Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1928)
- Date
- 1928-01-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit*' 11 'S Die Münzen der neuen Palästina-Währung; zum ersten Maje seit zirka 1800 Jahren sind in Erez Israel wieder Münzen mit hebräischer Aufschrift im Umlauf. % Gouverneurs von Jaffa, Major Campbell, die Polizei gegen sie ein und trieb sie mit Gummiknütteln auseinander; dabei wurden 9 Männer und 5 Frauen verletzt und 17 Arbeiter, darunter der Sekretär der Arbeiterorganisation von Petach - Tikwah verhaftet; die Verhafteten befinden sich noch immer im Polizeigefängnis trotz energischer Proteste des jüdischen Nationalrates, des Waad Leumi, trotz der Vorstellungen der Arbeiterorganisation, zionistischer Behörden usw. Das Vorgehen der Polizeihat bei den Arbeitslosen große Erregung ausgelöst und sie besetzten das Rathaus von Petach-Tikwah, das von Gendarmen geräumt werden mußte. Dadurch wurde durch Verordnung des Gouverneurs der Gemeinderat der Kolonie aufgelöst und ein Regierungskommissär ernannt. In der Kolonie liegen Polizeitruppen. Dies die Ereignisse. Seither schweben Verhandlungen zwischen den angesehensten Mitgliedern des jüdischen Nationalrates und den Pflanzern, um eine Möglichkeit zu finden, die jüdischen Arbeitslosen bei den Erntearbeiten einzustellen. Die Orangenpflanzer haben versprochen, nach Möglichkeit jüdische Arbeitslose zu beschäftigen. Ueber den realen Wert solcher Versprechungen läßt sich nicht viel sagen. Letzten Endes handelt es sich um eine Art moralischen Druckes auf die Pflanzer, die sich ja erinnern sollten, daß sie auf einem nahezu geschenkten Boden mit nahezu geschenktem Inventar (Petach- Tikwahs Orangenpflanzungen sind seinerzeit durch Baron Rothschild entstanden) arbeiten. Doch moralische Einwirkungen haben stets etwas Problematisches; sie sind auch in diesem speziellen Falle jahrelang ergebnislos geblieben. Hier müßte der Hebel anderswo angesetzt werden. Das System des Ernteverkaufes und der Verbindung zwischen dem Pflanzer und dem Händler beziehungsweise Exporteur der Früchte müßte auf eine andere Basis gebracht werden. Die ganze vielgerühmte jüdische Pflanzungswirtschaft kann nur dann für die jüdische Arbeit produktiv werden, wenn ihr auch eine richtige Organisation des Verkaufes entspricht. Der Verkauf dürfte nicht vom arabischen Händler, sondern müßte von einer Organisation der Pflanzer selbst besorgt werden, der unter der Bedingung, daß bis zur Versendung der Ware jüdische Arbeit verwendet wird, die notwendigen Kredite gewährt werden. Aber damit haben sich die zionistischen Finanzinstitute in Erez Israel bisher leider nicht abgegeben. Hätten sie es getan, es wäre vielleicht besser um sie bestellt als es heute der Fall ist. Von der Palästina-Regierung ist für die Lösung des Arbeitslosenproblems wenig zu erwarten. Dies geht aus den Informationen hervor, die der leitende Sekretär der Palästina-Regierung, Colonel S y m e s, kürzlich ihrem Korrespondenten und den anderen Vertretern der Presse gab. Colonel Symes sprach viel über die Arbeitslosigkeit, doch er hatte nicht viel Hoffnungsvolles zu sagen. Nach seinen Mitteilungen will die Regierung öffentliche Arbeiten mit Beschleunigung durchführen, doch sind keine größeren Arbeiten zu erwarten. Durch eine soeben ergangene Verfügung des Oberkommissärs Lord Plumer sollen bei den von der Regierung jetzt Jn Angriff zu nehmenden Aufforstungsarbeiten im Lande insgesamt 500 jüdische Arbeitslose beschäftigt werden. — Mit dem Hafenbau in Haifa wird noch im Jänner begonnen werden; wie weit dabei die jüdischen Arbeitslosen Beschäftigung finden werden, darüber ist noch nichts bekannt. Wir können also nichts tun als weiter — auf Wunder hoffen....... * Harte Strafen für die verhafteten Demonstranten. Wie uns soeben aus Jaffa gemeldet wird, hat «las dortige Distriktionsgericht von den 17 verhaftete« jüdischen Arbeitslosen in Petach Tikwah einen zu einem Monat, 15 zu je 16 Tagen Gefängnis verurteilt. Ein Angeklagter wurde freigesprochen. Diese Urteile werden von der gesamten GÖffentlichkeit Palästinas als überaus streng empfunden. Nachbemerkung der Redaktion: Ueber die Vorfälle in Petach-Tikwah haben, wie uns aus London gemeldet wird, im Unterhause die Labour-Abgeordneten S n e 11 und Colonel Wedgwood eine Interpellation an den Unterstaatssekretär für die Kolonien Ormsby-Gore gerichtet, in der sie u. a. fragten, ob die Regierung eine Untersuchung eingeleitet habe. Der Unterstaatssekretär erklärte, er habe bisher keine Informationen über die Vorfälle erhalten; er wende sich an den Oberkommissär von Palästina, Lord Plumer, um einen Bericht, nach dessen Einlangen er die Interpellation beantworten werde. Die Bevölkerung Palästinas, Laut dem eben erschienenen Bericht des Hygiena-Departements der Palästina-Regierung betrug Ende 1926 die Gesamtbevölkerung des Landes 865.000 Seelen, davon 103.000 beduinische Nomaden und 762.000 seßhafte Einwohner. Der Religion nach waren zirka 633.000 (d. i. 73.2 Prozent) Mohammedaner, 147.398 (d. i. 17 Prozent) Juden, 75.576 (d. i. 17 Prozent) Christen, der Rest Bekenner anderer Religionen, Im Jahre 1926 wurden in Palästina 40.741 Geburten und 18.620 Todesfälte gezählt. Parteirat des Zionistischen „ Landeskomitees Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich schreibt die Wahlen zum Parteirat für den 7. Jänner d. J. aus. Auszug aus dem Wahlregulativ: Punkt 4. Die Wahlen finden am 7. Jänner 1927 statt. Die Wählerliste wird vom 1. Jänner an im Büro des Zionistischen Landeskomitees, I., Kärntnerstraße 28, zur allgemeinen Einsicht aufliegen. Das Recht der Reklamation wegen Nichtaufnahme in die Wählerliste oder wegen Aufnahme nicht wahlberechtigter Personen steht jedem Organisationsmitglied bis 5. Jänner, 12 Uhr mittags, zu. Die Entscheidung über die Wahlproteste obliegt dem Landeskomitee. Punkt 5. Jeder Wahlkreis wählt auf 100 Wähler einen Delegierten. Für verbleibende Reststimmen von mindestens 50 Mitgliedern kann noch ein Delegierter gewählt werden. Ortsgruppen (der Provinz) können auf je 75 Mitglieder ein Mitglied des Parteirates wählen. (§ 7 der Statuten.) Punkt 6. In den Wahlkreisen, in welchen nur ein Delegierter zu wählen ist, unterbleibt die Einreichung von Wahlvorschlägen. In Wahlkreisen, auf welche zwei oder mehrere Delegierte entfallen, sind die Wahlvorschläge bis spätestens 4. Jänner, 12 Uhr mittags, beim Zionistischen Landeskomitee einzureichen. Die Wahlvorschläge haben zu enthalten: 1. Die unterscheidende Parteibezeichnung, 2. die Parteiliste, d. L ein Verzeichnis von so vielen Bewerbern, als in dem betreffenden Wahlkreis Delegierte zu wählen sind, 3. die Bezeichnung des zustellungsbevollmächtigten Vertreters. Jeder Wahlvorschlag muß von mindestens 10 Wählern des Wahlkreises unterschrieben sein. Weisen mehrere Wahlvorschläge im gleichen Wahlkreis den Namen desselben Wahlwerbers auf, so hat dieser über Aufforderung des Landeskomitees bis zum 4. Jänner zu erklären, für welchen der Wahlvorschläge er sich entscheidet, ansonsten wird sein Name in allen Wahlvorschlägen gestrichen. Punkt 9, 2. Absatz. Wahlproteste müssen von mindestens 10 Wählern gezeichnet sein. Die Proteste sind bis spätestens 12. Jänner beim Landeskomitee zu überreichen. Die Proteste haben zu enthalten: genaue Bezeichnung des Wahlkreises, die Angabe der Protestgründe und die Beweismittel. Zählung der Schomrim. Mit ©esclilüß der Weltleitung {Hahaflh'agah Häeljortlh) des Haschomer findet bis zum 10. Jänner 1928 eine Zählun| aller Schonjrim ih allen teilen der W^tofgaÄisalion stati Im Sinne dieses Beschlusses fordert der jüdische JugendbunÖ »Haschomer Hazair« in Wien alle in Oesterreich weilenden Schomrim und Schomroth des In- und Auslandes-auf, insofern sie nicht der bestehenden ftfstadruth angehören und sich iur Bewegung zugehörig fühlen, ihre Generalien und Adresse unverzüglich einzusenden (Wien Ii., Untere Augartenslraße 35). Miszellen Um eine jiddische Lehrkanzel an der Universität Jerusalem Dem Leiter der Jerusalemer Universität Dr, Magnes wurde vor kurzem von den jüdischen Arbeitern in Amerika ein ansehnlicher Betrag zur Verfügung gestellt, welcher dazu dienen soll, am judaistischen Institut der Universität eine Lehrkanzel für jiddische Sprache und Literatur zu errichten. In iPalästina, wo die neue jüdische Generation mit lobenswertem Eifer für die vollständige Helbraisierung der. jüdischen Lebens eintritt, hat nun dieses Angebot hei der Jugend scharfe Ablehnung erfahren; doch außerdem wird etwas berichtet, was weit weniger'versländlich, ist: für die Ablehnung wurde die Straße zu Hilfe gerufen, es fa.nden und finden Demonstrationen, Protestumzüge und dergleichen statt. Der von idealem Empfinden getragene Eifer droht so die Grenzen arg zu überschreiten. Alles, was für die Hebraisierung des jüdischen Lebens in Palästina getan wird, ist billigenswert, sölange es nicht in blinden Chauvinismus ausartet. Und es hat peinliche Ähnlichkeit mit dem uns Galuthjuden wohlbekannten europäischen Chauvinismus, wenn gegen eine jiddische Lehrkanzel an der jüdischen Universität Demonstrationsstürme einsetzen. Die Universität in Jerusalem soll in ihrem judaistischen Institut jüdische Kultur pflegen. Die jüdische Kultur hat im Ablauf der Jahrhunderte mannigfachen sprachlichen Ausdruck gefunden und ein verbreitetes und wichtiges sprachliches Ausdrucksmittei ist das jiddische Idiom. An einem Institut, wo das Wissen von der jüdischen iKulturentwicklung gelehrt wird, ist es ebenso schwer, ohne eine jiddische Lehrkanzel auszukommen wie ohne eine syrische, eine griechische, eine arabische, eine spanische, iDem hebräischen Leben in Palästina wird kein Abbruch getan, wenn an der Universität Wissen von den verschiedenen jüdischen Sprachen und Literaturen, die im Ablauf der Jahrtausende, Ausdruck für unser Kulturleben bildeien, verbreitet wird; es tut dalbei nichts zur Sache, ob es einen Jiddischismus und Hebraismus außerhalb Palästinas gibt oder gar in Palästina gäbe. Aber der jüdischen Würde, die im neuen Palästina neu und frei erstehen soll, wird Abbruch getan, wen* gegen eine wissenschaftliche Disziplin Argumente der Straße angewendet werden. Unsere Universität soll von dem europäischen Bazillus der Unduldsamkeit sprachlicher, volklicher oder sonstiger Beschränkung ifrei sein — und darum ist es eine peinliche Entgleisung, wenn die Arbeit für die Hebraisierung des Landes in den unproduktiven Radau gerät. Inzwischen hat das Kuratorium der hebräischen Universität in seiner letzten Sitzung in Mainz die Errichtung der jiddischen Lehrkanzel akzeptiert. Es hat sich also — und dies mit vollem Recht — für Argumente der Straße unzugänglich gezeigt. Im Oktober 1927 sind nach der offiziellen Statistik 310 Personen, darunter 189 Juden, in Palästina eingewandert; während dieses Monats haben 653 Personen, darunter 386 Juden, das Land verlassen. Die Auswanderung war also schwächer als im September, wo sie 793 Personen betrug, doch war auch die Einwanderung geringer als im September; damals waren 362 Personen eingewandert. Das von dem amerikanischen Milliardär John D. Rockef e 11 e r gestiftete archäologische Museum des Landes Palästina wird im Jänner 1929 seine Tätigkeit beginnen. * Am 1. Jänner ist die jüdische Gemeindeordnung in Palästina, welche die Organisation der jüdischen Gemeinden regelt und sie offiziell anerkennt, in Kraft getreten. Durch die Gemeindeordnung wird u. a. der jüdische Nationalrat in Palästina, Waad Leumi, als Spitzenorganisation der jüdischen Gemeinden anerkannt, An Stelle von Miß Henrietta Szold, die als Mitglied der zionistischen Exekution ihren Wohnsitz nach Palästina verlegt, wurde Ms. Morris Rothenberg zum Vizepräsidenten der zionistischen Organisation in den Vereinigten Staaten gewählt. Der Bau des Gebäudes der jüdischen Nationalb i b 1 i o t h e k in Jerusalem, der aus der von dem verstorbenen Präsidenten der zionistischen Weltorganisation, David Wolffsohn, testamentarisch errichteten Stiftung erfolgt, soll gemäß dem Beschluß des Stiftungs-Kuratoriums in einen Jahre fertiggestellt werden. Das Gebäude wird ein Eisenbetonbau sein, da dieses Baumaterial sich beim letzten Erdbeben als das am meisten standfeste erwiesen ihat. In der Bezalel-Kunstschule in Jerusalem ist eine Münzensammlung eröffnet worden, die etwa 1000 Stück palästinensischer Münzen, darunter viele seltene Exemplare enthält, Der Saal, wo sich die Sammlung befindet, wurde nach dem ersten jüdischen Nuraisrnatiker Raffaeli benannt,