Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2 DIE STIMME Seite 7 Daß diese gesammelte, ausstrahlende Kraft, dieses potenzierte und vorbildliche Judentum so jäh von hinnen mußte, ist eine jener großen Unbegreiflichkeiten, die das Leben zur Tragödie stempeln. Chajes über den inneren Frieden in Österreich Das letzte Interview mit dem verewigten Oberrabbiner. Der geistige Führer der Wiener Juden, der uns so jäh entrissen wurde, sah wie alles auch das Leben des Staates, in dem er wirkte, mit dem weitblickenden Auge des Mannes, der in Zeiten denkt. Und mit diesem Staate war Chajes, der Denker, der Jude, der Zionist innig verbunden, gerade weil er Denker, weil er Jude, weil er Zionist war. Als die alte Monarchie in ihren Grundfesten wankte, wurde Oberrabbiner Chajes, der nicht lange vorher sein Amt in Wien angetreten hatte, wie eine Reihe anderer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Oesterreichs in kaiserliche Audienz berufen, damit er rate, wie der Staat zu retten wäre, Sein Rat war: Autonomie der österreichischen Nationalitäten. Es war zu spät, als dieser Rat befolgt wurde, der vielleicht das alte Oesterreich hätte retten können. Und der Zufall will es, daß der Verewigte kurz vor seinem Ableben sich wieder über eine Lebensfrage Oesterreichs äußerte, über den für die junge Republik so notwendigen inneren Frieden. Ueber dieses Problem, das durch die Koalitionsstimmung aktuell war, wurde Prof. Chajes von unserem R. S.-Mitarbeiter befragt. Und in knappen Sätzen, deren jedes Wort von echtem politischen Denken und von Liebe zum Staate zeugt, gab der repräsentative Vertreter des österreichischen Judentums auf die Frage eine Antwort, die wert ist, als letztes Vermächtnis eines weitblickenden politischen Geistes bewahrt zu werden. Er sagte: »Um die Frage des inneren Friedens in unserem Staate richtig zu lösen, denke man doch an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes »Republik«. Es bedeutet: res publica Gemeinwesen, Angelegenheit aller. Das Wohl und Wehe sämtlicher Staatsbürger umfaßt das schlichte Wort „Republik“. Die Demokratie, wie sie in Oesterreich geübt wird, ist die Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit; ist das Verhältnis umgekehrt, so sprechen wir von einer Diktatur. In beiden Staatsformen muß sich ein Teil der Bevölkerung dem Willen eines anderen Teiles beugen. In einer idealen Republik soll aber den Wünschen der gesamten Bevölkerung Rechnung getragen werden. Von dieser Erwägung aus wäre ein Zusammenarbeiten der beidenin Oesterreich dominierenden großen Parteien nur zu wünschen. Die jüdische Bevölkerung könnte aus dem inneren Frieden nur Nutzen ziehen. Die Juden sollen sich aber weder von der einen noch von der anderen Partei ins Schlepptau nehmen lassen, sondern unbeirrt jüdisch bleiben.« Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag, den 14. Jänner 1928 findet um 3 Uhr nachm, der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks- Synagogen statt. Chajes, der Gelehrte Von Prof. Dr. M. Schorr, Oberrabbiner mvon Warschau, Die geistige Individualität Chajes s. A. ist derart groß, und aus so vielen Komponenten der Seele, des Charakters und des Herzens zusammengesetzt, daß es wirklich schwer fällt, unter dem ersten schmerzlichen Eindruck ein harmonisches Bild dieser unermeßlichen Persönlichkeit im Leben des gegenwärtigen Judentums zu entwerfen. Erst wenn der erste Schmerz gewichen sein wird, wird es einer ruhigen, überlegten Konzentrierung des Geistes bedürfen, um dieses so überreiche, aber trotzdem kurze Leben im Lichtspiegel der gegenwärtigen Judenheit zu schildern. Als Enkel des bekannten Rabbiners in Zolkiew Zwi Hirsch Chajes (1805/1855), einer der Vorkämpfer des modernen Talmudstudiums und der galizischen Haskalah, war Chajes für wissenschaftliche Arbeiten prädestiniert. Er verfügte über ein geradezu phänomenales Gedächtnis und über einen sehr scharfen Orientierungssinn. Mit 20 Jahren beendete er das Gymnasium in Brody und inskribierte im Jahre 1896 am Rabbinerseminar in Wien. Er verfügte schon damals über so weitverzweigte Kenntnisse auf dem Gebiet des Talmud, daß er die Jahre seines Studiums (1896—1900) ruhig Studien auf anderen Gebieten jüdischer Wissenschaft, vor allem aber der Semitologie und der Bibelexegese widmen konnte. Schon in seiner Doktordissertation „Markus - Studien“ (1899) verfocht er eine selbständige wissenschaftliche These, in der er auf einer gründlichen Methode der philologischen Analyse des griechischen Textes und der Wiederherstellung des ursprünglichen Originals darlegte, daß die Sprache des Markus-Evangeliums nicht die griechische. sondern die hebräische gewesen sei. Auf diese Weise wollte man nach Chajes' Behauptung dem Neuen Testament dieselbe Achtung und denselben Wert verleihen, wie ihn das Alte Testament in den Augen der Judenheit hatte. Und aus diesem Grunde allein wurden die Evangelien, die ursprünglich mündlich aramäisch vorgetragen wurden, in hebräischer Sprache niedergeschrieben. Nach diesem ersten wissenschaftlichen Gebiet, das die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf den jungen Gelehrten richtete, folgte eine Zeit von Monographien aus der Werkstätte seiner Forschungen. In diese gehören: aus dem Gebiete der Bibelforschung „Proverbia-Studien zu der sogenannten Salomonischen Sammlung C. X bis XXII. 16" (1899), ein Versuch einer alphabetischen Aneinanderreihung einer bestimmten Gruppe der Salomonischen Sprüche. Ferner folgte eine Abhandlung aus der Semitologie unter dem Titel „Beiträge zur Nordsemitischen Onomatologie“ (Abhandlung der Akademie der Wissenschaften Wien, Band 143, Jahrg. 1900.) Der erste Versuch einer Erklärung der nicht männlichen Eigennamen, die im Talmud enthalten sind, auf Grund ähnlicher Namen, die in den Inschriften in Syrien und Phönizien gefunden wurden. Ebenso erscheint von ihm eine Arbeit in der „Revue des Etudes juives“, Jahrg. 1899 unter dem Titel „Les Juges juifs en Palestie de l'an 70 ä l'an 500“. Auf Grund dieser und anderer Arbeiten wird Chajes im Jahre 1903 in das Rabbinerseminar nach Florenz für die biblischen Studien und hebräische Sprache berufen. Er erhält auch dort die Kanzel für Semitologie an der Universität. In dieser Stellung entfaltet er nun eine überaus fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiete der hebräischen Lexikographie und veröffentlicht in italienischen und hebräischen Zeitschriften (Hakedem und Hakoren), seine berühmten Sirach - Studien. Sein Hauptwerk aus dieser Periode ist der „kritischphilologische hebräische Kommentar“ zu den „Psalmen“ und eine kurze, überaus schöne Monographieüber den Propheten Arnos. (Oza hajaduth 1906). Daneben kehrt auch Chajes zu seinem Lieblingsstudium aus der Jugendzeit, dem Talmud, zurück, und veröffentlicht eine Reihe von Textkritiken zu den einzelnen Traktaten, so in der Jubiläumsschrift Lewi 1911, Schwarz 1917 und in anderen Ausgaben. All diese Arbeiten werden ein unvergängliches Denkmal seiner wissenschaftlichen Arbeit bilden und sichern ihm einen unvergeßlichen Platz in der jüdischen Wissenschaft. Sie bilden auch den Beweis, wieviel Hoffnung seine wissenschaftliche Arbeit an der Lehrkanzel der hebräischen Universität in Jerusalem, für die er einer der ernstesten Kandidaten war, zu knüpfen war. Nun wurde seine geistige Arbeit durch das harte Schicksal unterbrochen. Der greise Rektor des Wiener Rabbinerseminars, Professor Schwarz, vergoß am offenen Grabe bittere Tränen über den Verlust seines bedeutendsten Schülers, der in den letzten Jahren (1920—1927) der Kurator dieser Anstalt gewesen ist. Die vom Leben losgerissene reine wissenschaftliche Arbeit befriedigte scheinbar den verstorbenen Chajes trotz seiner großen Anerkennung, der er in der wissenschaftlichen Welt teilhaftig wurde, nicht zur Gänze und er fühlte sich als Teil seines Volkes, dessen Freuden und Leiden er durchlebte und durchkostete. Vielleicht liegt hierin der Schlüssel zum psychologischen Rätsel, warum eine Persönlichkeit wie Chajes, die von Gottes Gnaden sämtliche Bedingungen zu einer unermüdlichen wissenschaftlichen Arbeit besaß und auf diesem Gebiete die bisherigen Forschungen unendlich bereichern konnte, plötzlich eines Tages freiwillig das wissenschaftliche Piedestal eines Universitätslehrers und die stille Arbeitsstube in Florenz verläßt und sich in das tosende Leben mit all seinen sozialen Lasten hineinstürzt. Im Jahre 1912 übernimmt Chajes die Stelle eines Rabbiners und Predigers in der jüdischen Gemeinde zu Triest. Seit dieser Zeit befriedigt ihn nicht mehr das abstrakte Nachsinnen in den Sphären der Vergangenheit und der Wissenschaft, sondern er will an der Gegenwart und an der Zukunft seines Volkes aktiv mitarbeiten. In Triest bemüht er sich, das Niveau seiner Gemeinde zu heben, und die junge Generation für die Bestrebungen der jüdischen Renaissancebewegung zu gewinnen. Mitten in dieser Arbeit trifft ihn der Weltkrieg. Er muß sich auch mit Fürsorgearbeiten beschäftigen. Der Triestiner Kreis ist für ihn viel zu eng. Nicht hier» war sein entsprechender Wirkungskreis. Im Jahre 1918 tritt der Wiener Oberrabbiner Dr. Moses Güdemann von seiner Stelle zurück und bezeichnet als seinen Nachfolger, der würdig wäre, die Stelle eines Mannheimer, Jellinek und von ihm selbst auszufüllen — Zwi Perez Chajes. Diese Wahl Chajes' zum geistigen Führer einer so zahlreichen Judengemeinde bedeutet einen Wendepunkt in ihrer Geschichte. Von der Kanzel des Seitenstettentempels, dieser Festung der Assimilation, fällt zum erstenmal aus dem Munde Chajes' das Wort der jüdischen Renaissance. Der Freiheitssänger Ludwig August Frankl auf dem Hofballe Von Daniel Spitzer. Der 'geistreiche Wiener Feuilletonist Daniel Spitzer, ider vor genau 35 Jahren am 11, Jänner 1893. im 58. Lebensjahre zu iMeran verstorben ist, war ein Mann von wahrhaft aufrechter Gesinnung. Jede Seite seiner geistreich-satirischen „Wiener Spaziergänge“, die das Wiener Feuilleton schufen und nahezu bis heute beeinflussen, beizeugt /dies. Spitzers Denkungsart 'widerstrebte es daher, daß der Dichter Ludwig August iF r a n k I, der im Jahre 1848 die Revolution besungen hatte, den 'Franz-Josefs-Orden und damit die Nobilitierung annahm. So schrieb er die nachstehende recht bissige Plauderei, die nicht immer schonend (Spitzer konnte nicht schonen) die Schwächen von Frankls, sozusagen anschmiegsamem, Wesen bloßlegten. Wir bringen aus Anlaß des Gedenktages an Spitzer, dessen eigenartige Persönlichkeit — er entstammte einer jüdischen Familie in, Mähren, war in Wien iHan'delskammerse'kretär und führte eine ebenso gute wie gefürchtete Feder — nicht vergessen werden soll, diese wertvolle Probe seiner Kleinkunst, die doch so weiten geistigen Horizont hiat: Der Hofball war wieder sehr animiert, allein da ich denselben, wie schon seit so vielen Jahren auch heuer nicht besucht habe, bin ich leider nicht imstande, meiner neugierigen Leserin zu verraten, wie Herrn Dr. Ludwig August Frankl, der als neugebackener Ritter der Eisernen Krone seinen Lebensabend durch den Besuch des Hofballes verschönern wollte und daher auf demselben als jüngstes adeliges Backfischchen zum ersten Male erschien, seine neue Uniform gekleidet hat. So wie Mosenthal und Weilen nach langjährigem, mühseligem Dichten, hat mm auch Frankl, der Sänger der Freiheit und anderer berühmter Verstorbener, diesen Orden erhalten, der zu den Eigentümlichkeiten des israelitischen Volkes gehört. Jedes Totengräberkind weiß, welche Verdienste Frankl sich um die Bewohner der Friedhöfe Wiens erworben hat. Er war hinter dem Leichenwagen jedes illustren Verstorbenen zu finden, so daß die Rappen, die jenen zogen, freudig wieherten, wenn der alte Stammgast aller Leichenzüge schwarz gekleidet und zuletzt sogar mit schwarzgefärbtem Bart und Haar sich auch nur in der Ferne zeigte, und es ging wiederholt die Rede, er sei zum Ehrenmitgliede der Entreprise des pompes funebres ernannt worden. Obwohl er Arzt ist, hat er doch den ärztlichen Beruf niemals ausgeübt, eine Enthaltsamkeit, die um so überraschender ist, da doch zweifellos der Arzt Frankl dem Nekrologisten Frankl eine zahlreiche Klientel verschafft hätte. Nicht am Krankenbette war sein Platz, sondern am Sarge; sein Lesepublikum bestand fast nur aus den für die zahlreichen Beweise der Teilnahme dankbaren Hinterbliebenen, und gewiß hat kein Dichter in unserem lyrischen Jammertale so oft wie er ausgerufen: Er ist dahin! Obwohl aber sein Leben so reich an Begräbnissen war und er mit Befriedigung auf eine so große Reihe von Grabhügeln zurücksehen konnte, und obgleich er sich noch immer stark genug fühlte, um die Feder mit zitternder Hand zu ergreifen, und wenn auch die Handvoll Strophen, die er dem Toten nachwarf, noch immer so hohl klangen, wie ehedem, fühlte er sich endlich vereinsamt, und er beschloß^ daher, ein Komitee zu bilden. Als die Kunde von der Bildung dieses Komitees sich verbreitete, wurden die Besitzenden von einer großen Besorgnis ergriffen, und in der Tat hieß es bald darauf, die Verschworenen hätten den Beschluß gefaßt, Schiller ein Monument zu errichten, und sich auch bereits in den Besitz des dazu notwendigen Adreßbuches gesetzt. Und zwar sollte das Denkmal, da bekanntlich die Bronzezeit, in der früher die Menschen lebten, jetzt für die Toten herangebrochen ist, aus dieser berüchtigten Legierung gebildet werden. So erhielt Schiller ein Bronze-Standbild und Frankl die Eiserne Krone. Dieser Orden gibt demjenigen, der sich ihn zu verschaffen gewußt hat, das Recht, um die Erhebung in den Ritterstand einzukommen, und falls er sich seines bisherigen Namens schämt, denselben durch ein wohlklingendes Prädikat zu veredeln. Daher kommt es auch, daß die meisten Besitzer der Eisernen Krone Phantasienamen führen, die bei dem Unterrichteten den Verdacht hervorrufen müssen, die Träger derselben seien einem Romane von Spielhagen oder einem Lustspiele von Roderich Benedix entsprungen. Auch Herr Frankl, dessen Gesuch um Erhebung in den Ritterstand bereits wenige' Stunden nach Empfang des Ordens im Einreichungsprotokoll abgegeben wurde, legte sich den Namen Ritter v. Hochwart bei. Herr v. Hochwart — glaubt man nicht einen Theaterzettel zu lesen? Wenn man Frankl heißt, kann man nicht in einem Salonlustspiel auftreten und einer jungen vornehmen Witwe, die^schmachtend in einer Causeuse liegt, eine Liebeserklärung machen. So unsinnig es auch jedem vernünftigen Menschen erscheinen mag, sie kann ihm nicht mit dem feinen Spitzentaschentuch in der Hand in die Arme stürzen und auf schreien: Frankl, ich liebe dich! Herr v. Hochwart aber, das ist der reine Sonnenthal im eleganten Morgenkostüm. Ich sehe ihn ordentlich, wie er mit einer seiner unwiderr stehlichen Westen neben der Baronin sitzt und ihr den Hof macht. „Ach, Frau Baronin“, sagt er, „ich liebe Sie!“ Die Baronin gibt ihm den berühmten Schlag mit dem