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Die Stimme · 1928-01-19 · Heft 3 (19.1.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 3 (19.1.1928)
Date
1928-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 3 Dorn-Schuhe Wien, II, Taborstraße 8a Herrliche Modelle, erstklassig ausgeführte Straften- und Abendschuhe Jnveniuwerkauf von Einzeipaaren 12‘50,15'—, 17*50,19-50 Gründen nicht zur Wahl gingen. Die alte Mandatszahl ist heute, wo die ukrainische Wahlabstimmung wegfällt, nicht mehr zu erlangen. Doch halten die zionistischen Politiker Ostgaliziens ein selbständiges Vorgehen für chancenreicher und opponieren dem Beschluß des Zentralkomitees. Diese Meinungsverschiedenheit hat ziemlich scharfe Formen angenommen. Die ostgalizische Gruppe hat die Zionistische Exekutive in London angerufen und begründet ihr selbständiges Vorgehen mit der ihr zustchenden zionistisch - organisatorischen Autonomie, die ihr Warschau nicht zugestehen will. Andererseits bekämpfen die Anhänger des Deputierten Grünbaum in Ostgalizien, die dortigen radikalen Zionisten sowie die Zionistische Arbeitspartei »Hitachduth« dortselbst die selbständige Wahltaktik des Deputierten Dr. Reich. Der Konflikt hat auch schon weitere Kreise gezogen, indem z. B. vom ostgalizischen Rayonskomitee der verdienstvolle Deputierte Doktor I n s l e r, welcher für die Grünbaumsche Wahlparole, also das Zusammengehen mit den anderen Minderheiten, eintritt, von der Redaktion des von ihm geleiteten Lemberger zionistischen Tagblattes »Der Morgen« für die Wahlzeit suspendiert wurde. So ist eine Situation entstanden, deren letzte Ursache vielleicht sozialpsychologisch berechtigt sein mag, die aber geeignet ist, den Enderfolg der für die Juden so wichtigen Wahlen zu beeinträchtigen. Das fühlen beide Gruppen, denn sie suchen in verschiedenen Enunziationen schon jetzt einander die Verantwortung für einen eventuellen jüdischen Stimmenbezw. Mandatsverlust in Ostgalizien zuzuschieben. Ein solcher aber darf nicht eintreten und deshalb ist zu hoffen, daß bald die ruhige Erwägung dessen, was auf dem Spiele steht, den Meinungsverschiedenheiten im jüdisch-nationalen Lager in Polen ein Ende bereitet. ] Das jüdische Leben Neue Studenten-Exzesse in Rumänien In Kischinew und Bukarest. — Eine Friedhof Schändung. — Die Bestrafung der Exzedenten Wie uns aus Bukarest gemeldet wird, gab es in Kischinew, der durch die berüchtigten Pogrome der Zarenzeit bekannten bessarabischen Stadt, jetzt Sitz der rumänischen Verwaltung Bessarabiens, am 10. Jänner schwere Ausschreit u n g e n gegen die jüdische Bevölkerung. Studentengrupps durchzogen die Straßen, überfielen jüdische Passanten und schlugen so lange auf sie ein, bis sie schwer verletzt zu Boden sanken. Auf dem Hauptbahnhof wurden eintreffende jüdische Reisende überfallen und mißhandelt. Mehrere Verletzte mußten in Spitalspflege gebracht werden. Als die Polizei eingriff, um weitere Exzesse der Studenten zu verhindern, kam es zu förmlichen Gefechten zwischen den Studententrupps und den Polizeiabteilungen. Die Studenten gaben Revolverschüsse gegen die Polizisten ab, deren mehrere verletzt wurden. In Bukarest haben die' Studentenunruhen an der Universität wieder begonnen. An der medizinischen Fakultät wurden die jüdischen Hörer blutiggeschlagen. Die Studenten, deren Exzesse offenbar organisiert sind, ahmen nunmehr das Beispiel ihrer hakenkreuzlerischen Gesinnungsgenossen in Deutschland nach; sie schänden die jüdischen Friedhöfe. In Piatra Neamtze wurde vor mehreren Tagen der jüdische Friedhof in vandalischer Weise verwüstet. 59 Grabsteine wurden umgestürzt und zertrümmer t. Als mutmaßliche Täter wurden 20 Personen verhaftet. Um ähnliche Vorfälle in Jassy zu verhüten, wird der dortige jüdische Friedhof von Gendarmerie bewacht. Inzwischen nehmen die Verhandlungen der Militärgerichte -gegen die Teilnehmer an den Exzessen in Siebenbürgen ihren Fortgang. Das Bukarester Militärgericht hat zuletzt vier Teilnehmer an den Exzessen in Oradea Mare, u, zw. einen Studenten zu drei Monaten, einen Kellner zu fünf Monaten, einen Handelsschüler zu 20 Tage und einen Schneidergehilfen zu 10 Tagen Gefängnis verurteilt. Die Kongreßresolution über die Exzesse. Wie aus Washington gemeldet wird, hat der rumänische Gesandte in Washington, George Gretziano, an das Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten William S i r o v i c h, ein Schreiben gerichtet, in welchem er ihn ersucht, die von ihm dem amerikanischen Kongresse unterbreitete Resolution über die antisemitischen Ausschreitungen in Rumänien zurückzuziehen, in welcher, wie bereits berichtet, gefordert wird, die diplomatischen Beziehungen zu Rumänien abzubrechen. Der Gesandte besuchte auch den Präsidenten des American Jewish Committee, Louis Marshall, und bat ihn, das Kongreßmitglied Sirovich dazu zu bewegen, seine Resolution zurückzuziehen, wobei er versichert», seine Regierung sei entschlossen, weitere Exzesse unbedingt zu verhindern. Auf Anraten Louis Marshalls, schrieb der Gesandte an Sirovich einen Briei,’ in welchem er seine Darlegungen vor Marshall schriftlich fixierte. Kongreßmitglied Sirovich hat nach Erhalt dieses Schreibens erklärt, er wolle seine betreffs der Resolution unternommene Aktion so lange aufschieben, bis die Sachlage in Rumänien sich übersehen läßt. Die „Infamie“ der Quote Davis* neue Pläne. — Gegen die Hundertprozentigen. (Von unserem New Yorker S. J.-Berichterstatter.) Obwohl die bestehenden Quotenbestimmungen für die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten die Immigration fast vollständig unterbinden, ist der amerikanische Staatssekretär für Einwanderungswesen, Davis, einer der exzessivsten Verfechter des hundertprozentigen Amerikanismus, unermüdlich bemüht, neue Einschränkungen für die Einwanderung durchzuführen. Davis plant gegenwärtig einen vernichtenden Schlag gegen die ohnedies geringe Einwanderung aus Rußland. Wie allgemein bekannt, werden häufig Immigranten, die den Landungserfordernissen nicht entsprechen, bei der Ankunft im amerikanischen Hafen abgewiesen und in ihr Heimatland zurückgeschickt. Da zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland keine diplomatischen Beziehungen bestehen, konnten bisher ungeeignete Einwanderer aus Rußland, die in den Vereinigten Staaten ankommen, nicht zurückgeschickt werden. Nun hat Staatssekretär Davis dem Staatsdepartement eine Gesetzesnovelle zum Einwanderungsgesetz unterbreitet, durch die Immigranten aus den europäischen Ländern, in deren Staaten in Amerika zurückgewiesene Einwanderer nicht zurückgeschickt werden können, gänzlich von der Einwanderung auszusch 1 i eßen sind. Diese Bestimmung würde aus den oben angeführten Gründen hauptsächlich auf Rußland Anwendung finden; es soll den russischen Staatsangehörigen die Einwanderung nach Amerika gänzlich unmöglich gemacht werden. Dadurch würden vornehmlich jüdische Emigranten getroffen werden. Die Tätigkeit des Staatssekretärs Davis begegnet in der öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten, die sich bisher von der von Davis gepredigten Bolschewikengefahr, von seinen seither als unrichtig festgestellten Statist&en über den notwendigen Schutz der Arbeit blenden ließ, immer stärkeren Widerstand. Soeben hat sich unter der Leitung von angesehenen Personen irischer Abstammung in Washington ein Komitee zur B ekämpfung der E i n w a n d e r u n g s q u o t e n gebildet, das — wie es in dem Aufruf zur Konstituierung heißt — „die Infamie der aus Rassen- und Klassenvorurteilen hervorgegangenen einschränkenden Einwanderungsbestimmungen bekämpfen“ will. Ueberhaupt beginnt die Bewegung gegen den hundertprozentigen Amerikanismus und seine brutalen Formen stärker zu werden. Gegen den Ku- Klux-Klan, dessen Stern überhaupt im Sinken ist, wurde soeben im Kongreß ein Gesetzentwurf eingebracht, der jede Propaganda von Rassen haß und religiöser Unduldsamkeit unter Strafe stellt. Mit dem Erstarken des Widerstandes der amerikanischen Oeffentlichkeit gegen das Treiben der Hundertprozentigen wird auch in die Davis’sche Einwanderungspolitik Bresche geschlagen werden können. fährlich wegen ansteckender Krankheiten und wegen sonstiger Gefahren. Das Kind hatte so wunderschöne schwarze Locken und jüdische Augen; da fürchtete sie, es könnte ihm jemand »Jude« sagen. So wurde er 10 Jahre alt, bevor er eine Schule zu sehen bekam und wurde bis dahin privat unterrichtet. Als dann die Frage an die Eltern herantrat, was aus ihm werden ä&llte, war es der Mutter klar, in eine öffentliche Schule wie Eton oder Harrow dürfe er nicht gehen; sie hatte so schreckliche Dinge von den Schlägereien unter den Buben gehört, daß die kleinen die großen bedienen müßten; das war also ausgeschlossen, und der sehr phlegmatische Isak, der Frieden haben wollte, sagte: »Mache was du willst.« So kam er in eine Privatschule, wurde entlassen, kam in eine zweite usw. und es geschah das Entsetzliche, daß der Sohn dieses großen Gelehrten und Schriftstellers Isak es nicht einmal zur Maturitätsprüfung brachte. Er wußte, wie man von Shakespeare sagt, »wenig Latein und noch weniger Griechisch«; aber einen Abschluß gab es nicht. Als er 17 .Jahre alt war, sagte der Vater: »Jetzt mußt du an einen Beruf denken.« Als ich im Jahre 1885 nach England kam, sah ich zu meinem Erstaunen, daß es in den reichsten spaniolischen Familien die Regel war, daß ein Bub, wem er 14 Jahre alt wurde, ins Geschäft kam. .Auch die Eltern Disraelis sagten sich: Hat er das Zeug, sich. Bildung anzueignen, sich geistig zu interessieren. so hat er Zeit in Hülle und Fülle dazu und hat Gelegenheit in der Großstadt London, wie nirgends sonst in der Welt, Heute ist es etwas anders. Wie Benjamin 17 Jahre alt war — es ist spezifisch englisch — kam er als Lehrling zu einem Advokaten. Er hielt es einige Jahre aus; das größere Wunder ist doch, daß sein Advokat es mit ihm aushielt. Er hatte ganz andere Pläne mit seinem Leben. Es ist fast beispiellos in der Geschichte der Literatur, vielleicht in der Geschichte der Menschheit, daß ein 17jähriger Bursch mit solcher Hellseherei seine Zukunft voraussah. In seinem Buche Vivian Gray, das gedruckt erschien, als er 22 Jahre alt war — das ist seine Selbstbiographie — da haben Sie die Geschichte eines Menschen, der sich zu einer Zeit, wo andere in diesem Alter die ersten Klassen der Mittelschule absolvieren, sich mit Lehren und Lehrquellen quält, statt mit dem Erlernen von Latein und Griechisch, sich mit dem Kennenlernen der Menschen befaßt. Ich kenne nichts Aehnliches von solcher Hellseherei in diesen jungen Jahren. Und richtig trat er an seinen Vater heran und sagte: »Es ist umsonst, mich zu einem Beruf zu zwingen, der mir nicht liegt.« Das Vermögen war zusammengeschmolzen und er war darauf angewiesen, zu verdienen. Er machte alles anders als andere Menschen. Er sagte sich mit voller Klarheit: »Ich muß Geld haben, denn ich will unabhängig sein. Ein Mensch ohne wirtschaftliche Unabhängigkeit ist kein Mensch.« Er kannte zwar nie die Worte unserer Weisen, nur was er aus zweiter oder dritter Hand lernte. Wir kennen das Wort »ein Armer ist ein Toter«. Er war ein Mensch, der leben wollte, aber mit dem Geld allein, das wußte er, würde er nie zufrieden sein, er wollte Macht und Ruhm. Und da sagte er sich: »Eines von dreien kann ich wählen, das Finanzwesen, oder — wie man damals in London konkret sagte — die Börse, die Literatur oder die Politik.« Er machte den ersten Versuch mit der Börse und stieg ratzekahl aus dem ersten Versuch hervor. Das tat ihm gut. Er hat nie in seinem Leben einen zweiten Versuch gemacht. Aber er zahlte seine Schulden und wenn nicht seine liebevolle Schwester geholfen hätte, wäre es ihm sehr schlecht gegangen. Die half ihm aus der Not. Als er 22 Jahre alt war, im Jahre 1826, erschien sein erster Roman und es war sein erster Erfolg. Sein Glück war es, daß er einen merkwürdigen, einen ehrlichen Verleger hatte, der ihm zahlte was ihm gebührte. Aber das unangenehme Erlebnis mit der Börse und das Arbeiten an dem kleinen Meisterwerk hatten ihn erschöpft. Die Schwester sagte, er müsse auf Reisen gehen, sie werde die Mittel beschaffen; war nur die Frage, wohin, Nun reisten Engländer damals nach Frankreich, wohl auch nach Deutschland und Italien. Disraeli reiste nach Palästina. Hier haben wir die erste, allererste Aeußerung eines atavistischen Dranges in diesem merkwürdigen Menschen. Nun habe ich leider vergessen zu sagen — ich trage es jetzt nach — daß jener Samuel Rogers, der Dichter, der Aufklärer, der an nichts glaubte als an sich, dem Vater des Benjamin Disraeli sagte: »Du machst eine große Dummheit, wenn du dich und den Buben weiter in der Gemeinschaft beläßt, zu der du längst nicht mehr gehörst; ihr seid nicht Fisch noch Fleisch; entscheide dich.« Es war kein Zweifel, wie sich Isak Disraeli entscheiden würde. Als der Knabe 13 Jahre alt war, wurde die ganze Familie in die anglikanische Kirche aufgenommen. Und da ist es umso erstaunlicher, daß Benjamin plötzlich nach Palästina wollte. Er blieb dort eine gute Weile, berührte die Nebenländer, Aegypten und Syrien. Schon unterwegs begann er seinen Roman, der seinerzeit viel gelesen wurde, »Dawid Alroy«, die Geschichte des falschen Messias aus dem IX. Jahrhundert, ein außerordentlich farbenreiches Bild. Ich weiß nicht, ob das Werk historisch getreu ist, aber das Wundervolle an dem Buche ist, daß der Mann, dessen Großvater und Vater dem Judentum so ferne standen, der selbst keine Ahnung von jüdischem Wesen hatte, die Seele des Judentums ahnte, wahrscheinlich, weil sie in ihm pulsierte. Dawid Alroy hat große militärische Erfolge, gründet ein ganzes jüdisches Reich. Da sagt ihm Jabaster, sein Berater und Freund: »Diese Hauptstadt, dieses Reich wird dein Capua werden, daran wirst du zugrunde gehen. Ausgegangen bist du davon, daß du im alten Palästina ein Reich gründen wolltest und nun schwelgst du in deinen Erfolgen auf fremdem Boden. Es gibt aber für uns Juden keine Wahl: Es heißt Palästina oder nichts.« Disraeli kam nach England zurück. Die Literatur sagte ihm zu, aber sie war ihm nicht genug. Er brauchte Unabhängigkeit. Und da versuchte er es mit der Politik. Er tritt als Kandidat auf, und zwar als Linksliberaler und fällt durch. Er versucht es ein zweites Mal, mit Hilfe der Radikalen durchzudringen und fällt wieder durch. Und da geschieht etwas, was er sein ganzes Leben lang nicht

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