Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 3 Pi' . >;.'■• ■■ awswi iivfivw F** - v« cf f ,*>*< yp. *. Professor T. G. Masaryk, der Präsident der Tschechoslowakischen Republik, der sich einer Welt zum Trotz für die Unschuld Hilsners einsetzte. nicht unbegreiflich, daß man erzählte, Kaiser Franz Josef hätte gelegentlich eines Manöverbesuches in der Station S e d 1 e t z-K uttenberg zum Staatsanwalt Schneider-Svoboda in bezug auf Hilsner gesagt: „Der wird hoffentlich verurteilt werdenJ“ Die Verteidigung Hilsners sollte einem ex offo- Vertreter übergeben werden. Die Anwälte drückten sich, keiner wollte sich in Gefahr begeben. Durch meinen inzwischen verstorbenen Kollegen Dr. Podwinetz, der mit den Führern der Prager Israelitischen Kultusgemeinde befreundet war, wurde ich aufgefordert, die Vertretung zu übernehmen. Im vollen Bewußtsein der ungeheuren Schwierigkeiten nahm ich an. Da ging auch schon der Kampf gegen meine Person los. Ich wurde geächtet. Man warf mir in Wort und Schrift doppelten Verrat vor: als Tschechen und als Christen. Man boykottierte mich, hörte auf mich zu grüßen, in der Beseda und im Kasino von Kuttenberg wich man mir aus. Die Fensterscheiben wurden mir eingeschlagen, ja sogar mein Leben war bedroht. Während des ganzen Prozesses wurde mein Haus von Gendarmerie bewacht. Man gab mir den Namen „Hilsner - Doktor!“ Und sogar nach dem Prozesse hörte die Hetze nicht auf, sodaß ich, da es kein Klient wagte, meine Kanzlei aufzusuchen, nach Wien übersiedelte. Die altösterrei::isisehe Justizverwaltung hatte nicht den Mut, sich selbst zu demaskieren. Der Untersuchungsrichter Baudisch in Kuttenberg, der von der Unschuld Hilsners überzeugt war, wurde versetzt. Und dem Justizministerium in Wien war jede Intervention unangenehm. Der Justizminister, Baron Spens-Boden, bei dem ich wiederholt in Audienz war und durch den ich die Exhumierung der ermordeten Hruza erzielte, zeigte zwar ein menschliches Gesicht — er hielt Hilsner für unschuldig, aber seine Aufträge wurden sabotiert. Sein Nachfolger, Ruber, ein waschechter Klerikaler, segelte im Fahrwasser der von den Deutschnationalen inszenierten Ritualmordhetze. Als der vornehme und gebildete Dr. v. K ö r b e r kam, war es schon zu spät. Der Würfel war gefallen. Und der vierte Justizminister, mit dem ich zu tun hatte, Hochenburger, gehörte zu den österreichischen Ministern, die alles mit höflichem Lächeln Zusagen und nichts halten. Hochenburger war es, der sogar die Begnadigung Hilsners zu sabotieren versucht hat. Aber man darf nicht glauben, daß sich keine Stimme gegen den Aberglauben, die Rechtsverletzung, die Gemeinheit, die brutale Vergiftung der Massen erhob. Ein Buch von Max Paul Schiff machte die Welt auf die Gefahren der Ritualmordkomödie aufmerksam. Dr. Nußbaum, ein Schüler des berühmten deutschen Strafrechtsgelehrten v. Liszt, gab eine kritische Darstellung des Prozesses auf Grund der Protokolle. Und schließlich ein Mann, ein Abgeordneter und Professor der gegenwärtige Präsident der Tschechoslowakischen Republik, Thomas Garrick Masaryk. Ich habe in jenen schweren Tagen wiederholt mit Masaryk gesprochen, ihn über alle Details informiert und am laufenden erhalten. Aus zwei Gründen ließ Masaryk (u. a. in der Wiener Zeitschrift ,,Die Zeit“) sein Wort ertönen: erstens um ein für allemal das Ritualmordmärchen ad absurdum zu führen, zweitens, weil er von der Unschuld Hilsners durchdrungen war, Masaryk war überzeugt davon, daß es niemals zur Anklage Hilsners gekommen wärehatte nicht die österreichische Reaktion die Ritualmordhetze in Szene gesetzt. Und er fühlte wie ich und ein kleiner Kreis von Intellektuellen die tragische Situation, die sich zum Glück in den anderen Ritualmordprozessen in Polen und Ungarn, ja sogar in Rußland nicht ergeben hat: Es wird zur Verurteilung kommen und man wird hier die Unschuld nicht beweisen können. In diesem Sinne bleibt das Schicksal des Leopold Hilsner, nach Begnadigung und Freilassung, ein echt österreichisches, ein tragisches, ein jüdisches. Als solches wird es im Andenken der gesitteten Welt lebendig bleiben — das Schicksal eines Märtyrers. Die jüdische Emigration aus Polen, Nach der amtlichen Statistik über die Auswanderung aus Polen waren von den 49.893 Personen, die im Jahre 1926 (die amtliche Statistik über die Wanderung im Jahre 1927 ist noch nicht veröffentlicht worden) aus Polen emigriert sind, 19.609 Juden. Diese Zahl verteilt sich auf die einzelnen Einwanderungslärtdet in folgender Weise: Palästina — trotz der Krise — 5813, Argentinien 4750, Vereinigte Staaten von Nordamerika 3335, Kanada 2597, Brasilien 1376 usw. Die Juden Polens, die nidht ganz 10 Prozent der allgemeinen Bevölkerung ausmachen, sind an der gesamten Emigration aus Polen mit vierzig Prozent beteiligt. Im Jahre 1927 wanderten 1179 Juden aus Polen nach Palästina aus. Die gesamte jüdische Auswanderung aus Polen betrug in diesem Jahre ca. 19.000 Personen. Der zionistische Fonds für politische Arbeit Die Exekutive der zionistischen Weltorganisation hat vor kurzem in einem Aufruf die Begründung eines „Fonds für politische Arbeit” angezeigt. In einem von den Präsidenten Weizniann und So ko low gezeichneten Rundschreiben an die zionistischen Landes- und Sonderverbände wird nun darauf hingewiesen, daß die Arbeit für die Aufbringung dieses Fonds sofort einzuleiten sei. Der Schekel in Verbindung mit den anderen Finanzquellen der Organisation reicht — insbesondere in den kongreßlosen Jahren — nicht hin, um eine planmäßige und sich immer mehr erweiternde politische Arbeit zu sichern. Es ist Sache der Landes- und Sonderverbände, dafür zu sorgen, daß die Exekutive, frei von den dringendsten Sorgen um den täglichen Geldbedarf, sich der Durchführung ihrer politischen Arbeit widmen kann. Für diesen Fonds sollen, wie das Rundschreiben weiter ausführt, 20.000 Pfund Sterling aufgebracht werden. Der Mindestbeitrag beträgt 2A englische Pfund, bezw. 1214 Dollar, 50 Reichsmark, 80 österreichische Schilling, 400 tschechische Kronen, Wer für den politischen Fonds diesen Mindestbetrag spendet, hat Anspruch auf ein kostenloses Halbjahresabonnement des hebräischen Zentralorgans „Haolam" oder auf ein kostenloses Jahresabonne? ment auf das englische zionistische Organ „The New Judaea”. Der »Bazillen-Cohn« In Breslau gibt es eine alte jüdische Patrizierfanvilic mit dem nicht gar seltenen Namen Cohn; sie hat der Welt im letzten Jahrhundert einige berühmte Männer geschenkt. Der zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der schlesischen Hauptstadt wohnhafte Kaufmann Cohn, nach seinem geschäftlichen Spezialzweig der „Oel-Cohn" genannt, ihatte drei Söhne und jeder machte den Namen der Familie weit über Breslau hinaus berühmt. Der eine, Oskar, war ein bekannter R e c h t s w i s s e n s c h af 11 e r (er wurde in Breslau scherzweise der Cohn-Jurist genannt) und kam auf der deutschen BüP.'ne zu langlebigen Ehren. Er ist nämlich der Verfasser der vielgespielten Possen „Wohltätige Frauen”, „Kyritz - Pyritz", „Griechisches Feuer" u. a., die er unter dem Pseudonym „Justinus” schrieb; sie stehen zum Teil noch heute auf dem Repertoire der Liebhaberbühnen. Der zweite Sohn des „Oel-Cohn” war der weltberühmte Augenarzt Hermann Cohn, der vor nicht langer Zeit hochbetagt gestorben ist. Ihm verdankt die Augenheilkunde als Wissenschaft sehr viel und Tausende von Angenkranken priesen das Wirken des „Augen-Cohn”, wie er liebevoll in seiner Heimatstadt genatint •wurde. Sein Sohn ist übrigens der bekannte Schriftsteller Emil Ludwig, Der dritte Sohn des „Oel-Cohn”, Julius Ferdinand Cohn, wurde vor genau hundert Jahren, am 24. Jänner 1824, geboren; er war der genialste der drei Brüder und er hat sich in der Wissenschaft einen unvergänglichen Namen geschaffen. Ferdinand Cohn ist der Entdecker der Bazillen und wurde daher der „Bazillen-Cohn” genannt. Er führte auch zum Unterschied von seinem ophthalmologischen Bruder, der ebenfalls an der Breslauer Universität wirkte, den Spitznamen „Fflanzen-Cohn". Ferdinand Cohn hat nämlich1 auf dem Gebiete der systematischen Botanik Bahnbrechendes geleistet. Er hat zusammen mit P rings heim und Straßburger (ebenfalls jüdischen Gelehrten) das bis heute grundlegende botanische Werk „Die Pflanze" verfaßt. Seine Tätigkeit — er war einer der ersten Juden,'welche (im Jahr 1875) an einer deutschen'Universität eine ordentliche Professur bekleideten — gereichte der Breslauer Universität zum höchsten Ruhm; er begründete auch ihr weltberühmtes pflanzenpsychologisches Institut. Ferdinand Cohn war der Lehrer des großen Robert Koch, der seinem Lehrer einen liebevollen Nachruf hielt. Cohn« hat durch seine Entdeckung der Bazillen die weltbewegenden Entdeckungen Kochs veranlaßt, was der große Schüler stets neidlos anerkannte. In reinen Mußestunden war der „Bazillen-Colhtn" Dichter; in seinem Nachlaß fanden sich stimmungsvolle Gedichte von vollendeter Form, die er auch als Vortragender ausgezeichnet beherrschte. Ein Dichter, der berühmte Romancier Felix Dahn, hielt ihm die Grabrede. HOTEL-RESTAURANT RUTH Wien II., Hollandfttraßc 14 s Tel. 42-3-70 Gut bürgerliches Haus mit anerkannt vorzüglicher Küche. Mittag-Menus S 2. Jeden Sonntag abends Publikums-Tanz bei nicht erhöhten Preisen! Jose! Cowen 60 Jahre alt Am 8, Jänner feierte Josef Cowen in aller Stille seinen sechzigsten Geburtstag. Cowen war einer der ersten, der sich Theodor Herzl anschloß und er organisierte die zionistische Bewegung in England. Vom ersten Tage an, da der politische Zionismus vor das Forum der Welt trat, steht Cowen unermüdlich im Dienste der Bewegung. Cowen war einer der besten Freunde Herzls und hat nie davon Aufhebens gemacht. Er hat Herzl die Wege in England ebnen geholfen, hat ihn auf seinen Reisen zum Sultan begleitet und war später hauptsächlich bei der Gründung der zionistischen Finanzinstitute tätig; er ist auch bis heute Vorsitzender des Direk toriums des Jewish Colonial Trust, der jüdischen Kolonialbank. Herzl hat Cowen in seinem Zukunftsroman „AUneuland" mit liebevoller Feder als einen der Treuesten (unter dem Namen „Joe") verewigt. Auch nach Herzl blieb Cowen bis heute in der ersten Reihe der zionistischen Führer, Er hat Wolfsohn hingebungsvolle Hilfe geleistet und während des Krieges Weizmanns Bemühungen in England um die Sicherung des jüdischen Anspruches auf Palästina tatkräftig unterstützt, blieb auch Weizmann weiterhin treuer Mitarbeiter, Cowen gehörte mehrmals der zionistischen Exekutive an. Er arbeitet in der Bewegung sozusagen ohne jede Geste, dafür aber intensiv und aufopfernd. Seine zionistisch-jüdische Konzeption ist stets stark und der äußerlich kühle Mann war und ist immer dort zu finden, wo es gilt, der Bewegung Elan zu geben, Cowen, der „alte Herzl-Zionist”, ist einer der Jüngsten in den zionistischen Reihen, Aus Anlaß seines 60. Geburtstages wurde Cowen vom Präsidenten Weizmann in einem herzlichen Schreiben namens der Exekutive beglückwünscht. Dr. Noah Davidsohn gestorben Wie uns aus Warschau gemeldet wird, ist am 11. Jänner in B i a 1 y s t o k, wo er im Aufträge der Zionistischen Organisation weilte, <Ler bekannte Warschauer Arzt und Vorkämpfer der Zionisten Polens Dr. Noah D a v i d s o h n, 51 jährig, gestorben. Dr. Davidsohn entstammte einer altangeselhenen jüdischen Familie in Polen, sein Urgroßvater, einer der 'bedeutendsten Rabbiner Polens, war als unmittelbarer Vorgänger des bekannten Rabbiner Meiseis jahrelang Oberrabbiner von Warschau; der Vater des Verblichenen Arie Issadbar Dav.idsolhn war einer der Führer der Chowewe-Zion-tBewegung, nahm an der Kattowitzr Konferenz teil und war Mitbegründer der ältesten jüdischen Kolonien in Palästina. Dr. Noah Davidsohn betätigte sich schon als Student in der zionistischen Bewegung; er 'begründete zusammen mit J. Grünbaum im Jalhre 1907 den Warschauer jüdisch-nationalen Klub, der die Keimzelle der starken zionistischen Organisation in Kongreßpolen wurde. Seither stand Dr. Davidsohn in der zionistischen Arbeit in Polen in erster Reihe, Gr war Vizepräsident des zionistischen Zentralkomitees für Polen und 'Mitglied des Großen Aktionskomitees der Weltorganisation. Trotz schwerer Krankheit war Dr. Davidsohn nodh in -den Letzten Woche« in der Wahlarbe.it rege tätig. 'Mit ihm. verliert die polnische Zionistenschaft einen ihrer besten Köpfe. »Der König der Könige« ist ein amerikanischer Film, der das Leben Jesus1 dar st eilt und bei Christen und Juden aller Welt Anstoß erregt hat. Dies mit Recht, denn der Film, dessen Manuskript und Herstellung Cecii de Mille besorgt hat, ist ein typisches amerikanisches Machwerk. Die Gestalt des Gründers der christlichen Religion wird in der Art, wie sie der Film wiedergibt, vielfach als Blasphemie empfunden und die Darstellung jüdischen Wesens, die er bietet, ist mehr als abstoßend. Geradezu widerlich verzerrt ist die Figur des jüdischen Hohepriesters Kaiphaa und dies hat mehrfach zu heftiger Ablehnung geführt. Ueberdies wurde es dem großen jüdischen Schauspieler Rudolf Schildkraut, der in New York lebt und dort lange an jüdischen Theatern gewirkt hat, verübelt, daß er die Darstellung dieser Kaiphas-Karikatur übernommen habe, Schildkraut hat nun in der amerikanischen Presse erklärt, er habe diese Rolle übernommen, weil er durch die große Gage, welche er für die Mitwirkung in diesem Film erhielt, die Möglichkeit bekam, die großen Schulden zu bezahlen, welche er bei seinen verunglückten Bemühungen, ein gutes jüdisches Theater in New York zu schaffen, angehäuft hatte. Diese Erklärung kann nur einleuchten, wenn man erwägt, daß sie von einem Schauspieler kommt. Sie ist daher ebenso unwesentlich für die Sache selbst, wie die Mitwirkung Schildkrauts in dem Film. Der Film selbst ist in seiner gegenwärtigen Fassung zurückgezogen worden und soll in einer neuen „verbesserten” Fassung gebracht werden. Juden und Christen sollen unter anderem durch einen Prolog „begütigt” werden. Solche Therapie hat noch nie einem Schund das Leben verlängert. Sie wird es wohl auch diesmal nicht. „Palästina“ Monatsschrift für die RrschlleOung Palästinas Das einzige Organ, das alle den Ausbau des jüdischen Palästina betreffenden Fragen behandelt und das ganze sonst weithin zerstreute darauf bezügl. Material konzentriert. Redaktion: Adolf Böhm / Zu beziehen durch die Administration: Wien I, Kärntnerstraße 28 Bezugspreise für Österreich S 10*—# für Ausland S 12*—