Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053755--0023-3055276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 DIE STIMME Nr. 2 den, so über die Beeidigung der Juden, die Chassidim-Rabbis, die Ablegung der polnisch-jüdischen Tracht u. dgl. Rabbiner Zewi Hirsch Chajes war eine überaus markante Persönlichkeit, die zeitlebens die Entwicklung der galizischen Judcnheit stark beeinflußte. Im Jahre 1852 wurde er als Rabbiner nach Ka lisch berufen.1 2) Infolge seiner Erkrankung, kehrte er dann nach Zölkiew zurück, mußte sich aber zu ärztlicher Behandlung 1855 nach Lemberg begeben, wo er am 12. Oktober 1855 starb. Er hinterließ fünf Söhne, Leon, Chaim, Salomon, Jizchak und Wolf. Jizchak Chajes (1842—1901) war in den Jahren 1894 bis 1901 Rabbiner in Brody.-) Sein Bruder Salomon, der Kaufmann war, ist der Vater des jüngst verstorbenen Oberrabbiners Prof. Dr. Zwi Pcrez Chajes, der am 13. Oktober 1876 in Brody geboren und am 13. Dezember 1927 in Wien gestorben ist. Chajes - Realgymnasium Das Kuratorium des Vereines »Jüdisches Realgymnasium« hat über Antrag des Lehrkörpers beschlossen, zur dauernden Ehrung des Andenkens des verstorbenen Gründers der Anstalt und Präsidenten des Kuratoriums Oberrabbiner Dr. Chajes das Jüdische Realgymnasium »C h a j e s - R e a 1 - G y m n a s i u m zu nennen. Die Schritte zur Erlangung der behördlichen Genehmigung wurden eingeleitet. — Ferner hat das Kuratorium ein Stipendium von S 100.— gestiftet, das an einen würdigen und bedürftigen Abiturienten der Anstalt, der im ersten Semester seiner Hochschulstudien steht; alljährlich am Todestage des Herrn Oberrabbiners zur Auszahlung gelangt. Auch der Lehrkörper hat ein Stipendium in gleicher Höhe gestiftet. Bewerbungsberechtigt sind würdige und bedürftige Schüler der Cberklassen des Jüdischen Realgymnasiums. Bedingung für dieses Stipendium sind sehr gute Noten in den jüdischen fächern. Gesuche um beide Stipendien sind sofort an die Direktion zu richten. Die am 7. d. M. stattgehabte ordentliche Generalversammlung des Vereines »Jüdisches Realgymnasium« begann mit einer Trauerkundgebung für Oberrabbiner Dr. Chajes und Direktor Sigmund .Ep ler. Die Gedenkrede des Direktors wurde stehend angehört. Sodann erstattete der Direktor einen Bericht über die Lage der Schule. Auf Grund dieses Berichtes wurde nach den Ausführungen des Herrn Dr. Desider Friedm a n n, der in längerer Rede die Schule der Unterstützung der zionistischen Mandatare in der Kultusgemeinde versicherte, beschlossen, beim Kultuspräsidium um Erhöhung der Subvention für das Jüdische Realgymnasium in dem Ausmaße einzukommen, daß das gesamte Defizit der Schule gedeckt wäre. Ferner beschloß die Versammlung die Schaffung eines großen Fonds für die Schule, der als Notstandsfonds und als Baufonds zugleich gedacht ist. Die Raumschwierigkeiten, unter denen die Schule leidet, sind so groß, daß ein Bau noch im Sommer des laufenden Jahres durchgeführt werden muß. In der Versammlung selbst wurden bereits namhafte Beträge 1) Früher schon wurde er als Rabbiner nach Mattersdorf (Burgenland) berufen, lehnte jedoch diese 'Berufung mit der Begründung ab, daß seine Bibliothek bei den bestehenden Zollschwierigkeiten unterwegs leiden könnte. (Dr. M. Grünwald, Jahrbuch für jüdische Volkskunde, Bd. Iil, Seite 428/1). 2) Er leitete die jüdische talmudische Erziehung seines Neffen, des Oberrabbiners Prof. Dr. Chajes, der von ihm auch das Rabbinerdiplom erhielt. gezeichnet. Der Verein wendet sich an die jüdische Oeffentlichkeit mit dem Ersuchen, seine Aktion zu unterstützen. In d»6 Kuratorium wurden statutengemäß gewählt: Frau Perl M o d 1 i n g e r, Herr Dr. Benno Schallinger und Herr Abraham Zellermayer. Der Politiker Chajes Von Prof. Arthur Freud. Die innere Lebenslinie von H. P. Chajes kennt weder Krümmungen noch Schlingen — sie gleicht einem aufwärts strebenden Feuerpfeil. Wie eine Verkörperung der völligen Synthese von Jude und Europäer wirkend, ist Chajes zugleich Kosmopolit und Nationalist. Als Kosmopolit die persönliche Negierung jenes verwaschenen, für eine gewisse jüdische Schicht typischen rationalistischen Kosmopolitismus, der nur »Menschen« kennen will, weil er die wirkliche lebendige Gemeinschaftssolidarität eingebüßt hat, als jüdischer »Nationalist« der Gegensatz zu allem Nationalismus engstirniger, beschränkter — man kann sagen gemeineuropäischer Art. Dieses stets ins Menschheitliche strebende Volljudentum mußte seinen ideellen Scheitelpunkt im Zionismus finden, der für Chajes nie etwas parteimäßig Gebundenes, vielmehr durchaus Gefäß einer großen Lebensanschauung gewesen ist. Wer ihn kannte, wird verstehen, daß Chajes schlechterdings nur als Zionist denkbar ist. Der Zionismus war geradezu die Essenz dieser jüdischen Lebensenergie, in der Lehre, Leben und Ideal zu innerer Einheit verschmolzen. Chajes' gesamte Lebens- und Wirkenssphäre war durchaus ins Judentum eingebettet, das er als ein lebendiges, zukunftträchtiges Gebilde sah. So wurde seine Forschung, sein Leben wie seine Idealität von seinem Zionismus beeinflußt und gestaltet. Er glaubte an die jüdische Mission in einem starken und konkreten Sinne, sah stets Israel „unter den Völkern“, hatte stets die Einmaligkeit von Israels welthistorischer Leistung vor Augen, die jedoch keineswegs abgeschlossen sei, sondern sich in künftigen ethischen Genies erneuern solle. Solche Frucht neuer Schaffenskraft hat eigene Scholle, hat eine nationale, eine sprachliche Renaissance zur Voraussetzung, So führen Brücken vom Bibelforscher und Historiker zum Führer der Gemeinde, zum Politiker, von der Lehre zur Aktivität. Chajes blutvolle Menschlichkeit konnte sich nicht begnügen, m i t dabei zu sein, selbst nicht mit vollem Herzen dabei — ihn zog es zum Mithandeln, zum Eingreifen. Aus Forschung und Lehre wächst Propaganda, Volkserziehung (was für ihn ungefähr dasselbe bedeutet). In Italien bereitet er gemeinsam mit Margulies der jüdischen Wissenschaft eine Stätte, bald aber geht von hier eine regenerative Wirkung auf das völlig lethargisch gewordene italienische Judentum aus, Volkserziehung in nationalmenschheitlichem, in Chajes' Sinne. Ein jüdisch-politischer Drang ist in allen Phasen seiner Wirksamkeit an ihm zu beobachten; ein zionistisch-apostolischer, wie man besser sagen, sollte. Der populärwissenschaftliche Vortrag, die Predigt — es sind Anlässe für politische Propaganda und Erziehung. Man darf das aussprechen, wenn man Politik so begreift, wie er sie stets begriffen wissen wollte: als hingebenden Dienst am Höchsten, am Kampf für die ewigen Ideen der Gemeinschaft. So versteht man, daß er in den Nachkriegsjahren überall in den Vordergrund tritt, wo wirkliche jüdische Aktivität zu spüren ist: im großen jüdischen Hilfswerk und seinen verschiedenen Organisationen, wie beim Kampfe um jüdische politische Rechte in Ost- und Mitteleuropa, in der Propagierung des Völkerbundgedankens unter der Judenschaft — die Völkerbundidee betrachtete er stets als jüdischen Urgedanken — und zu allererst natürlich im e i g e n tlich zionistischen Lager. So wird er »Führer« und er war es im echteren Sinne als so mancher, dem Mandate und Würden zur Verfügung stehen. Auch Chajes besaß ihrer in Fülle — er war Mitglied der verschiedensten Komitees, Präsidien und Kuratorien, Ehrenpräsident und Präsident; dazu überall dort wirklich tätig — aber er bedurfte ihrer nicht zur Führerschaft, für welche ihn Persönlichkeit und innere Berufung beglaubigten. Er war der jüdische Politiker, der die innere Stimme hörte, nicht der Taktiker, der um Mandate kämpft. Wo Entscheidungen fallen, hat er keine Ruhe und die historische Stunde findet ihn in San Remo. Als Präsident des zionistischen Aktionskomitees betätigt sich der Kompromißlose als Vermittler zwischen den Gegensätzen, um so die Aktivität des Ganzen zu steigern. An nationalen Gedenktagen, bei Kundgebungen und Manifestationen nimmt er oft und gern das Wort, um die Postulate des Judentums immer neu zu formulieren: die aktuellen und die ewigen im Einklang mit jenen; und aus seiner Rede tönt bei solchen Anlässen etwas wie der Mahnruf des Judentums ans Weltgewissen, Denn Chajes' Politik stützte sich auf Bibel und Propheten, ohne den Boden der Realität zu verlassen und Phantasmagorien nachzujagen. Dieser Mann, zu kindlich und zu menschengläubig, um ein Menschenkenner sein zu können, hatte neben starken politischen Interessen ein scharfes politisches Urteil, dem außerdem umfassende welthistorische Kenntnisse zustatten kamen. Er mag gewußt haben, daß nicht bloß die Gewählten den Lauf der Dinge bestimmen, daß dies trotz aller Demokratie die »Macher« zum geringsten Teile tun, daß vielmehr tiefere Kräfte des Volkes in starkem Maße entscheidend sind, gestaltende Kräfte, die sich in einzelnen seltenen Individuen manifestieren. Schaffend, gestaltend wirken ist mehr als »abstimmen«; nur daß die Wirkung nicht so rasch sichtbar wird. Chajes fand in der großen Wiener Kultusgemeinde ein seelenloses Gebilde vor; eine Maschine, die sich ächzend fortbewegte, irgend welchen mechanischen Gesetzen gehorchend. Er ging hin, um ihr neuen Geist einzuhauchen; er schuf die Grundlagen eines neuen jüdischen Schulsystems. Schulsystem ist mehr als Wahlsystem, So ist der »Politiker« Chajes nicht etwa eine Seite seines Wesens, es ist der Mensch, der Jude, der Zionist Chajes. Es ist immer dasselbe. Dazu ein echter Demokrat und ein Mann mit stark ausgeprägtem sozialen Gefühl, der mit seinen Sympathien bei den linken Demokratien des Westens und bei den Arbeiterparteien stand und die Bedeutung des Revolutionären in der Geschichte zu schätzen wußte. keine bitteren Stunden gegeben hätte. Im Gegenteil. So erinnere ich mich, tat es ihm einmal besonders weh, als ein Flegel, aus freidenkerischer Tendenz, ihn in einer Notiz oder gar in einer Karikatur als Genossen eines Klerikers hinstellte, der angeblich Kinder prügelt. Ich bemerkte: „Ich bin dessen sicher, daß kein Mensch bei diesem Blatt Sie kennt, Herr Oberrabbiner. Diese Leute schreiben so, weil sie es für nötig halten, eine fatale Analogie herzustellen.’' „Nein“, entgegnete er, „dort sitzt einer drin, der mich ganz gut kennt“. Niederträchtigeres kann sich die üppigste Phantasie nicht ausdenken, als einen derartigen Anwurf gegen Oberrabbiner Dr. Chajes. Daß er der leidenschaftlichste Kinderfreund war, den man sich vorstellen kann, ist so allgemein bekannt, daß ich keine Einzelheiten darüber zu erzählen brauche. Hunderte und Tausende wissen es aus eigener Erfahrung, welch unbändiges Glück er empfand, wenn er mit Kindern spielen konnte. Aber ich kann hinzufügen, er schätzte die Menschen geradezu danach ein, wie sie von Kindern redeten. Wir sprachen von einem Wiener Schriftsteller un?i seinem Können und von der Einschätzung, cjie er in der Kritik erfährt. Da sagte er: „Das mag alles noch so stimmen, er schreibt aber prächtige Feuilletons über seine Kinder und das gefällt mir“. Und ist das etwa unverständlich? Wer diesen ernsten, großen Mann einmal lachen hörte und nur einige Menschenkenntnis besitzt, konnte einen Blick in seine Seele tun, der ihm sein Verhältnis zu den Kindern durchaus erklärlich macht. Bald hatte ich es heraus, wie gern er lachte. Und so erzählte ich ihm öfter Witze aus Kebilla und Bet hamidrasch. Als kürzlich ein Wiener Autor derartige Witze ostjüdischer Provenienz gesammelt erscheinen ließ, war er glücklich, sich auf unseren Spazüergängen mir gegenüber revanchieren zu können. Minder heiter war es, wenn wir von den derzeitigen Verhältnissen im jüdischen Unterricht sprachen; wenn ich ihm die besonderen Schwierigkeiten, die die Freidenkerprop.agända diesem Unterricht bereitet und die gegen früher vollständig verschiedene Qualität des Schülermaterials schilderte. „Ja“, sagte er mir kürzlich, „es wird notwendig werden, auf Ihren Vorschlag mit der Judentumskunde ernster einzugehen“. Obgleich er in den Gesprächen auf sein praktisches Wirken in Italien und hier oft zu sprechen kam und Einzelheiten davon anführte — gern und viel erzählte er von Florenz und Triest und seinem Verhalten im Kriege, so, daß er nie ein Kriegsgebet sprach, daß er in kritischen Zeiten eine Pessachpredigt mit dem Ausrufe schloß: Es lebe die Freiheit! worüber alle seine Vorsteher eine Gänsehaut bekamen — sprach er fast nie von seinen eigenen wissenschaftlichen Arbeiten, auch wenn die Rede auf Gegenstände kam, über die er geschrieben hatte. Die gleiche Zurückhaltung bekundete er bezüglich seines persönlichen Gefühlslebens. Nur ganz selten ließ er Andeutungen dieser Art fallen. Zum Schlüsse noch ein Wort über unseren letzten gemeinsamen Weg. An seinem letzten Freitagabend. Ich saß während des Gottesdienstes in seiner Loge schräg seitlich hinter ihm und brachte ihm die Meldung, daß ich mir Urlaub erwirkt habe, um gemeinsam mit ihm die Reise nach Meran machen zu können. Er predigte Jakobs Kampf mit dem Unbekannten, der ihn angefallen. Dem biblischen Berichte vom Ausgang dieses Kampfes gab er den Sinn: Ich entlasse dich nicht, ehe du mich gesegnet hast, bedeutet: Ich will die Anerkennung des Sieges. Ich will ein Bündnis mit dir, dem Gegner, ich will dich zwingen, mein Freund zu sein. So auch unser Volk. Die Feinde, die uns überfallen und wohl verwunden, aber nicht besiegen können, sollen und müssen unsere Freunde werden. Das ist der Sinn unseres Kampfes. Der Gedanke der Einheit, der Menschheit und unseres Dienstes an der Menschheit. Er schloß diese seine letzte Rede — ich glaube kaum, daß er es auch nur entfernt ahnte, daß es seine letzte sein sollte — mit einem Gedanken, den er bewußt auch nicht herrlicher als Schlußwort seiner Kanzeltätigkeit sagen hätte können: „Seht, meine Freunde, das ist der tiefste Sinn unserer Arbeit für Palästina. Dort, nur dort können wir wieder die Kraft erlangen, der Menschheit Wertvolles zu bieten, ihr wie einst unser Wort zu sagen, das sie vorwärts bringt, den mehrtausendjährigen Kampf damit beenden, daß wir sie zur Freundschaft, zum Bündnis moralisch zwingen“. Als er von der Kanzel kam und sich wieder in seinen Stuhl sinken ließ, bemerkte ich zu ihm: Sie scheinen heute bei allem Nachdruck doch leicht, ganz ohne Anstrengung gesprochen zu haben. Darauf er: „Nein, ich hatte während des Sprechens große Schmerzen“. Der Nachhauseweg währte diesmal besonders lange. Vor seinem Hause angelangt, sagte er: „Froh bin ich, daß ich endlich zu Hause bin. Der Weg ist mir sehr schwer geworden“. Ich redete ihm zu, sich Sonntag doch auszuruhen und einmal nicht in die Synagoge zu gehen. Er wollte davon nichts wissen. Ich fragte ihn: Ist denn morgen eine Bar mirzwah? Er bejahte und fügte hinzu: „Das ist's ja, weswegen ich mich auf Meran freue. Einmal ein paar Tage ohne Pflichten“. Wir verabredeten noch, daß ich ihn am Dienstag im Amt aufsuchen sollte und — schieden. Als ich zur verabredeten Zeit, Dienstag, ins Amt kam, meldete mir der Rabbinatsdiener, der Herr Oberrabbiner lasse sich entschuldigen, er sei vor wenigen Minuten nach Hause gefahren, weil er sich etwas erkältet fühlte. Ich überlegte, ob ich ihn am selben Abend nach dem Seminar oder am folgenden Tage aufsuchen wollte und sagte dem Diener: Schauen wir einmal auf seinem Schreibtisch nach, ob er für heute Abend eine Sitzung vorgemerkt hat. Es stand nichts auf seinem Schreibtischkalender. Nichts hatte er vor. An diesem Abend. . . An diesem Abend sind wir alle, seine Freunde, seine Gemeinde, das ganze jüdische Volk, die Menschheit, verarmt; ich zudem bin — hoffnungslos vereinsamt. Ich habe von Oberrabbiner Professor Dr. Chajes erzählt. Aber — wie der Hohepriester am Versöhnungstage, nachdem er aus der Thora gelesen, zu den Versammelten gesagt: Mehr als ich euch vorgelesen habe, steht da drinnen —- so kann ich sagen: Mehr, weit mehr als ich erzählt habe und überhaupt erzählen könnte, steht über ihn in,meinem Herzen....