Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 DIE STIMME Seite 3 flügelten Ausspruch prägte: »Wir Zionisten tragen unser Judentum wie eine Kokarde.« Dr. Rothblum, der Delegierter auf dem Haager Kongreß war, veröffentlichte das Feuilleton in der damals in Wien erscheinenden »Jüdischen Zeitung«, die zu dieser Zeit von dem leider so früh verstorbenen Rudolf Nassau, einem der besten Menschen, die es je gab, redigiert wurde. Das Feuilleton wurde Nordau eingesendet und er antwortete seinem Verfasser mit dem hier veröffentlichten Brief. Er lautet: 8 rue Leonie, Paris, 17. Okt. 1907. Hochgeehrter Herr! Empfangen Sie meinen aufrichtigsten Dank für Ihr Feuilleton in der „Jüdischen Zeitung", das ich objektiv um seiner schriftstellerischen Vorzüge willen, subjektiv wegen der darin ausgedrückten Gesinnung hoch werte. Ich weiß nicht, ob ich beredt bin. Ich weiß auch nicht, ob ich den Eindruck der Selbstsicherheit mache. Meinem Gefühle entspricht es nicht. Ich bin es bewußt nur in der Abwehr und Verteidigung, in der Behauptung bin ich vorsichtig, selbst ängstlich, und stets von der erschreckenden Frage gehemmt: „Wo ist die Wahrheit?" Ueberzeugung fehlt meiner „Beredsamkeit" nicht; das mögen Sie mir glauben. Etwas muß ihr aber fehlen. Denn sie hat wohl oft Hände zum Klatschen bewegt, doch nie zum Griff in die Tasche für die Zwecke, die mich entflammen. Unfruchtbare Komplimente hat sie meiner Person gebracht, doch meiner Sache, unserer Sache, keine Anhänger. Wozu ist sie also nütze? „Klingendes Erz und tönende Schelle".... Hochachtungsvoll und ergebenst Dr. M. Nordau. Nordaus Tochter darf in Rumänien nicht über ihren Vater sprechen. Maxa Nordau, die Tochter Max Nordaus, hat in einer Reihe von europäischen Städten Vorträge über ihren Vater gehalten. Sie hat auch, wie unseren Lesern wohl bekannt ist, in Wien gesprochen. Gegenwärtig weilt Maxa Nordau auf ihrer Vortragstournee in Rumänien. Ihr Vortrag in der Stadt B ac e u wurde im letzten Augenblick verboten. Maxa Nordau rief die Intervention des französischen Gesandten in Bukarest an. Sie erhielt daraufhin wohl eine Entschuldigung von Seiten des rumänischen Außenministers Duca wegen des in Baceu erfolgten Verbotes, doch die Erlaubnis, in Rumänien ihre Vorträge zu halten, wurde ihr nicht erteilt. RedaktionsschluQ Montag abends; später einlangende Verlautbarungen und Ankündigungen, deren Publikation in unserem Blatte gewünscht wird, können in der laufenden Wochennummer nicht mehr Aufnahme finden. Wir ersuchen allen Manuskripten, die uns nicht über Verlangen eingesendet werden, Rückporto beizulegen, da sonst Rücksendung nicht erfolgt. Zuschriften und Manuskripte, die für unser Blatt bestimmt sind, mögen nicht an einzelne Personen sondern ausschließlich an die Redaktion (I., Rauhensteingasse 1) gesendet werden, da nur so rechtzeitige Erledigung bezw. Veröffentlichung gewährleistet ist. Die Juden bei den polnischen Parlamentswahlen (Von unserem Warschauer K. H.-Korrespondenten.) Warschau, 13. Jänner. Nach fünf Jahren geht die Bevölkerung Polens wieder zur Wahlurne für die parlamentarischen Körperschaften, Sejm und Senat. Für die Juden der Republik, die mehr als drei Millionen Seelen zählen und damit die stärkste nationale Minderheit in diesem von zirka 35 Prozent Nichtpolen (außer den Juden Ukrainer, Weißrussen, Deutsche und Litauer) bewohnten Staate darstellen, sind diese Wahlen von großer Bedeutung. Denn es gilt ihre parlamentarische Vertretung, die im letzten Parlament mit 35 Abgeordneten wohl recht ansehnlich war, aber noch weit hinter ihrem ziffernmäßigen Bevölkerungsanteil zurückblieb, gegen die Bestrebungen auf Minderung des Einflusses der Minoritäten, besonders der jüdischen Minderheit, zu sichern. Bei Parlamentswahlen in Polen wird stets von den Faktoren, welche den Wahlapparat beherrschen, alles darangesetzt, um ein Parlamentsbild zu erzielen, das einen Nationalstaat darstellt, nicht (wie es Polen in Wirklichkeit ist) einen Nationalitätenstaat. Bei den letzten Wahlen im Jahre 1923 ist dies zum Teil gelungen, da die Ukrainer in Galizien an den Wahlen demonstrativ nicht teilnahmen und die anderen nationalen Minderheiten trotz aller Bemühungen nicht unter einen Hut zu bringen waren. Die Juden hatten — recht vernünftig — einen Einheitsblock gebildet und damit reüssiert. Diesmal ist es nun gelungen, eine einheitliche Front sämtlicher nationalen Minderheiten zu bilden, um eine ihrer Zahl und Bedeutung entsprechende Vertretung im Parlament zu erzielen. An diesem Minderheitenblock nehmen auch die Juden teil, obwohl sie sich in ihrer Struktur von den übrigen Minderheiten Polens unterscheiden. Der Anschluß der Juden an den Minoritätenblock entsprang der Konzeption des zionistischen Deputierten J. G r ü n b a u m, die offenbar von der Erwägung Benjamin Disraeli. Ein Altersbild, naoh einem Porträt von John Murray. (Zu dem untenstehenden Feuilleton.) geleitet ist, daß die Juden, würden sie isoliert sein, als die — schon durch den Mangel geschlossener Siedlung — am wenigsten festgefügte nationale Gruppe am stärksten dem Ansturm der auf ein möglichst einheitliches nationales Parlament gerichteten polnischen Bestrebungen ausgesetzt wären; denn solche Bestrebungen können nur dort erfolgreich sein, wo sie sich gegen den Punkt des geringsten Widerstandes richten; und das wären die Juden, blieben sie isoliert. Es wurde also zunächst eine Einigung sämtlicher national-jüdischen Parteien angestrebt, die auch — bis auf die sozialistischen Gruppen — gelang. Außerhalb des jüdischen Blocks blieb diesmal natürlich die Agudas Jisroel, die politische Vertretung der jüdischen Trennungsorthodoxie, welche, durch ihre unproduktive, zerstörende Tätigkeit politisch schwer havariert, sich jetzt als Sturmbock gegen die jüdischen Bestrelbungen bei verschiedenen polnischen Parteien unter dem Deckmantel der Loyalität anbietet. Es ist ihr aber nicht einmal gelungen, die für ein solches Angebot notwendige Legitimation zu erlangen, die sie sich durch Einberufung einer Konferenz der orthodoxen Rabbiner nach Lemberg zu verschaffen hoffte. Denn diese Konferenz ist ergebnislos verlaufen und hat nicht zu der von der Agudah propagierten Einigung über die Landespolitik geführt; die Mehrheit der Rabbiner sprach sich gegen die von der Agudah gewünschten politischen »Richtlinien« aus und ein Teil der Rabbiner verließ vorzeitig die Konferenz, die infolgedessen keine festen Beschlüsse fassen konnte. Die politischen Machinationen der in der jüdischen Oeffentlichkeit Polens heute völlig bankrotten Agudas Jisroel bilden auch keine Gefahr für die jüdische Wahlpolitik. Demgemäß konnte das Zusammengehen mit den anderen nationalen Minderheiten erfolgen. Es wurde eine einheitliche Liste der nationalen Minderheiten geschaffen; den Juden ist eine Mindestzahl von Mandaten garantiert. Die Erfolgchancen dieser Wahlkonzeption wären nun recht günstig; doch in der letzten Zeit haben sich unter den Zionisten Polens über die Wahlpolitik ernste MeinimgsVerschiedenheiten ergeben, die geeignet sind, den Gang der Ereignisse nicht unwesentlich zu beeinflussen. Diese Meinungsverschiedenheiten entspringen eigentlich der Verschiedenheit des politischen Denkens, vielleicht auch der ganzen Weltanschauung der Juden in Kongreßpolen und in Galizien, besonders Ostgalizien. Diese Grundverschiedenheiten haben auch der Schaffung einer einheitlichen zionistischen Organisation für ganz Polen Schwierigkeiten bereitet und als sie geschaffen wurde, war sie mehr äußerlich als von innen her festgefügt. Dies zeigt sich jetzt sehr deutlich, da die Zionisten Ostgaliziens, die unter der Führung des Lemberger Deputierten Dr. Leon Reich stehen, sich der vom Zionistischen Zentralkomitee beschlossenen Wahltaktik nicht fügen wollen, sondern beabsichtigen, bei den Wahlen als selbständige Gruppe vorzugehen und nicht für die Liste der nationalen Minderheiten zu stimmen. Im Block der nationalen Minderheiten sollten den ostgalizischen Zionisten vier Mandate gesichert werden. Bei den letzten Wahlen hatten sie weit mehr Mandate erlangt, hauptsächlich weil die Ukrainer, wie bereits erwähnt, aus politisch-demonstrativen Disraeli und Balfour Von Hofrat Prof. Dr. Leon Kellner. (Ein Vortrag.) I. Ueber Disraeli ist eine ganze Bücherei bis jetzt zusammengeschrieben worden und das Thema ist noch lange nicht erschöpft. Disraeli der Schriftsteller, Disraeli der Politiker, Disraeli der Jude, Disraeli der Minister des Aeußern — jedes Thema für sich ist enorm. Balfour weilt ja zum Glück noch unter uns und hat noch keine Biographen gefunden, eine ganz kleine Broschüre ausgenommen. Balfour ist eine Persönlichkeit von überragender Größe und sein Leben hat eine solche Fülle von Tun, daß sein Leben auch nicht in einem Abend erschöpft werden kann. Wenn ich also meinen Ausführungen den Titel gebe »Disraeli, Balfour und das Judentum«, so ist das eine Erweiterung der Ueberschrift, aber eine Verengung des Themas. Ich will Disraeli in seinem Verhältnis zum Judentum darstellen, muß aber doch eine ganz kurze Skizze, gerade nur in den Umrissen, von der Persönlichkeit dieses ganz, ganz ungewöhnlichen Menschen geben, schon deswegen, weil die Geschichte Disraelis und seiner Vorfahren, seines Vaters und Großvaters, viel typisch Jüdisches enthält. Der Großvater Benjamin Disraelis, des Staatsmannes, kam um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts aus Venedig. Er war Spaniole und stammte höchstwahrscheinlich von einem der Vertriebenen vom Jahre 1492. Sie wissen, daß sich die Juden um das Jahr 1492 zum Großteil nach Italien und der Türkei begaben und von dort aus über die ganze Welt zerstreuten. Der Mann kam als Strohhuthändler nach England. Das ist gleich ein typisch jüdischer Zug. Wir Juden sind wie die Samenkörner im Herbst, wenn die Kapseln der Bäume platzen und der Same durch die Luft fliegt. Die alte Parabel von dem Samen, der auf fruchtbaren Boden fällt, ist von da genommen. Wir Juden wandern und halten Umschau. Wo ist irgendwo eine Spalte fruchtbarer Erde in der Wüste dieser feindlichen Welt? Wir haben uns im Laufe der Jahrhunderte den Wanderinstinkt angeeignet und ahnen, wo ein solches Häuflein fruchtbarer Erde sich befindet. Gewöhnlich bringen wir, man kann sagen immer, dem Lande, in das wir kommen, reichste Vorteile. Allerdings, auch wenn wir nicht ganz unter uns wären, würde ich es sagen, wir vergessen uns selbst nicht dabei. Da haben Sie den Spießer, den ganz gewöhnlichen Alltagsmenschen, den Großvater Disraelis. Er sah, daß die Italiener Strohhüte nach England lieferten und da sagte er sich: Meine Beziehungen in Venedig habe ich; da macht sich die Sache viel besser, wenn ich nach London gehe. Er tat es und wurde ein schwer reicher Mann. Er wäre eigentlich Millionär geworden. Aber die Frau zerstörte ihm das Konzept und dann der Sohn. Als das Kind, Isak Disraeli, zur Welt kam und man der Mutter meldete, daß es ein Knabe sei, brach sie in Tränen aus, und noch nach Jahren beweinte sie es immer wieder — sie habe einen neuen unfreiwilligen Märtyrer in die Welt gebracht. Sie sehen, sie war keine Makkabäer-Mutter. Wenn ich derb sein wollte, würde ich einen positiven Ausdruck gebrauchen, aber ich will nicht derb sein. Für den Vater war es selbstverständlich, daß der Sohn sein so erfolgreich begonnenes Geschäft fortsetzen und dieselbe Freude am Gewinn finden werde, wie er selbst. Der Sohn bereitete ihm eine große Enttäuschung. Er machte Gedichte, schrieb Essays und interessierte sich für alles, nur nicht für das Geschäft. Da schickte ihn sein Vater aufs Festland, nach Holland, und prägte seinen Geschäftsfreunden ein, sie möchten ihn nur recht stramm zum Geschäft verhalten. Nach einiger Zeit schickten sie ihn zurück: es war nichts mit ihm zu machen. In der Tasche brachte er ein Gedicht gegen den Handel nach England zurück. Damit war dem Alten die Freude am Sohn und am Geschäft verdorben. Er verkehrte weiter, was seine ganze Freude war, mit dem venezianischen Konsul, spielte Whist und fand sich mit dem Leben ab. Zum Judentum hatte er nicht das entfernteste Verhältnis. Das einzige, was er tat, war, daß er den Sohn in den Bund aufnehmen ließ. Immerhin blieb diesem jungen Isak so viel Vermögen übrig, daß er ein sorgenfreies Dasein hatte und zu seiner Ehre sei es gesagt, er wurde am Ausgang des XVIII. Jahrhunderts einer der Schöpfer der Literaturgeschichte, man könnte sÜgen der Literaturwissenschaft, wenn es eine solche gäbe. Seine Bücher, wie zum Beispiel die Curiosities of Literature, werden noch heute gelesen. Im Hause dieses Isak Disraeli verkehrten Leute von Geist, von Wissen, von einem gewissen Ruhm, z. B. Louis Philipp, Graf d'Orsay, ein von der englischen Gesellschaft viel gesuchter Mann, die blendende Lady Blessington u. a. Ein häufiger Gast des Hauses war ein Mann, der in die Schicksale dieser Familie sehr energisch eingriff, ohne zu ahnen, was er durch diese Eingriffe besorgte. Das war der »aufgeklärte« Samuel Rogers, damals ein sehr angesehener Dichter und Bankier. Isak Disraeli wurde 1804 ein Sohn geboren, eben unser Benjamin. Nun muß ja nicht jeder mit englischen Verhältnissen vertraut sein und Sie werden vielleicht von dem Namen einen falschen Eindruck bekommen. Ich schilderte Ihnen den Großvater als einen Spießer, als einen Mann, der zum Judentum kein Verhältnis hatte. Das wird den westlichen Müttern und Vätern unverständlich sein. Warum nannten sie den Sohn Isak und seinen Sohn Benjamin, statt Siegfried oder Dagobert? Der Name Benjamin ist nicht etwa ein Zeugnis von Pietät gegen die Vorfahren, sondern ein gut englischer, bürgerlicher und adeliger Name. Ich sage es nur, damit Sie keine falsche Vorstellung bekommen. Also Benjamin Disraeli wurde im Jahre 1804 geboren und in den Bund auf genommen; das sei seinem Vater in Ehre nachgesagt. Die Mutter weinte zwar nicht über ihn, wie es die Großmutter bei Isak getan hatte, aber auch sie war keine Makkabäer-Mutter. Sie hätte ihn am liebsten unter Glas getan, in Wolle gewickelt, und als die Zeit herankam, da das sehr geweckte Kind lernen sollte, war ihr die Schule zu ge-