Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 3 DIE STIMME Seite 13 Zweites Hebräisches Konzert Das am 26. November v. J. mit großem Erfolge durchgeführte hebräische Konzert, welches damals unter dem Protektorate des Oberrabbiners Prof. C h a j e s s. A. stand, wird auf Anregung weiter jüdischer Kreise wiederholt. Die Veranstalter, der Jugendverein »Erez Israel« und die zionistische Sektion Leopoldstadt, haben ein weit größeres und völlig neues Programm gewählt, welches am 19. F e b r u a r 1. J. im Großen Konzerthaussaal unter der Leitung des Komponisten Prof. Artur Wolf zur Aufführung gelangt. Ihre Mitwirkung haben bisher zugesagt: Rena Pfiffer-Lax (Volksoper), Hanna Sdvwarz (Volksoper), Margarete Slezak (Stadttheater), Prof. Carl Lafite, Oberkantor Gerson Margulies, Opernsänger Hans Schwestka (Brünn). Das Erträgnis fließt zum größten Teile den vom Oberrabbiner Dr, CEvajes s. A. ins Leben gerufene Kulturinstitutionen und dem Chajes-Wald zu. Alle zionistischen Sektionen und jüdischen Vereine etc. werden im Interesse des Gelingens dieser bedeutsamen kulturellen Veranstaltung gebeten, für den 19, Februar 1. J. keinerlei Veranstaltungen anzusetzen, Karten im Büro des Keren Kajemeths, I., Kärntnerstraße 28, im Vereinslokal II., Zirkusgasse 33, in den Buchhandlungen R. Löwit, I„ Rotenturmstraße 22 und Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20a. Ein Palästina*Singspiel in den Jüdischen Künstlerspielen Von Freitag den 20. bis Donnerstag den 26. Jänner geht in den Jüdischen Künstlerspielen (im Theater Reklame, II., Praterstraße 34) das Singspiel ,^Palästinerliebe" von M. Lilien, Musik von E. Sandler zur Aufführung, welches das Leben im neuen Palästina und den Tod des jüdischen Helden Trumpeldor behandelt. Jüdische Bühne (II., Taborstraße 12, Hotel Stephanie). Wochenprogramm: Freitag 20. Jänner „Die jüdische Anna Karenina". Erstaufführung. Samstag 21., Sonntag 22. und Montag 23. Jänner „Anna Karenina“, Lebensbild in vier Akten, Sonntag 3 Uhr nachmittags „Chusen Kaie“, Komödie in vier Akten. Zwanzigste Aufführung. Dienstag 24. „Die rumänische Chase.ne“, Operette in drei Akten. Mittwoch 25., ,/Der grüner iBu che r", Komödie in vier Akten. Donnerstag 26. Jänner, „Die erste Lieb e“, Lebensbild in vier Akten. Beginn 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage freier Eintritt, Bei Schuh-Dorn, lL, Taborstraße 8 a, gelangen zum Inventurverkauf erstklassige Einzelpaare zu spottbilligen Preisen. Benützen Sie die Gelegenlheit! Es ist in Ihrem Interesse. Entgeltlich. FLIEGELMANN Von H. D. 1. Kapitel in welchem erzählt wird, wer und was Fliegelmann ist und was für Bekannte er hat. Fliegelmann ist ein Mann von etwas über dreißig Jahren. Er ist klein, den Körper hält er etwas vorgebeugt. Auf seinem magern Hals sitzt ein großer Kopf mit einer mächtig ausladenden Stirn. Ein blondes Bärtchen umsäumt das Kinn. Seine Augen erinnern an Fenster, die ein wenig angehaucht sind, und man fühlt sich stets versucht, mit einem Tuch darüber zu fahren, damit sie blank werden. Wenn er so, den Rücken gebogen, die Hände in den Taschen, langsam über die belebten Straßen zu seinen Lektionen geht, denkt er mit stolzer Gelassenheit über sich nach: Auf der Welt haben bislang eine Unzahl bedeutender Männer gelebt, Buddha, Spinoza, Kant und viele andere; und er, des Kunewer Gemeindedieners Sohn, er kennt ihre philosophischen Systeme und Werke ganz genau, kann Satz für Satz auswendig hersagen, wenn es drauf ankommt. Und ein Gefühl der Zufriedenheit überkommt Fliegelmann bei diesem Gedanken. Wenn gar draußen schönes Wetter ist, wenn das Gerassel der Droschken nicht zu arg und die Zeit der Lektion nicht drohend nahe ist, da spinnt Fliegelmann diese Gedanken im langsamen Gehen noch weiter aus und stellt mit Befriedigung fest, daß eigentlich, wenn man der Sache auf den Grund geht, keiner der Philosophen so überaus weise war; jeder hatte sein Steckenpferd und vergrub sich in seine Theorie; da traf er wohl das Richtige, doch nur zum Teil. Und er, Fliegelmann, weiß all das, was sie in heißem Bemühen herausgebracht haben, und er weiß noch mehr: er weiß, daß der innerste Kernpunkt aller Philosophie und alles Wissens das Leben ist, nur das Leben. Mit seinem Leben ist Fliegelmann zufrieden. Allerdings — in den ersten fünf Jahren seines Warschauer Aufenthaltes ist ihm das Dasein nicht leicht gefallen, doch damals war er noch ein Mensch ohne feste Ueberzeugungen, ohne eine Weltanschauung, und er denkt nicht gern an jene Zeiten. Aber seit acht Jahren ist es mit ihm weit besser bestellt. Er hat gute Lektionen, lebt ruhig und nach festen Prinzipien, ein wenig abgesondert von der Welt zwischen den vier Wänden seines Zimmers im fünften Stock. Fliegelmanns Zimmer ist nach besonderen Prinzipien aufgeräumt, nach seinen eigenen; er selbst hält Ordnung darin. Denn vom Stubenmädchen läßt er sich nicht bedienen. Er ist nämlich, aus innerster IJeberzetigung ein Gegner jeder Art von Knechtschaft. Allerdings, wenn es nötig ist, den Fußboden zu waschen (was Fliegelmann selbst nicht imstande ist), da macht er sich bittere Vorwürfe, er sei ein Kompromißmensch. Schließlich beruhigt er sich mit der Ueberzeugung, es sei für einen ordentlichen, prinzipienfesten Menschen sehr schwer, auf dieser Welt zu existieren, Bekannte hat Fliegelmann viele, doch nahe stehen ihm wenige. Unter seinen Bekannten hält man ihn für einen sehr gebildeten Menschen, für einen Philosophen und Aestheten, doch man spricht nicht von ihm. Er wird vergessen, wenn er nicht da *) Aan 12. Dezember 1927 ist dieir jüdische Schriftsteller unid Publizist .gestorben. Seine literatrischen Anfänge begann er unter Führung von J. L. Perez und machte sich bald durch originelle Begabung bemerkbar, lühm verdankt die moderne jüdische Literatur einige der besten impressionistischen Geseihiohten. Später wandte sich INomberg mehr der Publizistik zu; er führte eine geistreiche Feder. Eine Zeitlang gehörte er auch dem ersten polnischen Parlament als Deputierter an. In den Letzten Jahren lebte er meist in Berlin. Dort ist er auch am gleichen Tage wie sein Jugendfreund, der polnische Schriftsteller Przylyszavski, gestorben. Wir bringen hier eine von Nombergs berühmtesten und anziehendsten Erzählungen, deren Held Fliegelmann häufig »der jüdische Oblomoff« genannt wird, in deutscher Uebertragung von Siegfried S c h m i t z. Die Red. Nomberg/) ist (und das ist oft monatelang der Fall), erst wenn man zu irgend einem Zwecke dringend Geld braucht, ruft plötzlich der oder jener: »Halt! Beinahe hätten wir Fliegelmann ganz vergessen!« »Richtig! Fliegelmann!« — sagt ein anderer, und alles wundert sich, daß keiner an Fliegelmann gedacht hat. Wenn man ihn dann besucht, so wartet er mit Tee auf, fragt nach allen Bekannten und gibt bereitwillig das nötige Geld. Doch er liebt es nicht, ganz aus sich herauszugehen und weiß es so einzurichten, daß das Gespräch nicht zu intim wird, damit es nicht etwa, wie er sich auszudrücken pflegt, »seine Weltanschauung berühre«. Der Besucher geht zufrieden fort, den Zweck seines Besuches hat er erreicht, und wenn er in seinen Kreis kommt, dann erzählt er von dem erfolgreichen Besuch. Fliegelmann wird von jedermann gelobt — und dann bald wieder für ein paar Monate vergessen. Näher als die übrigen steht unserem Fliegelmann ein Lehrer namens Lewandkowski, ein verheirateter Mann mit sechs Kindern und der Armut im Hause. Doch die nimmt er von der heiteren Seite. Die beiden haben sich in einer Buchhandlung kennengelernt. Lewandkowski hat nämlich eine Leidenschaft für Bücher. Von jedem neu erscheinenden Buch der hebräischen oder jiddischen Literatur hat er Kenntnis. Hat er kein Geld, es zu kaufen, so geht er traurig umher, läßt den Kopf hängen, ja er weist sogar, wenn er bei Fliegelmann ist, seufzend den angebotenen Tee zurück. Fliegelmann borgt ihm dann jedesmal das nötige Geld und steckt ruhig all die Vorwürfe ein, die ihm dafür Lewandkowskis Frau macht, daß er ihrem Manne für seine Narrheiten Geld borge. Mit Lewandkowski ist Fliegelmann sehr offenherzig und würdigt ihn oft und gern eines Gespräches über seine eigene Person: »Die Dichter meinen, sie allein fühlten die Schönheit der Natur. Das ist Ueberhebung. Das eine haben sie zum Beispiel vor mir voraus, daß sie ihr Gefühl in poetischer Form ausdrücken können; ich kann das nicht, denn ich beschäftige mich nicht damit. Aber das poetische Gefühl selbst! — Zum Beispiel: ich zahle für mein Zimmer um einen Rubel mehr, nur weil bei Nacht der Mond hereinscheint. Ich bin ein offener Mensch; ich habe der Wirtin sofort gesagt, ich zahle ihr einen Rubel mehr unter der Bedingung, daß der Mond ins Zimmer guckt. Nun, Sie wissen ja, Lewandkowski, das Volk ist grob und klotzig — Sie verstehen? Und da stellen Sie sich nun vor: Wie ich meine Wirtin frage, ob bei Nacht der Mond ins Zimmer scheint, da lacht die Person. Sie ist überzeugt — Sie verstehen — ich sei ein Narr. .. Mit einem Wort, Lewandkowski — für einen ordentlichen, klugen Menschen ist das Leben auf dieser Welt nicht leicht. Ja!...« Fliegelmann spricht gewöhnlich russisch; Lewandkowski versteht zwar nicht alles, da er die Sprache nicht völlig beherrscht und ihm die schwereren Ausdrücke nicht geläufig sind, aber er zollt den Worten Fliegelmanns seine Dankbarkeit, indem er ihm einen selbst gedichteten Hymnus an die Natur vorliest. »Das Gedicht ist gut« — sagt Fliegelmann — »nur fehlt Ihnen, Lewandkowski, der tiefere, philosophische Blick. Zum Beispiel, Sie sagen da: »Wie schön ist die Natur, Berg, Himmel, Wolken, Flur!« Ein wahrer Dichter fühlt, daß Berg, Himmel und Erde, die ganze Natur überhaupt, genau das gleiche ist wie wir selbst. . .« »Was heißt das?« fragt Lewandkowski, und sein Gesicht nimmt einen weinerlich ernsten Zug an, aus dem offenen Mund lugen zwei Reihen langer Zähne, und seine Hand fährt zitternd in der Luft umher. »Es ist so, ja; ich zum Beispiel fühle es oft ganz Das seftnlichsf erwartete 3uch ist dal\ Die jüdischen Schwänke Herausgegeben von Max Pr&ger und Siegfried Schmilz. Diese Sammlung von Anekdoten Witzen Schwänken führt in das Reich echten Humors Jede Seite zwingt zur Heiterkeit Wer bei diesem Buch nicht lacht, der hat das Lachen nie gekannt! Eleganter Ganzleinenband 8 Schilling durch alle Buchhandlungen oder direkt von R. Löwit Verlag Wien I. Flelschmarkt 1 Rotenturmstraße 22 deutlich, daß ich und der Himmel und der Mond eines und dasselbe sind, absolut natürlich — Sie verstehen? — doch in verschiedenen Formen. . .« »Das ist es! In verschiedenen Formen! Das meine ich ja auch, auch in dieser Stelle des Hymnus. Was ist dann darin schlecht erfaßt?« Bei diesen Worten fährt Lewandkowski so erregt-energisch mit der Hand durch die Luft, daß Fliegelmann nichts mehr zu entgegnen wagt, denn er sieht es ungern, wenn sich jemand im Gespräch erregt. »Ja, das Gedicht ist gut,« sagt er, »wir sprechen noch davon. Gute Nacht!« Gar oft, wenn er Lewandkowskis Wohnung verläßt, geht ihm dessen Frau nach, eine jüdische Frau, wie man sie oft und oft sieht, mit gelblichem Gesicht und eingefallener Brust, und ruft ihn beiseite: »Herr Fliegelmann, können Sie mir vielleicht 50 Kopeken leihen?« Fliegelmann borgt sie ihr und will weitergehen. Doch er bleibt im Hausflur stehen, denn er hört das Ehepaar Lewandkowski streiten. Der Mann will 15 Kopeken für Tabak; das erregte Weib verweigert sie ihm. Er sagt, Fliegelmann leihe ihr doch nur um seinetwillen. Die Frau antwortet.* »Du bist nicht wert, daß er mit dir spricht.« — Lewandkowski wird still. Fliegelmann hört ihn im Zimmer auf und abgehen. Ueber sein Gesicht zieht sich ein zufriedenes Lächeln, vielmehr das zufriedene Lächeln liegt ständig auf seinem Gesicht, nur diesmal wird es stärker. Dann geht er heim, um zu lesen. Fliegelmann liest lange und langsam, nimmt dabei stets eine und dieselbe Haltung ein und hat einen ernsten, ruhigen Ausdruck im Gesicht. Kommt er zu einer merkwürdigen Stelle, so unterbricht er das Lesen, geht einmal im Zimmer auf und ab, setzt sich dann wieder zum Buch, streicht seinen Schnurrbart und liest die Stelle noch einmal, um sie sich zu merken. Dann liest er weiter, gleichmäßig, langsam, unermüdlich. Nach längerer Zeit zieht er die Uhr. Wenn es 11 Uhr ist, schließt er das Buch, streicht wieder seinen Bart und sein Gesicht trägt einen Ausdruck satter Lebensfreude. Wenn der Mond auf dem Himmelsausschnitt scheint, den man durch Fliegelmanns Fenster sieht, löscht Fliegelmann die Lampe aus, rückt den Stuhl ans Fenster und blickt zum Mond auf. Dabei raucht er eine Zigarette und bläst den Rauch langsam vor sich; der verwebt sich in der dunklen Luft zu einem Nebelvorhang, und dahinter schwimmt, scheinbar ganz nahe, der Mond, fromm und ernst. Und Fliegelmann brummt eine alte chassidische Melodie — die einzige, die sein Ohr aufgenommen hat in seinem ganzen Leben — leise vor sich hin. Der Rauchnebel verzieht sich, der Himmel und der Mond werden höher, Fliegelmann blickt lange mit gehobenem Kopfe empor und fühlt, er und der Mor.d und der Himmel und die ganze Welt seien eins, absolut eins in verschiedenen Formen und der Kernpunkt des Seins sei das Leben. Wenn er dann im Bette liegt, entschläft er mit dem Gedanken, daß das ehrlichste und klügste Leben gleichzeitig auch da? beste und schönste ist, daß sein eigenes Leben auch reich an Poesie sei. Das ist Fliegelmann. (Fortsetzung folgt.)