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Die Stimme · 1928-01-19 · Heft 3 (19.1.1928) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 3 (19.1.1928)
Date
1928-01-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3 DIE STIMME Seite 1 ] Die jüdische Frau SIECH. KORNMEHL QrollflRlaclihaaRrRl Zentral« IX, Berggasse 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, Abteilungen für ura- Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IX, Berggasse 15_XVIII, Währlngerstraße 97 lernt sich im Freien orientieren und unbekannte Wege finden, lernt überhaupt alle Schönheiten und Tücken der Natur begreifen und sich dagegen schützen. Lernt sich helfen und bewegen in aller Natürlichkeit und Einfachheit. Und schön ist so ein Leben: Marschieren, Singen, Essen, Spielen, wann man Lust hat und wo man Lust hat. Auf einem schönen Platze schlägt man ein Zelt auf (ein jeder kann das lernen), ein Herd wird gebaut und gleich kocht das Mittagessen im Kessel. Und während zwei das Essen bereiten, spielen die anderen, laufen uni die Wette, da wieder ist großer Krieg. Diese Selbsttätigkeit, sie strafft den Körper und macht die Menschen elastischer. Und darum begreife ich nicht, wie junge Menschen Sonntag für Sonntag am Fußballplatz sind und Zusehen können, wie andere spielen. Und manchmal gehts für einige Tage hinaus. Und das Leben im Freien, in der Natur mit all seinen Zufälligkeiten und Schönheiten macht erfinderisch und ist eine Quelle schönster Freuden. Wenn aber der Sommer kommt und man die ganzen Ferien vor sich hat und sie gemeinsam im Zuge oder gar in ganz großer Gemeinschaft — im Bunde — verbringt, das ist erst das Paradies selbst. Ganz dem Einfluß der Stadt entzogen, ganz auf sich selber angewiesen, da erst fühlt man die Kraft eines solchen eigenen Lebens. Da ist jeder Gesetzgeber und Staatsbürger zugleich, jeder verantwortlich und berechtigt zugleich, da werden die Wunder des Systems des Zusammenlebens der Menschen erst fühlbar. In dieser Gemeinschaft, die ihre eigene Schule, ihre eigene Verwaltung hat, kann ideales Leben und auch jüdisches Leben herrschen. Das ist erst der richtige Jugendstaat. Der jüdische Wanderbund „Blau-Weiß“ veranstaltet Sonntag, den 22. Jänner 1928, um 'A8 Uhr abends, in den Künstlerspielen „Pan“, I., Riemergasse 11, eine Akademie, unter der Devise: „Der Blauweiß macht eine Akademie“ (Ein Querschnitt). Karten von S 1.50 bis 3.50 bei allen iBlauweißen erhältlich. Die zionistischen Jugendvereinigungen in Wien Gegenwärtig gibt es in Wien 24 zionistische Jugendbünde und -vereine, überdies 8 zionistische Mittelschülerverbindungen. Die Jugendbünde' und -vereine sind folgende: Jüdischer Wanderbund Blau-Weiß, Pfadfinderbund „Haschomer Hazair", Jüd Pfadfinderbund „Zirenu", Bund „Brith Hamischmar", Jüd. Realgymnasium Schulgemeinde, Mädchengruppe „Mirjam“, Jugendgruppe Makkabi IX, Misrachi-Jugend, Jugendgruppe Makkabi LI, Jugendgruppe Prater, Jüdisch-sozialistische Arbeiterjugend, Kwuzah Achwah, Mädchengruppe „Dworah", Organisation Flerchaluz, Brith Hazofim, Jugendbund „Trumpeldor", Zeire Misrachi, Verband der zionistisch-sozialistischen Jugend, Verein Erez Israel, Jugendgruppe Leopoldstadt, Kulturgruppe XX, Zionistischer Klub Blau-Weiß XIX, Kwuzah „Kfir“. Mädchengruppe Gordonia. Die 8 Mittelschülerverbände, welche Propaganda für den Zionismus unter den Mittelschülern, jüdische Ausbildung und körperliche Betätigung bezwecken, sind: Balfoura, Hirkania, Mattatia, Giskala, Jeddidäa, Jung Juda, Hasmonäa, Massädah. Nachstehend geben wir auf Grund von Erhebungen eine Uebersicht über Stand und Arbeit der einzelnen oben aufgezählten Jugendorganisationen; die hier begonnene Statistik wird in den nächsten Nummern fortgeführt und damn durch eine abschließende Uebersicht über die Stärke der Wiener jüdischen Jugendbewegung ergänzt werden: Jüdischer Wanderbund Blau-Weiß. Mitgliederzahl 300, Heime: 9. Bezirk, Währingerstraße 15, 19. Bezirk, Peter Jordanstraße 10. Der Bund arbeitet in ganz Wien. Bibliothek jüdisch-wissenschaftlichen und literarischen Inhalts, sowie allgemeine Jugendliteratur, Bändezahl über 600. Einteilung des Bundes: Wanderbund (9 Burschenzüge und 5 Mädchengruppen), Alter 10—17 Jahre. Korporation 25 Mitglieder, Alter 15—20. Aelteren-Bund 40 Mitglieder über 20 Jahre. — Alljährlich werden Ferienlager oder Heime gemacht. Sommer 1927 Ferienheim in Auen 22 bei Velden am Wörthersee, für 110 Leute auf 4 Wochen. Beitrag pro Kopf S 75.—. Subventioniert von der Gemeinde Wien und Israelitischen Kultusgemeinde. Eigene Veröffentlichung: monatliche Bundesblätter des Blau-Weiß. Innere Arbeit: Zweck jüdischer Erziehung der meist aus westjüdischen assimilierten Kreisen stammenden Jugendlichen mit dem Ziel der Entscheidung für Palästina. Dazu dient die Zugsarbeit für die Jüngeren in der in Formen des Gemeinschaftslebens jüdische Bildungsarbeit getrieben wird. Zur Zugsarbeit gehört: Wanderungen, Singabende, Werkabende (Buchbinderei, Laubsäge, Basteln usw.), Heimabende, in denen die eigentliche Bildungsarbeit geleistet wird. Hebräischkurse, Gymnastik. Für die älteren gibt es eine Korporation, die in wöchentlichen Zusammenkünften alle aktuellen Fragen des Judentums und der zionistischen Bewegung behandelt und auch allgemeine Fragen (soziale, kulturelle) bespricht. Aehnliches gilt für die Arbeit der ältesten, doch arbeiten diese bereits aktiv im öffentlichen jüdischen und zionistischen 'Leben mit. Die jüdischen Salons im Vormärz Von Ludwig Bato*). I. Die offiziell in Wien zugelassene Judenheit besteht im Vormärz — das Wesen der Toleranz bringt es mit sich — zum, größten Teile aus „alten" Reichen. Ihre vornehmsten Vertreter sind zumeist gebürtige Wiener, in Reichtum erzogen und dem damaligen Typus des gedrückten Ghettojuden durchaus unähnlich. Sie pflegen einen überaus freundschaftlichen Verkehr mit der nichtjüdischen Gesellschaft, ja sie sind die eigentlichen Schöpfer des Wiener gesellschaftlichen Lebens. Man kann sie, wenn auch nicht allzuhäufig, mit ihren Damen auf allen Elitebällen, auch auf den damals vornehmsten, auf der Redoute in der Hofburg, dem Bürgerball und dem Juristenball finden, wie es in Wien vor dem Jahre 1848 überhaupt keine Gesellschaftskreise gibt, aus denen die Juden als solche grundsätzlich ausgeschlossen wären. Im sozialen Leben der Wiener Judenschaft ragen vor allem zwei Persönlichkeiten hervor, die ihr gewissermaßen das äußere Gepräge verleihen: Nathan Adam Freiherr von Arnstein (1748—1838) und sein Schwager Bernhard Freiherr Eskeles (1753—1839). Beide entstammten reichen Wiener jüdischen Häusern, die ihr Vermögen nicht erst der österreichischen Geldentwertung zu verdanken haben, Arnstein, der auch die Würde eines schwedischen Generalkonsuls bekleidete, ist ein ruhiger tüchtiger Kaufmann, persönlich eher zurückgezogen und nicht von besonderer Charakterstärke. Er allein würde aber nie zu hoher Bedeutung gelangen, stünde ihm nicht eine Frau von großer Schönheit und außerordentlicher Geistesbildung zur Seite. Das Ehepaar bewohnt ein prachtvolles Palais auf dem Hodue:-: Markt, im Sommer bezieht es ein reizendes Landhaus an der Straße nach Schönbrunn, in der später nach ihm benannten Arnsteingasse oder die Villa in Baden. Fanny von Arnstein. iflNach einem zeitgenössischen Porträt.) Die Seele des Arnstein'schen Hauses ist die Baronin Arnstein, die schöne Fanny (1757—1818), eine Tochter des reichen und angesehenen Daniel Itzig in Berlin, die die Herzen der Wiener im Fluge erobert. „Die Schönheit ist überall Königin" sagt einmal von ihr Kaiser Josef, der selbst zu ihren Verehrern gehört und sie immer durch Gruß und Ansprache auszeichnet, so oft er ihr begegnet. Der schönen Frau fehlt es nich1 an glühenden Verehrern und so mancher Zweikampf entspinnt sich ihretwegen. Indem sie den Berliner Salon in verfeinerter Form auf Wiener Boden verpflanzt, wird sie für das gesellschaftliche Leben der Kaiserstadt von großer Bedeutung. Sie gleicht in ihrer Art und den zwei großen Berliner jüdischen Salonclamen ihrer Zeit, Rahel Lewin und Henriette Herz, und ihr Haus wird der Vereinigungspunkt all dessen, was Name und Rang hat. Ihr Salon ist auch insoferne entscheidend für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens in Wien, als sich in ihm das erste Mal Männer hohen Ranges mit solchen von wirtschaftlicher Bedeutung und mit berühmten Geisteshelden ein Stelldichein geben. Und so dient das vornehme Arnstein'sche Haus der Demokratisierung der Gesellschaft; das in ihm pulsierende Leben zieht immer weitere Kreise und allmählich breitet sich edle Geselligkeit im Kreise des Bürgertums aus. Zur Zeit des Wiener Kongresses 1815, als das führende Europa in Wien versammelt ist, erreicht der Glanz des Arn- *) Dank dem Entgegenkommen des Phaidon-Verlages, Wien, IV., Argentinierstraße 29, sind wir in der Lage, einen Abschnitt aus dem demnächst erscheinenden Werke des Autors: „Die Juden in Wien" (etwas gekürzt), zu veröffentlichen, Moadon Ivri, Samstag den 21. Jänner 8 Uhr abends findet im Vereinsheim, JI., Zirkusgasse 33, die erste Versammlung statt. Tagesordnung: Konstituierung des Vorstandes. stein'schen Salons seinen Höhepunkt. All die unzähligen Fremden und Einheimischen von höchster Stellung finden sich im Arnstein'schen Salon ein, ja man rechnet es sich zur Ehre, eingeladen zu werden. Nur die Souveräne bilden eine Ausnahme. Man sieht bei Arnsteins die Prinzen von Preußen, von Hessen-Honiburg, von Mecklenburg-Strelitz und von Hohenzollern, den siegreichen Feldherrn Wellington, die Lords Stewart und Auckland und die Vertreter Preußens: Humboldt und Hardenberg. Auch der österreichische Hochadel macht sich nicht selten: Graf Neipperg, der spätere Schwiegersohn des Kaisers, der alte Metternich und Graf Khevenhüller gehören zu den Stammgästen des Hauses. Zum Unterschiede von den Berliner Salons, denen infolge des frivolen Tones die besseren Damen der Gesellschaft fernbleiben, verkehren die Damen des höchsten Adels bei Arnsteins. Auch die Vertreter der Kunst und Literatur fehlen nicht im gastfreundlichen Hause: Varnhagen, die beiden Schlegels, Justinus Kerner, Karoline Pichler, Ludwig Zacharias Werner und Theodor Körner, beleben oft den adeligen Kreis, den einmal auch der 23jährige Meyerbeer durch sein Spiel erfreut. Der Rahmen, den das Haus Arnstein diesem vornehmen gesellschaftlichen Bilde verleiht, ist ein durchaus würdiger. Die Feste, die in diesem Salon gegeben werden, machen sich unter allen Veranstaltungen des Kongresses bemerkbar, und das will nicht wenig sagen, denn im damaligen Festesrausche löste eine glanzvolle Feier die andere ab. Ein Aufruf der zionistischen Weltexekutive an die Frauen Die Zionistische Weltexekutive hat einen Aufruf an die zionistischen Frauen der ganzen Welt zur Unterstützung der aufbauenden Frauenarbeit in Palästina erlassen. Der von Dr. Chaim W eizmann, Nahum S o k o 1 o w, Dr. M. D. Eder und Dr. Felix Rosen blüth gezeichnete Aufruf besagt: Die Konferenz der Weltorganisation zionistischer Frauen hat alle jüdischen Frauen aulgelordert, an dem Werke der Weltorganisation jüdischer Frauen (W. I. Z. O.) intensiv mitzutun. Die jüdischen Frauen haben gezeigt, daß sie gute Arbeit leisten können. Die W. I. Z. O. hat einen ausgedehnten Plan der Ausbildung von Mädchen in der Landwirtschaft und im Haushalt auigestellt und damit einen großen Teil der zionistischen Arbeit im Aufbau Erez Israels — ein für das Wohl der neuen Siedler ungeheuer wichtiges Werk — auf sich genommen. Die Zionistische Exekutive gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Landeskomitees der W. I, Z. O. sich zu dem Ziel vereinigen werden, das Budget von 41.590 Pfund, das die W. I. Z. O. - Konferenz zur Verwirklichung ihres Werkes angenommen hat, aufzubringen, damit die bereits begonnene Aufbauarbeit nicht unterbrochen werden müsse. Es soll darum nicht Unternehmungen der Vorzug gegeben werden, die außerhalb des Rahmens der W. I. Z. O. liegen. Wir vertrauen darauf, daß alle Zionistinnen die W. I. Z. O. - Exekutive bei der Durchführung ihrer wichtigen und schweren Aufgaben unterstützen werden. Nur au! diesem Wege werden die Frauen Monumentales und Dauerndes in Palästina leisten. 9 Henriette Szold an die zionistischen Frauen Oesterreichs. Die bekannte Führerin der zionistischen Frauenarbeit, Henriette Szold, welche beim letzten Kongreß in die Palästina-Exekutive gewählt wurde, hat an die Organisation Zionistischer Frauen Oesterreichs als Antwort auf eine (Begrüßung in ihrem neuen Wirkungskreis folgende« Schreiben gerichtet: ,Jch spreche der Organisation Zionistischer Frauen Oesterreichs meinen innigsten Dank aus für die Begrüßung, die Sie mir bei meinem Eintritt in die Palästina- Exekutive und der Aufnahme der schweren mit derselben verbundenen Pflichten zuteil werden ließen. Ich möchte es als ein verheißendes Zeichen anseben, daß gerade Ihr Brief der erste war, den ich bei .meiner Ankunft in Jerusalem am 30. November 1927 öffnete. Werde ich nur die Kraft, die Weisheit, die 'Einsicht und 'Umsicht finden, meinen heiligen Pflichten nachzukommen und das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen? Daß ich erst nach einer Verzögerung von mehr als zwei Wochen dazu komme, den 'Empfang (Ihres Grußes zu bestätigen, ist einzig und allein dem Umstand zuzuschreiben, daß ich gleich nach meiner Ankunft in ein Meer von Details untertauchte, Da war vor allem die Schulfrage, die der Lösung harrte. Wenn ich Ihnen in der Organisation Zionistischer Frauen Oesterreichs nur dieses eine Kapitel voll und klar beschreiben könnte, würden Sie sich mit verdoppelter Energie und mit vertiefter Ergebenheit der Sache Palästinas widmen, damit das init langjähriger Arbeit Geschaffene nicht zugrunde geht. Wir Zionisten stehen vor einer schweren Aufgabe: wir werden sie lösen — ich bin davon überzeugt. Aber wir müssen in geschlossenen Reihen zusammen vorwärts schreiten.“

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