Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-01-05 · Heft 1 (5.1.1928) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 1 (5.1.1928)
Date
1928-01-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053754--0009-3055261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 1 DIE STIMME Seite 7 der Ukraine zu den Friedenskonferenzen entsendet worden war, Mit Tiomkin ist ein Stück kraftvolles jüdisches Leben und eine gewaltige Arbeitskraft für das Judentum dahingegangen. Wieder hat das jüdische Volk einen seiner treuesten und besten Söhne verloren. Ueber die Persönlichkeit Tiomkins hat uns Dr. Norbert Hoffmann, der als einer der führenden Personen in der zionistisch - revisionistischen Partei vielfach Gelegenheit hatte mit Tiomkin in näheren Kontakt zu treten, die nachstehende anziehende Schilderung entworfen: So wird er in meiner Erinnerung leben: von hoher Statur, kräftig, gerader Haltung. Das Haupt vom Schnee des Alters bedeckt, das Antlitz mit den klug und gütig leuchtenden Augen umrahmt vom langen weißen Barte, einem jener ostjüdischen Patriarchen ähnlich, wie sie ein Hirszenberg oder Isidor Kaufmann gemalt hat. Seine Energie und nie gebrochene Aktivität sprach aus jeder seiner Bewegung. Die voll tönende Stimme beherrschte jeden Saal und drang tief in die Seele des Hörers. Als Tiomkin bei der Erinnerungsfeier des ersten Zionistenkongresses im Stadtkasino von Basel sprach, in der Sprache, in der er vor 30 Jahren in diesem Saale gesprochen hatte, schluchzte neben mir eine Dame laut auf. Viele sah ich, die tiefe Rührung nicht verbergen konnten. Trotzdem er in diesem Sommer schon viel unter den Beschwerden des Alters zu leiden hatte, beschämte er durch seine Ausdauer in Plenarsitzungen und Ausschußberatungen die jüngsten Delegierten. Als Leiter des Arbeitsamtes der Chowewe-Zion in Jaffa hat Tiomkin seine zionistische Arbeit begonnen. Sein letztes Referat auf diesem Kongresse hielt er als Vorsitzender des Immigrationsausschusses. Er, der Kämpfer für den Zionismus durch mehr als ein Menschenalter, mußte dem Kongresse die traurige Wahrheit unterbreiten, daß in den nächsten zwei Jahren keine Aussicht bestehe, jüdische Arbeiter — Chaluzim in das Land zu bringen. Doch auch dies konnte seinen Glauben an den Zionismus nicht erschüttern. Noch auf dem Kongresse übernahm er den Vorsitz im Präsidium der Union der Zionisten - Revisionisten, um die Arbeit für die nächste Kongreßperiode zu leiten. Sein ganzes Leben weihte er diesem Glauben, dem Streben, das „Märchen" von dem Herzl sprach, zur Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn wir alle so „wollten", wie Wladimir Tiomkin, dann wäre das jüdische Palästina schon lange kein ,,Märchen". Tiomkins Bestattung, Das Begräbnis Wladimir Tiomkins fand unter Beteiligung von vielen tausend Personen statt. An der Bestattungsfeierlichkeit nahmen Vertreter aller großen jüdischen Organisationen teil. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Prof. Weizmann, trug zusammen mit einigen Freunden des Verstorbenen den in eine blau-weiße Fahne gehüllten Sarg zum Grabe und warf die erste Handvoll Erde in das Grab. Dr. Weizmann, der eigens nach Paris gekommen war, um dem alten Freunde und Mitkämpfer aus der Heroenzeit der zionistischen Bewegung die letzte Ehre zu erweisen, hielt Tiomkin einen ergreifenden Nachruf. Er sagte u. a.: Tiomkin schloß sich der Bev/egung an, als deren Ideal noch allgemein als eine Utopie galt. Mit seinem unvergleichlichen Geiste, mit der Ehrenhaftigkeit, der Energie und dem Großmut einer reichen Menschlichkeit diente Tiomkin der Bewegung. Der Zionismus besitzt noch kein Pantheon seiner großen Männer, aber Tiomkins Andenken wird in aller Herzen fortleben. Der erste Aufenthalt Tiomkins in Palästina, wo er die Anfänge der Kolonisation leitete, ist noch allen alten Palästinensern, auch den Arabern,--im Gedächtnis; er lebt als eine Legende fort. Die Araber nannten ihn wegen seiner Schönheit und äußeren Würde den »Rosch Hajehudim«. Weizmann schloß, obwohl zwischen ihm und Tiomkin, der sich der revisionistischen Bewegung anschloß, in den letzten Jahren Differenzen bestanden, habe er diesen alten ehrlichen Kämpfer stets geachtet und geliebt. Er rufe ihm nun den letzten »Schalom« zu. Ferner sprachen u. a. der Präsident der russisch-jüdischen Gemeinde in Paris, H. S 1 i o s b e r g, der Tiomkins Wirken für das Judentum, besonders das russische, würdigte, ein Vertreter der Zionisten-Revisionisten, deren Gruppe Tiomkin in den letzten Jahren angehörte, sowie Delegierte der vielen jüdischen Organisationen und Institutionen, für die der Verstorbene vorbildlich gewirkt hatte. Die Feier machte tiefen Eindruck. mit weitgehenden Vollmachten eine Konsolidierung des zionistischen Palästinawerkes in die Wege zu leiten, welche den allgemeinen Krisenverhältnissen im Lande Rechnung trägt, verhandelt mit den Mitgliedern der Londoner Exekutive über die Lage in Palästina, die in den letzten Monaten stationär geblieben ist. Ueber das Ergebnis dieser Verhandlungen ist zur Stunde noch nichts bekannt geworden. Die hebräische Schulorgani^ sation „Tarbuth" in Polen JabotSnsky über die hebräische Kultur. In Anwesenheit von 335 Delegierten aus mehr als 200 Städten Polens wurde in Warschau, wie uns von dort berichtet wird, die dritte Konferenz der hebräischen Schul- und Kulturorganisation „Tarbuth" eröffnet. Die Konferenz wurde u, a. vom Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Prof. Weizmann, in einem Schreiben herzlichst begrüßt. Der Vorsitzende, Dr. K 1 u m e 1, gab einen Bericht über die Tätigkeit der letzten drei Jahre, aus dem hervorgeht, daß »Tarbuth« in diesem Zeitraum ein dichtes Netz moderner hebräischer Volksschulen und mehrere Gymnasien geschaffen hat; neben dreien auf hohem pädagogischen Niveau befindlichen Anstalten bestehen einige mustergültige Lehrerseminare; überdies hat »Tarbuth« mehrere hundert Bibliotheken, Abendkurse u. dgl. begründet, die sehr stark frequentiert sind. Die Organisation ist bemüht, die staatliche Anerkennung ihrer Schulen zu erhalten. Die Erhaltung der Schulen erfordert große Mittel; diese gehen in wenig befriedigendem Maße ein. Auf der Konferenz hielt der bekannte Führer der Zionisten-Revisionisten Wladimir Jabotinsky ein Referat über hebräische Sprache und Kultur, in welchem er die beiden Kulturkreise des osteuropäischen Judentums, den jiddisch- und den hebräischsprachigen, analysierte und zu dem Schluß kam, daß die hebräische Kultur Dauerwert hat, während der jiddischsprachigen eine über zwei Generationen hinausgehende Dauer kaum zugesprochen werden könne. Als Aufgabe der »Tarbuth« bezeichnete Redner die Verlebendigung der hebräischen Sprache, des hebräischen Buches und der hebräischen Schule. Jabotinsky hat der Konferenz auch einen Vorschlag auf Reform der hebräischen Punktation und Vokal i s a t i o n unterbreitet. Besonderem Interesse begegnete das Referat des Deputierten I. Grünbaum über »Die politische Lage der jüdischen Schulen in Polen". Er wies darauf hin, daß die rechtliche Lage der Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache in Polen immer noch ungeklärt sei. »Tarbuth« tritt auch für das Recht der Jiddisch-Schulen ein, damit eine einheitliche jüdische Front geschaffen wird. Grünbaum schilderte die einzelnen Phasen des Kampfes um das Recht der jüdischen Schulen in Polen und teilte mit, daß das hebräische Lehrerseminar und die hebräischen Volksschulen bereits das Oeffentlichkeitsrecht haben; es bleibt nur noch übrig, den Kampf um die staatliche Subventionierung dieser Schulen erfolgreich zu Ende zu führen. Der Kampf um das Oeffentlichkeitsrecht der hebräischen Mittelschulen (Gymnasium und Realschulen) geht weiter. Die Konferenz wurde mit der Wahl der Organisationsleitung beendet. II RÜCHERSTUBE M. RATH I ü II. TABORSTRASSE 20 a, TELEPHON 43-1-58 8 —— H MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT {j JUGENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRAICA Der Leiter der Palästina-Exekutive in London. In London ist, wie uns von dort berichtet wird, der Vorsitzende der zionistisch - palästinensischen Exekutive, Harry S a c h e r, eingetroffen. Mr. Sacher, der auf dem letzten Baseler Kongreß in die Palästina-Exekutive berufen wurde, um Ein unbekannter jüdischer Stamm entdeckt? In der russischen Akademie der Wissenschaften hat, wie uns aus Moskau berichtet wird, der Ethnologe W i s c h n i e ws k y die aufsehenerregende Mitteilung gemacht, daß er im Gebiet von Samarkand in Turkestan einen bisher völlig unbekannten Volksstamm entdeckt habe, der etwa 10.000 Seelen zählt, Wischniewsky hat, wie er angibt, durch eingehende Erforschung der Sitten und Gebräuche dieses in einer Gebirgsgegend wohnhaften Stammes festgestellt, daß es sich um Juden handelt. Der Forscher nimmt an, daß diese Juden noch zur Zeit des Königs Salomo aus Palästina nach dem Gebiet des heutigen Turkestan kamen und sich dort dauernd niederließen. Es scheint ihnen trotz der vielen Völkerumschichtungen gelungen zu sein, ihre altjüdischen Gebräuche und Stammeseigentümlichkeiten bis heute zu erhalten. Jetzt betreiben sie Viehzucht und Ackerbau, in der Mehrzahl jedoch betätigen sie sich als Gold- und Silberschmiede und verfertigen hochwertige Handwebprodukte, die im ganzen Gebiet ebenso wie ihre Gold- und Silberarbeiten sehr gesucht sind. Auf Grund der Mitteilungen Wischniewskys hat die russische Akademie den jüdischen Ethnographen Luri6 zusammen mit einer Reihe von Spezialgelehrten nach Turkestan entsendet; die Expedition soll genaue sprachliche und ethnographische Untersuchungen über den neuentdeckten jüdischen Stamm anstellen. Den Nachrichten dieser Expedition darf man wohl mit Spannung entgegensehen; denn wenn sich die bisher allerdings sehr dürftigen Nachrichten bewahrheiten, kann dies für die jüdische Volkskunde und Kulturgeschichte von höchster Bedeutung sein. Deputierter Nurok bildet wieder eine lettische Regierung. Aus Riga wird uns gemeldet: Die demokratische Regierung, welche seit Ende 1926 im Amt war, ist zurückgetreten. Ihre Bildung war seinerzeit durch den jüdischen Duputierten Rabbiner M. Nurok, den Vorsitzenden des parlamentarischen Blocks der Minoritäten in Lettland, vorbereitet Worden. Nun, nach der Demission der Regierung hat der lettische Staatspräsident den Deputierterilsurok neuerlich mit der Bildung einer Regierung betraut. Rabbiner Nurok versucht eine Koalition der demokratischen Parteien und der Minderheiten zu bilden, von der die neue lettische Regierung getragen werden könnte. Er selbst wird, wie er dem Korrespondenten erklärte, wenn sein Plan gelingt, auch diesmal nicht an die Spitze der Regierung treten. Nach den uns in letzter Stunde zugekommenen Meldungen aus Riga haben die Bemühungen des Deputierten Rabbiner Nurok zur Schaffung einer Regierungskoalition im lettischen Parlament keinen Erfolg gehabt, weshalb er das Mandat für die Regierungsbildung in die Hände des Staatspräsidenten zurücklegte. Ein jüdischer Veteran des amerikanischen Bürgerkrieges gestorben. In Philadelphia ist im Patriarchenalter von fast 90 Jahren der Arzt Dr. Jacob de Silva Cohen gestorben. Er war ein aus New York gebürtiger Jude und errang im Kriege zwischen den Nord- und Südstaaten der Union, an dem er teilnahm, große Popularität. In seinem ärztlichen Berufe sehr angesehen, war er bis zu seinem Tode Professor am Jeffcrson Medical College in Philadelphia und gleichzeitig am dortigen jüdischen Hospital tätig. Dr. de Silva Cohen war eine bekannte Persönlichkeit im jüdischen Leben der Vereinigten Staaten. Er war u. a. der Begründer der Zeitung „American Hebrew". In der Henri-Zeit hat er an der zionistischen Bewegung aktiven Anteil genommen und war damals auch Delegierter auf einigen Kongressen. Zu bemerken ist, daß de Silva Cohen die Dichtungen der hebräischen Dichter der spanischen Epoche, vornehmlich Gabirol und Ibu Esra, ins Englisch« übertragen Hat. Diese Ueber. tragungen sind noch heute bekannt. Österreich Konstituierung des zionistischen Landeskomitees für Oesterreich. Am 13. Dezember 1927 hat sich das auf dem letzten Delegiertentag neugewählte Landeskomitee wie folgt konstituiert: Präsidium: Dr. Leo Goldhammer, Adolf Böhm und Dr. David Rothblum. .Tugendreferat und Keren Hajessod: Dr. Leo Goldhammer. Keren Kajemeth: Adolf Böhm. Kulturamt: Dr. David Rothblum u. Prof. Moses Rath. Organisation: Dr. Georg Weiner. Frauenarbeit: Frau Dr. Sophie Löwenherz. S c h e <k e 1: Fritz Kandl. * Der Präsident des zionistischen Landeskomitees, Herr Dr. Leo Goldhammer, ersucht auf diesem Wege alle Gesinnungsgenossen, ihn in Parteiangelegenheiten und dergleichen ausschließlich in der Zeit zwischen 12 und 1 Uhr nachm. in seinem Büro aufzusuchen oder anzurufen. Die Parteisteuer Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich erläßt folgenden Aufruf an sämtliche organisierten Parteimitglieder: Zionisten! Einmütig wurde auf dem letzten Delegiertentag festgestellt, daß die ungestörte und intensive Führung der Arbeit in erster Linie von dem gleichmäßigen Eingang der hiefür notwendigen Geldmittel abhängt. Eure Delegierten haben sich auch in Eurem Namen verpflichtet, der Parteileitung diese Mittel in ausreichendem Maße zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grunde wurde die Parteisteuer in der bisherigen Höhe belassen, damit der verhältnismäßig niedrige Beitrag von allen Zionisten regelmäßig und rechtzeitig entrichtet werden könne. Wir fordern Euch auf, ungesäumt diese ohnehin minimal bemessene Steuer zu leisten! Je rascher Ihr Eurer Pflicht nachkommt, desto mehr beschleunigt Ihr die Durchführung der nicht leichten Arbeit, welche der Delegiertentag der Parteileitung in Eurem Namen aufgetragen hat! Das zionistische Landeskomitee für Oesterreich. Klub der jüdischen Mandatare der Leopoldstadt. Montag, den 9. Jänner 1. J., 8 Uhr abends, im Lokale der Zion. Bezirkssektion Leopoldstadt, IL, Zirkusgasse 33, konstituierende Sitzung der jüdischen Bezirks-, Fürsorge- und Ortsschulräte. Die Mandatare sowie deren Stellvertreter werden um pünktliches Erscheinen gebeten. t~M-mm*& *^-mm. W Svfüllel euve 'Pflicht gegen den Keven XjWäVLmZMMg Hajessod, den jüdischen Aufhäufend fuw mmus^mmmammmm €>vez>~Jsvael I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.