Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053756--0046-3055300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 DIE STIMME Nr. 3 ] Die jüdische Gemeinde [ Das Werk des Oberrabbiners Chajes gefährdet! Die Wiener jüdischen Fürsorge- und Kulturanstalten in Not. Wenige Wochen sind es her, seit das Herz des Überrabbiners Chajes so plötzlich zu schlagen aufgehört hat und schon muß die Wiener Judenschaft diesen unersetzlichen Verlust leider nur allzu deutlich am eigenen Leibe verspüren. Die offizielle Trauer ist nun vorüber, aber die stille Trauer der Hilfesuchenden, die an Chajes einen nimmermüden Gönner hatten, sie muß erst beginnen und kann so bald nicht enden. Oberrabbiner Chajes, der im Ausland, vornehmlich in Amerika ein Ansehen genoß, wie kein zweiter österreichischer Jude, benützte seinen Einfluß ausschließlich dazu, um den Armen und Kranken, in erster Linie aber den Kindern, denen er seine ganze Liebe verschrieben hatte, zu helfen. Unzählige Wohlfahrtsinstitutionen wurden durch ihn ins Leben gerufen, unzählige nur durch ihn am Leben erhalten. Ihnen allen wurde der liebevolle Vater entrissen. Oberrabbiner Chajes bekam von seinen amerikanischen Gönnern regelmäßig größere Geldbeträge zur eigenen Disposition, die er an Hilfsbedürftige verteilte. Man kannte die Quellen nicht, man wußte nur, daß sie reichlich flössen und weiß jetzt, daß sie seit dem Tode des Adressaten versiegt sind. Nur ein Mann kannte die geheimen Geldquellen, doch ein grausames Schicksal wollte es, daß auch er für ewig verstummen mußte. Es war Direktor E p 1 e r, der Finanzminister des Oberrabbiners. Nicht nur Wohltätigkeitsinstitutionen, auch die jüdischen kulturellen Institutionen, die dem Wiener Oberrabbiner zum größten Teil ihre Existenz verdanken, sind der Not preisgegeben. Das Jüdische Realgymnasium, das hebräische Pädagogium, das jüdische Zentrum, der Verein jüdischer Kinderfreunde und die zahlreichen anderen kulturellen Institutionen wurden durch den Tod des Oberrabbiners Chajes schwer in Mitleidenschaft gezogen und leiden bittere Not. Der amerikanische Geldstrom, der im Krieg und in den ersten Nachkriegsjahren so reichlich nach dem verbluteten Europa floß, beginnt zu versiegen. Wieder muß eine jüdische Institution, die ausschließlich aus amerikanischem Gelde gespeist wurde, ihre Tätigkeit erheblich einschränken, weil Amerika des Gebens bereits müde wird. Das ,,K omitee zur Versorgung jüdischer Kriegswaise n‘‘, die in Oesterreich bestehende Expositur des ,,Joint Distribution Committee" soll, wie wir erfahren, jetzt aufgelassen und der ,.Jüdischen Jugendfürsorge" der Kultusgemeinde angeschlossen werden. Der Joint hat bekanntlich in Oesterreich im Jahre 1921 seine allgemeine Fürsorgetätigkeit beendet und wurde dann in das Kriegswaisenkomitee umgewandelt, das jährlich ungefähr 21A bis 3 Milliarden Kronen an jüdische Kriegerwaisen und Pogromopfer zu verteilen hatte. In Oesterreich werden von dem Gelde drei Knabenwaisenhäuser mit etwa 145 Zöglingen, vierMädchenwaisenhäuser mit 160 Zöglingen, ein Lehrlingsheim mit 70 und ein Lehrmädchenheim mit 60 Insassen ausgiebig subventioniert. Außerdem werden an solche Waisen, die nicht in Anstalten untergebracht sind. Verpflegsbeiträge bezahlt. Infolge der aus Amerika angekündigten Restringierung der Geldzuschüsse wurden nun an die einzelnen Waisenhäuser Zuschriften gerichtet in denen ihnen vorläufig eine Kürzung der Subventionen um etwa 35 Prozent bekanntgegeben wurde. Aus Ersparungsrücksichten soll nun das Kriegswaisenkomitee aufgelassen werden, das unter der Leitung des Herrn Siegfried A b e 1 e s steht, der als jüdischer Jugendbildner und Fürsorger den besten Ruf genießt. Neben diesen Jointgeldern erhielt die Kultusgemeinde im Vorjahre eine 10.000 Dollar spende die ebenfalls zum größten Teil für Waisen, aber auch für andere Wohltätigkeitszwecke verwendet wurde. Ob diese Sondersubvention in diesem Jahre einlaufen wird, ist nach den Zuschriften, welche die einzelnen Waisenhäuser erhielten, mehr als fraglich. Der Vertrauensmann des Joint in Oesterreich war Oberrabbiner Chajes. Er war eifrigst bemüht, die amerikanischen Geldgeber dahin zu bringen, daß die Drosselung der Geldzufuhr nicht so einschneidend ausfalle. Ob es einem anderen gelingen wird, sein Werk fortzusetzen? Trauerandacht für Oberrabbiner Prof. Dr. Chajes in London Am 11. Jänner fand auf Veranlassung der English Zionist Federation in der Londoner Hauptsynagoge (Great Synagoge, Aldgate) eine Trauerandacht für Oberrabbiner Dr. Chajes statt. Die Trauerrede ihdelt Chief Rabbi Dr, J. H. Hertz, der die «Bedeutung von Dr. Chajes als Gelehrten, Rabbiner, Zionisten und Menschen würdigte. Der Feier weinten Dr, Weizuann, Sokolow, Dr. Eder und Dr. «Rosenibluth von der Zionistischen Exekutive sowie die führenden englisdhiea Zionisten bei. Die Besetzung des Wiener Oberrabbinates Gleich nach dem Ableben des Oberrabbiners Dr. Chajes wurden in verschiedenen Kreisen mit einer gewissen Neugier Kombinationen darüber angestellt und die Frage erörtert, wer als Nachfolger des großen geistigen Führers der Wiener Judenschaft als Oberrabbiner berufen werden soll. Auch in die Wiener Presse fanden einige solcher Kombinationen Eingang und daran wurden allerhand Erörterungen über Konflikte wegen der Besetzung des Wiener Oberrabbinats geknüpft. Wir haben uns nun an den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Herrn Prof. Pick und an einige Herren vom Wiener Kultusvorstande, darunter Herrn Kultusvorsteher Dr. Desider F r i e d m a n n, gewendet, um Authentisches über den Stand der Angelegenheit zu erfahren. Übereinstimmend wurde uns von den genannten Herren mitgeteilt, daß alle Nachrichten das Ergebnis müßiger Kombinationen und Vermutungen sind. Die Frage der Besetzung des Wiener Oberrabbinates wurde schon dem traditionellen Brauche gemäß während der Schloischim, der 30 Trauertage nach dem verewigten Dr. Chajes im Kultusvorstand überhaupt nicht erörtert. Es kann daher kein Konflikt darüber bestehen. Die Verantwortung, die auf dem Wiener Kultusvorstande liegt, für Oberrabbiner Dr. Chajes einen würdigen Nachfolger zu schaffen, läßt es auch am würdigsten erscheinen, wenn die Frage der Nachfolge Chajes' nicht zum Gegenstände von sensationellen Kombinationen gemacht wird. Personenfragen sind bei diesem Stande der Angelegenheit naturgemäß noch nicht einmal aufgetaucht; ob eine Persönlichkeit aus Wien oder aus dem A u s 1 a n d e berufen werden wird, läßt sich daher noch nicht sagen. Die Auswahl unter den in Betracht kommenden Persönlichkeiten ist dadurch erschwert, da die meisten in ihrem Wirkungskreis gebunden sind. Wie uns mitgeteilt wird, ist es überhaupt fraglich, ob bereits in der nächsten Zeit die Stelle des Wiener Oberrabbiners besetzt werden wird. Das Mandat Direktor Eplers im Wiener Kultusvorstand Durch das Ableben des Herrn Direktors Sigmund E p 1 e r, welcher der zionistischen Fraktion des Wiener Kultusvorstandes angeih'örte, ist ein Vorstandsmanidat frei geworden. Wie wir nun erfahren, wird dieses Mandat voraussichtlich mit dem langjährigen Präsidenten des Sportklubs „Hakoah“ Dr. J. H. Körner besetzt werden, da der in der Reihenfolge zur Vorrückung bestimmte Herr Dr. Israel W a 1 d m a n n, aus denselben taktischen Gründen, welche die Herren Oberbaurat Stricker und Dr. Plaschkes zur Niederlegung ihrer Mandate bestimmt haben, ein Vorstandsmandat nicht annehmen will. Wandern Von Willi Schor (Blau-Weiß) An alle jene und besonders an jene jungen Menschen, die noch nicht die Wanderung am Sonntag in irgend einer Form pflegen, richten sich diese Zeilen. An die Langschläfer, die den einzigen freien Tag benützen, um sich einmal »auszuschlafen«, und an jene, die noch lieber das Kaffeehaus oder das Kino aufsucheri, oder zum Fußballmatch gehen. Sonntag und Feiertags wandern wir vom Wanderbund. Es gibt noch genügend gesunde Burschen und Mädel, die das Gefühl für ein Jugendleben haben. Und mit welcher Lust lassen sie die Stadt hinter sich mit ihrem Lärm und Staub, der sie sechs Tage lang quält und wie freuen sie sich der Wunder ♦VÄjSS*. Aus dem Wanderleben des Blau-Weiß. (Lager am Wörthereee). Die Wiener Kultusgemeindewahlen Im November d. J. lauft das Mandat des gegenwärtigen Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde ab. Für die kommenden Neuwahlen Ibat der Aufmarsch der Parteien bereits begonnen. Das zionistische Landeskomitee für Oesterreidh hat eine große Versammlungskampagne angesetzt, diie mit einer Kultuswählerversammlung in Döbling eingeleitet wurde. Dort gab Dr. Egon Michael Zweig, der seinerzeit an der Schaffung des zionistischen Kultusgemeindeprogrammes hervorragend «beteiligt war und lange Jahre dem Wiener Kultusvorstande angehöhte, eine eingehende Ihtfstorische Darlegung dieses Programmes und die bisherigen Ergebnisse der darauf basierenden Tätigkeit der zionistischen Fraktion im Kultusvorstand. Er schloß mit der Versicherung, daß der Kampf der Zionisten in der Gemeinde und die Erfüllung aller ihrer programmatischen Forderungen mit aller Entschiedenheit fortgefüll.rt werden wird. Montag hielten auch die Herren Oberbaurat Stricker und Dr. Plaschkes, die vor kurzem, wie gemeldet, aus dem Wiener Kultusvorstand ausgeschieden sind, eine Kultuswählerversammlung ab. In dieser legten sie, nachdem sie die geringe Zahl der Anwesenden konstatiert hatten, die Gründe für die Niederlegung ihrer Vorstandsmandate dar, wobei sie. versuchten, diese rein taktischen Motive zu prinzipiellen Fragen des Wahlkampfes zu machen. Sie wandten sich auch gegen den bestehenden Pakt mit den Assimilanten im iKultusvorstamde, ohne daß jedoch erwähnt wurde, daß dieser Pa'kt vor vier Jahren von Oberbaurat Stricker in seiner damaligen «Eigenschaft als «Präsident der zionistischen Landesorganisation gegen den Willen der meisten Zionisten d u r c lh gedrückt worden war. Tagung der jüdischen Gemeindeverbände der Tschechoslowakei Wie bereits bekannt, haben sich die fünf Kultusgemeindeverbände, die in den einzelnen Gebieten der tschechoslowakischen Republik bestehen, zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigt, deren Exekutive der Oberste Rat der Kultusgemeindeverbände bildet. Dieser wird nun, wie uns aus Prag berichtet wird, dortselbst am 22. Jänner zusammentreten. Die Tagung wird sich u. a. mit der Frage der Errichtung einer Rabbiner-Hochschule in Verbindung mit einer R e 1 i g i o n s - lehrerbildungsanstalt befassen. Weiters stehen auf der Tagesordnung u. a. die Regelung der Kultusgemeindegebiete in Böhmen, die Herstellung einer tschechischen Pentateuch-Ausgabe, die Pflege und Erhaltung wertvoller jüdischer Denkmäler, Archive u. dgl. Wie wir erfahren, will der Oberste Rat der tschechoslowakischen Gemeinden darangehen, mit den jüdischen Gemeindeverbänden der Nachbarländer, so mit dem preußischen Landesverband, dem Verband österreichischer Kultusgemeinde’n und anderen, zum Zwecke des Austausches von Erfahrungen und der Bearbeitung gemeinsamer Fragen Fühlung nehmen. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag den 21. Jänner 1928 findet um 3 Uhr nachmittags der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks-Synagogen statt. in der Natur, die sogar ganz nahe von uns sich eröffnen. Und trotzdem Wandern heute zu den Modesachen gehört, trotzdem schon viele Eltern mit Kind und Kegel die grünen Wiesen draußen aufsuchen, trotz alledem kommen die Buben und Mädels immer wieder mit uns mit. Mit Recht! In fröhlicher Gemeinschaft verbringen sie den freien Tag, unter ihresgleichen, betreut von dem Führer, dem älteren Kameraden, dem man eher folgt als den Eltern. Und da gilts nicht den Tag verbringen, sondern die Parole ist, den Tag erleben. Da erforscht man die Natur, lernt die Blumen und Bäume sofort erkennen, Uakü Beim KartoiielsclUUes. Rechte: El» kühner Sprung. mmr '*•'*»*[ ’ Die jüdische Jugend