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Die Stimme · 1928-01-12 · Heft 2 (12.1.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 2 (12.1.1928)
Date
1928-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 2 •chaft, die aus Haß und blutigem Kampf geboren werden muß, fand Raum in seinem geläuterten Geiste. Als nach dem Ende des Weltkrieges Europa zusammenbrach und aus den Trümmern überall fanatischer Nationalismus sein Haupt erhob, war seine Stunde gekommen. Für das jüdische Volk schlug die Schicksalsstunde. Die Träger der jüdischen Volksidee aus allen Lagern standen auf. Sie waren wach seit Herzls Weckruf. Die jüdischen Frommen der Welt hatten seit jeher in Gebet und Leben Palästina, Erez Israel, als Land der Sehnsucht und Erfüllung angesehen. Aus Religion. Sie erwarteten und erwarten den Maschiach; ohne ihn wollten und durften sie, wie sie glaubten, die reale Forderung der Stunde nicht verwirklichen. Der große Moment fand wohl kein großes Geschlecht, aber einige große Menschen und unter diesen war Chajes, nach meiner Meinung, im jüdischen Volke der Größte. Damals kam Chajes nach Wien, in das große jüdische Zentrum. Der hohe Wogengang der Zeit hatte ihn emporgetragen. Der Eintritt in das jüdische Wien war für ihn und die Juden Epoche. Alle in ihm latenten Kräfte brachen hervor. Die gebundenen Kräfte des großen, edlen, liebeerfüllten, guten Menschen; des großen, genialen Lehrers und Führers; des klassischen Verkörperers klassischen Judentums. Es ging ein Beben durch die Reihen der Juden. Sie hörten eine Sprache, die ihnen fremd geworden war; sahen eine Erscheinung, die über das ihnen Gewohnte und Normale hinauswuchs. Hetzprediger, Demagoge, parteiischer Heißsporn wurde er genannt. Doch die Stimmen verstummten allmählich und der rasche Tadel verwandte sich in Staunen, Respekt, Ehrfurcht und Liebe. Er war ein E r w e c k e r, begeisternder Lehrer und Erzieher. — Beweis: Die von ihm und durch ihn geschaffenen Lehrstätten; Förderer und Beschützer aller jüdischen Anstalten für Wohlfahrt, Belehrung und Wissenschaft. — Beweis: Die Milliarden, welche er diesen Institutionen verschaffte; Organisator, Berater, Leiter. — Beweis: Der Geist, den er allen jüdischen Einrichtungen einhauchte. Vater aller Hilfesuchenden und Bedrückten. — Beweis: Die Tausende. welche in ihm moralische und materielle Stütze fanden. Dieser Mensch der Ideale, des weiten Horizonts und weltumfassenden Geistigkeit war ein Charakter aus Stahl und ein unschuldiges Kind zugleich. Stolz und seiner Bedeutung bewußt und anspruchslos bis zur Demut; pünktlich, streng, nachsichtig und milde. Ein wahrhaft Großer, der ein Kind unter Kindern wurde. Dem jüdischen Volke in seiner reinsten, geläuterten Form die Weltstellung zu geben, die ihm gebührte, und diese Form mit dem überlieferten und im Lauf der Jahrtausende erworbenen Inhalte in der Diaspora erfüllt, in Palästina zu neuer Blüte, Reife und Fruchtbarkeit zu bringen, war ihm endgültige Lebensaufgabe. Die durch San-Remo und die Balfour-Deklaration geschaffene Weltlage, Weltpolitik im allgemeinen, welche er tief erfaßte und durchschaute, die für Palästina und das jüdische Volk in der ganzen Welt geschaffene, unerhört wichtige, seit zwei Jahrtausenden erwartete Lage, riefen zur TaL Chajes stand in der vordersten Reihe als der sittlich größte und geistig Bedeutendste. Vor Erreichung des Ziels, mitten in ungeheurer Arbeit und Krise ist er auf dem Wege zusammengebrochen. Sein Herz ertrug den rücksichtslosen Kraftverbrauch nicht mehr. Mit weitgeöffnetem Auge und klarem Blick hat er alle Kulturanschauungen der Gegenwart erfaßt, mit Scharfsinn in die Zukunft gesehen und war, wie jeder schöpferische Mensch, bei Feststellung der Gebrechen und Schwierigkeiten, unerschütterlicher Optimist geblieben. Der Jugend und Verjüngung flog sein Herz entgegen. Das Herz der Jugend und des sich verjüngenden jüdischen Volkes gehörte ihm. Diesen gab er Kraft und Flügel, Ziel und Inhalt. An die Zukunft und den Sieg der Ideale des jüdischen Volkes glaubte er, an die glückliche Zukunft von Erez Israel glaubte er mit heißer Inbrunst. Ihnen hat er sich selbst als Opfer dargebracht. Er ist nicht mehr. Wo finden wir seinesgleichen? Aus Oberrabbiner Prof.Chajes’ Ahnensaal Von Dr. N. M. Gelber. Die Familie Chajes (Chajuth), die seit dem XVI. Jahrhundert zumeist in Polen lebte und wirkte, stammt aus Portugal, von‘wo sie gegen das XV. Jahrhundert infolge der Judenverfolgungen auswanderte. Während ein Zweig dieser Familie sich in Italien niederließ, verblieb ein anderer Teil eine Zeit lang in der Provence, Um das Jahr 1580 wanderte ein Mitglied dieses Familienzweiges, Jizchak Chajuth, nach Böhmen aus, woselbst er in den Jahren 1584 bis 1587 Rabbiner in Prag war und dort die damalige Jeschiwah 31*: Jahre lang leitete. Er legte den eigentlichen Grundstein zu der späterhin sö bekannt gewordenen Gelehrtenfamilie und führte als erster den Namen Chajes (Chajuth). Es wird von besonderem Interesse sein, seinen sowie seiner Nachkommen Lebenslauf kurz zu skizzieren, um auf diese Weise ein anschauliches Bild über die Geschichte der direkten Vorfahren des jüngst verstorbenen Oberrabbiners Prof. Chajes gewinnen zu können. Jizchak Chajuth, nennt sich selbst sehr oft Sohn des Abraham aus dem Stamme der Chassidim der Provence, Er kam, wie bereits erwähnt, um das Jahr 1580 nach Böhmen, wo er das Prager Rabbinat und die Leitung der dortigen Jeschiwah Zionist. Landeskomitee für Österrejcli Verband der Zionisten- Revisionisten Montag den 23. Jänner, 8 Uhr abends findet im großen Olympiasaal, I. Rothgasse 5, eine I trauerfeier"! anläßlich des Ablebens unseres FührersWladimirTiomkin statt. f Redner: Dr. Leo Goldhammer, Dr.N.M. Gelber, Paul Haller innehatte. Er galt als einer der größten Gelehrtenautoritäten seiner Zeit. Seine Schwester war die Frau des berühmten Prager Maharal, des Hohen Rabbi L ö w. Er verfaßte zahlreiche Werke, die zumeist in Polen erschienen. In seiner Jeschiwah bildete er eine Generation von Rabbinern und Gelehrten heran, die in zahlreiche jüdische Gemeinden Europas berufen wurden. Sein Sohn MenachÄffl Manusch Chajes, zuerst Rabbiner in Trzebinia, dann in Szvdlöw, wurde um das Jahr 1617 als Rabbiner nach Wilna berufen, wo er im Jahre 1636 gestorben ist. Sein Grabstein ist der älteste auf dem jüdischen Friedhof von Wilna. Menachem Manusch Chajes ist, da die jüdische Gemeinde in Wilna erst am Ende des XVI. Jahrhunderts begründet wurde, einer der ersten Rabbiner dieser Stadt. Im Jahre 1617 nimmt er am jüdischen Reichstag zu Lublin teil. Von seinem gelehrten Vater herangebildet, zählte er zu den bedeutendsten talmudistischen Autoritäten seiner Zeit. Er verfaßte eine Schrift ,,Smiroth rSchabath“, das im Jahre 1621 in Prag erschienen ist. Er hinterließ aüch eine Handschrift, ,,Derech Thmimim”, ein Kommentar zur Parschah Balak (diese Handschrift befindet sich in der Bodleiana), sowie einen Kommentar zu Ibn-Esra mit mathematischen Beispielen. Menachem Manusch Chajes hinterließ drei Söhne: Jakob, Pinchas und Simson. Simson Chajes ist während einer Reise nach Palästina im Jahre 1655 in Belgrad gestorben. Menachem Manusch ältester Sohn, Jakob Chajes, hinterließ einen Sohn, Jizchak Chajes, der bereits 1678 Jeschiwoth leitete und 1726 als Rabbiner in S k o 1 e gestorben ist. Er galt als einer der bekanntesten Gelehrten seiner Zeit und befaßte sich auch eifrig mit kabbalistischen Studien. Er hinterließ 13 Werke, darunter auch eine Arbeit über Grammatik, Bekannt ist nur ein Werk von ihm ,,Sefer Serah Jizchak“, ein Kommentar zur Mischna (erschienen in Frankfurt an der Oder im Jahre 1732), der von seinem gelehrten Sohne Elieser herausgegeben wurde. Jizchak's beide Söhne, Elieser und Jakob Koppel, waren bedeutende Gelehrte und Kabbalisten in Brody. Elieser starb 1766, Jakob Koppel 1772 in Brody, wo noch vor dem Kriege ihre Grabsteine auf dem alten Friedhof gut erhalten waren. Elieser's Sohn Jizchak, ein führendes Mitglied des jüdischen Reichstages in Polen, war ein eifriger Kabbalist, wanderte von Brody nach Palästina aus, wo er auch gestorben ist. Sein Sohn M e i r, ein bekannter Talmudgelehrter, war Rabbiner in Tysmienica; dessen Sohn, Jizchak Chajes, wohnte in Brody, wo er zu den angesehensten jüdischen Einwohnern zählte. Er war ein Schwager des bekannten Gaon Tebil, Rabbiner in Lissa und beschäftigte sich ebenfalls mit kabbalistischen Studien. Dessen Sohn, Menachem Manusch Chaj e s, war ein angesehener Kaufmann in Brody und spielte im Leben dieser bedeutenden jüdischen Gemeinde eine hervorragende Rolle. Er war mit der Tochter des Wolf Bernstein, eines Sohnes des ersten Oberlandesrabbiners in Galizien, Arie Leib Bernstein vermählt. Er war einer der ersten galizi- Spaziergänge mit Oberrabbiner Chajes Von Prof. Dr. M. Rosenfeld. Wenn ich der Einladung der Redaktion dieses Blattes folge, unter diesem Titel einiges aus meinen Erinnerungen an den Heimgegangenen zu erzählen, so sei vor allem festgestellt, daß ich keineswegs der Meinung bin, erst der ganz private, ungezwungene Verkehr mit Dr. Chajes hätte es ermöglicht, seine lichtumflossene Gestalt in klaren Umrissen zu erkennen. Durchaus nicht. Nur vom Durchschnittsmenschen kann gelten, daß er im Berufsleben ganz anders Figur macht als im internen Zirkel oder unter vier Augen. Ein wahrer Mensch, ein Mann aus einem Gusse kann nicht anders als immer und überall sich gleich bleiben. Festtag und Alltag werden eins. So war es bei Dr. Chajes. So schlicht und ohne jede Pose er im Gespräche zu jeder Tagesaktualität Stellung nahm, so schlicht und ohne jede Pose und darum wahrhaft groß war er, wenn er in der heiligsten Stunde des Jahres als Vertreter des Judentums auf der Kanzel stand. Und wiederum so voll Ernst und voll innerer und äußerer Würde wie in diesem Zeitpunkt, so geistig und seelisch hochstehend war er, wenn er vom Gleichgültigsten und Belanglosesten sprach. Er war gleich groß, wenn er »in seinem Hause saß«, an den Stätten, an denen er sein gigantisches Wirken entfaltete und »wenn er auf dem Wege ging«. Mir war es gegönnt, oft imd oft um ihn zu sein, wenn er »auf dem Wege ging«. Zunächst auf dem Heimwege von der Synagoge, oft auch vom Amt und von Sitzungen und Versammlungen. Dann aber vermochte ich ihn zu bestimmen, sich von Zeit zu Zeit in der freien Gottesnatur einige Erholungsstunden zu gönnen. Und bald wurden unsere Ausflüge nach allen Richtungen der Umgebung Wiens, zuweilen auch Tagesausflüge auf den Anninger und die Ra*! oder später auch der Besuch des Theaters oder von Kulturfilmen, zu einer stehenden, fast stundenplanmäßigen Einrichtung. Nur wenn unser »Wandertag« mit einer wichtigen Sitzung oder deren mehreren besetzt war, mußte der Ausflug entfallen. Seit unserem ersten gemeinsamen Spaziergang sind 28 Jahre ins Land gezogen. Er war damals natürlich noch nicht der Dr. Chajes von Weltruf. Aber der liebenswürdige, bezaubernde Mann, der auf mich, den Altersgleichen, eine starke Anziehung ausübte, war er bereits damals. Er bekleidete in dieser Zeit die Würde eines Vorstehers der Religionsschule des Jüdischen Schulvereins für den IX. Bezirk, mit deren Obmann er verwandt war. Ich war der erste Lehrer und Leiter dieser Schule. Und schon gleich nach der Eröffnungsfeier, bei welcher ich eine Rede hielt, fanden wir uns und unternahmen einen gemeinsamen Spaziergang. Gesprächsstoff gaben unsere Doktordissertationen ab. Wiewohl ich die Einzelheiten unserer Unterhaltungnatürlich längst vergessen habe, blieb mir doch die respektvolle Bewunderung in Erinnerung, mit der ich seinen Bericht über seine bald darauf so berühmt gewordenen »Markus- Studien« aufnahm. Kurze Zeit danach verließ er Wien. Nach fast zwei Jahrzehnten sahen wir lins wieder. Während alles den neuen Wiener Oberrabbiner umwarb, hielt ich mich scheu im Hintergrund. Ihn als Kanzelredner kennen zu lernen, hatte ich, so sehr ich mich danach sehnte, keine Gelegenheit, da ich um diese Zeit selbst als Prediger in einer Bezirkssynagoge tätig war und somit an Sabbaten und Festtagen nicht frei war. Da erhielt ich eines schönen Tages — nachdem ich vorher kaum drei- bis viermal mit dem neuen Oberrabbiner gesprochen hatte — die Einladung, ihn zu besuchen. Er legte mir seinen Plan dar, eine Anstalt zur Heranbildung von Religionslehrern zu schaffen und forderte mich zur Mitarbeit auf. Bald danach, am 28. Mai 1920, fand eine von ihm berufene Enquete von Schulmännern statt, die sich mit dieser Angelegenheit zu befassen hatte. Es wurde ein engeres Komitee gewählt, das noch im Juni mich mit der Leitung der neuzuschaffenden Anstalt betraute. Dieses Amt nun brachte mich mit dem Oberrabbiner bald in engere Fühlung. Sofort wurden die Vorarbeiten in Angriff genommen, alles bis ins kleinste beraten; die Zusammensetzung des Kuratoriums, das Organisationsstatut, der Lehrplan, die Berufung der Lehrkräfte, Lokal, Sicherstellung von Kohle für den Winter dieses kritischen Jahres und tausend andere Dinge. Acht Tage vor der Eröffnung des Seminars am Ende der Herbstfeiertage nahm ich von der Kanzel (leichten Herzens) Abschied. Nun war ich auch in der Lage, die Synagogenreden des Oberrabbiners zu frequentieren. Und wahrlich, ich habe nicht so bald eine ohne ernste Behinderung versäumt. Auf dem Heimweg von der Synagoge durfte ich sein Begleiter sein. So habe ich es durch acht Jahre gehalten. Bis zum Heimweg von seiner letzten Rede . . . Zuweilen spielte ein Stück Zeitgeschichte in diese Heimwege von der Synagoge hinein. Gäste von Distinktion aus allen Teilen der Diaspora, die den Wiener Oberrabbiner in der Synagoge aufgesucht und sich ihm gleichfalls auf dem Heimwege anschlossen, lernte ich kennen. Und vor zirka drei oder vier Jahren, in den Zeiten des verstärkten Hakenkreuzlerrummels, folgten uns im Abstand von nicht ganz zehn Schritten zwei Geheimpolizisten, die den Auftrag hatten, den Oberrabbiner nicht früher aus dem Auge zu lassen, als bis er sein Haus betreten hatte. Für seine Synagoge hatte er eine stille, aber tiefe Liebe. Nach einer kürzlich stattgefundenen pompösen Trauung sagte er zu mir: »Die Synagoge war mit Teppichen geschmückt, aber ich muß sagen, sie gewinnt dadurch nicht. Am schönsten ist doch dieser anheimelnde Raum ohne jeden Schmuck. Da wirkt er ganz anders.« Auch für die Schönheiten Wiens hatte er ein offenes Auge. Wenn wir an Frühlingssabbaten nach dem Gottesdienst in den Volksgarten gingen oder vor den prächtigen blühenden Fliederbüschen des äußeren Burghofes saßen, pflegte er von seiner stets neuen Bewunderung für dieses herrliche Wien und die schöne Ringstraße zu sprechen und meinte, von den vielen großen Städten der alten und neuen Welt, die er kenne, halte nur noch Paris, das er gleichfalls in sein Herz geschlossen hatte, einen Vergleich mit Wien aus.

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