Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 2 Das jüdische Leben Trauertag der rumänischen Judenheit Die Bestattung der geschändeten Thorarollen. Bei den Studentenexzessen in Rumänien drangen, wie wir bereits in der letzten Nummer unseres Blattes berichtet haben, die antisemitischen Terroristen in die Synagogen ein, demolierten die Einrichtung und schändeten Thorarollen. Es haben sich also, wie ein bekannter rumänischer Politiker, der Vizepräsident der nationalen Bauernpartei Vaida Voevod erklärte, Vorgänge ereignet, die nicht einmal zur Zeit der berüchtigten Pogrome im zaristischen Rußland geduldet wurden. Am 3. Jänner erfolgte, wie uns aus Bukarest gemeldet wird, in Großwardein, Klausenburg, Jassy und den anderen Städten, wo sich derlei Exzesse abspielten, jüdischem Brauche gemäß die Bestattungdergeschändeten Thorarollen, Diesen Tag hatte das rumänische Landesrabbinat als allgemeinen Trauer- und Fasttag der Judenheit Rumäniens erklärt. Die Bestattung erfolgte überall in aller Stille, da die Regierung nicht wünschte, daß die bei solchen traurigen Anlässen übliche Feierlichkeit offen zutage trete; es wurde darauf hingewiesen, daß Gegenkundgebungen der Studenten zu befürchten seien. Soweit bekannt, wurde die Ruhe und Ordnung nirgends gestört. Bezeichnend ist, daß in Bukarest in der Grivica-Straße eine Gruppe rumänischer Studenten jüdischen Passanten eine offenbar bei den Ausschreitungen mitgenommene Thorarolle zum Kauf anboten. Die Juden zahlten den verlangten Preis von 1500 Lei und deponierten den Sefer- Thora im Hause der Bukarester jüdischen Gemeinde. Die rumänische Studentenschaft scheint in der letzten Zeit ihre Furcht vor strengen Strafen überwunden zu haben und es wird wieder heftige antijüdische Propaganda getrieben. In Jassy haben sich auch Ueberfälle auf jüdische Passanten ereignet, denen die Polizei ein Ende bereiten mußte. Der Antisemitenführer Cuza tritt in den „Ruhestand“. Wie das Bukarester Amtsblatt verlautbart, ist am 1. Jänner d. J. der Führer der rumänischen Antisemitenpartei Prof. Cuza, der Heros der antisemitischen Hochschuljugend, infolge Erreichung der akademischen Altersgrenze, in den Ruhestand getreten. Cuza, der wegen seiner judenhetzerischen Tätigkeit von der Lehrkanzel aus erst vor kurzem vom Lehramt für einige Zeit suspendiert worden war, wird sich wohl jetzt ausschließlich der antisemitischen Straßenhetze widmen. Reuter gegen die offizielle rumänische Telegrafenagentur. Wie das Organ der rumänischen Bauernpartei »Dreptatca« mitteilt, hat das Reutersche Büro in London die offizielle rumänische Presseagentur Orient-Radio verständigt, daß es ihre Berichterstattung über Neu-Rumänien nicht mehr annehme, da sie offensichtlich falsch sei. (Orient-Radio hatte nämlich als erste Meldung über die Studentenexzesse Fächer und erwidert: „Hahaha, Herr v. Hoch wart, Sie sind mir erst vor einer halben Stunde vorgestellt worden und lieben mich bereits; das kommt mir ein bißchen schnell vor.“ „Ach, Frau Baronin!“ ruft darauf Herr v. Hochwart, indem er seine Rechte auf die wunderbare Weste legt, „muß man sich denn erst sechzig Jahre kennen, wenn man einander lieben will?“ usf. Vielleicht war nach diesem Orden nur deshalb, weil er die Möglichkeit einer Namensveränderung bietet, in den letzten Jahren eine so große Nachfrage von Seiten gewisser „Bankiers“, die mit einer ihrem Rufe sehr nachteiligen Rapidität in den Besitz eines sehr großen Vermögens gelangt waren. Setzen wir den Fall, irgend ein „Bankier“ Leonidas habe es durch äußerst schmutzige Geschäfte dazu gebracht, eine der anrüchigsten Persönlichkeiten zu sein. Nehmen wir nun weiter den allerdings unwahrscheinlichen Fall an, daß es diesem Nichtswürdigen gelänge, den erwähnten Orden zu ergattern, so gibt ihm dieser das Recht, nunmehr Leonidas Ritter von Thermopylä zu firmieren, und endlich den Leonidas bei Thermopylä fallen zu lassen und sich kurzweg Herr v. Thermopylä zu nennen. Hat da nicht der Orden eine sehr große Aehnlichkeit mit der Tarnkappe, die unsichtbar macht, da man den Spitzbuben Leonidas nicht mehr sieht, sondern nur den ganz harmlosen homo novus Herrn v. Thermopylä? Ich kann es begreifen, wenn ein Poet den Ehrgeiz hat, ins Konversationslexikon zu kommen; Aber daß ein Poet, und sei er noch so mittelmäßig, jahrelang katzbuckeln mag, um endlich neben dem Ritter v. Thermopylä ein Plätzchen im Genealogischen Taschenbuche zu erhalten, das ist mir wahrhaftig unbegreiflich. Aber freilich, der Poet kann auch auf den Hofball gehen! in Siebenbürgen in die Welt telegraphiert, daß sich nichts weiter ereignet habe, als daß in Großwardein zwei Fensterscheiben eingeschlagen wurden. — Die Red.) Antisemitische Terrorbanden Die jüdischen Kaufleute der Stadt Bromberg in Posen werden, wie lUTA. meldet, seit einigen Wochen durch Terrorakte einer offertbar organisierten und einheitlich geleiteten Bande herunruhigt. iln einer Reihe von Geschäften wurden sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen; gegen eine Pelzwarenihandlung, deren (Inhaber ein Jude ist, wurde vor einigen Tagen ein regelrechtes S t ei n Bombardement durchgeführt, ohne daß die Sioherheitsorgane eingeschritten wären. Der von der Terrorbande angerichtete Sachschaden ist groß. Die Interventionen der 'Betroffenen bei den Behörden hatten bisher keinen Egfolg. Die 51. Friedhof Schändung in Deutschland Nachdem die deutsche Hakenkreuzideologie vor kurzem das traurige Jubiläum der fünfzigsten Schändung eines jüdischen Friedhofes hatte feiern können, hat sie rasch das zweite halbe Hundert begonnen. Wie Wolff meldet, wurden auf dem jüdischen Friedhol in Greifenhagen zahlreiche Grabsteine umgeworfen oder zerstört; auch die Zeremonienhalle wurde erheblich beschädigt. Die deutschen Behörden wollen wahrscheinlich bis zum vollen Hundert warten, bevor sie gegen die Schmach so einschreiten, daß sie aufhört. Das antisemitische Gilt in Sowjetrußland, Trotz aller gegenteiligen Versicherungen wird der Antisemitismus in Sowjetrußland stärker. Sein bisher gewissermaßen unterirdischer Lauf ist heute offen zutage liegend, umsomehr, als es kein Geheimnis ist, daß die Sowjetmachthaber gegen die starke Opposition in ihren Reihen das antisemitische Sohlagwort benützen. Von den offiziellen Stellen werden die Juden jetzt besonders gern der sogenannten A r - beits sab o tage beschuldigt, o(bwo»hl laut der offiziellen Statistik von den insgesamt etwa drei Millionen gewerkschaftlich Organisierten, in Rußland im Jahre 1926 mehr als 200.000 Juden waren. Im Gouvernement Brijansk hat vor kurzem erst aus Anlaß einer Ritualmordbeschuldigung gegen einen 70 jährigen Greis, deren Urheber jüngst vor Gericht standen, ein sogenanntes Propagandakomitee Pogromauifrufe unter der Bevölkerung verbreitet, ohne daß die Behörden gegen die Verbreitung des Aufrufes oder gegen das Komitee einscnritten. Besonders stark nimmt der Antisemitismus in der letzten Zeit unter der russischen Jugend ffbefhand. Das Organ des Kommunistischen Jugendverbandes, „Komsomolskaija iPrawda“, dessen letzte Nummer fast ausschließlich der Frage gewidmet ist, wie der Antisemitismus unter der russischen Jugend einzudämmen wäre, bringt u. a. eine Reihe von Briefen jüdischer Angehöriger des Jugendverbandes, die das Martyrium schildern, das sie als Juden zwischen ihren jugendlichen Kameraden zu erleiden haben. Wie der Wirkung des antisemitischen Giftes foeizukommem wäre, dafür weiß freilich das Blatt der kommunistischen Jugend keinen Rat. 20 Jahre zionistische Arbeiterbewegung Die Arbeiterpartei »Poale Zion« begeht in diesen Tagen eine freudige und eine traurige Gedächtnisfeier. 20 Jahre sind seit ihrer Begründung verstrichen und zum zehnten Mal jährt sich der Todestag ihres hervorragendsten Führers und Theoretikers Ber Borochow. Im Jahre 1897 ist sowohl die zionistische Bewegung, als auch die bundistische — wenn man so sagen darf — zur Welt gekommen. Die eine ging als politische Strömung von Mitteleuropa aus, die andere als wirtschaftliche Bewegung vom jüdischen Osten. Beide sind auf dieselbe Ursache zurückzuführen, auf die durch das jüdische Leben in der Diaspora geschaffene wirtschaftliche und kulturelle Situation, Während der Zionismus das Hauptgewicht auf die nationale Wiederbelebung und die territoriale Selbständigkeit des jüdischen Volkes im alten Heimatlande legt, vertritt der Bundismus, die Organisation jüdischer Arbeiter, die sich in Rußland unter dem Namen »Jüdischer Arbeiterbund« bildete, eine nationale Gleichgültigkeit. Während der Zionismus die Einheit im Namen der nationalen Interessen fördert, die höher zu stellen sind, als die Klasseninteressen, verlangt der Bundismus den Klassenkampf und den Kosmopolitismus im Namen des Sozialismus. Es war klar, daß sich die zionistische Bewegung ihre Anhänger aus dem Klein- und Mittelbürgertum, der Bundismus aus den Arbeiterkreisen holte. Mit dem Aufkommen beider Bewegungen entstand gleichzeitig die Frage, ob sich eine nationale Ideologie mit der sozialistischen verträgt. In dem Jahre 1901 versuchte' die sogenannte Minsker Gruppe, die »Poale Zion«, diese beiden Ideologien zu vereinigen, Für sie war Bundismus und Galuth ein und dasselbe. Sie stellte auf Grund von eingehenden Untersuchungen fest, daß die Juden immer mehr aus ihren ökonomischen Positionen verdrängt werden und daß die nationale Konkurrenz, verstärkt durch die politische Gegensätzlichkeit, aus dem wirtschaftlichen Fortschritte der Wirtschaftsnation zu folgern ist: Sie begnügten sich daher mit einer palästinozentrischen Tätigkeit und negierten zur Gänze die Galuth. Im Jahre 1902 trat dann die sogenannte Witebsker Gruppe auf, die als Schöpfer des modernen, noch heute geltenden Poale Zionismus angesehen werden kann. Sie versuchte die Arbeit für Palästina und für die heutigen Wohnländer der I KOHLE UND KOKS Sackzustellung täglich N. BARTFELD III 11, Sebastian Kneipp-Gasse 3/12 Tel. 49-7-90 Juden theoretisch zu vereinigen, arbeitete nach verschiedenen Versuchen ein Programm aus, an dem Ber Borochow hervorragendsten Anteil nahm und das durch eine Reihe anderer Führer dieser Bewegung ergänzt und ausgestaltet wurde. 1907 fand die erste Weltkonferenz der »Poale Zion« im Haag statt, bei welcher der Weltverband begründet wurde. Nach verschiedenen fruchtlosen Versuchen, die Anerkennung durch das Internationale Sozialistische Büro in Amsterdam zu erlangen, gelang ihnen dies nach dem Kriege, so daß heute einige der Führer der »Poale Zion« in der Leitung der Sozialistischen Internationale sitzen. Die zionistische Bewegung hat der »Poale Zion« besonders zu verdanken, daß es ihr gelungen ist, die englische Labour Party für das Palästina-Aufbauwerk zu gewinnen. Jüdische Wiederaufbauarbeit Die Tätigkeit des Verbandes „Ort". IDie durch den Weltkrieg und die ihm folgenden Umwälzungen in Osteuropa her-vorgerufene Destruktion des jüdischen Wirtschaftslebens, die in vielen Fällen einem völligen Ruin .gleichkam, machte organisatorische Arbeit ifür den W i ed er auf bau der zerstörten ökonomischen Lebensformen notwendig. Von innen heraus konnte dieser Wiederaufbau nicht ausschließlich erfolgen, da die Zerstörungen zu groß waren. Daher entstanden außerhalb Osteuropas, besonders in dem wirtschaftlich starken Amerika, Wiederadfbauorganisationen für die Juden Osteuropas, (Unter ihnen nimmt der Verband „Ort" eine besondere Stellung ein, weil er seine Wurzel in Osteuropa selbst hatte, also nicht mit jener distanzierten Wothlfahrtsideologie arbeitete, welche die Fürsorgearlbeit so oft unproduktiv macht, und weil er im Ausland, vorwiegend in Amerika, die Fundierung für das Aufbauwerk hauptsächlich in den Kreisen der jüdischen Arbeiter aufbrachte. Der ,,Ort"-Verband, der jetzt in allen Zentren jüdischer Massensiedlung Arbeitskomitees hat, stellt heute wohl nicht die größte, aber die am zweckmäßigsten organisierte Wiederaufbauinstitution dar. Seine Tätigkeit für die Wiederherstellung bezw, Aufbau durch den Krieg zerstörter jüdischer Wirtsohaftswerte ist produktiv gerichtet. Sie erstreckt sich hauptsächlich auf drei Gebiete: Handwerk, Landwirtschaft und Kredithilfe und umfaßt außer der Arbeit in Rußland, Polen und den anderen Ländern Osteuropas solche in Deutschland und Rumänien. Uelber die Tätigkeit des Verbandes im a'bgelaufenen Jahr bietet der Rechenschaftsbericht der Zentral Verwaltung, welcher bei der kürzlich in Berlin abgehaltenen Plenarsitzung des Zentralverbandes erstattet wurde, eine gute Uebersicht. Darnach hat „Ort" im letzten Jahre für gewerbliche Fachausbildung 47.000 Dollar, für Landwirtschaft 96.000 Dollar ausgegeben. Zur Versorgung der Handwerker mit 'Maschinen gegen bequeme, den Betrieb nicht übermäßig belastende Zahlungsmöglichkeit hat der Verband die Cooperative Tool Supp ly Company begründet. Diese Gesellschaft, die in Warschau, Kowno, Riga, Kischinew, Czernowitz und anderen Städten Lager hält, Ibat im Jahre 1927 jüdische Handwerker mit Maschinen im ‘Gesamtwert von 160.000 Dollar versorgt; davon wurden nach Rußland Maschinen im Werte von 56.000 Dollar geliefert und entwickelt dort eine rege Tätigkeit auf Grund eines* Konzessionsvertrages mit der Regierung für Versorgung der jüdischen Handwerker und' Landwirte mit Maschinen. Für fachliche 'Ausbildung hat der Verband „Ort" heute zirka 75 verschiedene (Institutionen, die er leitet bezw. subventioniert; sie wurden im letzten Jaihre von zirka 4500 Schülern frequentiert. Für die Zentralisierung der Kredithilfe ist jetzt in Amerika ein Finanzinstitut, die Ort-Credil-Corporation begründet worden, die demnächst ihre Tätigkeit aufnehmen soll. Das Budget des Verbandes „Ort" für das erste Semester 1928 beträgt zirka 200.000 Dollar. Etwa ein Drittel davon wird auf Grund einer Spezialvereinlbarung vom amerikanischen Joint Distribution Committee gedeckt, der Rest von den „Ort"-Komitees in verschiedenen Ländern und durch Sammlungen aufgebracht. ln Rußland, wo „Ort" außer einer ziemlich intensiven allgemeinen Wiederauifbautätigkeit für die Juden auch in einigen Rayons an der von der Sowjetregierung mit Hilfe des Auslandes initiierten landwirtschaftlichen Judenkolonisation teilnimmt, wurden im Jahre 1927 im Odessa er Rayon 1179 Landwirtschaft betreibende Familien (5713 Seelen) in 22 Orten, die 16.589 Desjatinen Boden bearbeiten, unterstützt; im Rayon Perwomajsky 317 Familien (1S85 iSeelen) mit 2358 Desjatinen; in Weißrußland 540 Familien (2954 Seelen). In Weißrußland arbeitet „Ort" in 26 Genossenschaften und 16 Dörfern, Auf dem Gebiete der Landwirtschaft besteht die Tätigkeit des „Ort" in Kredithilfe und landwirtschaftlicher Fachausbildung. Seit dem Herbst 1927 befinden sich mehrere Leilbu n d S p a r g e s e 11 s c h a f t e n in Rußland im engen Kontakt mit der Vertretung der Zentralverwaltung des „Ort". Bei der Sitzung des Zentralrates des „Ort" wurde auch die Einberufung einer allgemeinen jüdischen Wiederaufbaukonferenz erörtert, die dazu dienen soll, eine Kooperation sämtlicher mit dem jüdischen Wiederaufbau sich befassenden Organisationen anzubahnen. Zur Vorbereitung einer solchen Konferenz wurde eine Sonderkommission gebildet, der u. a, Dr. L. B r a m s o n, der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Kurt Blumenf e 1 d, Dr. A. ß i n g a 1 o ws k y und Dr, M, Traub angeboren.