Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053755--0031-3055284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 DIE STIMME Nr. 2 Eine nachgelassene Komödie von Scholem Alechem Die Aufführung im New Yorker jüdischen Kunsttheater. {Von unserem New Yorker S. J.-Berichterstatter. Im Nachlasse des weltberühmten jüdischen Humoristen Scholem Alechem fand sich der zum großen Teile bereits ausgeführte Entwurf einer Komödie »Die Goldgräber«, den der Schwiegersohn Scholem Alechems, J. D. Berkowitsch, nunmehr ergänzt hat. Diese Komödie ging nunmehr in Morris Schwartz’ Jiddischem Kunsttheater in New York mit allen Anzeichen eines sensationellen Publikumerfolges in Szene. So wirkt der lachende Genius des großen Scholem Alechem auch jetzt noch, 11 Jahre nach seinem Tode, als ob der prachtvolle Schilderer des jüdischen Lebens noch mitten in diesem Leben stünde. Das Thema, das diese posthume Komödie Scholem Alechems behandelt, ist, über das jüdische Milieu hinausreichend, universell. Es ist die alte menschliche Gier nach dem Golde. In einem blutarmen jüdischen Städtchen in Polen geht seit langem die Mär, Napoleon habe bei seinem Rückzug aus Rußland in der Nähe des Ortes 13 Fässer Goldmünzen vergraben. Eines Tages hört ein Einwohner des Städtchens, jemand habe einen Napoleon d'or mit dem Bildnis des großen Korsen gefunden. Wie ein Lauffeuer durcheilt diese Nachricht das Städtchen und bei allen steht es fest: das sind die Goldstücke aus dem von Napoleon vergrabenen Schatz. Die ganze Stadt wird geradezu elektrisiert und zieht zum Goldgraben aus. Auch die Christen der Stadt, ein polnischer Gutsbesitzer und ein Polizist, haben von der Nachricht erfahren und beteiligen sich an der Schürfexpedition. Ihr schließt sich auch der getaufte Jude des Städtchens an. Der Schatz wird in unendlichen Zänkereien verteilt, noch bevor er gefunden ist. Jeder will einen Anteil an dem Gelde, jeder beweist seine Berechtigung hiezu. Der Schatz bringt die Stadt in Aufruhr und Friede kehrt erst ein, bis das Gold — nicht gefunden wird. Das Thema ist uralt. In seiner Struktur erinnert das Stück manchmal an Pinski's Komödie »Der Schatz«, doch steht bei Scholem Alechem weit mehr die Masse im Mittelpunkt der Komödie als bei Pinski, Scholem Alechem selbst hat übrigens den Traum vom Gold schon früher einmal in einer seiner besten Skizzen »Wenn ich Rothschild wäre« behandelt. In den Rahmen der Handlung hat er diesmal eine bunte Reihe von Schnorrer-Typen hineingestellt, die an Mendele Mocher Storims berühmten jüdischen Bettlerkatalog erinnert. Die köstlichste Figur des Stückes ist ein Mann, der eine Unmenge von Geschäften betreibt und dabei doch niemals weiß, wie er morgen für sich und seine Familie das bißchen Brot zusammenbringen wird, ein Mann, der darauf ausgeht, die ganze Welt in die Tasche zu stecken und dabei doch dem kleinsten Schwindel aufsitzt. Scholem Alechem’s Schwiegersohn, selbst ein in New York mehrfach aufgeführter Bühnenschriftsteller, hat diesen nachgelassenen Entwurf des Dichters liebevoll nachgezeichnet und die Lücken mit vorsichtiger, aber geschickter Hand — freilich nicht mit Scholem Alechem's Hand — ausgefüllt. Die Aufführung bei Morris Schwartz bringt eine vielfarbige und lustige Typengalerie. Schwartz selbst gibt den vornehmsten Mann des Städtchens, eine Art Gottergebenheits-Karikatur, in köstlicher Weise. Den Typ des ewig betrogenen Betrügers stattet ein neues Mitglied des Schwartz'schen Ensembles, Herr Goldschmidt, mit trefflichen Charakterzügen der Knochenlosigkeit aus. Die Zahl der Mitwirkenden ist überaus groß und jeder einzelne hat markante Szenen. Die Regie hat für gute Herausarbeitung des Details und deutlichen Hervorhebung des universellen Charakters der vier Akte gesorgt. Morris Schwartz hat dem Stück auch eine musikalische Untermalung geben lassen, die Hermann Zarecki besorgt hat; sie tritt manchmal mehr aufdringlich als eindringlich hervor. Das Publikum nahm den unvergänglichen Scholem-Alechem-Humor mit Begeisterung auf und es scheint, daß das Kunsttheater nach langer Pause wieder ein Zugstück gewonnen hat. Die große Revue »Auf nach Tel-Awiw« von A. Meiseis in den Jüdischen Künstlerspielen. (Von links nach rechts: M. Zelniker, Clara Meiseis, J. Feldbaum, Cilly Bell.) Ein neues Bühnenwerk von H. Leiwik Der in New York lebende jüdische Dramatiker Leiwik, dessen Bühnenwerke »Schmates«, »Der Golem«, »Das Königreich der Bettler«, »Die 36 Gerechten« u, a, seinen Namen in Amerika und Europa berühmt gemacht haben, hat soeben ein aeues dramatisches Werk in sechs Bildern vollendet. Die Dichtung, welche den Titel »Hirsch Lekert« führt, ist soeben in •iner New Yorker Zeitschrift erschienen. Des Autors »Golem«, der demnächst in Wien seine deutsche Uraufführung in den Kammerspielen haben wird, wurde m polnischer Sprache unter der Regie von Mark Arnstein un Lubliner Stadttheater uraufgeführt und gelangt demnächst Polnischen Stadttheater in Lodz und am Großen Theater :a Lemberg (ebenfalls polnisch) zur Aufführung. Zionistisches Landeskomitee itit Österreich »Wlzo* „Hitachdtith" VORTRAG Samstag den 14. Jänner 1928, 8 Uhr abends im Festsaal des Österreichischen Handelsmuseums Wten JX«, Berggasse 16 Gerda Arlosoroff »Die gegenwärtige Situation in Palästina« Schalom Asch bekommt keine Tantiemen Im New Yorker »Vorwärts« führt der berühmte jüdische Schriftsteller Schalom Asch Klage darüber, daß er von den Aufführungen seiner Stcke in den New Yorker jüdischen Theatern keine Tantiemen erhält. Von seinen Bühnenwerken stehen »Der Gott der Rache«, »Der Landsmann«, »Unser Glauben« u. a. ständig auf dem Repertoir der jüdischen Theater. Asch erhebt seinen Klageruf auch im Namen des Schriftstellers Perez Hirschbein, dessen Bühnenwerke bei den Aufführungen in den New Yorker jüdischen Theatern ebenfalls als vogelfrei betrachtet werden. Das Buch mit den höchsten Auflagen Seit je ist die Bibel das Buch, welches in den meisten Exemplaren verbreitet ist. Die Auflagenhöhe des Buches der Bücher läßt die anderer Bücher weit hinter sich. So hat die englische Bibelgesellschaft, wie ihrem Jahresbericht von 1926 zu entnehmen ist, die Bibel in diesem Jahre in mehr als acht Millionen Exemplaren verbreitet. Davon wurden 4,142.000 Exemplare in China, 1,500.000 in Europa, 869.000 in Indien, 438.000 in Afrika, 412.000 in Canada verbreitet. Wiener Uraufführung des Violinkonzertes von Achron Der junge jüdisch-amerikanische Geiger Louis K r a s n e r gibt am 24. Jänner im Großen Konzerthaussaal ein eigenes Konzert mit Orchester. Für uns ist diese Veranstaltung von besonderem Interesse, weil Krasner an diesem Abend das Violin-Konzert von Josef Achron zur ersten öffentlichen Aufführung in Europa bringt. Das Werk wurde in Chicago unter Leitung des hervorragenden russischen Dirigenten Kussewitzky mit dem Komponisten als Interpreten des Violinpartes mit großem Erfolg uraufgeführt. In dieser großangelegten Komposition, deren erster Satz synagogale Melodien aus Schwuoth und der Tischa-beaw-Lithurgie verarbeitet und im zweiten (letzten) zwei jemenitische Themen zum Ausgangspunkt feiner Improvisationen nimmt, wächst Achron über seine früheren Schöpfungen weit hinaus. Ein Zangwill-Fonds für jüdische Schriftsteller Wie uns aus London berichtet wird, hat sich dort aus Freunden des verstorbenen Dichters Israel Zangwill ein Komitee gebildet, welches im Einvernehmen mit der Witwe Zangwills beschlossen hat, einen Fonds von 10.000 Pfund Sterling auf den Namen des Verstorbenen zu schaffen. Die9er Fonds soll dazu dienen, jüdischen Schriftstellern und Studenten Subsidien zu gewähren. Ein jüdisches Museum in Breslau Die Breslauer jüdische Gemeinde hat beschlossen, ein jüdisches Museum ähnlich den Museen in verschiedenen Städten Deutschlands zu errichten. Der Beschluß wurde im Hinblick auf die Bedeutung gefaßt, welche Schlesien und die angrenzenden Gebiete Ostdeutschlands für die Geschichte der Juden haben. Zur Durchführung der vorbereitenden Arbeiten für die Errichtung des Museums wurde ein Ausschuß eingesetzt, dem die bekanntesten Persönlichkeiten der Breslauer Judenschaft angehören. Die Brieftasche des Herrn Goldberg aus Storozynez Von Leo Posner, (Schluß.) Goldberg fuhr also nach Wien. Er hatte schon seinen Plan zurechtgelegt. In seiner funkelnagelneuen Brieftasche ruhten wohlgeboren ein paar funkelnagelneue Tausendkronenscheine und mit dieser Ausrüstung ließ er sich beim Referenten, dem Herrn Sektionschef Freiherrn von Kalkstein, anmelden. Voll gut gespielter Unterwürfigkeit brachte Berl Goldberg aus Storozynez seine Bitte vor. ,,Ja, mein lieber Herr Goldberg“, meckerte der Beamte, wobei er sein Röllchen immer wieder zurückstieß, ,,es ist alles schön und gut, wir sind ja geneigt, Ihre vortreffliche Eignung für die Funktion eines Pächters anzuerkennen — — aber, Sie wissen -eh-bei den heutigen Zeiten -eh-angesichts Ihrer Konfession -eh-Sie nehmen mir ein offenes Wort nicht übel-wird es nur schwer möglich sein, hieramts eine Erneuerung des Vertragsverhältnisses wohlwollend zu befürworten. Bedenken Sie doch,-daß es sich um eine ausgesprochen christliche Religionsgemeinschaft handeltes wäre nicht opportun, etwaige andere Bewerber sozusagen vor den Kopf zu stoßen-“. „Und warum war es früher möglich, Herr Sektionschef?“ wagte Goldberg einen schüchternen Einwand. ,,Na ja, mein Gott, dazumal — — — sozusagen -— in der liberalen Aera — — — Na, wie gesagt“, der Sektionschef erhob sich in seiner ganzen Länge, „ich glaube nicht, da viel machen zu können-selbst bei Berücksichtigung der Kontinuität-sozusagen hieramts- Die Audienz war zu Ende. Der Sektionschef trat zur Tür, um Goldberg hinauszugeleiten. Das war der große Moment, da Berl Goldberg — seine Brieftasche mit geschickter Bewegung auf den Schreibtisch des unbeugsamen Beamten praktizierte. Die Straße betretend, rief Berl Goldberg einen Wagen herbei und ließ sich schnurstracks zur Polizei führen. Hier begab er sich ins Fundbüro und teilte dem diensttuenden Beamten aufgeregt gestikulierend mit, daß er seine funkelnagelneue Brieftasche aus Krokodilsleder mit soundsoviel neuen Tausendkronen-Noten verloren habe. Er komme soeben vom Ministerium für Kultus und Unterricht und wisse, so solle ihm Gott helfen, daß er sie, als er im Ministerium verweilte, noch bei sieb gehabt habe. Der Beamte protokollierte den Tatbestand und entließ ihn mit den üblichen Phrasen. Berl Goldberg aber begab sich ruhigen Schrittes zur Universität, woselbst ihn sein Sohn Kurt Siegfried erwartete. „Nun, hast du dir's gerichtet?'1 fragte Kurt Siegfried den Vater. „Wird sich zeigen“, antwortete Berl Goldberg. Im Hotel aber, in dem Berl Goldberg Quartier genommen hatte, waren bereits zwei Kriminalbeamte postiert. „Herr Berl Goldberg?“ „Wer denn soll ich sein? Berl Goldberg aus Storozynez.“ „Kommend mit!“ Berl Goldberg machte ein erstauntes Gesicht, verlangte um jeden Preis zu wissen, was die Herren von ihm wollten. So etwas sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. „Wern schon hören“, meinte der Kriminalbeamte. Und sie fuhren mit ihm ins Landesgericht. In dem finsteren Gange, dort wo sich die Amtszimmer der Untersuchungsrichter befinden, wiesen sie ihm einen Platz auf einer Bank an und setzten sich neben ihn, der eine rechts, der andere links, und da kam auch schon der Herr Sektionschef heranstolziert, wobei er seine überlegenen Blicke in den Gang sandte, bis sie an Berl Goldberg haften blieben. Und schon stand der Pächter von Storozynez vor dem Untersuchungsrichter, auf dessen Tisch die Brieftasche aus Krokodilsleder in stiller Beschaulichkeit ruhte. „Gott sei dank, meine Brieftasche, sie soll mir leben“, schrie Berl Goldberg und griff mit ausgestreckter Hand nach ihr. „Halt!“ rief der Untersuchungsrichter. „Was machen Sie? Sie sind wegen versuchter Bestechung einer Amtsperson angezeigt, sozusagen in flagranti ertappt, ich werde mit Ihnen kurzen Prozeß machen!“ „Was für eine Bestechung?“ schrie Goldberg von neuem und helle Empörung sprach aus seiner Stimme. „Haben Sie nicht diese Brieftasche auf den Schreibtisch des Herrn Sektionschefs von Kalkstein in der klaren Absicht gelegt, ihn zu veranlassen, Sie gewissermaßen in der Pachtangelegenheit — (er blätterte im Akte) — Storozynez zu protegieren?“ „Ha, ha, ha, ha“, lachte Berl Goldberg überlegen aus vollem Halse. „Hingelegt? Is mir nicht im Traum eingefallen. Grad* hab* ich bei der Polizei die Anzeige erstattet, daß mir meine Brieftasche abhanden gekommen ist. Jetzt weiß ich wenigstens, w o ich sie verloren hab“’, und er wollte neuerlich seine Brieftasche an sich nehmen. „Nur Geduld, Herr Goldberg, so rasch geht das nicht“, ließ sich der Untersuchungsrichter vernehmen, wobei er seine frühere Schärfe bedeutend herabgemindert hatte. „Wir wollen uns einmal überzeugen. Die Sache muß klargestellt werden.“ Er klingelte den Amtsdiener herbei und gab ihm seine Befehle. Unterdessen mußte Goldberg wieder auf dem Gange warten. Es dauerte nicht lange und der Amtsdiener kehrte zurück. Nun wurde Berl Goldberg abermals hineinzitiert und mit ihm zugleich trat der Freiherr von Kalkstein ein. „Es scheint sich hier wirklich um einen bedauernswerten Irrtum zu handeln, Herr Sektionschef“, wandte sich der Untersuchungsrichter an den Beamten. „Es steht unzweifelhaft fest, daß Herr Berl Goldberg sogleich, als er Sie verließ, eine Verlustanzeige wegen seiner Brieftasche gemacht hat. Er hat sie in Ihrem Büro offenbar verloren. Ich kann da nichts machen.“ Und er händigte Berl Goldberg die Brieftasche aus Krokodilsleder ein. Herr Berl Goldberg, der gewesene Pächter aus Storozynez aber gab sich nicht so ohneweiters zufrieden, „Wo ist die Staatsanwaltschaft?“ fragte er voll verbissenen Ingrimms. „Sofort erstatt* ich die Anzeige wegen Verleumdung. Ich bin ein ehrlicher Mensch, darüber können Sie sich in der ganzen Bukowina erkundigen. Jeder kennt Berl Goldberg als