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Die Stimme · 1928-01-12 · Heft 2 (12.1.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 2 (12.1.1928)
Date
1928-01-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2 Seite 3 Sg»Äj if'W,. % \ Zewi Hirsch Perez Chajes, der berühmte Ahne (1805—1855). sehen Juden, die in Florenz und Livorno ein großes Korallengeschäft begründeten. Die Kinder seiner Geschwister, mit denen er gemeinsam in Italien Geschäfte tätigte, verblieben auch in Italien, und wurden dann anfangs des XIX. Jahrhunderts vom portugiesischen König in den Grafenstand erhoben. Der erste war Graf Guido Chajes, dessen Kinder, trotz des Adels, dem Judentum treu geblieben sind. Nachkommen dieser Familie leben noch heute in Italien als Juden. Der Sohn des Menachem Manusch Chajes, Meir Chajes, ein überaus gebildeter Kaufmann und Bankier, war Mitchef des bekannten Hauses Bernstein, Chajes & Co., späterhin Meir Chajes & Sohn in Brody. Er unterhielt große Geschäftsverbindungen mit Florenz, wo er auch einen großen Teil des Jahres verbrachte. Meir Chajes gehörte dem Kreise der Brodyer Intelligenz an und legte großes Interesse für allgemeine Wissenschaften an den Tag. Meir Chajes ist der Vater des berühmten Gelehrten und Rabbiners Zewi Hirsch Chajes, der, geboren am 20. November 1805, im Hause seines Vaters eine überaus sorgfältige jüdische Erziehung genoß. Der bekannte Rabbiner Hirsch Heller und R. Efraim Margulies in Brody erteilten ihm talmudischen Unterricht. Trotz der streng jüdischen Erziehung hatte Zewi H. P. Chajes sich die Kenntnis der französischen, deutschen und italienischen Sprache in Wort und Schrift angeeignet. Nebst den talmudischen Studien beschäftigte er sich in seiner Jugend eifrig mit allgemeinen wissenschaftlichen Disziplinen. Ein besonderes Interesse bekundete er für Geographie, Geschichte, Philosophie und Sprachwissenschaften. Ueberaus begabt, verfügte er über PIE. STIMME ein phänomenales Gedächtnis, das alle in Staunen versetzte. Ein Zeitgenosse erzählt, daß Chajes nicht mir die heilige Schrift, den Talmud, zahlreiche Kommentatoren und die jüdisch-philosophischen Schriftsteller des Mittelalters auswendig kannte, sondern auch, daß alles, was er je gelesen hatte, wortgetreu in seinem Gedächtnis verblieb. Zewi Hirsch Chajes galt bereits in seiner frühesten Jugend als Autorität auf dem Gebiete des Talmudstudiums. Mit 22 Jahren wurde er nach Z ö 1 k i e w als Rabbiner berufen, wo er unter den größten Ehrenbezeigungen empfangen wurde. An der Spitze dieser Gemeinde stand damals der bekannte jüdische Philosoph und Führer der galizisch-jüdischen Aufklärungsbewegung, Nachman Krochmal. Er und der bekannte Gelehrte Simson Bloch befreundeten sich mit dem jungen Rabbiner, mit welchem sic gemeinsame Studien betrieben. Aber auch in den orthodoxen Kreisen erfreute sich Chajes besonderer Achtung und Wertschätzung. Ungeachtet seiner Rabbinatstelle beschäftigte sich Zewi Hirsch Chajes auch fernerhin mit allgemeinen Wissenschaften, mit besonderer Vorliebe las er deutsche und französische Klassiker.*) In Zölkiew verfaßte er auch seine erste Schrift, „Thorat Newiim“ (erschienen 1836), sodann „Athereth Zwi“. Unter seinen übrigen Werken ist das Buch „M i n c h a t Kanauth“ bemerkenswert, in welchem Chajes in schärfster Weise gegen die Reformbewegung in Deutschland auftritt, wobei er jedoch von der Orthodoxie fordert, die Bedürfnisse des Zeitgeistes anzuerkennen und einzuschätzen. Er verlangte, daß Rabbiner, anstatt mit Bannflüchen vorzugehen, dafür sorgen mögen, daß in ihren Gemeinden Schulen und Erziehungsanstalten errichtet werden, wie denn Z. H. Chajes überhaupt, trotz seiner strengen Frömmigkeit, dem Geiste der Zeit Konzessionen zu machen bereitwillig war. Er betätigte sich auch publizistisch und schrieb zahlreiche Artikel in verschiedenen Zeitungen, sowie seine als überaus wertvoll angesehenen Glossen zum Talmud. Zewi Hirsch Perez Chajes hatte im Jahre 1847 an der philosophischen Fakultät an der Lemberger Universität seine Magisterprüfungen bestanden, was begreiflicher Weise in jener Zeit großes Aufsehen erregte. Nebst seinen Studien und seiner literarischen Betätigung hatte Chajes auch warmes Interesse für die damaligen Fragen des jüdischen Lebens. In den Jahren 1832 bis 1850 nahm er an allen Aktionen, die irgendwie mit der damaligen Judenheit in Zusammenhang standen, lebhaften Anteil. Er war mit den führenden Köpfen der Haskalah-Bewcgung Krochmal, Rappaport, Bloch u. v. a. eng befreundet, stand mit ihnen in lebhafter Korrespondenz und förderte ihre Bestrebungen. In einer Reihe von Denkschriften unterbreitete er der Regierung Vorschläge zur Verbesserung der Lage der jüdischen Bevölkerung. Besonderer Hervorhebung verdient seine Denkschrift aus dem Jahre 1851, die er an den damaligen Statthalter Goluchowski über die Rabbinerfrage richtete und in der er verlangte, die Stellung der Rabbiner von der Geld- *) Bekannt ist seine Goethe-Anekdote („Re'b Goetlh ist gestorben"). Dr. Zwi Perez Chajes, der große Enkel (1876—1927). (Originalzeichnung von Clara Epstein für die Monatsschrift »Menorah«.) aristokratie unabhängig zu machen. Er verlangte die Einsetzung eines rabbinischen Konsistoriums, das sich mit der Frage der Erziehung von Rabbinern zu beschäftigen und sodann ein Rabbinerseminar zu errichten hätte. Nach diesem sollte die Anstellung von Rabbinern von diesem Konsistorium im Einvernehmen mit den Talmudgelehrten und der Intelligenz, jedoch nicht mit den Steuerzahlern der betreffenden Gemeinden vorgenommen werden. Seine Vorschläge blieben freilich unbeachtet. Ein ähnliches Los traf auch ein anderes von ihm entworfenes Projekt, das die Umschichtung derJudenzuAckerbauern zum Gegenstand hatte. Um das Jahr 1851 wurde der Regierung ein Projekt zur Reform der galizischen Judenheit vorgelegt, in welchem u. a. auch die Gründung von Ackerbau-Vereinen verlangt wurde. Der damalige Präsident der Brodyer Handelskammer, Meier K a 11 i r, machte es sich zur Aufgabe, die Juden für die Gründung eines Ackerbau-Vereines zu gewinnen, und hatte zu diesem Zwecke in Wien zahlreiche Persönlichkeiten aufgesucht. Das damalige Innenministerium, das diesem Projekte ein besonderes Interesse entgegenbrachte, wollte die Zusicherung haben, ob dieser Vorschlag bei der Orthodoxie Anklang finde und richtete an den Rabbiner Zewi Hirsch Perez Chajes, mit dem es öfters in jüdischen Fragen korrespondierte, eine diesbezügliche Anfrage. Chajes hatte in der Aneiferung der Juden zum Ackerbau das einzige Heilmittel erblickt, der durch den Chassidismus eingetretenen Verwilderung der Jugend Einhalt zu bieten und antwortete, der Ackerbau wäre einzig und allein geeignet, die Jugend dem bürgerlichen Leben zuzuführen. Aneiferung der Jugend zum Ackerbau würde nicht nur zur Linderung der wirtschaftlichen, sondern auch der kulturellen Not beitragen. Nicht uninteressant sind auch seine Gutachten über andere Fragen, die auf der Tagesordnung des damaligen jüdischen Lebens stan- Den natürlichen Anknüpfungspunkt für ünsere Gespräche bildeten seine Synagogenreden. Er war sich von Haus aus der ganz besonderen Note seiner Reden nicht bewußt. Denn er hat andere Prediger so gut wie nie gehört. Als er als Student nach Wien kam, war Dr. Jellinek bereits tot. Und Oberrabbiner Dr. Güdemann hat er, wie er erzählte, nur ein einzigesmal an einem Festtage gehört. Gelesen aber hat er Predigten schon gar nicht. Als er vor einigen Jahren zur Feier des 100. Geburtstages Jellineks die Gedenkrede halten sollte, besorgte man ihm aus der Gemeindebibliothek einen Band der Reden Jellineks. Er meinte aber, sie wären bei aller Würdigung ihrer Schönheiten, die ihren ungeheuren Erfolg erklärlich machen, doch heute kaum mehr zu lesen. Besonders fand er es eigentümlich, daß Jellinek fast bei jedem Satz in der Fußnote auf einen Bibelvers verweist, ohne daß einzusehen wäre, inwiefern dies den von ihm behandelten Gedanken deutlicher macht und oft ohne andererseits den Vers selbst in ein neues Licht zu stellen. Dr. Chajes war kein schulgerechter Homiletiker. Er kümmerte sich nicht um die Technik und nicht um die Kunstregeln der Rede. Und doch war jede seiner Reden ein einzigartig schönes Kunstwerk. Nicht bloß in der Idee. Man darf kühn behaupten, ohne im geringsten zu übertreiben, daß er nie sprach ohne ein ernstes, wichtiges Problem zu behandeln, entweder ein exegetisches oder ein aktuelles ohne jede Beziehung zur Sidra oder zum Festgedanken. Aber auch die Form war bestrickend. Seine hohe Aesthetik gestattete bei aller Außerachtlassung der Kunstregeln jede Rede zu einem methodischen Prachtwerk, an dem seine ganz meisterhafte pädagogische Begabung nicht geringen Anteil hatte. Er schuf den Typus der Kanzelrede, für eine geistige Aristokratie. Die Synagogenrede von höchstem Format. Problem, Ideen, ohne Phrase, ohne Pose, ohne Zitate, im höchsten Gedankenflug leicht verständlich, sonnenklar und den Hörer in seinen Bann zwingend. Bei Dr. Chajes' Reden konnte es keinen unaufmerksamen Zuhörer geben. Er gab dem Intelligenzler, was seines Geistes ist. Er wetterte gegen Klerikalismus, gegen Gedankenlosigkeit, gegen den Mangel an historischem Sinn, gegen das rasche Vergessen unserer schnellebigen Zeit. Wie unendlisch schade, daß er diese Reden nicht niedergeschrieben hat. Und wie unendlich schade, daß er mit seinen Reden nicht Schule gemacht hat! Ueber diese Reden unterhielten wir uns und zu manchen überraschenden Wendungen darin gab er mir nähere Aufschlüsse. Auch gelegentlichen gelinden Einspruch nahm er nicht übel; fühlte er doch heraus, wie er gemeint war. So vor wenigen Wochen. Er hatte über die Tierschutzwoche gesprochen. Seine glänzenden Ausführungen gipfelten in dem Ausruf: »Solange das sogenannte edle Waidwerk zu den noblen Passionen der vornehmen Kreise zählt und dessen Grausamkeit geduldet wird, werden wir es nicht dulden, daß von der Schächtfrage überhaupt gesprochen werden darf. Man hat kein Recht, unter solchen Umständen diese Frage überhaupt aufzuwerfen.« Und dann fuhr er fort: »Erst wenn man diese und ähnliche Grausamkeiten abgeschafft haben wird, dann kann man zu uns kommen. Und wenn es sich heraussteilen sollte, daß man in dem Schächten eine Grausamkeit erblickt, dann mache ich mich erbötig in der Judenheit dafür zu agitieren, daß auf den Fleischgenuß überhaupt verzichtet wird.« Als ich mich auf diesen Passus bezog und meinte, ich glaube kaum, daß die Wiener Juden in diesem Punkte so leicht mit Ihnen gehen werden, Herr Oberrabbiner. Ob Sie nicht doch in der Forderung eines solchen Verzichtes, der Ihnen persönlich leicht fallen mag, zu weit gehen! Da blickte er mich lächelnd von der Seite an, ohne seinen Gedanken weiter zu verteidigen. Es versteht sich von selbst, daß Angelegenheiten des Religionslehrerseminars fast auf jeden unserer Spaziergänge zur Sprache kamen. Aber auch solche der anderen Anstalten seines Schulwerks. Er hatte Interesse für jede Einzelheit; viele Zöglinge kannte er beim Namen und hatte ein sicheres Urteil über ihre Fähigkeiten. Er erzählte mir von der finanziellen Situation der Institute, für die er das Geld beschaffte, von seinen Sorgen und seinen Hoffnungen. Er sprach von allen Neuigkeiten im Zionismus. Von den großen Aktionen und den an diesen beteiligten Personen, die er fast ausnahmslos persönlich kannte, bis zu den jeweiligen Wetterberichten, die aus Palästina kamen. Er erzählte von Kongressen und seinen beiden Palästinareisen, Wenn wir von der jüdischen Gemeinde sprachen, bekundete er ganz besonderes Interesse für die Personen, die in den letzten Jahrzehnten hier öffentlich wirkten, Rabbiner, Lehrer, Vorsteher, die ich zumeist persönlich gekannt hatte. Er war, wie er sagte, in seiner Wiener Studienzeit über den Kreis seiner Lehrer hinaus mit offiziellen Kreisen so gut wie gar nicht in Berührung gekommen. Oft sprachen wir auch von meinen Seminar- und Universitätslehrern, die er nur von der Literatur her kannte und deren Charakteristiken ihn sehr interessierten. Immer ging er in seinem Urteil über andere von dem Bestreben aus, jeden Menschen zu verstehen. Die weitgehendste Toleranz. Nie urteilte er hart. Er, der so Vielseitige, der auf so zahlreichen Gebieten Vollkommenheit darstellte, schätzte jeden in der Oeffentlichkeit stehenden Mann, wenn er auch nur nach einer Richtung wertvoll schien. Nur Leute, bar eines jeden Idealismus, Juden an prominenten Stellen, die, wie er sich ausdrückte: ,,kein inneres Verhältnis zum Judentum“ hatten, jüdische Wissenschaftler, denen er kein „positives Verhältnis zur Bibel“ anmerkte, das radikalste Bibelkritik nicht auszuschließen brauchte, und solche, denen Gesinnungsfragen nicht viel Skrupel bereiteten, mochte er nicht. Gesinnungslosigkeit, die im Mäntelchen des „Ueber-den-Parteien-Stehens“ aus der Not eine Tugend macht, war ihm mehr erbärmlich als verhaßt» Denn hassen konnte er nicht. Im Tone der Verwunderung sprach er mir von einigen wenigen Personen, die sich unfreundlich gegen ihn verhielten, ohne daß er wüßte, weswegen sie ihm gram wären. Aber auch gegen solche, deren Gegnerschaft er zu verstehen glaubte, hat er nie etwas unternommen. Das vielzitierte Wort aus seiner Wiener Antrittsrede von dem „auf Granit beißen“, kam nie auf persönliche Gegner in Anwendung. Es hätte nur denen gegolten, die sich seinem Wirken hätten in den Weg stellen wollen. Und dazu Ht es sicht gekommen. Nicht als ob es für ihn ob der Angriffe, denen er zuweilen ausgesetzt war,

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