Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 3 DIE STIMME Seite 5 Der »Ritualmörder“ von Polna Wie wir noch in einem Teile der Auflage unserer vorigen Nummer kurz berichten konnten, ist im Wiener Rothschild-Spital Leopold H i 1 s n e r, das Opfer des berüchtigten Ritualmordprozesses von Polna, 51 Jahre alt, gestorben. Er wurde am 11. Jän- Leopold Hilsner, das Opfer des Ritualmordprozesses von Polna» ner in einem von der Wiener Kultusgemeinde gewidmeten Grabe beigesetzt. Vertreter des Kultusvorstandes und Hilsners mutiger Verteidiger Dr. Zdenko Aurednicek, der jetzt in Wien wohnt, und in dem nachstehenden Aufsatze interessante Darlegungen über die Polnaer Ritualmordintrige macht, gaben dem Opfer der zu politischen Zwecken inszenierten Hetze das letzte Geleite. Der Fall Hilsner, der vor fast dreißig Jahren ungeheueres Aufsehen hervorgerufen hat, bildet ein Kapitel menschheitlicher und spezifisch österreichischer Schande. Die noch in allgemeiner Erinneruhg stehenden Tatsachen seien kurz rekapituliert. Am 1. April 1899, kurz vor den Pessachbezw. Osterfeiertagen, wurde in einem Walde bei Polna die Leiche der Agnes H r u z a, eines Dienstmädchens, gefunden. Es lag ein Mord vor. Alle Burschen des Ortes und der Umgebung, die zur kritischen Zeit in der Nähe des Tatortes gesehen worden waren, wurden in Untersuchungshaft genommen, darunter auch der 22jährige Schuhmachergehilfe Leopold Hilsner, ein nicht gerade arbeitsfreudiger, geistig zurückgebliebener Bursche. Indizien lagen gegen ihn ebensowenig wie gegen die anderen Verhafteten vor. Da setzte eine antisemitische Hetze ärgster Natur ein, die in Böhmen von den nach politischer Expansion strebenden tschechischen Klerikalen, im übrigen Oesterreich von den damals eben emporgekommenen Christlichsozialen inszeniert wurde, da beide Parteien einen Propagandaschlager brauchten. Ein solcher war die Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden, die sich nicht gar lange vorher in Ungarn (Tisza Eszlar) als zugkräftig erwiesen hatte. So wurde der verhaftete Leopold Hilsner zum »Ritualmörder«. Die Presse, voran die tschechisch-klerikalen Blätter und das berüchtigte »Deutsche Volksblatt« in Wien, die Propaganda durch Agitatoren und von den Kanzeln der Kirchen tat alles, um die Ueberzeugung von einem »entdeckten« jüdischen Ritüalmord in die Massen zu tragen. In Böhmen herrschte höchste Erregung. Die österreichische Regierung tat aus Angst nichts, andererseits auch, weil sie — durch die politische Situation in Böhmen bedrängt — die Tschechisch-Klerikalen in ihr politisches Kalkül zog. So wurde ein Ritualmordprozeß vorbereitet und Hilsner war sein direktes Opfer, sein indirektes aber — die gesamte Judenheit. Es gab Demonstrationen gegen die Juden in Böhmen, Boykottbewegung u. dgl. Um nur ja sicher zu gehen, wurde von Hilsner ein Geständnis erpreßt; es war nicht zu brauchen. Man machte noch einen zweiten »Ritualmord« zurecht; auch er erwies sich als unverwendbar. Aber die Massenstimmung genügte. Die Verhandlung gegen den »Ritualmörder« fand unter geradezu revoltenähnlichen Demonstrationen statt. Hilsner wurde von z Ay e i Gerichten zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof Oesterreichs bestätigte, daß Hilsner ein überwiesener Mörder sei, wandelte aber die Todesstrafe in lebenslängliche Kerkerstrafe um. 19 Jahre saß Hilsner im Kerker und kam erst durch die Amnestie des Kaisers Karl frei. Alle Versuche, ein Wiederaufnahmsverfahren zu erwirken, blieben erfolglos, obwohl der große Berliner Strafrechtler, Professor Liszt, die Unschuld Hilsners und die unmögliche Führung des Prozesses vor aller Welt darlegte, obwohl die ganze gesittete Welt, allen voran der heutige Präsident der Tschechoslowakischen Republik, Dr. M a s a r y k, gegen die Ritualmordlüge auftrat. Die »Kontinuität« der österreichischen Politik wurde gegen den Juden Hilsner starr gewahrt. Hilsner kam als lebender Leichnam aus dem Kerker und in den knappen neun Jahren, die er der »Freiheit« genoß, war er auf die öffentliche und private Mildtätigkeit angewiesen. Er starb im Elend, ein armer, untauglicher Märtyrer der neuesten Zeit, die es so herrlich weit gebracht hat: zur gerichtsordnungsmäßigen Ritualmordlüge. Dr. Zdenko Aurednicek, der mutige Verteidiger Hilsners. Iliiilliillil In FSBWfSSü I ll> IW I Grundstück Angelegenheiten j Kauf * Verkauf j Verwaltung 1 Belehnung j betreffend ü Hauser / Villen I Guter | wendet man sich vertrauensvoll an die 1 _. j Realitäten- und Verwaltungskanzlei m Dr. jur. Marem Somer IfJ Wien, IX. WähringerstraBe 3 ' B Telephone: A 26-4-47 * 15-506 a iiiiiiiiiiiiii Hinter den Kulissen des Hilsner-Prozesses Von Rechtsanwalt Dr. Zdenko Aurednicek. (Aus einem Gespräch.) Der Fall ist bekannt. Er ist in die Kriminalgeschichte eingegangen. Aber selbst heute noch, nachdem das Opfer Leopold Hilsner gestorben ist. wirkt in der Erinnerung die Atmosphäre dieses Prozesses aufwühlend und man hat nur das eine erklärende Gefühl: ,,Das alte Oesterreich!“ Ich selbst, damals ein junger Advokat in Kuttenberg, habe mich vor der Verhandlung mit dem Tatsachenmaterial beschäftigt, sogar den Talmud studiert, um ja die Gewißheit bezüglich des Unsinns der Ritualmordbeschuldigung zu erlangen. Diese Selbstüberzeugung war notwendig. Denn die Massen in Böhmen, ja auch viele Gebildete standen unter dem Eindruck der Stimmungsmache, die von Wien (Vergani im „Deutschen Volksblat t“) aus und nicht weniger von Prag inszeniert worden war. um die Gehirne zu benebeln, die Gemüter zu erhitzen, die Menschen zu fanatischen Anhängern der Ritualmordlüge zu machen. Dr. Baxas „Radikälni Listy“ und eine das künftige Prozeßmaterial willkürlich zusammenfassende Broschüre wurden auf Straßen, in Häusern und Schenken verschlungen, sogar das sonst liberale Blatt „Narodni Listy“ behandelten den Fall in gehässigster Weise. Wien, die klerikale Regierung, das reaktionäre Justizministerium schwieg. Es arbeitete hinter den Kulissen. Man fühlte sich da oben in Böhmen verlassen, man hatte die Gewißheit, einer eisernen Mauer von Beschränktheit, Hartherzigkeit, bösem Willen, ja Haß gegenüberzustehen. Und es ist von seinem Leib wegwaschen konnte: er kandidiert zum dritten Mal als Tory, als Konservativer, heute würden wir vielleicht sagen als Christlichsozialer. Und da wurde er gewählt. Das trug ihm eine Flut von Beschimpfungen ein, besonders seitens der ehemaligen Bundesgenossen. Er erwiderte nicht, und es gibt heute noch englische Politiker und Schriftsteller, die sagen, dieser Zug der Treulosigkeit und Verrates zeuge zur Genüge, daß dem Manne alle Mittel recht waren, wenn sie zu seinem persönlichen Ziele führten. Das ist ganz falsch. Disraeli war, wie es ein alter Jude früherer Zeit immer war, konservativ, monarchistisch. Konservativ, aber radikal. Gleichheit aller Menschen ist ihm nicht ein Dogma, sondern etwas ganz Selbstverständliches, denn das liegt in uns Juden seit Tausenden von Jahren. Er war sich untreu, als er mit den Radikalen ging oder zu gehen versuchte. Er kam zu sich, als er sich den Tories anschloß. Sein ganzes Leben vom Jahre 1837 an ist eine konsequente Entwicklung, eine gerade Linie. Er war ein geborener Führer, aber zugunsten der Masse, zugunsten des Volkes. England wurde von jeher, wie fast alle Länder, von den großen Herren regiert, die den Boden im Besitz hatten. So ist es noch heute in Ungarn, in Ostdeutschland. Diese großen Herren standen plötzlich nach den großen industriellen Erfindungen einem großen Problem gegenüber. Die Arbeitermassen wollten billiges Brot und die großen Fabrikanten, die großen Industriellen, namentlich Mittel- und Nordenglands, jammerten, der Arbeiter könne sich nicht satt essen, wenn die Kornzölle das Brot verteuern. Amerika war bereit, Weizen und Roggen sehr billig einzuführen, aber dann hätten die englischen Großgrundbesitzer auf ihre Einkünfte verzichten müssen. Der Königin, die, nebenbei gesagt, als eine ganz junge Person in dem Jahre auf den Thron kam, als Disraeli das erste Mandat bekam (1837), und ihren adeligen Beratern war es ein Dogma, daß die Kornzölle bestehen mußten, wenn der Adel und das Reich bestehen sollte. Robert Peel, einer ihrer großen Männer und Stützen, war derselben Meinung. Und nun geschah etwas Außerordentliches. Die Großgrundbesitzer fanden auf einmal Kohle und Eisen auf ihren Gütern; im Handumdrehen wurden die Großgrundbesitzer Großindustrielle und beschäftigten Hunderttausende von Arbeitern. Ja, jetzt war ihr Standpunkt natürlich ein ganz anderer. Jetzt kamen diese großen Herren, die das Glück hatten, Kohle und Eisen zu haben, zur Königin und sagten: »Unsere Arbeiter verhungern.« Die Königin fragte Peel und Peel war nicht mehr so stark und so halsstarrig wie früher und sagte, die Sache müsse überlegt werden. Die Bundesgenossen Peels hatten auch Kohle und Eisen auf ihren Gütern gefunden und die Folge war, daß man in den allerhöchsten Kreisen dafür agitierte, die Getreidezölle zugunsten des Arbeiters herabzusetzen. Nur die ganz Alten, namentlich die in Süd- England, die nichts hatten, als den Ackerboden, die hielten am alten Prinzip und Privileg fest und Disraelij schloß sich diesen Leuten an. Da sagen nun die Historiker, daß ein Mann von der Hellseherei dieses Menschen nicht die Zukunft sah, nicht die Gegenwart begriff. Er mußte doch sehen, daß ganz England für die Abschaffung der Getreidezölle war und daß der Hochadel im Zurückgehen war! Warum hielt er zu dieser alten Gesellschaft? Nun denn, die Historiker und Biographen Disraelis kennen die Englische Geschichte ausgezeichnet, Disraeli aber verstehen sie nicht. Nicht einmal Brandes — das war der erste Biograph Disraelis außerhalb Englands — nicht einmal der hat ihn verstanden; warum sollten wir uns wundern, wenn Nichtjuden ihn nicht begriffen? Alles Große, das wir Menschen machen, kommt aus tiefen, unergründeten Quellen, nicht aus dem Bewußtsein, nicht aus dem, was wir glauben, daß es uns bestimmt. Als unser Herzl zum Erstaunen all seiner Freunde und Bekannten sich plötzlich als Jude bekannte und das zionistische Problem aufwarf, das Judenproblem überhaupt, da war man ratlos. Er hatte nie einen solchen Gedanken gehabt, aber über Nacht brach die Quelle der -Tiefe auf und der Judenstaat war da. In Disraeli wirkten atavistische, von den Vorvätern übernommene Instinkte, die sein ganzes Leben bestimmten. Für Disraeli war es etwas ganz Selbstverständliches, daß alles vom Boden kommt, wie alles zum Boden zurückkehrt. Was die Welt sonst an Reichtum hat, ist ephemär, ist eine Sache von ein paar Jahren, oder — wie wir erlebt haben — von ein paar Stunden. Das Bleibende, das Echte, das ist der Boden. Wenn England seine *alte Macht behalten soll, so muß der Boden, der uns nährt, seinen Wert haben. Man kann den Boden nicht brachliegen lassen, weil im Augenblick eine industrielle Konjunktur herrscht. Das war seine innerste Ueberzeugung, und an der hielt er sein ganzes Leben lang fest. (Ein weiterer Aufsatz folgt.) Eine Sammelschrift über die Balfour-Deklaration, Am 2. November 1927 waren zehn Jahre verflossen, seit durch die Balfour-Deklaration das Recht der Juden auf eine nationale Heimstätte in Palästina international proklamiert wurde. Aus Anlaß der zehnten Wiederkehr dieses für die Judenheit so bedeutungsvollen Tages hat das zionistische Landeskomitee für Oesterreich (im Selbstverlag Wien I, Kärntnerstraße 28, Preis S 3.—) eine Sammelschrift herausgegeben, in der die historische und politische Bedeutung dieses Aktes dargelegt wird. Mit den politischen Auswirkungen der Balfour- Deklaration befassen sich in der Schrift u. a. Aufsätze des tschechoslowakischen Außenministers Dr. B e n e s c h, des französischen Senators Godard, welcher der die Verwaltung Palästinas kontrollierenden Mandatskommission angehört, und des bekannten britischen Labour-Abgeordneten Colonel Wedgwood. Eine wertvolle Publikation (eine seiner letzten) hat der verewigte Oberrabbiner Dr. Chajes in diesem Samimelbuch veröffentlicht; in seinem Aufsatze „Bemerkungen zur Balfour-Deklaration“ gibt er eine Interpretation der Hauptsätze der Deklaration. Reiches historisches Material zur Geschichte der Balfour-Deklaration bringt ein umfangreicher Aufsatz von Dr. K, M. G e '1b e r. Beiträge vom Otto A b e 1 e s, Dr. Leo Goldhammer, Dr. David R o t h b 1 u m u. a. geben der geschmackvoll ausgestatteten Schrift ein gutes (Relief, e. f. 48485323484823534848 8722505728^^ 53482353485353532348482353532323234823535323234853534823232348534823 B7-B