Juden zugute kam. Unter der jüdischen Bevölkerung des Zarenreiches entstand eine ziemlich gut fundierte, rege Mittel- und Kleinindustrie, hauptsächlich auf dem Gebiete der Erzeugung von Schuhwaren, Konfektion, Wirkwaren, Möbeln und anderen Holzwaren, getragen von jüdischen Unternehmern und Arbeitern. Rußlands Teilnahme am Weltkrieg, die darauffolgenden Bürgerkriege und schließlich der Sieg des Bolschewismus, ruinierte die Juden vollständig. Der sogenannte „reine Kommunismüs", hatte die völlige Zerstörung der bestehenden Wirtschaftsformen zum Ziel und sein Nachfolger, der „Nep‘‘ (die „Neue ökonomische Politik") geht darauf aus, zugunsten der verstaatlichten Großindustrie das private Gewerbe und den privaten Handel zu vernichten. Die Leidtragenden sind die Juden und nie, auch in der Zeit des scfh-liimmsten zaristischen Willkür, war ihre Wirtschaftslage in Rußland so trostlos wie heute. Die Mittel- und Kleinindustrie, in der sie tätig waren, ja die sie zum größten Teil begründet hatten, wurde durch die „Nationalisierung" (d. h. Verstaatlichung) vernichtet; der Handwerker darf keine Lehrlinge und keine Gehilfen halten; das Angebot an Arbeitern ist zufolge der Landflucht aus den übervölkerten Dörfern groß; die Juden Rußlands stehen vor dem völligen Ruin. In dieser Lage setzte unter den russischen Juden, denen der Ausweg der Emigration verschlossen blieb, oine Binnenwanderung ein, die sich, ebenso wie bei der nichtjüdischen Bevölkerung Rußlands, aber später als bei dieser, auf das flache Land richtete. Nach der Agrarrevolution verlangten und erhielten auch Juden Landanteile. In Weißrußland erreichte die Zahl der jüdischen Familien, die sich spontan auf dem Lande ansiedelten, etwa 40.000 Seelen. Und so wanderten viele Tausende von jüdischen Familien in die Steppengebiete, um Land zu erhalten und zu bebauen; jüdische Binnenwanderungskomitees gründeten sich, die Anmeldungen wuchsen von Tag zu Tag, aus dem Selbsterhaltungstrieb erwuchs eine landwirtschaftliche Bewegung unter den Juden Rußlands. Diese spontan entstandene Kolonisationsbewegung unter den Juden, die im Jahre 1922 einsetzte, griff nun anfangs 1925 Lord Artur Balfour (Zu dem untenstehenden Feuilleton.) die Sowjetregierung auf, um sie systematisch Zu entwickeln und — für ihre Zwecke auszunützen. Es wurde ein staatliches „Komitee für die Landsiedlung werktätiger Juden", kurz „Komzet" genannt, begründet und ihm eine gesellschaftliche Organisation mit demselben Ziel, „Ozet" beigeordnet, die selbstverständlich, wie alle öffentlichen Organisationen i» Sowjetrußland, von Kommunisten geleitet wird, also — entgegen allen agitatorischen Meldungen nach dem Ausland — nicht die Vertretung der jüdischen Bevölkerung Rußlands darstellt, die zuviel vom Kommunismus am eigenen Leibe gespürt hat, um einer von Kommunisten geleiteten Sache etwas anderes als schärfstes Mißtrauen entgegenzubringen. Die Sowjetregierung besaß nicht die Mittel für die Verwirklichung ihrer Kolonisationspläne, konnte sie auch nicht von den russischen Juden erhalten, die durch das Sowjetsystem vollständig ruiniert worden waren und bei denen sie jeden moralischen Kredit verloren hat. So blieb ihr nur der Weg ins Ausland übrig. Den Juden des Auslandes mußte der Plan der landwirtschaftlichen Kolonisation von Juden in Rußland als ein förderungswürdiges Unternehmen dargestellt werden, um ihre Hilfe zu erhalten. Zu diesem Zwecke wurde die Idee des Zaren Alexander I. und Nikolaus I. „ausgebaut und vertieft". Es wurde erklärt, die landwirtschaftliche Kolonisation von Juden in Rußland werde die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden dortselbst gründlich zum Guten wenden. Die Sowjetregierung versprach, in den nächsten zehn Jahren 100.000 jiidiscihe Familien mit ausreichendem Boden auf dem Lande anzusiedeln, möglichst in geschlossenen Flächen. Vorläufig wurden ca. 200,000 Desjatinen Boden, davon etwa 60 Prozent in der Ukraine, 30 Prozent in der Krim und der Rest in Weißrußland für die jüdische Kolonisation zur Verfügung gestellt und versprochen, den weiteren Boden, der notwendig ist, sukzessive beizustellen. Es gelang auch tatsächlich, die nach dem Kriege begründete jüdisch-amerikanische Wohlfahrisorganisation „Joint Distribution Committee", die mit riesigen Mitteln unter den Juden Osteuropas eine sehr umfangreiche, aber in den Methoden bisher wenig produktive Hilfslätigkeit entfaltet hat, für diesen Kolonisatiomsplan zu gewinnen; der „Joint" hat die Leitung der reinen jüdischen Kolonisationsarbeit in Rußland durch ein eigenes Organ, den Agro-Joint, übernommen, der auch von der Sowjetregierung anerkannt ist. Nach dem Bericht über die bisherige Kolonisationstätigkeit (von Mai 1925 bis September 1927), der auf der vor einigen Wochen in Chikago abgehaltenen Konferenz des „Joint1* erstattet wurde, sind bisher ca. 35.000 jüdische Familien in 180 Kolonien angesiedelt worden. Der „Joint" hat für dieses Werk bisher 3.7 Millionen Dollar ausgegeben, davon 80 Prozent in Form von Krediten an die Siedler. Bis Ende 1928 läuft der Vertrag des „Joint" mit der Sowjetregierung, die bestrebt ist, ihn zu erneuern und durch ihr erwähntes 'Regierungskomitec „Komzet‘‘ den Vorschlag gemacht hat, das Siedlungswerk auf Basis einer Anleihe, die hinreichend garantiert wäre, fortzuführen; von dieser Anleihe würde „Komzet" 50 Prozent übernehmen. Wie der Berichterstatter (der Direktor des Agro- Joint, Dr. Rosen) weiter ausführte, könnten in Rußland in de» nächsten Jahren noch 20.000 bis 30.000 jüdische Familie» kolonisiert werden. Die genannten Ziffern besagen, daß hier in kurzer Zeit das größte landwirtschaftliche Kolonisationswerk der jüdische» Geschichte durchgeführt wurde (zum Vergleiche sei angeführt, daß die jüdische Kolonisation in Palästina in 40 Jahren knapp 8000 jüdische Familien auf dem Lande angesiedelt hat); dabei ist sie verhältnismäßig billig, zumal die Siedler den Boden, der z. B. in Palästina die Kosten der jüdischen Kolonisation stark erhöht, umsonst erhalten. Landwirtschaftliche Maschine» und Saatgut erhalten die Siedler durch staatlichen Kredit, von Boden, und sonstigen Steuern sind sie durch drei Jahre befreit. Die jüdischen Siedlungen sind, wenigstens in Südraß- Disraeli und Balfour Von Hoirat Prof- Dr, Leon Kellner, (Ein Vortrag.) (Sdhluß aus Nummer 3.) Wie wurde es ihm möglich, sich und seine veraltete Anschauung durchzusetzen? Der Disraeli, der mit so vielen imgünstigen Momenten zu kämpfen hatte, der getaufte Jude — man nennt ihn in England noch heute „den Juden“ — der Mann mit den schwarzen Locken, der Mann mit den schwarzen Augen, der Mann, der keine akademische Bildung hatte, dieser Börsenspieler, dieser Verräter — das war wahrhaftig genug, um einem Menschen die politische Laufbahn für immer zu verderben. Dieser Mann hatte aber auch viele glückliche Momente, für die er nichts konnte. Ihm stand der Tod, der böse Feind von uns allen, als Helfer zur Seite. 1837 Wurde er Abgeordneter, war dann zwei Jahre lang mit einem kleinen Kreis sehr intim, so zum Beispiel mit Wyndham Lewis. Der starb im Jahre 1839. Disraeli heiratete die Witwe, die um 15 Jahre älter war als er, jene wunderbare Frau, von der alle sagen, sogar ihre Freundinnen, es habe nie eine bessere Ehefrau gegeben. Er heiratete nicht aus Liebe, aber sie brachte ihm ein Gut und unendliche Zärtlichkeiten entgegen und sie führte ihn in die Gesellschaft ein. Sie gab ihm jene Unabhängigkeit, die ihm weder die Literatur noch die Politik verschafft hatte. Er gründete die Partei „Jung-England", der lauter Herren vom höchsten, konservativsten Adel angehörten. Mit diesen Herren suchte er sein politisches Programm durchzusetzen. — Boden, Monarchie und Volk. Lord Bentink war dem Namen nach der Führer der Partei, denn man konnte doch nicht den Juden Disraeli zum Führer machen. Mit Bentink gingen Lord Manners und Derby und andere. Kaum war ein halbes Jahrzehnt ▼ergangen und die hohen adeligen Herren hatten sich an den Juden gewöhnt, da legte sich Bentink hin und starb. Jetzt war es selbstverständlich, daß Disraeli der Führer der neuen Partei wurde. Man muß wissen, was das heißt: der äußerste Konservatismus Englands. wählte einen Juden von der Vergangenheit Disraelis zu ihrem Führer. Einen Feind hatte er, wie keinen zweiten in England, den mächtigsten Mann Englands, nämlich Robert Peel, der die Abschaffung der Getreidezölle durchgesetzt hatte. Die Königin schwur auf ihn. Der ritt eines Tages aus, das Pferd scheute, er brach den Kragen und Disraeli wurde im Jahre 1850 den gefährlichsten Feind los. Noch blieb ihm ein großer Gegner, das war der Prinzgemahl der Königin Viktoria, ein Deutscher, mit einer angeborenen Antipathie gegen den Juden Disraeli: Der sagte einmal: „Ich weiß nicht, was die Leute an dem Disraeli gefressen haben, es ist doch nicht ein Stäubchen von einem Gentleman in diesem Disraeli“. Das hörte die Königin und sie folgte blind diesem Prinzgemahl. Und Disraeli wäre nicht weiter gekommen, wenn der Prinzgemahl gelebt hätte. 1861 legte sich der Prinzgemahl hin und starb. Disraelis Partei war jetzt unter Führung von Lord Derby, der den liberalen Industrialismus bekämpfte und dreimal von der Königin zur Bildung eines Ministeriums berufen wurde. Das erste Mal ohne Erfolg. Das zweite Mal ging es besser und Disraeli kam als Minister ins Kabinett. Nun hatten sich der Adel und das große Publikum an den jüdischen Minister gewöhnt, so gewöhnt, daß man sich kein Programm denken konnte, wenn nicht Disraeli die Gedanken dazu hergab. Aber Lord Derby, der Führer, starb 1866. Nun gab es keine andere Möglichkeit mehr, die Konservativen hatten keinen anderen Mann an die Spitze zu stellen, als Disraeli. Disrali wurde der Führer der Partei. Jetzt gab es keine Möglichkeit mehr, ihn bei einem neuen Wahlsieg der Konservativen zu umgehen. Der Sieg wurde erkämpft — und der Jude Disraeli wurde trotz der schwarzen Locken, trotz des Verrates an den Liberalen, trotz aller seiner Untaten und seiner bösen Zunge, Ministerpräsident im adelsstolzesten Lande der Welt. Man möchte glauben, der Mann, der in seiner politischen Laufbahn einen Kampf mit erbittertsten Feinden oben und unten führte, wäre von den Sorgen des Tages vollständig absorbiert worden. Aber nein! Mitten im Toben des politischen Kampfes, schrieb er das Buch „Tancred, oder der Neue Kreuzzug“. Und was hören wir? Ein Heil gibt es für die Welt — Palästina. Man soll den Juden Palästina zurückgeben! Sehen Sie irgend einen sichtbaren Zusammenhang zwischen der politischen Karriere jenes „Abenteurers“ und dem Judentum? Aeußerlich ist keiner da, aber in der Seele des Mannes wirkten di» atavistischen Kräfte ununterbrochen. Das Judentum ließ ihn nicht los. Wieder schreibt er ein Buch, die Biographie Lord Bentinks. Was hat Bentink mit dem Judentum zu tun? Nichts. Aber Disraeli kann nicht in die Weltpolitik hineinsteigen, ohne auf das Judentum zu kommen. Die Welt, die Völker, die Monarchien haben nur zwei Möglichkeiten den Juden gegenüber. Entweder sie nehmen freiwillig, gutwillig die ungeheuren Kräfte, die in dieser Rasse schlummern auf, und benützen sie für ihr eigenes Hell; wohl ihnen, wenn sie dies tun. Oder sie suchen sie zu knechten. Aber diese Menschen lassen sich nicht versklaven; das zeigt die ganze Geschichte des jüdischen Volkes. Also, was haben die Staaten mit ihren Knechtungsversuchen erreicht? Sie haben sich die Revolutionäre gezüchtet, die ihnen die Throne Umstürzen werden. Gibt es noch eine zweite Hellseherei von solcher Art in der Welt? Die liberalen Feinde Disraelis, der liberale Führer Gladstone an der Spitze, hielten krampfhaft an dem Vorurteil fest, Disraeli sei ein politischer Komödiant, ein Zyniker, der sich in seinem Herzen über England und den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.