Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 3 ] Stimmen aus aller Welt [ ziehungs-Departement sei bis heute eine arabisch-englische Behörde, in der nur zwei oder drei untergeordnete jüdische Beamte tätig seien. Die Lage der Juden in der Türkei. Das in Sofia erscheinende Bulletin der spanischen Judengemeinden schildert die gegenwärtige traurige Lage des Judentums in der Türkei. ..Furchtbares Chaos herrscht im jüdischen Leben in der Türkei. Es gibt hier keinen Mittelpunkt, keine Herrschaft. Das ehemalige Hauptrabbinal, das unter dem alten türkischen Regime als höchste geistige Instanz des türkischen Judentums galt, hat in der gegenwärtigen „europäisierten" Türkei, die die alten asiatischen Lebensformen zerstörte, ohne an ihre Stelle neue setzen zu können, jegliche Autorität eingebüßt. Die Regierung baut ihr gegen die Juden gerichtetes Verfolgungssystem immer mehr aus. Das Verbot für die Juden, die inneren Städte des Landes aufzusuchen, ist noch immer in Kraft. Hiezu kommt noch die berüchtigte mutwillige Paschawirtschaft, die zahlreiche jüdische Existenzen gefährdet oder vernichtet. Die jüdischen Schulen müssen, infolge Verarmung der jüdischen Gemeinden, geschlossen werden. Viele jüdische Gemeinden sind dem Untergang geweiht, und die wenigen, die noch bestehen, befinden sich in einem hoffnungslosen Zustand.*' Ueber die Entdeckung eines neuen jüdischen Stammes in Rußland, über die wir jüngst berichtet haben, schreibt D. Tscharny im New Yorker „Tog": Es sind dies die Im nördlichen Kaukasus wohnenden Gebirgsjuden, die den Namen „ T a 11 e n " führen. Vor der russischen Revolution lebten die „Tatten“ als Landarbeiter in völliger Anpassung an die übrigen Stämme und Gruppen des Nordkaukasus. Sie sprachen die Sprache der Umgebung und nahmen ihre Sitten und Gebräuche widerstandslos an. Die große autonomistische Bewegung innerhalb des sowjetrussischen Reiches, die nacih der Revolution einsetzte, drang nun auch bis zu den im Gebirge versprengten „Tatten" vor, welche gegenwärtig die ersten Versuche zur organisatorischen Zusammenfassung unternahmen. Die Regierung stellte ihnen im Stepnower Rayon fünftausend Desjatinen Boden zur Verfügung, auf dem sie eine geschlossene Siedlung bilden werden. Sie bekennen sich fast alle zur jüdischen Religion, mit Ausnahme eines geringen Teiles, der den islamitischen Glauben annahm. Ihre Sprache ist ein Gemisch aus hebräischen, arabischen und persischen Elementen. In einer Kulturkonferenz, die der neu entdeckte Stamm jüngst abhielt, wurde beschlossen, die hebräische Schrift für die Tattensprache einzuführen. unbequem ist, eine Kritik von außen mit eventuellen Konsequenzen hinnehmen zu müssen. Gegen die neue Verordnung wandten sich der lateinische Patriarch Barlassina, die Missionsanstalten, die arabische Exekutive, der Waad Haleumi und die Zionistische Exekutive. Diese allgemeine Unzufriedenheit habe anscheinend den Chefsekretär Colonel Symes zu der Erklärung veranlaßt, daß die Regierung nicht beabsichtige, der Verordnung in nächster Zeit gesetzliche Kraft zu geben; die Regierung wünsche zunächst die öffentliche Meinung zu hören. Der Verfasser bezeichnet diese Art als charakteristisch für die Leitung öffentlicher Angelegenheiten in Palästina. Man dürfe dabei nicht vergessen, daß man über ein Erziehungsgesetz in Palästina bereits seit Jahren spreche. Trotzdem habe, als jetzt eine solche Verordnung in der »Official Gazette« veröffentlicht wurde, keine vorhergehende Beratung stattgefunden. Zum Gesetzentwurf selbst wendet sich der Verfasser vor allem gegen die Uebernahme nahezu unbegrenzter Aufsichtsrechte von seiten der Regierung und gegen das Recht auf Erhebung einer neuen Steuer zur Deckung der Schulausgaben. Ueberdies seien die betreffenden Bestimmungen so dunkel gehalten, daß es schwer falle, ihre exakte Bedeutung festzustellen. Wer soll der Träger der Aufsichtsrechte sein? Für die jüdischen Schulen habe diese Frage besondere Bedeutung; denn das Er- »Haarez« bespricht den Vorschlag der Regierungskfctnmission zur Aenderung des in Palästina bestehenden Pachtrechtes, das künftig den Pächtern größeren Schutz gewähren soll. Die Juden seien stark daran interessiert, daß die Verhältnisse und die Beziehungen auf dem Lande menschliche und moderne seien und daß veraltete und grausame Formen früherer Zeiten beseitigt werden. Von diesem Gesichtspunkt aus sei der Kommissionsvorschlag im allgemeinen zu begrüßen. Bedenken bestanden allerdings hinsichtlich verschiedener Einzelheiten. Insbesondere müsse bei einer künftigen Regelung vermieden werden, daß die Kündigungsfrist des Pächters so lange ausgedehnt wird, daß dadurch jede Aktion des Bodenkäufers unmöglich gemacht wird. Ferner müsse das Gesetz zwischen einem privaten Käufer und einer Institution unterscheiden, die den Charakter eines gemeinnützigen Unternehmens trägt. Im allgemeinen müsse man befürchten, daß auch nach der geplanten Neuregelung der Effendi und Bodenbesitzer Mittel und Wege finden werde, den Fellachen weiter auszubeuten und sein Recht im Falle eines Bodenverkaufes an Araber zu verkürzen, während gerade bei Bodenkäufen durch jüdische Siedlungsunternehmen in vielen der nützlichen Bestimmungen ein Vorwand liegen wird, Schwierigkeiten zu schaffen und Konflikte hervorzurufen. gaYMnoOiaap- WM** KtV. Die vom Keren Hajessod begründete transsylyanische Kolonie im Emek Jesreel. vniüii&tssrg. 'Jts/f&iL ■rÄ: 3T2L Palästina Ein Joint - Committee für jüdische Kulturarbeit fordert Dr. Henry H o r o w i t z, der Redakteur der in New York in englischer Sprache erscheinenden Zeitschrift „Menorah“. Der Verfasser schlägt vor, eine Konferenz der Repräsentanten des Ostjudentums in Amerika einzuberufen, die die Aufgabe hätte, das Programm für großzügige Kulturarbeit in den Ländern des Ostens und auch in Amerika auszuarbeiten und die erforderlichen Geldbeträge zu beschaffen. „Mit fünfzigtausend Dollar jährlich“, meint der Artikelschrei'ber, „könnte man in den jüdischen Zentren des Ostens sehr wertvolle Arbeit auf dem Gebiete der jüdischen Kultur leisten.*‘ Ueber die Budgetprobleme des hebräischen Erziehungs¬ und Schulwerkes in Erez Israel, die in der letzten Zeit zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen der palästinensischen Lehrerschaft und der zionistischen Exekutive und sogar zu einer vorübergehenden Schließung der Schulen führten, schreibt die in Tel Awiw erscheinende hebräische Wochenschrift „Hapoel Hazair“: „Von Jahr zu Jahr wird es uns immer klarer, daß das zionistische Budget den Erfordernissen des Schul- und Erziehungswerkes nicht zur Gänze geredht werden kann. Auch wenn die ökonomische Lage des Landes eine wesentliche Besserung erfahren und an der Spitze der zionistischen Organisation Männer stehen werden, die den Wert und die Bedeutung des hebräischen Erziehungswerkes restlos erfassen können und wollen, werden wir zu keiner anderen Orientierung in dieser Frage gelangen. Wir brauchen nicht erst hervorzuheben, daß wir dem Erziehungswerk eine ebenso hohe, schöpferische Funktion beimessen, wie allen anderen Zweigen grundlegender nationaler Arbeit des jüdischen Jisdhiuw, Aber wir müssen hinsichtlich der Budgetierung des palästinensischen Schulwesens eine Zweiteilung seiner Rolle ins Auge fassen, die es einerseits im werdenden, andererseits aber im bereits bestehenden Jischuw spielt. Im gegenwärtigen Zeitpunkte, da die zionistische Organisation vornehmlich kolonisatorische Aufgaben in Erez Israel zu erfüllen hat, müssen naturgemäß die Erfordernisse des Erziehungswesens für die im Entstehen begriffenen Siedlungen einen integrierenden Bestandteil des allgemeinen Kolonisationsbudgels bilden. Dagegen kann es nicht Aufgabe der zionistischen Organisation sein, die Schulen des bereits konsolidierten, auf eigenen Füßen stehenden Jischuw oder jener Kolonien, die aus dem allgemeinen zionistischen Kolonisationsbudget ausscheiden und sich in das normale Wirtschaftsleben des Landes einzuordnen beginnen, zu erhalten. Dies müßte natürlicherweise in den Aufgabenkreis des organisierten Jischuws aufgenommen werden." Im »Haarez« kommentiert K. Friedenberg die vor kurzem veröffentlichte neue Erziehungsverordnung der Palästina-Regierung, Er schreibt u. a., im ganzen Lande sei noch kein gutes Wort über diese neue gesetzgeberische Tat der Regierung laut geworden. Der lateinische Patriarch Barlassina habe nach dem »Siassa« die Leiter der katholischen Missionsschulen zu einer Aussprache zusammengerufen, bei der beschlossen wurde, die in der Verordnung vorgesehene Kontrolle über das Schulwesen nicht anzuerkennen. Ebenso protestierten andere Missionsanstalten dagegen, da es natürlich für Institutionen dieser Art Mit dem nachstehenden Aufsatz von Dr. E. M. Zweig beginnen wir die Reihe Palästina-Feuilletons, die persönliche Eindrücke von Palästina-Reisenden wiedergeben. Als nächster Aufsatz dieser Art erscheint „Beim Finanzminister von Tel Awiw“ von Professor Arthur Freud. Talpioth Von Dr. E. M. Zweig, Jerusalem. Wenn das Weltall sich in einem Tautropfen spiegelt, mag es mir erlaubt sein, im Leben und Treiben von Talpioth, der hochragenden Vorstadt südlich Jerusalems, Erez Israel und den ganzen Jischuw zu erkennen. Ist mir doch Talpioth als meine Heimstatt besonders vertraut. Schon dem irdischen Auge wird von den schöngeschwungenen Straßen der Siedlung, die nach Richard Kaufmanns Plan zum Gipfel des sanften Hügels emporstreben, eine Fülle der Gesichte, Schaut man etwa vom zypressenbeschatteten Soldatenfriedhof, wo 80 Inder ruhen, nach Norden — und mancher fremde Eroberer hat von hier aus das umwallte Jerusalem drohend gemustert — dann steigt aus tiefgeschnittenen Tälern, wie eine Gralsburg, die Altstadt mit ihren Zinnen, Türmen und Toren auf und linkerhand auf dem höchsten Grat des Bergrückens weisen die Straßenzüge der Neustadt nach dem fernen Hafen Jaffa- Tel-Aviv, von dem her das neue Leben ins Land dringt. Und kehrst du dich nach West und Süd, lacht dir die grünende Ebene Refaim entgegen. Wo sich einst Juden und Philister maßen und der Wunderknabe David sein Gesellenstück gegen Goliath vollbrachte, eilt jetzt das Dampfroß talab und die breite asphaltierte Straße, die sich nach Bethlehem zum Sattel beim Kloster Mar Elias hinzieht, wimmelt von geschäftigen Autos, Noch eine kleine Wendung ostwärts und die Wüste Juda, ein Riesenpanorama kahler Höhen lut sich in unbesiegbarer Erstarrung auf, von der Jordansenke und dem saphirblauen Spiegel des toten Meeres durchbrochen und jenseits von den Bergen Moabs übertürmt. Aber der geistige Blick schweift über das alles noch weit, weit hinaus. Was kann uns denn das kleine Talpioth mit seinen 55 Häuschen lehren? Freilich stand da neulich in einem fulminanten Propagandaartikel, Talpioth sei einzig in seiner Art als Sitz der jüdischen Geistes- und Geldaristokratie. Welch Wissender lacht da nicht? Das mit dem Geist mag noch hingehen. Denn neben manchem Beamten der Exekutive, des Nationalfonds und der Banken, die hier hausen und denen bekanntlich das Amt den Verstand gibt, hirgt auch Talpioth eine kleine Künstlerkolonie mit dem Maler P a n n, dem Kunstgewerbler Gur A r j e und dem Filmoperateur Ben Dow. Auch die Witwe Ben Jehudas arbeitet in Talpioth am Thesaurus ihres großen Munnes weiter. Ganz oben am Berg aber thront Josef Klausner, Archäolog, Literat und Universitätsprofessor; stolz glänzt über seinem Tor die Inschrift: „Jadaduth we Ischijuth“ (Judentum und Menschentum). Aber die Anpreisung der Geldfülle Talpioths war doch zu übertrieben. Mag sein, daß hier die Armut um einige Grade gelinder ist als anderwärts im Land. Gewiß, man baut hier* Jahr für Jahr ein paar Häuschen zu, doch nicht aus verfügbarem Eigenkapital, sondern aus schwer erlangten und dreifach schwer drückenden Hypothekarschulden, die man sich im unerhörten Optimismus Altneulands auflädt. Darum nennen sich diese Hausherren in launiger Selbstverspottung statt: „Baale Bajith", die Männer der Schulden; „Baale Hachowoth“. Und wie oft muß so ein Hausherr, kaum daß er glücklich den letzten Ziegel aufs Dach gesetzt, das ganze Haus vermieten, um die Schuldraten an Baumeister und Bank einhalten zu können; sehnsüchtig guckt er dann aus einer Kellerwohnung hinüber, ob sein Haus noch steht. Die jetzige Wirtschaftskrise spürt man nicht zuletzt in Talpioth. All die nichtbezahlten Gehälter sammeln sich als Rückstand beim Kaufmänn, So hat unter dem übermäßigen Druck, der sich auch seelisch auswirkt, der blühende Sohn des Talpiother Kaufmanns Selbstmord verübt. Aber der Optimismus ringt sich immer wieder durch. Welch buntes, reges Leben in der kleinen Koloniel Es ist ein wahrer „Kibbuz Hagalioth", eine Sammlung der zerstreuten Juden aus aller Welt. Sechzehn verschiedene Sprachen aus zumindest ebensovielen Ländern haben sie mit herüber gebracht. Doch der Siegeszug des Hebräischen ist auch hier unaufhaltsam. Denn seine Träger sind die Kinder, von denen Talpioth förmlich überquillt, ein neuer Beweis jenes unbeugsamen Optimismus. Die beiden Autobusse, welche täglich Punkt %7 Uhr zu den Schulen nach der Stadt fahren, nehmen allein 28 Schüler des hebräischen Gymnasiums mit. Vergebens wirst du aus dem Gezwitscher in diesen vollgepreßten Autos, bei den nachmittägigen Kinderspielen aut den Straßen, im Wäldchen der Siedlung und am Fußballplatz oder auch nachts unter den elektrischen Bogenlampen ein anderes Wort vernehmen als: „Iwrith, rak Iwrith!" Sogar die Zöglinge des in der Gemeindebaracke untergebrachten „Gan“. das ist kurz gefaßt der Kindergarten, beteiligen sich von drei Jahren aufwärts an diesem Kriegsruf, Den Eltern bleibt nichts übrig als zu kapitulieren. Sogar die Hausmütter samt den Dienstmädchen lernen in hebräischen Sprachkursen nach. Natürlich herrscht so das Hebräisch bei den Eltemversammlungen, wo man die Schulerfolge nachprüft, vor, und dann überhaupt im öffentlichen Leben, das in den Beratungen des freigewählten Gemeindeausschuss.es, genannt „Wad", und in den Vollversammlungen der Bürgerschaft igipfelt. Ja, in Talpioth strahlt nicht nur das Licht des Geistes, sondern auch leibhaftiges elektrisches Licht, das von der nahen Fabrik Salzmann stammt. Aber man weiß zu sparen. Um die Vollmondszpit wird die Straßenbeleuchtung abgestellt. Auch sein religiöses Zentrum hat Talpioth. Die Frommgestimmten haben sich zu einer freien Gemeinde zusammengetan und in einer Baracke ihr Bethaus eingerichtet. Wer kommen will, ist gern gesehen. Und wäre einmal das Minja aus Erwachsenen nicht parat, hat der Gabbe nicht weit zum Sportplatz, um ein paar Barmizwa-Jünglinge herbeizuholen, Die Feiertage in dieser schlichten Baracke sind für jeden