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Die Stimme · 1928-01-12 · Heft 2 (12.1.1928) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 2 (12.1.1928)
Date
1928-01-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2 DIE STIMME Seite 7 Jüdische Wanderungskottferenz in Berlin Am 15. Jänner 1928 wird die dritte jüdische Wanderungskonferenz in Berlin eröffnet. Auf der Konferenz werden Probleme zur Behandlung kommen, die die Organisationen der jüdischen Wanderung in der letzten Zeit beschäftigen; ferner soll die Arbeit für die künftige Zeit festgelegt werden. Unter anderen werden Jakob Leczszinsky über die jüdische Auswanderung der Gegenwart, ihre Probleme und Nöte, Professor B. Brutzkus über Auswanderung und Kolonisation, Dr. K r e i n i n über die Schaffung eines Finanzinstitutes für jüdische Auswanderungsarbeit und Dr. Lewowicz und A. Tscherikower über Probleme der beruflichen Vorbereitung der jüdischen Auswanderung sprechen. Wir werden durch unseren Spezialkorrespondenten über den Verlauf dieser Tagung unsere Leser genau unterrichten. Eine Palästina-Reise als Ehrengeschenk Der bekannte Kulturhistoriker Professor Dr. Ismar E 1 b o g e n wirkt seit 25 Jahren an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Aus Anlaß dieses Jubiläums hat das Kuratorium der Hochschule Prof. Elbogen eine Ehrengabe in Form einer Palästina-Reise zuzuwenden beschlossen. Prof, Elbogen dürfte die Reise noch im Frühling d. J. antrelen. Wie wir erfahren, wird er bei dieser Gelegenheit am Judaislischen Institut der Universität Jerusalem Gastvorlesungen halten. Der Rabbiner als Benediktinerpater. Vor kurzem ist, wie aus New York gemeldet wird, der in Amerika und Europa sehr bekannte Benediktinerpater H y 1 ar i u s im Aller von 67 Jahren gestorben. Hylarius, der in den Vereinigten Staaten wirkte, hat sich besonders während des Weltkrieges durch seine Oesterreicherfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft bekannt gemacht und hatte dadurch angesichts der in Amerika herrschenden Stimmung viel zu leiden. Er hat noch während des Krieges und dann in den ersten Jahren der europäischen Kriegsnot seinen großen Liebesgabendienst organisiert. Von den vielen Empfängern seiner Liebesgabenpakete wußte wohl keiner, daß Pater Hylarius als Sohn des — Rabbiners Rosenfcld in Varasdin in Jugoslavien im Jahre 1860 das Licht der Welt erblickte. Er war ebenfalls für den Rabbinerstand bestimmt und bezog nach Absolvierung seiner Gymnasialstudien ein Rabbinerseminar in Deutschland, zu dessen besten Schülern er zählte. Vom Seminar weg kam er als Rabbiner in die jüdische Gemeinde von Ham bei Regensburg. Dort befreundete er sich mit einer katholischen Familie, deren Sohn nach der Priesterweihe Kaplan in Ham wurde. Zwischen dem jungen Rabbiner und dem Kaplan entwickelte sich ein enges Freundschaftsverhältnis, Eines Tages wurde die jüdische Gemeinde von Ham durch die Nachricht überrascht, daß ihr Rabbiner zum katholischen Glauben übergetreten war; diese Nachricht machte in der ganzen Welt ungeheures Aufsehen, das sich noch steigerte, als Rosenfeld als Novize in ein Benediktinerkloster eintrat, um katholischer Priester zu werden. Im Alter von 35 Jahren erhielt Rosenfeld als Pater Hylarius die Priesterweihe und ging nach Amerika, wo er durch mehr als drei Jahrzehnte als Missionär und Priester tätig war. Bis zu seinem Tode stand der Benediktinermissionär jüdischer Abstammung mit seiner engeren Heimat in regem Kontakt, Er hat auch oft, zuletzt noch kurz vor seinem Ableben, versucht, mit seinen Angehörigen, die noch in Varasdin leben und nach seiner Taufe sich von ihm losgesagt hatten, wieder in Verbindung zu kommen, doch ohne Erfolg. Kleine Nachrichten Der Führer des liberalen Judentums in England, Dr. Claude G. Montefiore, wird demnächst 70 Jahre alt. Zu seiner Ehrung schlägt die Londoner Wochenschrift »Jewish Chronicle« die Schaffung eines Montefiore-Fonds für Zwecke der sozialen Fürsorge ohne Unterschied der Religion und Nationalität vor. Im Sommer 1929 soll über Initiative der Londoner »Jewish Historical Society of England« ein Kongreß jüdischer Historiker der ganzen Welt nach London einberufen werden. Nach der eben erschienenen offiziellen ungarischen Statistik betrug im Studienjahr 1926/27 die Zahl der an sämtlichen Hochschulen Ungarns inskribierten jüdischen Hörer 1084. Dies bedeutet gegen das Jahr 1922/23, das letzte vor dem Inkrafttreten des offiziellen Numerus clausus, wo die Zahl der jüdischen Hörer 2157 betrug, einen Rückgang auf die Hälfte. Er ist an den medizinischen und technischen Fakultäten am stärksten. # Um den Zionismus, der auch unter der Orthodoxie Ungarns immer mehr an Boden gewinnt, zu bekämpfen, hat das Zentralkomitee der orthodoxen Gemeinden Ungarns in seiner letzten Sitzung beschlossen, daß es gemäß einem im Jahre 1904 von den Rabbinern Ungarns erlassenen religiösen Verbot gegen den Zionismus den Angehörigen der orthodoxen Gemeinden strikte verboten sei, sich zionistisch zu betätigen. (Der orthodoxe Qberra'bbiner von Budapest, Koppel Reich1, der im ungarischen Oberhaus sitzt, hat den Beschluß des Komitees, dessen iSitzung er nicht beiwohnte, schriftlich gebilligt, was ihn jedoch nicht hinderte, ihn kurz darauf in einer Presseerklärung abzuleugnen. * Der Zentralrat der Agudas Jisroel hat, wie zu erwarten war (siehe den Aufsatz »Angst vor dem Volksgericht« in der ersten Nummer unseres Blattes. — Die Red,), keinen fixen Beschluß über die Einberufung des Kongresses der Agudat, der sogenannten Kenessiv Gedauls, gefaßt, die satzungsgemäß noch im Jahre 1928 slattfinden sollte, sondern dem geschäftsführenden Ausschuß die Festsetzung von Zeit und Ort des Kongresses Vorbehalten. Die litauische Regierung, welche die frühere Autonomie der jüdischen Gemeinden im Lande vernichtet hat, will jetzt auch gegen den Rabbinerstand vorgehen. Sie hat einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der bestimmt, daß die Synagogen bezw. Beth-Hamidraschim die Rabbiner nicht mehr auf Lebenszeit wählen dürfen, sondern nur auf drei Jahre, worauf eine neue Wahl erfolgen muß. Der Magistrat und Stadtrat von Warschau haben beschlossen, die Schulen mit jiddischer Unterrichtssprache als den Staatsschulen gleichberechtigt anzuerkennen und ihnen erhöhte Subventionen, nämlich 80.CC0 Zloty (für 20U0 Schulkinder) statt wie bisher 15.000 Zloty zu gewähren. * Die »Ostjüdische Zeitung« in Czerno witz, das Organ des angesehenen jüdischen Politikers, früheren Kammerdeputierten Dr. M. Ebner, das zweimal wöchentlich erscheint, hat am 1. Jänner d. J. die 1000. Nummer herausgegeben. * In Los Angeles (Californien) erscheint seit kurzem unter Leitung des Publizisten A, Wohliner eine jiddische Tageszeitung. * Der vor kurzem in San Francisco verstorbene Juwelenhändler Rubin V a g e 1, einst Insasse des Waisenhauses von San Francisco, hat von dem großen Vermögen, das er sich im Juwelenhandel erworben halte, testamentarisch eine Million Dollar dem Waisenhaus vermocht, in dem er erzogen worden war. * Unter den bei Jahresbeginn vom englischen König geadelten Personen befinden sich drei Juden, und zwar M. A. S p i e 1 m a n, Mitglied der Exekutive der Anglo Jewish Association, Charles Samuel Nathan in Perth (Australien) und Sir Frederik D. L u g a r d, der seit 1922 britisches Mitglied der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes ist. * Der bekannte jüdische Publizist Morris Myer, Begründer und Herausgeber des Londoner jüdischen Tagblattes »Die Zeit« (Jewish Times), hat seinen 50. Geburtstag gefeiert und war aus diesem Anlaß Gegenstand großer Ehrungen, an denen sich u. a. der Oberrabbiner des britischen Reiches Dr. Hertz, der bekannte Rabbi M. Gast er und der Präsident der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow beteiligten. Österreich Für die Organisation! Von Adolf Böhm, Wien. Es ist an der Zeit, die zionistische Organisation wieder aufzurichten! Dieses Gefühl haben heute alle Zionisten in allen Ländern. Denn auf die Krise in Palästina gibt es keine andere Antwort. Solange der „boom“ herrschte, wiegte sich alles in Selbstvertrauen und Optimismus, Warnungen wurden überhört. In einer solchen Stimmung verlor man jedes Gefühl dafür, daß die Sache nicht „von selbst“ gehen könne, denn sie ging ja scheinbar von selbst. Scheinbar, und als dann der vorhergesagte Krach kam, da gab man allein der Palästina-Exekutive die Schuld, nur nicht jedem einzelnen der Zionisten, die alle vergessen hatten, daß es auf sie selbst ankäme. Man kritisierte alles und alle. Manche Zionisten waren dazu legitimiert, denn sie hatten auch positiv gearbeitet, aber die meisten haben nur kritisiert und nicht gearbeitet. Das Uebermaß von Kritik trug dazu bei, die Dinge stark zu übertreiben und den schwärzesten Pessimismus zu verbreiten. Dabei ging die ohnehin sehr geschwächte Organisation gänzlich in Brüche. Und nun, da es so weit ist, dämmert in allen Köpfen die alt-neue Erkenntnis auf, daß man ohne Armee nicht schlagen kann. Die Schaffung der Zionistischen Organisation war die entscheidende Tat Theodor H e r z 1 s. Nichts, gar nichts hätte der Zionismus je erreichen können, ohne dieses Instrument. Ich will hier keine großen Worte machen, daß die Zionistische Organisation „das Volk unterwegs“ ist, daß sie die erste Aktivierung des Weltjudentums seit dem Exil bedeutet, daß sie die Juden zum Rang einer politischen Nation erhoben hat, daß sie heute als Jewish Agency ein völkerrechtlicher Faktor ist usw. Wir wissen das alles, wenn wir es auch manchmal vergessen, weil wir über das Stadium, wo man eine starke Organisation brauchte, hinaus zu sein wähnen. Heute geht es deshalb um viel primitivere Erkenntnisse: Wenn es vorne an der Front nicht weitergeht, so muß man neue Kraftquellen schaffen, die Kaders frisch auffüllen, sie mit neuem Mut beseelen, damit der tote Punkt überwunden wird. Das bedarf keiner Künstelei, sondern nur einer gewissen Anstrengung, denn der Zionismus ist heute nur in der Organisation schwach, als Idee und Streben ist er gegenwärtig unvergleichlich stärker als je zuvor. Wohl war die Begeisterung für ihn knapp nach dem Kriege viel mächtiger als heute, wir hatten damals eine Million Schekelzahler, aber das war ebenso Inflation wie die damalige Begeisterung aller Welt für die pazifistischen und sozialistischen Ideale. Heute, wo die ungeheuren Leistungen in Palästina, die in wenigen Jahren vollbracht wurden, Zeugnis davon geben, daß der Zionismus nicht bloß Ideal ist, sondern daß er die Wirklichkeit nach seinem Bilde formt, steht unsere Bewegung in den Augen der Welt so fest gegründet und so hoch geachtet da, wie nie zuvor. Man braucht nur auf die Pro-Palästina-Komitees und ihre Zusammensetzung hinzuweisen, um das zu er- 1 DEN CLOU DER 1 I OPERN- I I REDOUTE 1 kennzeichnen die von Frau OLGA KRUPNIK AUS PARIS gebrachten faszinierenden Bailtoiletten, mit Straß und Perlen gestickt, herrliche Abendcomplets und Stilkleider, Abendmäntel aus Brokat, Velours- Chiffon, mit Edelfellen verbrämt, aus den führenden Häusern Lanvin, Agnes, Worth, Chanel usw. MODEN-PAIAIS 1 JULIUS KPUPNIK 1 | NUR VII., KAISERSTRASSE NR. 115 |g H AchtungI Keine Filiale! Achtung! =§ härten. Im nichtzionistischen Judentum hat Palästina eine solche Werbekraft, daß wir 125.000 nichtzionistische Keren Hajessod - Zeichner gewonnen haben, das sind um 25 Prozent mehr Menschen, als wir vor dem Krieg organisierte Zionisten zählten. Ist dies der Moment, zu verzagen? Wir selbst haben, da wir naturgemäß alle Blicke nach Palästina richten, einen Pegel der Gefühle, der mit dem Auf und Ab drüben korrespondiert. Aber dies Auf und Ab hängt doch selbst nur von unserer eigenen Leistung ab! Es gibt noch 6000 Arbeitslose? Dann müssen wir eben noch 250.000 Pfund mehr für den Keren Hajessod auf bringen und die Arbeitslose keit wird verschwunden sein. Gibt es aber eine Krise des Zionismus in Palästina? Hat sich etwa der Jude nicht zum Bauern machen lassen, ist der Pioniergeist verschwunden, hat sich das Hebräische nicht durchgesetzt, haben sich unüberbrückbare Gegensätze im Gemeinschaftsleben herausgestellt, haben die Juden nichts Schöpferisches geleistet? Hat England die Balfour-Deklaration aufgegeben, haben wir mit unüberwindlichem politischem Widerstand im Lande zu rechnen? Nur derartiges wäre „Krise“ zu nennen, weil solches Versagen, oder solche Widerstände die Verwirklichung unmöglich machen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Die Verwirklichung ist nicht nur möglich, sie ist heute schon verbürgt und zu einem Stück Tatsache geworden. Das sollte alle Zionisten mit unerschütterlichem Selbstvertrauen erfüllen. S i e wenigstens sollten das durch die eigenartige Lage der Juden bedingte Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung in ihrer Seele überwunden haben. Denn sie kennen den Weg und das Ziel. Aber noch immer sehen wir die Zionisten in Erfolgszeiten übermütig und maßlos, in Rückschlagsepochen kleinmütig und verzagt werden. Ich habe seinerzeit die „boom“-Gesinnung aufs schärfste bekämpft, ich bekämpfe heute den grundlosen Pessimismus. Der Defaitismus ist der Anfang vom Ende, gerade so wie das gegenseitige Sichzerfleischen, das bei unseren Parteien in der letzten Zeit üblich war, ein Zeichen des Niederganges, ein Untergangssymptom ist; als solches muß es aus der Seele der Zionisten ausgemerzt werden. Denn Zionismus heißt Lebenswille und nicht Untergangsstimmung, heißt Position und nicht Negation, heißt Aufstieg und nicht Niedergang, heißt Einigung und nicht Zerrüttung. Die Art dieser Kämpfe hat vielleicht am meisten dazu beigetragen, die Zionisten gegeneinander zu stellen, den „Feind“ innerhalb der eigenen Reihen zu sehen und dadurch die Organisation zu zerstören. Halten wir das fest: Kein äußerer Feind hat sie zerrüttet, wir selbst haben das getan. Es gibt heute nur einen Weg für alle Zionisten: die Organisation wieder aufzurichten, das Einigende und das Positive stark zu betonen, die Kritik und den Meinungskampf nicht als die Hauptzwecke des Parteilebens zu empfinden. Der erste Schritt, der gemacht werden muß, ist: diejenigen Menschen, die für den Zionismus schon lange gewonnen und zum Teile schon einmal organisiert waren, in die Organisation zu bringen. Aber auch bei einer solchen Aktion stößt man auf Kritik. So ist in einer unserer Werbeversammlungen die Bemerkung gefallen, daß die Zionisten versäumt hätten, ihr Haus zu judaisieren, seihst Hebräisch zu lernen, einen engeren Kontakt mit Palästina zu erlangen u. a. m. und dies sei der Grund, warum wir keine Organisation mehr hätten. So

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