Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zeitung vom Verleger versendet V. |)a k)i Preis 35 Groschen Journal expedte par l’öditeur Abonnementpreise: Für Österreich: Monatl. S1-50, viertelj. S 4*20, Qanzj. S 16-— / Deutschland : Monatl. Goldmark 1*—, viertelj. Goldmark 3-— / Tschechoslowakei: Monatlich Kö 7*—, vierteljährlich Kö 19 — / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14-—, vierteljährlich Dinar 40’— Jüdische Zeitung Erscheint loden Donnerstag ‘RcdaMion und Qdminislrulivn: Wien, 1. ‘Ruuhensleingrasse 1 / Telephon 76^85 Polen: Monatl. Zloty 230, viertelj. Zloty 6*50 / Ungarn : Monatl. Pengö 1*50, viertelj. Pengö 4’20 / Rumänien: Monatl. Lei 45’—, viertelj. Lei 125 — / Bulgarien: Monatl. Lewa 30’—, viertelj. Lewa 80*— / Belgien ^Monatl. Belga 2’—, viertelj. Belga 5 — / Übriges Ausland: Monatl. Schweizer Franken 1 *50 1. Jahrgang Wien, 19. Jänner 1928 (26. Tebeth 5688) Nummer 3 BASCH, »Vf ARGENTINIERSTRASSE 22 KOHLEOKO KS Tel. 51-2.87 ANTHRAZIT ’«'• 56*403 Zustellungen erfolgen innerhalb 24 Stunden Rabattsektion des Keren Kaiemeth Professor Weizmann an die „Stimme“ Ein Schreiben des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation. Auf das Ersuchen um Mitarbeit an unserem (Blatte erwiderte der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Professor Weizmann mit dem folgenden Schreiben aus Bukarest, das uns infolge der Abreise Prof. We.izmiarms erst jetzt izugekommcn ist; wir freuen uns, unseren Lesern diese maßgebendste (Darlegung über die Lage des Zionismus bringen zu können. Sehr geehrte Herren! Die Einladung, für das neue Organ der österreichischen Zionisten einen Beitrag zu schreiben, erreicht mich gerade bei meiner Ankunft in Rumänien. Die Begeisterung für das zionistische Werk, die auf meiner Fahrt durch Polen in ergreifenden Kundgebungen Ausdruck fand, die ausgezeichnete Stimmung für das Paläs tinawerk, die sich hier in Rumänien kundtut — ich kam zur Tagung der rumänischen Zionisten, der Eröffnungssitzung dieses XVI. rumänischen Zionistentages wohnten der Minister des Innern D u c a und der Vertreter der englischen Regierung an und beide hielten bemerkenswerte, ja denkwürdige Ansprachen — das wachsende Interesse aller jüdischen Kreise an dem Schicksal Erez Israels erfüllen mich mit Zuversicht. Ich wiederhole, was ich in Bukarest sagte: Wir müssen dem jüdischen Volke die volle Wahrheit mitteilen. Das bedeutet: Man darf nicht verschweigen, daß es jetzt in Palästina 7000 Arbeitslose gibt und in den nächsten Monaten wohl noch geben wird; daß für eine weitere Immigration zunächst erst die Vorbedingungen geschaffen werden müssen; daß die Palästina-Exekutive mit einem Zwerg-Budget haushalten und Schulden zahlen muß; daß an Arbeitslosenfürsorge in der nächsten Zeit allwöchentlich 1000 Pfund zu verausgaben sind. Man darf aber auch nicht verschweigen, daß die zionistische Aufbauleistung mit ihrem bisherigen Gesamtergebnis in der Geschichte der Kolonisationswerke aller Zeiten beispiellos dasteht und etwa im Vergleich zu dem australischen Siedlungswerk, das die britische Regierung unter wahrlich günstigeren materiellen Bedingungen und auf jungfräulichem Boden durchführt, bewundernswert billig, rasch und erfolgreich vor sich geht. Man darf nicht verschweigen, daß Fehler gemacht wurden — nur jene Zionisten, die nicht direkt am Aufbau von Erez Israel arbeiten, sind dagegen gefeit, Fehler zu begehen — man hat aber auch keine Ursache zu verschweigen, daß die berufensten Experten aller Nationen unserem Werke ein glänzendes Zeugnis ausgestellt haben. Jetzt gilt es, mit ganzer Hingabe die bereits abklingende Krise zu überwinden, das der Exekutive votierte Budget bereitzustellen und zunächst mit Geistesgegenwart und ruhigen Nerven die kurze Spanne Zeit durchzustehen, bis das Elektrifizierungswerk Rutenbergs, der Hafenbau und die Vorarbeiten für die Exploitierung des Toten Meeres durch die Max Nordau (geboren am 29. Juli 1849, gestorben am 22. Jänner 1923), 4» (t konzessionierte anglo-jüdische Gesellschaft nicht nur die Arbeitslosen versorgen, sondern darüber hinaus hoffentlich zahlreiche neue jüdische Arbeitskräfte absorbieren werden. Mit bewundernswerter Selbstüberwindung trägt ein Teil unserer Pioniere in Erez Israel das schwere Schicksal, den Zweck ihres Lebens, den neuen Jischuw zu bauen, gegenwärtig nicht erfüllen zu können und feiern zu müssen. Schon die Dankesschuld ihnen gegenüber verpflichtet die Zionisten aller Parteischattierungen, sich unbeschadet ihrer Anschauungen über den Weg zum Ziel in dieser durch die Krise bedingten Arbeit der nächsten Monate mit ganzer Kraft zu einen. Ich zweifle nicht, daß diese Blätter der zionistischen Aufklärungs- und Werbearbeit wertvolle Dienste leisten werden und wünsche ihrem Wirken guten Erfolg. Prof. Dr. Chaim Weizmann. Das österreichische Pro* Palästina-Komitee Die Vorarbeiten für die Konstituierung des österreichischen Pro-Palästina-Komitees, über dessen voraussichtliche Zusammensetzung wir in unserer vorigen Nummer eingehend berichtet haben, sind, wie wir erfahren, fast vollkommen abgeschlossen. Die Konstituierung wird, da die sämtlichen hiefür in Betracht kommenden Personen erst Ende Jänner in Wien anwesend sein können, in der ersten Februarhälfte erfolgen. An die Konstituierung wird sich eine großangelegte Werbeaktion für den Palästina-Aufbaufonds, den Keren Hajessod, anschließen. Der Denker der jüdischen Zukunft (Zu Max Nordaus fünftem Todestag.) Von dem großen Sprachphilosophen Fritz Mauthner wurde einmal gesagt: ,,Er hat uns unser Denken neu gelehrt.“ Dasselbe kann das jüdische Volk von Max Nordau sagen, der vor fünf Jahren, am 22. Jänner 1923, fast vierundsiebenzigjährig, die Augen schloß und in Erez Israel, ein stummer Hüter der jüdischen Zukunft, das Ende der Tage erwartet. Dieser Zukunft hat Nordau von dem Tage an, da ihm, wie er es selbst bekannte, Theodor Herzl den Weg zur Erfüllung seiner Pflichten gegenüber seinem Volke wies, das neue gedankliche, logische Fundament gebaut — und dafür gebührt ihm ewiger Dank, Durch fast achtzehn Jahrhunderte hatte das Judentum ein Leben gelebt, das es eigentlich selbst negierte. Seine historische Existenz riß im Bewußtsein des jüdischen Volkes an jenem furchtbaren 9. Ab vor 1858 Jahren ab, um erst in einer unmeßbaren, unherbeiführbaren Zukunft wieder aufgenommen zu werden. So ging Israel bewußt geschichtslos durch die Geschichte, ein Volk mit großer ferner Vergangenheit, mit idealer, darum menschlich unbestimmbarer Zukunft, doch ohne reale Gegenwart, daher ohne Wissen um sich selbst. Als für Teile dieses Volkes sich die Perspektive der völligen Anpassung an die Umgebung zu öffnen schien, da entstanden erst unter den Juden Ansätze zu einer ,,Wissenschaft des Judentums“, zu historischer Betrachtung der eigenen Existenz, Doch diese Betrachtung geschah unter bewußtem Verzicht auf eine eigene Zukunft, ihre absurde Voraussetzung war: um eine Geschichte zu haben, muß das Judentum tot sein. Doch der lebende Leichnam hatte soviel vitale Kraft in sich, daß er, statt liebevoll wehmütig seine angeblich historisch gewordene Existenz zu betrachten, Geschichte zu machen begann. Der Lebenstrieb des jüdischen Volkes gebar die Strömungen auf wirtschaftliche Umschichtung, die Bewegung der Chowewe-Zion, die kulturellen Schaffenswerte; und dann kam die dem Newtonschen Apfelfall ähnliche blitzartige Erleuchtung durch Theodor Herzl. Was Herzl visionär, traumhaft geschaut hatte, wurde von latent vorhandenen Volkskräften aufgenommen und wuchs zu jäher Wirklichkeit: die Zukunft und damit auch die Gegenwart des jüdischen Volkes wurde in. seinem Bewußtsein real. In diesem Augenblick fand Max Nordau zu seinem Volke, ein Mann von fast fünfzig Jahren, bekannter Arzt, berühmter Schriftsteller, Positivist, Zerstörer konventioneller Werte, Kämpfer gegen die „Krankheit des Jahrhundert“. Ueber zwei Jahrzehnte hatte er zur aufhorchenden Welt gesprochen, gemahnt, geeifert, in scharfen Gangen mit festen Gegnern die Klinge gekreuzt; hatte Triumphe und Niederlagen ausgekostet, hatte manchen Edelstein aus Geschlämm ans Licht gezogen und wieder mit manchem Griff geirrt; doch stets mutig und aufrecht, mit klarem Blick auf ein Ziel gerichtet: der Menschheit durch Wissen Freiheit zu geben. Dieser Max Nordau stieß im Jahre 1898 zu seinem Volke und schuf ihm mehr, als er der ganzen Menschheit je hätte schaffen können: die logische Begründung seiner Gegenwart und Zukunft, den soziologischen Unterbau seiner Existenz. Will man, dem zeitgemäßen Hang nach Spezialisierung folgend, Nordau in eine bestimmte Kategorie von Arbeitern am Erneuerungs werk des Volkes einreihen, so gerat man in einige Verlegenheit. Was war Nordaus „Spezialgebiet"? Die übliche Antwort ist, daß er ein glänzender Redner war. Daran ist bloß richtig, daß er auf zehn Kongressen und vielen repräsentativen Kundgebungen sprach und daß