Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 DIE STIMME Seite t! halten. Man wird sich zu einer Reihe von Sparmaßnahmen entschließen müssen und mußte bereits eine Erhöhung der Taxen und Gebühren durchführen. Das finanzielle Gleichgewicht darf aber keinesfalls auf Kosten der Jugenderziehung a u f rechterha11 e n werden. Das materielle Defizit kann bei gewissen Anstrengungen beseitigt werden, das moralische Defizit durch Unterlassung der Erziehung der jüdischen Jugend im jüdischen Geiste kann nie mehr gedeckt werden. Mit einem solchen Defizit darf sich eine Gemeinde vom Range der Wiener Kultusgemeinde nicht belasten. Die zionistischen Mandatare sind immer dafür eingetreten,, daß die Erfordernisse des Budgets durch Heranziehung des Bundes und der Gemeinden zur Beitragsleistung erleichtert werden, wie dies der Friedensvertrag und die Bundesverfassung für Minderheiten vorsieht. Die Majorität hat sich dagegen immer mit der absurden Behauptung gestemmt, daß Minderheitsrechte „geminderte Rechte" seien. Gerade jetzt konnten wir erfahren, daß der sozialdemokratische Abgeordnete Leuthn e r in der Budgetdebatte dieses Recht für die A 11katholiken und Methodisten in Anspruch nahm. Was für diese Gruppe der österreichischen Staatsbürger recht ist, muß auch für die Juden billig sein. Die zionistischen Mandatare haben den Unterrichtskommission mehrere zweckdienliche Anträge unterbreitet und vertreten, ein weitgehendes Erziehungsprogramm. Für die Vertretung dieses Programmes muß ein Prinzip gelten: Ersparnisse dürfen nicht auf Kosten der jüdischen Jugend gemacht werden denn von der jüdischen Jugend hängt die jüdische Zukunft ab. Ein Jahrbuch der jüdischen Gemeinde von Zagreb. Um das Interesse an jüdischen Angelegenheiten zu 'beleben, hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde von Zagreb Jüdische Hochschulprojekte Die Numerus-clausus-Universität in Prag. — Eine Hochschule iür Wissenschaft des Judentums in Warschau. Vor kurzem brachten Prager Blätter die Nachricht, ein reicher Jude aus der Tschechoslowakei, der jetzt in Amerika lebe, habe sich bereit erklärt, die Mittel für die Errichtung einer Universität in Prag beizustellen, welche den jüdischen Studenten der Länder, die durch den Numerus clausus an ihren Studien gehindert werden, die Möglichkeit bieten soll, ihre akademische Bildung zu vollenden. Die Nachricht, für die damals eine Bestätigung nicht zu erlangen war, wird jetzt von den Prager »Vecerni Listy« wieder aufgenommen; das Blatt meldet dazu, es seien in einem Stadtviertel von Prag bereits Räumlichkeiten für die neue Universität gemietet worden, und weiß auch zu berichten, daß unter den Juden eine rege Geldsammlung für dieses Institut durchgeführt werde. Die Nachricht der »Vecerni Listy« ist, wie uns aus Prag mitgeteilt wird, nicht richtig; weder sind dort Räume gemietet, noch auch Geldsammlungen für eine jüdische Universität durchgeführt worden, die übrigens, wenn an den Meldungen von ihrer Errichtung wirklich etwas Wahres sein sollte, die fünfte Nationalitätenuniversität in Prag wäre, da dort außer der tschechischen und deutschen Universität auch solche für Ukrainer und Russen bestehen. Weit ernster ist das Projekt einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die demnächst in Warschau errichtet werden soll. Diese Hochschule soll, wie der bekannte jüdische Historiker Professor Bai ab an aus Warschau anläßlich seiner Anwesenheit in Berlin den Vertretern der Presse mitteilte, qualifizierte jüdische Religionslehrer für allgemeine Mittelschulen und Lehrer für jüdische Fächer an den jüdischen Mittelschulen heranbilden. Sie wird auch den Doktortitel verleihen. Ihr Hauptziel ist jedoch die Förderung der Wissenschaft des Judentums. Die Eröffnung wird erfolgen, sobald die nötigen finanziellen Mittel gesichert sind; bisher wurde eine Beisteuer der Bnei Brith-Logen zum Budget dieses projektierten Institutes, sowie eine, wenn auch kleine Subvention des polnischen Staates zugesichert. Das Institut wird von einem Kuratorium verwaltet werden. An der Spitze des Dozentenkollegiums, für das 'bereits' namhafte Gelehrte, wie Professor Bai ab an, Dr. Abraham W e i s s, Dr. Schipper, Dr. Byc h o w s k i u. a. gewonnen wurden, wird der Warschauer Oberrabbiner Prof. Dr. S c h o r r stehen. Für die Hochschule soll auf dem Grundstück der Warschauer Hauptsynagoge ein eigenes Gebäude errichtet werden. Der erste Band der Encyelopaedia Judaica erschienen. Vor vier Jahren hat der von Dr. Nahum Goldmann und Dr. Jakob Klatzkin begründete Verlag „Eschkol" in Berlin die Arbeiten für die Herausgabe einer großen jüdischen Enzyklopädie in deutscher, hebräischer und englischer Ausgabe begonnen. Für die Redaktion wurden 16 namhafte jüdische Gelehrte und 'Schriftsteller gewonnen und zur Mitarbeit die 'bedeutendsten jüdischen und nichtijüdischen Fachmänner der ganzen Welt auf allen Gebieten jüdischen Wissens herangezogen. Das Werk ist auf 15 IBände zu je 640 Seiten berechnet, Nunmehr ist in diesem Umfange der erste Band in deutscher Sprache erschienen, dem die hebräische und englische Ausgabe in Kürze folgen solL Er umfaßt die Artikel A bis Akademien. Der zweite iBand soll noch im Frühjahr 1928 erscheinen. ein Jahrbuch herausgegefben, welches einen Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Vorstandes, detaillierte Statistiken über die jüdische Gemeinde, Bevölkerungsbewegung, Organisationen und Institutionen, sowie eine Reihe wertvoller populärwissenschaftlicher Arbeiten lokaler und allgemeiner Forschung enthält. Das Jahrbuch hat weit über Zagreb hinaus in den jüdischen Gemeinden Jugoslawiens starken Anklang gefunden und eine Reihe von Gemeinden beabsichtigen ähnliche jährliche Publikationen herauszugeben. Austritte aus dem Judentum Emil Beständig, 6. 5. 1868 Pfibram, verh., IX., Widerhofergasse 7. — Helene Kann, 5. 8. 1900 Wien, led,, IX., Sechsschimmelgasse 9. — Margarethe F r a z 1, 14.5. 1903 Wien, led., IX. Schubertgasse 11. — Gustav Weiner recte Valy, 14. 5. 1890 Targermares, led., XVII. Hernalser Hauptstraße 34. — Henriette Berger, geb, Brandeis, 16, 3, 1886 Wien, verh., XIX, Sieveringerstraße 32. — Hans Färber, 15. 9. 1912 Wien, led., XV. Markgraf Rüdigerstr. 24. — Katharina Liebeskind geb. Cepenjak, 30. 4. 1894, Schwadorf, verh., IV. Preßgasse 23. Irene Berl, 15, 1. 1907 Wien, led,, I, Schottenring 7, — Gottfried Baum, 29. 3. 1895 Wien, led., XVII. Rosensteingasse 16. — Margarethe Jokl geb. Bloch, 5. 11. 1897 Wien, verh., IX. Latschkagasse 3. — Leopold Jokl, 15. 11. 1890 Wien, verh., selbe Adresse, — Kind Rudolf Jokl, 1, 10. 1922 Wien, selbe Adresse. — Rudolf Fischer, 1. 11. 1904 Wien, led., XIV. Sechshauserstraße 59. — Marie Erber, geb. Schnatter, 26. 1. 1889 Wien, ger. getr., XII. Belghofergasse 26. — Therese S c h m i e d 1 geb. Schön, 9. 4. 1870 Pardubitz, verh., II. Rembrandtstraße 41. — Siegfried S c h e r z e r, 12. 11. 1906 Wien, led., I. Franz-Josefs-Kai 43. — Viktor G r o ß f e I d, 26. 8. 1899 Wien, led., I. Wiesingerstraße 3. — Hans B e r 6 n y i, 26. 12. 1894 Wien, verh,, Installateur, Eisenstadt, — Marianne Färber, 21. 10. 1910 Wien, led., XV. Markgraf Rüdigerstraße 24. — Sali Lina Wellisch geb. Freyer, 11. 6. 1900 Kolomea, verh., XIII. Jenillegasse 1, — Rudolf Deutsch, 18. 6. 1875 Wien, verh., IX. Pulverturmgasse 7. Geschichte der Rothschilds (Egon Cäsar Conte C o r t i: „Der Aufstieg des Hauses Roth schild“. — 1927, Insel - Verlag, Leipzig.) Die Geschichte der Familie Rothschild ist bisher nie aktenmäßig dargestellt worden. Die Arbeiten von Ehrenberg, Berghoeffer, Ballla u. a. sind zum Teil Spezialschriften, zum Teil basieren sie auf — sagen wir — sorgsam ausgewählten Dokumenten und Quellen. Das Haus Rothschild öffnet seine Archive sicher nicht, denn Geschäftsgeheimnisse werden weit sorgfältiger gehütet als diplomatische. So ist eine Geschichte jener Familie, welche in der verhältnismäßig kurzen Zeit von kaum einer Generation aus ihren bescheidenen Frankfurter Anfängen zu einem für die europäischen Finanzverhältnisse (und somit auch für die Politik) entscheidenden Machtfaktor emporstieg, schwer darzustellen, Ihre Quellengrundlagen sind — im besten Fall — die Geschäftspartner der Rothschilds (denn die Flut von tendenziösen Schmähschriften ist wenig verwendbar) und in Geschäften ist kein Partner unbefangen. Es bedurfte eines starken Temperaments, um über diese Klippe hinwegzukommen und auf Grund der, wenn auch reichlichen, so doch gewissermaßen innerlich mangelhaften Quellen Aufstieg und Höhe (vielleicht auch Zurückdrängung?) des größten europäischen Finanzhauses, des einzigen jüdischen Vermögens, das bisher stabil geblieben ist, plastisch zu schildern. Salomon Rothschild, der Begründer des Wiener Hauses Rothschild (nach einem in der 'Nationalbibliothek befindlichen Gemä'lde von Dieser). I BÜCHERSTUBE M. RATH I | II. TABORSTRASSE 20 a, TELEPHON 43-1-58 | jj MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT g g JUOENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRAICA jl Ein solches Temperament — wie etwa Gustavus Nyers, der Verfasser des mit blutigem Schwung hin geworfenen Buches: „Die Entstehung der großen amerikanischen Vermögen" — ist Conte Corti, von dessen großangelegter Geschichte der Rothschilds jetzt der erste, etwa 450 Seiten starke Band erschienen ist, nicht. Doch bietet das Werk eine Fülle von Material an Dokumenten, Briefen und dergleichen, die zum ersten Male bekannt werden, und liefert fast lückenlos die auf die Rothschilds bezügliche Literatur. Diese Quellen geben ein anschauliches Bild vom Aufstieg des Hauses am Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Jahre 1830, da die Metternich’sche Politik den ersten entscheidenden Stoß erhielt, einen Stoß, der Europa — und damit auch die Rothschilds — in eine schwere Krise brachte. Die „Weltbankiers" haben diese Krise bis heute überdauert, die von ihnen finanzierte Politik der „Ordnung" hat nicht so lange angehalten. Freilich haben die Rothschilds, da Geschäftsleute stets unbefangener und daher weitsichtiger sein können, als die Politiker, stets dort, wo das Blatt sich zu wenden drohte, zwei Eisen im Feuer gehabt. In der Zeit ihres Aufstieges waren sie jedoch völlig auf die Erhaltung der alten Ordnung eingeschworen und es ist eine Ironie der Weltgeschichte, daß die „Ordnung", die gleichbedeutend war mit allgemeiner Reaktion (und die im besonderen die Emanzipation der Juden in Mitteleuropa um 50 Jahre verzögerte, die drückendste Judenpolitik Nikolaus I. in Rußland ermöglichte) von einer Frankfurter Judenfamilie finanziert wurde, die ihren Reichtum der Revolutions- und Nachrevolutions-Inflation, die sie im Aufträge des Kurfürsten von Hessen ausnützte, zu verdanken hatte. Es gehört eben zu den typischen Zügen des wirtschaftlichen Denkens der Juden, daß sie — gerade wegen der Labilität ihrer Wirtschaftsstellung in den Ländern, wo sie siedeln — stets auf Erhaltung des bestehenden Zustandes bedacht sind. Darum war das Haus Rothschild ein ebenso erbitterter Feind Napoleons wie Wellington und Pitt. Napoleons Königsgedanke der Kontinentalsperre war niedergeworfen, als — die Rothschilds den Korsen im Punkte der Geldausfuhr aus England überlisteten und sich damit als die besseren Finanzleute zeigten. Und nachdem der „Feind der Ordnung" nie'dergeworfen war, stützten die Rothschilds die Politik der Legitimität finanziell mit allen Mitteln, wobei hervorgehoben werden muß, daß das geschäftliche Ergebnis dieser finanziellen Ordnungsstützung durchaus nicht immer glänzend war. Es spielte eben die gewisse jüdische Furcht vor dem Ungewissen mit, die ein Kennzeichen des Wirtschaftsleben* der Juden im Galuth ist. So kam auch Rußland zu Rothschild-Krediten, allerdings in der von Corti geschilderten Periode bis 1830 nur ein einziges Mal; Sonst lehnten die Rothschilds Geschäfte mit Rußland ab. Daß dabei damals tatsächlich die Bedrückungen der Juden in Rußland eine maßgebende Rolle spielten, ist eine Vermutung Cortis, die aber bei ihm nicht belegt erscheint. Im allgemeinen ist — abgesehen von den äußeren Beziehungen zur jüdischen Tradition, die, wie bekannt, äußerliche Haustradition wurde — in dem erwähnten Zeitraum nicht viel von Beziehungen der Rothschilds zu jüdischem Wesen und jüdischem Leben zu berichten. Daß sie sich gegen den judenfeindlichen Frankfurter Senat wandten und durch ihren Einfluß Milderung der Frankfurter Judenhetze zu erreichen suchten, schließlich auch erreichten, scheint — abgesehen von dem Mitspielen persönlicher Interessen — nach den von Corti angezogenen Quellen eher eine Aktion gegen die Konkurren?. der Bankierfamilie Bethmann und den in ihren Diensten stehenden Regierungskommissär Buol als ein von wirklichem Gemeinschaftsgefühl getragenes Eintreten für kollektive Rechte. Es war vor hundert Jahren, als das jüdische Kapital in den gesamten Wirtschaftskreis eintrat, ebenso wie heute: Das jüdische Kapital wirkt nur als Kapital und seine „jüdische" Wirkung besteht nur — in der Phantasie der antisemitischen Theoretiker. Auch dafür ist die Geschichte der Familie Rothschild ein Beispiel. E. F. Büchereinlauf Martin Brussot: Das Jordanwun'der (Roman). — Renaissance-Verlag Wien. Egon Cäsar Conte C o s t i : Der Aufstieg des Hause» Rothschild. — Insel-Verlag, Leipzig. Egon F r i e d e 11: Kulturgeschichte der Neuzeit. — Verlag C. H. Beck, München. Maximilian Harden: Von Versailles nach Versailles. — Avalun-Verlag, Hellerau. Werner Jans, sen: Die Kinder Israels. (Ein Mosesroman.) — Verlag Westermann, Braunschweig. J ii d i s c ,he Schwänke: Herausgegeben von iMax Präger und Siegfried Schmitz. — R. Löwit-Verlag, Wien-Leipzig. Franz Kafka: Amerika — Kurt Wolff-Verlag, München. Dr. J. L. Katzenelsohn: Talmud und Medizin (hebräisch). — Verlag „Jalkut", Berlin. Dr. Mereschkowski: Der iMessias. (Roman.) — Verlag Grethlem & Co„ Leipzig. Kurt Münzer: Jude ans Kreuz! (Roman.) — R. Löwit- Verlag, Wien-Leipzig. Joseph Roth: Die Flucht ins Endlose. (Roman.) — Kurt Wolff-Verlag, München. Arthur Schnitzler: Buch der Sprüche und Bedenken. — Phaidon-Verlag, Wien, Werner So m hart: Die Juden und das Wirtschaftsleben, — Verlag Duncker & Humblot, Leipzig. Eugene Sue: Der ewige Jude. (Mit 75 Illustrationen von Gavami.) — Avalun-Verlag, (Hellerau. Franz Werfel: Gedichte. — Paul Zsolny-Verlag, Wien. Arnold Zweig: Juden auf der deutschen 'Bühne. — Welt-Verlag, Berlin. Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit. (5 historische Miniaturen.) — Insel-Verlag, Leipzig. Wissenschaft, Literatur, Kunst