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Die Stimme · 1928-01-19 · Heft 3 (19.1.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 3 (19.1.1928)
Date
1928-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nf. 3 seine Rhetorik blendend war. Aber er war kein Redner. Der Redner spricht, um zu überzeugen, Stimmung zu machen, hinzureißen, zu agitieren; Nordau tat nichts dergleichen. Seine Reden sind eine Aneinanderreihung stets neugefundener begrifflicher Grundlagen für die Existenz des jüdischen Volkes, für eine Existenz mit realer Gegenwart und realer Zukunft. Sie sind Soziologie des Judentums, auf knappe, unumstößliche Formeln gebracht. Nordau hat in diesen Reden das Rüstzeug für Generationen jüdischer Forscherarbeit gegeben. Er hat die abnormale wirtschaftliche Lage des Judentums, zu deren Feststellung seither ganze Bibliotheken geschrieben wurden, in drei Sätzen analysiert; er hat den Zustand der ewigen Minderheitsnation und seine Folgen in knappen Worten für das Judenvolk festgestellt; er hat, um von hunderten Beispielen das markanteste zu nennen, in seiner berühmten Rede auf dem fünften Zionisten-Kongreß gewissermaßen das Programm für die jüdische Volksarbeit unverrückbar festgelegt. ,,Wir haben es unternommen, das jüdische Volk für neue Geschicke vorzu» bereiten, wir müssen deshalb vor allen Dingen eine genaue Anschauung von den wirklichen Verhältnissen unseres Volkes gewinnen, auf die Gefahr hin, daß die Wahrheiten, die wir erfahren, uns bis zur Lähmung erschrecken.“ Diese Worte geben den ganzen Nordau: Das Volk, das einer realen Zukunft zustrebt, muß eine reale Gegenwart haben und muß mutig sich selbst sehen können. Dieser Mut zur jüdischen Realität war Nordaus ,,Spezialgebiet“ und er bildet seine unvergängliche jüdische Größe. Mit diesem unaufhörlichen Ruf zur realen Selbstanschauung hat Nordau das begriffliche Denken der jüdischen Moderne neu geformt, geradezu revolutioniert. Diese Art des Denkens ist uns heute zur Gewohnheit geworden. Nordau hat sie zuerst geübt und gar oft die Terminologie dazu geschaffen. Er tat es, um Herzls Idee, an die er felsenfest glaubte, den logischen Unterbau zu geben, dessen sie bedurfte, um gepanzert zu sein gegen Bosheit und Uebelwollen. Und vom Baseler Programm an, aus dessen jedem Satz bis heute Nordaus Stimme tönt, bis zu jener Identifizierung des Zionismus mit allen lebendigen Kräften des Judentums, die Nordau in die Worte faßte: „Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein“, haben sich alle diese Fundamente, die Nordau gelegt hat, als unverrückbar erwiesen; auf ihnen erhebt sich heute ein gewaltiger Bau neuen, zukunftssicheren Volkslebens. Diese Grundlagen schuf jener Max Nordau, der jahrzehntelang mit dem Volke, zu dem er kam, nicht in Verbindung gewesen war. Denn er glaubte an sein Volk, weil es Herzl hervorgebracht hatte. Der schonungslose Zerstörer von Illusionen und Konventionen glaubte felsenfest an den Mann, dessen Idee phantastisch schien, und hielt ihm bedingungslose Treue. Der große Bekämpfer war zum Apostel geworden; er blieb Herzls Apostel in der zionistischen Bewegung bis zu seinem Ende. Denn Herzls Idee hatte Nordau — so schreibt er selbst in seiner Selbstbiographie — das Bewußtsein gegeben, daß sein Leben einen Zweck und einen Inhalt habe. Dieses beglückende Bewußtsein gab dem schon gereiften Mann die Kraft zu einem gewaltigen Alterswerk: einem Volke das Wissen um sich selbst, seine Gewißheit zu geben. Siegfried Schmitz. Nordaus jüdische Axiome Die Formulierungen, die heute für die Judenfrage als soziologisches Phänomen gang und gäbe sind, stammen — man kann es ohne Uebertreibung behaupten — saip£ und sonders von Max Nordau. Er hat das moderne Judentum gelehrt, seine Existenz zu erkennen, wie sie sich im großen Ablauf der Menschheitsentwicklung darstellt. Für diese Erkenntnisse hat er in Reden und Schriften geradezu axiomatische Formeln geprägt, die wie aus Erz gegossen anmuten. Nachstehend seien einige dieser »jüdischen Axiome« Nordaus zitiert. Das Wirtschaftsleben der Juden, ihre soziale Lage, ihre ideologische Schichtung, ihr Palästinagefühl und seine politische Emanation, alles hat Nordau in lapidaren Sätzen auf Formeln gebracht, welche die jüdische Soziologie belebt und befruchtet haben. Diese Sätze Nordaus, von denen hier nur einige wiedergegeben sein können, greifen in die Dauer und manche von ihnen, wie die zuletzt zitierten Sätze über die politische Entwicklung im vorderen Orient, die im Jahre 1905, auf dem siebenten Zionistenkongreß gesprochen wurden, sind aus geradezu visionärer, prophetischer Kraft eingegeben: »Man nennt uns Juden ein Volk von Handelsleuten. Wir scheinen dies auch bei oberflächlicher Betrachtung zu sein. Wir sind es aber wirklich nicht. An dem wirtschaftlich berechtigten, weil notwendigen Großhandel, der brauchbare Güter dort einkauft, wo sie fehlen und gewünscht werden, hat unser Volk einen sehr kleinen Anteil. Es treibt hauptsächlich überflüssigen Kleinhandel. Es gibt Judenstädte und Städtchen, wo jeder Jude seinem Nachbar etwas feilbietet, der ihm diesen Liebesdienst vergilt. Das läuft praktisch darauf hinaus, daß jeder Laden einen einzigen Kunden hat: seinen Besitzer.« * »Jedes Volk bildet unter normalen Verhältnissen einen selbständigen Wirtschaftsorganismus, der sich ursprünglich, und zur Not auch noch später, selbst genügt. Es tauscht den Ueberschuß seiner Produktion mit anderen Völkern aus, nicht um zu leben, sondern um besser zu leben, nicht um seine elementarsten, sondern um seine höher entwickelten Bedürfnisse zu befriedigen. Nur das jüdische Volk bildet keinen geschlossenen Wirtschaftskörper, denn cs fehlt ihm dazu die unentbehrliche Unterlage: der Boden. Es hat keine Erzeuger von Nahrungsmitteln und Rohstoffen in seiner Mitte. Der jüdische Erzeuger wirtschaftlicher Werte kann sich also nicht auf seine erste, natürliche Kundschaft, seine Volksgenossen beschränken. Ein bloß innerer Kreislauf der Werte würde unfruchtbar bleiben, ein bloß gegenseitiger Austausch der erzeugten Güter niemand ernähren. Der jüdische Erzeuger ist auf nichtjüdische Kundschaft angewiesen. Er muß an den Nichtjuden verkaufen, denn er kann nur beim Nichtjuden sein Brot und seinen Rohstoff einkaufen. Der Nichtjude wird aber nur mit Widerstreben sein Kunde. Er wird cs nur, wenn der Jude ihm Vorteile bietet, die er beim nichtjüdischen Werteproduzenten nicht findet. Um den marktgängigen Preis für seine Leistung jeder Art von nichtjüdischen Kunden zu erlangen, muß der Jude eine Leistung von höherem als dem marktgängigen Werte bieten. Um seine Leistung von marktgängigem Werte bei nichtjüdischen Kunden anzubringen, muß der Jude sie unter dem marktgängigen Preise anbieten. Bei gleicher Leistung erhält der Jude schlechtere Preise, bei gleichem Preise muß der Jude mehr und Besseres leisten. Der Jude hat, auf nichtjüdische Kundschaft angewiesen, nur die Wahl zwischen Boykott oder Preisschleuderei. Das ist das Verhältnis, das ich die Ausbeutung des Juden durch die Völker, in deren Mitte er lebt, genannt habe.« »Was sind die wesentlichsten Punkte der s ozialistischen Weltanschauung? Ehrung der Menschenwürde in jedem Individuum, ohne Rücksicht auf Stand und Beruf; gleichmäßige Schätzung jeder Arbeit, die ein Bedürfnis der Gesamtheit befriedigt; Anerkennung des Rechtes jedes arbeitswilligen Menschen auf einem Mindestanteil an den Lebensgütern und auf ein billiges Maß von Glück; Einfügung des arbeitenden, werteschaffenden Individuums in den höheren Gesamt-Arbeitsplan des Gesellschafts-Organismus, um das Chaotischwerden seiner Einzelanstrengungen zu vermeiden, bei gleichzeitiger voller Achtung seiner geistlich - sittlichen Selbständigkeit. Das ist der philosophische Kern des Sozialismus, zu dem dann noch eine Gefühlsbeimischung von etwas Bruderliebe für alle Menschen, von etwas Glauben an die Entwicklungsfähigkeit der Menschheit, von etwas Hoffnung auf eine bessere Zukunft tritt. Nun denn: alle diese Punkte sind alte jüdische Ideale, deren Wiederbelebung gerade das Ziel des Zionismus ist.« »Verschließen wir doch nicht gewaltsam die Augen vor der Tatsache, daß die Solidarität zwischen allen Juden, die wir selbst leider durchaus nicht mehr empfinden, in der Anschauung unserer Feinde noch voll besteht. Diesen Feinden ilt als einziger Maßstab, mit dem sie das ganze udentum messen, immer nur der tiefstehende Jude. Wir haben deshalb alle das größte Interesse daran, daß das Niveau des tiefstehenden Juden möglichst erhöht werde. Wi r arbeiten für den guten Ruf des Gesamtjudentums, also mittelbar auch für uns selbst. An dieser Arbeit teilzunehmen hat jeder Jude die sittliche Pflicht, auch derjenige, der für sich selbst an keine Rückkehr nach Palästina denkt.« »Die Zionisten sind keine Partei, sie sind das Judentum selbst. Ihre Zahl, ihre heutige Zahl, tut nichts zur Sache. Der Same der gewaltigsten Linde ist ein ganz kleines Gebilde, aber es ist die Zusammenfassung der ganzen Lebenskraft des Baumes, das Ziel aller seiner organischen Anstrengungen. Die Linde lebt in ihrem Samen, nicht in ihrer Holz- und Bastmasse, weiter. Alles, was im Judentum lebendig ist, was ein jüdisches Ideal, was Manneswürde, was Entwicklungsfreudigkeit hat, das ist zionistisch.« »Das Ausreißen nach vorne ist eine berühmte Eigentümlichkeit des preußischen Soldaten. Der Bildungsdrang des Juden ist ein Ausreißen nach oben. Mancher Jude, der es fabelhaft weit gebracht hat, würde, wenn er in die Tiefen seiner äußersten Beweggründe hinableuchten wollte, bekennen müssen: „Da ich nicht Taglöhner werden konnte, so blieb mir nichts übrig, als Minister zu werden.“ »Wir werfen, ohne es zu wollen, Angeln mit Widerhaken ins Fleisch der feigen Ausreißer und binden sie wieder an das Judentum, wovon sie in aller Stille loszukommen hofften. Sie wollten untertauchen und der Zionismus legt sich ihnen als eine sonderbare Verbindung von Schwimmgürtel und Zwangsjacke um den wohlgenährten Leib. Der Zionismus unterbricht die Verjährung der Rechtsansprüche Abrahams auf alle seine Nachkommen.« »Eine Bewegung, die einen großen Teil des arabischen Volkes ergriffen hat, kann leicht eine Richtung nehmen, die auch Palästina berühren würde. Dann würde das Land unserer Väter wieder einmal, wie so oft im Laufe der Geschichte, in den Mittelpunkt des politischen Weltinteresses gerückt sein. Die türkische Regierung würde sich vielleicht in die Notwendigkeit versetzt sehen, ihre Herrschaft in Palästina und Syrien gegen ihre eigenen Untertanen mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Unversehens kann dieWeltgeschichte eine Gelegenheit darbieten, die sofort ergriffen werden muß. Sind wir dann nicht vorbereitet und fertig, so verpassen wir sie und sie kehrt vielleicht nie wieder. Wehe uns, wenn dann von uns gesagt werden muß: „Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht".« Nordau über sich selbst Ein unbekannter Brief Nordaus aus dem Jahre 1907. rft Ü'JX , L-f-r, «iv A. * /Zs/iu Der Freundlichkeit des Herrn Dr. David R o t hb 1 u m, Mitglied des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, ist es zu danken, daß wir hier im Faksimile einen bisher unveröffentlichten Brief Max Nordaus wiedergeben können, der eine interessante Selbstcharakteristik des großen Mannes enthält. Den Anlaß zu dieser persönlichen Darlegung bildete ein Feuilleton, das Dr. Rothblum (seit langem als Publizist und als Verfasser feinziselierter Geschichten aus dem östlichen Ghetto bekannt) über die berühmt gewordene Rede Nordaus auf dem achten Zionistenkongreß in Haag (1907) geschrieben hatte, in welcher Nordau, der Meister des Wortes, den seither ge-

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