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Die Stimme · 1928-01-19 · Heft 3 (19.1.1928) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 3 (19.1.1928)
Date
1928-01-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 3 Wissenschaft, Literatur, Kunst Aus alten Quellen Die Kenntnis der kulturellen Quellen der jüdischen Vergangenheit zu vermitteln, ist für ein Blatt, das sich zum Ziel gesetzt hat, universell jüdisch zu sein, unerläßlich; denn, modernes universelles Judentum, das an seine Zukunft glaubt, bedarf der Verbindung mit der eigenen Vergangenheit. Wir werden daher unter dem Titel ,,Aus alten Quellen“, womöglich jede Woche, charakteristische Abschnitte aus Werken, Dokumenten, Briefen der älteren hebräischen Literatur und anderssprachigen Ausdrucksformen der jüdischen Vergangenheit bringen. Das erste Dokument dieser Art, das wir hier veröffentlichen, ist ein Brief des Rabbi Abraham Kalisker über Palästina. Rabbi Abraham Kalisker gehörte zu den Heroen der chassidischen Bewegung, welche in ihren Anfängen Volksbewegung von lebendiger schöpferischer Kraft war. Rabbi Abraham Kalisker war einer der chassidischen Rabbinen, welche unter Führung des berühmten Rabbi Menachem Mendel aus Witebsk vor 150 Jahren die Einwanderung der Chassidim nach Palästina einleitete. Diese chassidische Wanderbewegung nach Erez Israel ist eine bedeutsame Episode der jüdischen Geschichte. 300 chassidische Familien kamen vor 150 Jahren nach Erez Israel, um auf dem Boden des Landes von der Hände Arbeit zu leben. Es war eine Art von Kolonisationsplan, dem aus lebendigem religiösen Empfinden geborene Motive zugrundelagen. Der Brief, den Rabbi Abraham Kalisker von Palästina aus an seine Anhänger richtete, lautet: ,,Ich habe das Bedürfnis, folgendes allen denjenigen zu erwidern, die den Wunsch haben, sich im Heiligen Lande niederzulassen. Sie sollen wissen, was das Land bedeutet. Es haben unsere Lehrer s. A. im Midrasch Schocher tow zum Satz ,Gott Du hast an Deinem Lande Wohlgefallen gefunden’, bemerkt: Der Heilige, gelobt sei Er, schaut immer wieder und blickt stets aufs neue auf das Land, bis es den richtigen Weg wandelt. Wie viel Qualen, Wandlungen, Umwälzungen, Erlebnisse kommen über jeden, der ins Land kommt, bis er sich einrichtet, die Steine des Landes lieb gewinnt, seinen Boden liebkost, die Ruinen des Heiligen Landes in sein Herz schließt und in ihnen trockenes Brot findet. Und er braucht hiezu nicht einen Tag und nicht zwei, nicht einen Monat und nicht ein Jahr, sondern erst im Laufe der Jahre gelingt es ihm, sich dem Leben des Landes anzupassen und dann erst sitzt er in seiner Zufluchtsstätte vor Gott. Wie es geschrieben steht: .Jedermann wird darin geboren’, damit soll gesagt sein, daß jeder, der ins Heilige Land kommt, aufs neue im Mutterleib ausgetragen, geboren und gesäugt werden muß. Er muß wie ein Wickelkind in Windeln gepackt werden, bis er von Angesicht zu Angesicht die Oberfläche des Landes sehen kann und sich seine Seele an die ihrige knüpft. Denn siehe, wer mit seiner Thora herkommt, d. h. damit, woran sich jeder nach seinem Wesen gewöhnt hat, dem ist es hier anfangs nicht klar, sein Gemüt ist verdunkelt, er wird hin- und hergeschleudert, ohne Ruhe zu finden. Er steigt in den Himmel, stürzt in die Abgründe, wie ein Schiff in wildtobender See und belästigt die anderen mit seinen Angelegenheiten, seinem Tun und seinem Benehmen. Was war, ist nicht mehr, Schließlich beginnt er das Land zu lästern und erst, wenn der Heilige, gelobt sei Er, ihm sein Antlitz zuwendet, wird der neue Ankömmling ruhig und still; dies aber ist eine Sache, für. die es kein Maß gibt. Die Länge der Zeit, wie, wieviel und wann, das hängt von den Taten und dem innersten Wesen eines jeden einzelnen ab. So muß denn, wer sich dem Heiligen Lande nähern will, sich auf all das Gesagte gefaßt machen, muß sich selbst prüfen, ob er Kraft besitzt, all diesen Dingen zu widerstehen, muß genau erwägen, ob er zumindesten in der Mehrheit seiner Eigenschaften die Eignung besitzt, idiesem zu wohnen; dann aber aber kann er sichei seinen Weg gehen, nach dem Rat der Großen und Weisen und wer dies versteht, wird ruhig und sicher im Lande wohnen“. P. Kantorowicz gestorben In Warschau ist im Alter von 62 Jahren der hebräische und jüdische Schriftsteller P. Kantorowicz gestorben. Er wurde besonders durch die Ausgabe eines hebräischen Lehrbuches der Chemie bekannt. Ferner hat er in jiddischer Sprache einen Briefsteller und ein Fremdwörterbuch verfaßt. Er besorgte auch in den letzten Jahren verhältnismäßig gute kritische Textausgaben der Bühnenwerke von Goldfaden, Godkin u. a. Um Anskins „Dybuk“ streiten sich jetzt zwei Budapester Bühnen, das staatliche Operettentheater und das Neue Theater, die beide die Aufführung des berühmten Legenden-Dramas vorbereiten, Jüdische Musik Der jüdischen OeHentlichkeit, besonders in Mittel- und Westeuropa, ist das Schalten aui dem Gebiete der jüdischen Musik, darin sich gegenwärtig eine Reihe echter Begabungen betätigt, zum großen Teile unbekannt. In unserem Bestreben, alles, was im Judentum schöpferischen Wert hat, unseren Lesern zu vermitteln, wollen wir ihnen von jetzt ab regelmäßige Kenntnis dieses Gebietes vermitteln. Dank der führenden Mitarbeit des als ausübender Musiker wie als Komponist gleich hoch geschätzten Cellovirtuosen Joachim S t utschewski, der sich mit seiner Kunst und seiner Feder für die lebende jüdische Musik einsetzt, werden wir in der Lage sein, unseren Lesern regelmäßig Aeußerungen der Musiker selbst sowie die führenden Musikschriftsteller zu dem Problem der jüdischen Musik und ihrer Ausdrucksmittel zu vermitteln, und werden laufend über die Produktion, über Aufführungen und Sonstiges aus diesem interessanten Gebiet lebendigen jüdischen Schaffens berichten. Musik und die Juden Von Joachim Stutschewsky (Wien). »Gott schuf die Welt in sechs Tagen und ruhet seitdem. Wer schafft sie immer neu? Der Künstler! Ihm wurde die Mission, unsere Seele durch das Tor der Sinne und des guten Verstandes in Gottes eigene Schönheit, Weisheit und Herrlichkeit einzuführen.« (E. M. Lilien.) Seit Generationen ist die Kunst, insbesondere die Musik, dem Judentum in vieler Hinsicht sehr stark verpflichtet. Viele Juden als Instrumentalsten und Komponisten — ob getauft oder nicht — standen und stehen in vorderster Reihe der Musikentwicklung: als Wahrer alter Tradition, als Lehrer, Mittler, Führer und Neuerer. In allen Ländern ist die Musik durch jüdischen Geist, durch jüdische Empfindung, durch jüdisches Einfühlungs- und Gestaltungsvermögen befruchtet, bereichert und vorwärts getrieben worden. Aber das Aufgehen im fremden Volkstum, im fremden Milieu hinderte den Juden an der Entwicklung seines eigenen Schaffens, seiner eigenen Produktion bis zur reifsten Vollendung. Dadurch entstand die falsche Meinung, daß der Jude in der Musik schöpferisch nicht begabt, nicht vollwertig zu nehmen ist. Und die Ursache? Bis vor kurzem lebte der jüdische Musiker, der jüdische Künstler überhaupt, als etwas Halbes. Halb Russe, halb Deutscher, halb Franzose. Nirgends ein Ganzes, niemals er selbst. Sein Leben und Wirken beruhte auf Täuschung. Täuschung seiner selbst, Täuschung der anderen. Er wurde schließlich sich selbst entfremdet, sich selbst ein Rätsel. Ungeachtet des Ansehens und der Anerkennung, die dem führenden Musiker j BÜCHERSTUBE M. RATH 1 iS II. TABORSTRASSE 20 a, TELEPHON 43-1-58 :s :: _ :s Ü MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT i! jj JUGENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRAICA j{ jüdischer Abstammung nicht verwehrt werden konnte, blieben ihm Widerstände innerer und äußerer Natur, Schwierigkeiten, die er überwinden mußte, nicht erspart. Es fehlte ihm die innere Freiheit, die innere Einheit, die seine eigene Seele zu vollsten Auswirkungen bringen könnte. Jeder wahrhaft Schaffende entstammt der geistigen Atmosphäre seiner Zeit. Die Renaissance-Bewegung des jüdischen Volkes konnte nicht ohne einschneidenden Einfluß auf den jüdischen Künstler bleiben. Die Seele suchte zu ihrem Ursprung zuriickzukehren. Eine junge Generation fand den Weg zur Quelle zurück und drängt vor, neue Werke, neue Werte schaffend. Will man heute über das Jüdische in der Musik zu einem Urteil, zu einer Erkenntnis gelangen, so muß man die Werke der bewußt schaffenden jüdischen Komponisten hören und studieren, der Musiker, deren Namen zwar noch in keinem Musiklexikon stehen, noch in keiner Musikgeschichte Erwähnung finden, die aber leben, schaffen und zu den repräsentativen Erscheinungen unter den zeitgenössischen Komponisten zu zählen sind. Zwei Schwierigkeiten beeinflussen und behindern das Schaffen des jüdischen Komponisten: der Stoff und die Form, Inhalt und Technik. Er hat in Europa studiert, bestimmte Harmonie- und Satzregeln sich angeeignet, mußte jedoch sehr bald entdecken, daß sein eigenes Fühlen, seine eigene Melodie mit dem Erworbenen nicht im Einklang steht und daß er mit dem Erlernten seinen ureigenen Stoff nicht formen, nicht gestalten kann. Wo aber zwischen Form und Inhalt, zwischen Erlebnis und Können keine Einheit existiert, kann kein Kunstwerk entstehen. So galt es zunächst vieles zu überwinden, in die Ursprünglichkeit seines Wesens einzudringen und von dort aus, aus dem inneren Hören und Fühlen heraus neu aufzubauen, neues Baumaterial zu suchen und zu finden. Wir waren zu entartet, zu sehr gewöhnt, alles aus zweiter Hand zu empfangen, so daß jeder von uns eine vollständige Häutung, eine Wiedergeburt durchmachen mußte, bevor er sich der neu an ihn herantretenden Aufgabe ganz widmen und aus der Einheit mit sich selbst zum Kunstwerk emporsteigen konnte. Es hat den Anschein, daß die Entwicklung der neuen jüdischen Musik die erste Krise überwunden hat, aus dem Stadium des Suchens und Experimentierens immer mehr und mehr heraustritt. Man erkennt bereits bei den verschiedenen Komponisten das Vorhandensein einer geistigen Gemeinschaft, einer Wesensverwandtschaft, das Bewußtwerden des Unbewußten. Die Diskrepanz zwischen Stoff und Form ist nicht mehr so fühlbar, es ist kein Nebeneinander, sondern ein Ineinander. Und diese »Anfänge« von heute sind unser Glauben von übermorgen — — — Wir stehen auf der ersten Stufe unserer Entwicklung. Der weitere Aufstieg wird nicht zuletzt auch davon abhängen, welchen Raum unsere künstlerischen Bestrebungen i m Geistesleben der jüdischen Masse, im jüdischen Heim künftig einnehmen werden. Da muß mit aller Offenheit konstatiert werden, daß in den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung das Interesse für die jüdische Kunstmusik und ihre derzeitige Entwicklung verschwindend gering ist. Das Problem der ernsten musikalischen Erziehung der Jugend und das Heranbilden des jüdischen Volkes zum Kunstverständnis wird immer dringender. Es muß eine Zeit kommen, wo jeder Mensch einen Teil des Tages oder des Abends mit Kunst, mit Musik ausfüllt und die Musik nicht nur wenigen, sondern der Allgemeinheit zugänglich wird. Die Musik, die einem inneren Erleben ihr Entstehen verdankt, durch ihre tiefen Einwirkungen unsere Seele erhebt, unseren Geist erleuchtet und in uns einen dauernden Widerhall hinterläßt, gerade die Musik, wie keine andere Musik, ist berufen, die Brücken von Mensch zu Mensch, von Generation zu Generation zu bauen und alle Gegensätze in uns und um uns beseitigen zu helfen. »Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie« — schrieb Beethoven. Auch die Werke der jüdischen Komponisten müssen viel mehr Verbreitung und Beachtung finden. Wie viele Juden kennen unsere Komponisten dem Namen nach? Warum wird nur äußerst selten bei jüdischen Veranstaltungen jüdische Musik gespielt? Warum führt man nicht die Werke von Bloch, Milhau d, Engel, Achron, Gnessin, Lewin, Krein, Weprik, Milner, Rosowsky — um nur einige zu nennen — auf? Auch derjenige Teil des jüdischen Publikums, der dank seiner musikalischen Erziehung und der eingebürgerten »Tradition« die Konzertsäle der Berühmtheiten füllt, ja selbst die Fachkreise verharren im Unglauben, in völliger Unkenntnis in bezug auf die Existenz der selbständigen jüdischen Musik. In Zeitungen und Büchern wird über die Frage des „spezifisch Jüdischen" in der Musik eifrig debattiert. Die aufschlußreichste Antwort darauf können schließlich doch nur die schaffenden Künstler selbst und ihre Werke geben. Und diese Werke werden uns schon beim ersten Hören vom Vorhandensein eines jüdischen Elementes, eines jüdischen Charakters in der Musik überzeugen, zugleich den Beweis erbringend, daß die Schöpferkraft der jungen jüdischen Komponistenschule in ihrem natürlichen Wachstum nicht mehr aufgehalten werden kann. Wenn erst die zahlreichen, den meisten noch unbekannten Lieder und Werke für Klavier, Violine, Violoncell etc. aufgeführt und besonders zu Hause öfters gespielt oder gesungen werden, dann wird man auch diese Musik kennen, verstehen und lieben lernen. In dem Maße, wie sich das Judentum für die Werke seiner Künstler interessiert, in dem Grade, wie wir uns für sie begeistern und einsetzen, wird auch die Schaffensfreude, die Produktivität des jüdischen Künstlers wachsen, seine schöpferische Begabung neue Impulse finden. Einige lesenswerte Bücher über jüdische Musik S. Kisselhof: Das jüdische Volkslied, (Jüdischer Verlag, Berlin.) iFritz M. Kaufmann: Das jüdische Volkslied. (Welt- Verlag, Berlin.) iL. S sa'b a ri j e.f f: Die nationale jüdische Schule in der Musik. (Verlag Universal-Edition, Wien—(Leipzig.) 'Heinrich Berl: Das Judentum in der Musik, (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.) Dr. Paul N e 111 : Alte jüdische Spielleute und Musiker. (Verlag Dr. Josef Fl'esdb, Prag.) Alexander Weprik, der in Moskau lebende jüdische Komponist, hat soeben zwei neue jüdische Lieder veröffentlicht, die in ihrer Eigenart als Bereicherung der neuen jüdischen Vokalmusik anzusehen sind. Des Künstlers Rhapsodie für Bratsche und Klavier wurde am 4, Dezember in Moskau, wie uns von dort berichtet wird, mit starkem Erfolge zur Uraufführung gebracht. Eine preisgekrönte Palästina-Oper Bei der im Vorjahr stattgefundenen Weltausstellung in Philadelphia wurde ein Preisausschreiben für das beste Opernwerk veranstaltet. Den ersten Preis von 1000 Dollar erkannte die Jury der Oper von Jakob Weinberg »Eine Nacht in Palästina« zu, welche stofflich das Leben der Chaluzim in Palästina behandelt und in der Musik alte und neue jüdische Melodien verarbeitet hat. Die Oper ist soeben in New York erschienen. Die Monatsschrift „Menorah“. Das im Dezember erschienene Sonderhift „Magenza, das jüdische Mainz" des jüdischen Familienblattes für Wissenschaft, Kunst ,und (Literatur „Menoraih" (Redaktion Wien J, Zelinkagasse 13) wurde in der numerierten Luxusausgabe den Mitgliedern des Verwaltungsrates der hebräischen Universität,' der anfangs Jänner eine Tagung in Mainz abhielt, diurch die israelitische Gemeinde Mainz als (Ehrengabe überreicht. — Ab 1. Jänner dieses Jahres erscheinen in der „M,e.norah" die (Erinnerungen Wladimir Jabot i ns k y s, in denen er das Entstehen der jüdischen Leg io n und den Kampf in Palästina erzählt. Jaibotinsky berichtet über eine Reihe bisher unbekannter Tatsachen ,und Verhandlungen der Zionisten mit den Ententemächten, die schließlich zur Veröffentlidhung der (Balfour-Deklaration führten. <3% Ä I TELEPHON A 26-2-69 m3GSlt€£EEUTtM€/€511 | (9-12 ulr vorm.) auf die „Encyklopädia Judaia“ erbeten an Bestellanstalt der Encyklopädia Judaiat(. Jüdische Spezialbuchhandlung Dr. H. Glanz, Wien VIII, Langegasse Nr. 32, Austria.

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