Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-01-05 · Heft 1 (5.1.1928) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 1 (5.1.1928)
Date
1928-01-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053754--0012-3055264
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10 DIE STIMME Nr. 1 für Koscherfleisch betroffen. Die Erhöhungen, insbesondere für Begräbnisse ITT. Klasse, die für ä*en Mittelstand hauptsächlich in Frage kommen, sind derart, daß sie, wie der Generalredner der zionistischen Fraktion, Dr. Fried mann, ausführte, für den größten Teil der Wiener Juden, die in eine Periode der entsetzlichsten Verarmung geraten sind, als unerschwinglich bezeichnet werden müssen. Der Budgetreferent mußte wie in den Vorjahren auch in diesem Jahre vom Plenum ein sechswöchiges (Budgetprovisorium ansprechen. Motiviert wurde diese Maßnahme mit der unerwarteten Unterbrechung der Budgetberatungen durch das plötzliche Abieiben des Oberrabbiners Professor C h a j e s. Ueber das Defizit führte Regierüngsrat Doktor Oppenheim aus, daß es nicht ratsam sei, den Weg der Anleihe zu dessen Deckung zu beschreiten. Die Einnahmen aus der Kultussteuer, die im Jahre 1927 sehr optimistisch mit 2 Millionen Schilling veranschlagt wurden, dürften im Jahre 1928 einen Ausfall von 300.000 bis 400.000 Schilling erleiden. Es gehe nicht an, die Steuersätze in die Höhe zu schrauben, weil man sonst mit einer noch größeren Auatrittsbewegung zu rechnen hätte. Man werde also auf andere Mittel greifen müssen, um das Defizit zu beseitigen. In erster Linie werden die sach dem Statut nur bedingt von der Kultusgemeinde zu tragenden Ausgaben, also die Subventionen für kulturelle und charitative Zweck« restringiert werden müssen. Ein zweites Mittel, von dem man sich Erfolg verspricht, ist die »Erhöhung der Taxen und Gebühren, die sofort in Kraft zu treten haft. Vorerst sollen die Taxen für Begräbnisse probeweise für die Zeit des Budgetprovisoriums erhöht werden. Die Taxen iür Begräbnisse I. Klasse werden von 750 auf 1200 S, M. Klasse von 500 S auf 750 S, II. Klasse von 200 auf 250 S und IV. Klasse von 60 auf 75 S erhöht. In demselben Ausmaße werden die Preise für Grabstätten, (Beilegungen und Grüfte erhöht. Ferner sollen bereits ebenfalls mit Wirksamkeit vom 1. Jänner 1928 die Taxen für Koscherfleisch bei Großvieh von 10 auf 15 S pro Stück und füi Kälber von 2 auf 3 S erhöht werden. Der Budgetreferent beantragte ferner die Einführung einer 5 prozentigen Manipulationsgeb'ühr von allen in Bethäusern der Kultusgemeinde einlaufenden Spenden für jüdische Vereine. Weiter solle eine Taxe für Konfirmationen in der Höhe bis zu 100 <S eingehoben werden. Regierungsrat Oppenheim beantragte auch, das Plenum möge beschließen, es sei bei der Behörde um die Genehmigung eines Rahmentarif es zur Erhöhung der Taxen und Gebühren einzuschreiten. Namens der zionistischen Fraktion erklärte Dr. Friedet a n n, daß seine Gruppe wohl für das Budgetprovisorium stimmejj. werde, jedoch nur aus der Erwägung heraus, daß eine derartige Maßnahme eine Lebensnotwendigkeit sei, der man «ustimmen müsse, wenn man die jüdische Gemeinde bejaht. Die Zustimmung zu diesem Budgetprovisorium sei keineswegs als Vertrauenskundgebung aufzufassen. Der Sprecher der Gruppe für soziale Tätigkeit, Dr. Glanz, erklärte, daß seine Fraktion der gegenwärtigen Mehrheit kein Vertrauen mehr entgegenbringen könne und sich deshalb an der Abstimmung nicht beteiligen werde. Die Mitglieder dieses Klubs verließen hierauf den Saal und nahmen an den weiteren Verhandlungen nicht mehr teil. Das Budgetprovisorium wurde sodann mit allen Stimmen angenommen. In der über die Erhöhung der Taxen für Leichenbegängnisse abgeführten Debatte führte Dr, Friedmann aus, daß die geplante Erhöhung der Taxe für Leichenbegängnisse der III. Klasse den jüdischen Mittelstand, der noch immer Wert auf würdige Bestattung seiner Toten legt, schwer trifft. Mit der Gebühr von 250 Schilling für das Leichenbegängnis ist nur ein Bruchteil der bei einem Trauerfall unbedingt notwendigen Auslagen gedeckt. Mit der Grabstätte, den Zuwendungen an die Funktionäre, dem Grabstein und der Grabschmückung laufen die Kosten fast auf 1000 Schilling auf, ein Betrag, der heute für eine Mittelstandsfamilie als Ruin bezeichnet werden muß. Der Redner beantragte deshalb die Erhöhung der Taxe für Leichenbegängnisse III. Klasse von 200 S nur auf 225 S und damit im Zusammenhang eine geringfügige Erhöhung der anderen Gebühren für diese Klasse. Kommerzialrat Buchwald (Union) gab seinen Bedenken über die Erhöhung der Begräbnistaxen mit der Befürchtung Ausdruck, daß eine derartige Erhöhung eine große Inanspruchnahme des Krematoriums zur Folge haben könnte. Dr. Ticho (Union) sprach'sich gegen die Einführung einer Konfirmationstaxe aus, weil sie geeignet ist, das jüdische Gefühl bei der Jugend zu ertöten. Da sich auch Dr. Friedmann gegen diese neue Taxe aussprach, stellte der Referent seinen diesbezüglichen Antrag vorläufig zurück. Nach einer mehrstündigen Debatte, in der Kommerzialrat Kauders und Kommerzialrat Reif für die beantragte Erhöhung der Taxen eintraten, weil diese auch nach dem neuen Satz noch nicht vollvalorisiert sind, wurden die Referentenanträge unverändert angenommen. Austritte aus dem Judentum Eugen Rosenfeld, 13. 6. 1921, Wien, 1., Brunn am Gebirge. — Fritz R o s e n f e 1 d, 2. 4. 1926, Wien, 1. selbe Adresse. — Eugen Krausz, 30. 5. 1881, Beicz, getr., V., Arbeiterg. 10. — Erwin Sommer, 8. 6. 1898, Waidhofen a. d. Thaya, L, V., Schwarzhorngasse 10. — Ilona Molnär geb. Szerenyi, t. 4. 1903, Budapest, verh., X^II., Promenadegasse 52. — Jea- ■ette Tieger, 20. 9. 1907, Brunn, 1., IX., Schwarzspanierstraße 4. — Hilda Fried, 20. 1^ 1893, Wien, 1„ IX., Alserstraß« 48. — Albert M o Ln ä r, 16. 9. 1901, Karlsburg, verh., XVII., Promenadegasse 52. — Kind Sarah Susanne Molnär, (8. 11. 1925, Wien, selbe Adresse. — Richard Stockmann, 11. 9. 1904, Wien, 1„ XV., Turnergasse 31. — Erich Treu, 2. 8. 1902, Wien, verh., II., Vereinigasse 27. — Alfred Weinträub, 9. 5. 190f, Wien, 1., V., Schönbrunnerstraße 139. — Gerda Bronner, 12. 5. 1922, Wien, 1., XXI., Stadtbahnstraße 16. — Stella Beck, 18. 12. 1907, Wien, 1., stud. jus., III., Fasangasse 18. — Arthur L ö w i t u s, 11. 9. 1902, Wien, 1., III., Klsistrfay-.c 11. — Max Langer, 20. 7. 1850, St. Nikolai, 1., III., Obere Weißgärberstraße 16. — Adalbert (Bela) Mahl er, 18. 1. 1905 Budapest, XX., Treustraße 10. — Hans Wlihelm Rosenfeld, 28. 3. 1907 Wien, 1., XVIII., Türkenschanzstraße 1. — Ing. Robert G o 1 d m a n n, 23. 7. 1879 Wien, 1., I., Johannesgasse 22. _ Mathilde Keller geb. Wolf, 21. 9. 1868, Chan de Fonds, verw., I., Salzgries 15. — Elisabeth Rosenberg, 8. 5. 1902 Gräfenwörth, 1., IX., Lazarcttg. 10. Was kann die jüdische Gemeinde für die jüdische Erziehung tun? Von Dr. Desider Friedmann, Mitglied des Kultusvorstandes. (Nach einer Rede in der Sitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 30. November 1927.) Die Abfallbewegung vom Judentum, die in der letzten Zeit so stark zugenommen hat, wird gewöhnlich in erster Linie vom politischen Standpunkt aus beurteilt. xMeincr Ansicht nach hat diese Bewegung tiefere Bedeutung. Wir hatten bisher in erster Linie unter Apathie, unter Teilnahms- und Interesselosigkeit zu leiden, die zum großen Teil darauf zurückzuführen war, daß die jungen Menschen die Werte des Judentums nicht in sich aufgenommen haben. Jetzt aber hat sich die Situation deshalb verschärft, weil neben die Apathie noch eine — und das ist besonders gefährlich — von politischen Motiven geleitete Bewegung getreten ist, welche die Menschen dazu bestimmt, ihre Interesselosigkeit auch nach außenhin dadurch zu dokumentieren, daß sie aus dem Judentum austreten. So geht uns nicht nur eine Generation verloren, sondern gleich eine Reihe von Generationen. Diese Bewegung ist in Oesterreich deshalb besonders gefährlich, weil hierzulande die Politik darauf gerichtet ist, den ganzen Menschen auch in seinen privaten Lebensbeziehungen parteimäßig zu erfassen, wobei es heute als besondere Qualifikation der Verbindung mit der Sozialdemokratischen Partei gilt, wenn das Parteimitglied sich von einem positiven Glaubensbekenntnis loslöst. Denn die Begründung, die gewissermaßen parteimäßig damit gegeben wird, daß der jüdische Religionsunterricht der Gedankenrichtung der Eltern und ihrer Auffassung von der natürlichen Entwicklungslehre widerspreche, ist erfahrungsgemäß nicht das Ergebnis eigenen Nachdenkens, sondern einer parteimäßigen Propaganda, die den einzelnen Menschen gewisse Schlagworte einhämmert, welche» sie geradeso vorurteilslos glauben, wie alles andere, wofür sie durch Presse und politische Propaganda bearbeitet Werden. Nun bildet das Unterrichtswesen der Kultusgemeinde in seinem heutigen Zustande weder einen Schutz gegen den parteimäßig betriebenen Abfall vom Judentum, noch ist es imstande, der Interesselosigkeit, welche das Kind infolge seiner unjüdischen Erziehung vom Hause mitbringt, irgendwie zu begegnen. Auf dem Gebiete des öffentlichen Unterrichtes ist bei den bestehenden politischen Verhältnissen in Oesterreich und angesichts der Gesinnung des Wiener Stadtschulrates nicht damit zu rechnen, daß die ein bis zwei Stunden, die für den Religionsunterricht im Lehrplan vorgesehen sind, eine Vermehrung erhalten werden. Daß bei dieser geringen Stundenanzahl hinreichende hebräische Kenntnisse, Bibel- und Geschichtskenntnis, Kenntnis der wichtigsten Gebete usw. den Schülern nicht vermittelt werden können, ist klar. Das Netz der teils -t- Zionistisches Landeskomitee iüt Östetteich -tnmio« „Hitachduth" VORTRAG Mittwoch, den II. Jänner 1928, 8 Uhr abends im Festsaal des Österreichischen Handelsmusetims Wien JX., Berggasse 16 Gerda Arlosoroff »Die gegenwärtige Situation in Palästina« von der Gemeinde erhaltenen, teils von ihr subventionierten Talmudthora-, Bibel- und Sprachschulen ist unzureichend, weil dadurch nur eine ganz kleine Zahl von Kindern erfaßt wird, in der Regel Kinder solcher Eltern, die bereits in der häuslichen Erziehung Wert darauf legen, die Kinder mit den Gebräuchen und Lehren des Judentums vertraut zu machen. Die überwiegend große Anzahl von jüdischen Kindern aber, die von Haus aus nichts mitbringen, bleibt weiterhin auf den dürftigen und mangelhaften Religionsunterricht angewiesen. Wenn wir die Jugend im Lager des Judentums erhalten wollen, wenn wir der heranwachsenden Generation jüdische Kenntnisse und den richtigen Begriff vom Wert des Judentums, der sie in der Gemeinschaft erhalten soll, geben wollen, wenn wir wirklich parat sein wollen, um Angriffen gegen die Gemeinschaft, welche von außenher kommen, wie zum Beispiel die politische Abfallbewegung zu bekämpfen und dem Indifferentismus Einhalt zu tun, dann bleibt eben nichts anderes übrig, als daß auch die Wiener jüdische Gemeinde dem Beispiele anderer großer Judengemeinden, wie z. B. Berlin, folgt und sich endlich mit der Frage der Errichtung j üdischer Gemeindeschulen beschäftigt. Solche jüdische Gemeindeschulen müßten zumindest in den Bezirken mit starker jüdischer Bevölkerungszahl ins Leben gerufen werden. Die Gemeinde muß auch dem Gedanken von Ergänzungsschulen, welche die bestehenden allgemeinen Schuleinrichtungen ergänzen, fördern; wir denken dabei an die Schulen, in denen nach einem einheitlichen Lehrplan und nach pädagogischen Grundsätzen der Unterricht in Methoden erteilt wird, welche sich in die geltenden Lehrmethoden einfügen. Außerdem müßte auch der Fehler gutgemacht werden, daß man, wie es bisher geschieht, die aus der Hauptschule entlassene Jugend aus dem Auge verliert. Der schulentlassenen Jugend muß von der Gemeinde die Möglichkeit gegeben werden, sich in jüdischen Disziplinen weiterzubilden. Der Kultusvorstand hat beschlossen, in einem judenreichen Bezirke Wiens, in der Brigittenau, eine öffentliche Bibliothek zu errichten. In der Begründung dieses Beschlusses wird darauf hingewiesen, daß damit ein ernster Versuch gemacht werde. Das System der Wiener Kultusgemeinde in derartigen Dingen wird nicht deutlicher kenntlich gemacht, als dadurch, daß man glaubt, es bedürfe erst eines Versuches, eine Bibliothek zu errichten. Dafür liegen bereits so reiche Erfahrungen in anderen Gemeinden und im allgemeinen Volksbildungswesen vor, daß bei einer vernünftigen Leitung des Schul- und Unterrichtsamtes kein Zweifel an dem Bedürfnis nach Bibliotheken in den einzelnen Bezirken bestehen kann. Solche und ähnliche Institutionen gehören eben zu den oben skizzierten Aufgaben der Gemeinde für jüdische Erziehung, zu der Methode der Ergänzung, für welche angesichts der herrschenden Verhältnisse die jüdische Gemeinde imbedingt Sorge tragen muß, will sie ihrer selbstverständlichen Aufgabe gerecht werden, der Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft zu dienen. Palästina Die Arbeitslosendemon* stration in Petach/Fikwah Von unserem Jerusalemer J- G.-Berichterstatter. In unserem Lande, das erst vor kurzem als das ruhigste der Welt bezeichnet wurde, hat es jetzt, wie die uns zugekommene europäische Presse berichtet, richtige „Arbeiterunruhen" gegeben. Von der Nähe betrachtet, sieht die Sache freilich etwas anders aus. In Petach-Tikwah, einer der ältesten und größten Pflanzungskolonien, ist die Arbeitslosigkeit groß; es gibt etwa 600 jüdischer Arbeitsloser, Nun wird jetzt die Orangenernte eingebracht; seit Jahren verkaufen die jüdischen Pflanzer ihre Orangenernte noch vom Baum weg an arabische Händler und diese übernehmen auch die Einbringung und Verpackung der Früchte. So war es auch in diesem Jahr und auch diesmal bemühten sich jüdische Arbeiter, wie in früheren Jahren, Beschäftigung bei der Orangenernte zu finden, doch auch diesmal wie in früheren Jahren vergeblich, weil die jüdischen Pflanzer trotz der Vorstellungen, die ihnen stets gemacht werden, bei den Erntekontrakten mit den arabischen Händlern sich nicht darum kümmern, daß es jüdische Arbeiter gibt, und nicht darauf bestehen, daß Juden bei der Einbringung der Ernte beschäftigt werden. Denn die arabischen Arbeitskräfte sind billiger und der arabische Händler, mit dem der Erntekontrakt abgeschlossen wird, würde weniger bezahlen, wenn er Juden beschäftigen müßte. Nun ist heuer, wie gesagt, die Arbeitslosigkeit in Petach-Tikwah besonders groß, da ja im ganzen Lande die Arbeitskrise sehr stark ist, und die jüdischen Arbeitslosen wollten Arbeit. Die Pflanzer, welche sich auf ihre Kontrakte beriefen, gaben ihnen keine und die Arbeitslosen „demonstrierten", indem sie Umzüge abhielten. Es wurde eine Deputation an die Pflanzer gesendet, welche die um Arbeit Bittenden an ihre arabischen Vertragspartner wiesen. Ein arabischer Händler erklärte sich bereit, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, wenn die Hälfte der etwa 30 Prozent betragenden Lohndifferenz zwischen arabischen und jüdischen Arbeitern von den Pflanzern getragen würde. Dies lehnten die jüdischen Orangenpflanzer ab. Die versammelten Arbeitslosen erhielten also keine Arbeit, aber dafür schritt auf Befehl des in der Kolonie anwesenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.