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Die Stimme · 1928-01-05 · Heft 1 (5.1.1928) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 1 (5.1.1928)
Date
1928-01-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. I ist. ist, daß sie kein Recht mehr kennen, daß sie den Unschuldigen um Geld verkaufen." „Weil sie um Geld verkaufen den, der Recht hat und den Ariren um ein Paar Stiefel." Käuflich ist alles, selbst der Richter. Alles wäre verzeihlich, Götzendienst und Uebermut, nur das eine nicht. Und im neunten Kapitel kündet Arnos die Zerstörung des Tempels; er tat es im Hause Gottes, in der Feiertagsstunde. Aber er kündet als wahrer Prophet auch die neue Zukunft. Er spricht von der Rückkehr aus der Gefangenschaft und von der Wiederaufrichtung des Reiches, eines besseren, dauernden Reiches. „Und immer werden sie fortan im Lande leben." Das zeigt uns Arnos als echten Propheten. Daraus schöpft das Volk selbst in der Verbannung jede unzerstörbare Kraft, die es die Zeiten überdauern läßt. Dieses Schlußkapitel aus Arnos wird an einem Sabbath im Frühling als Haftarah gelesen. Während eines Aufenthaltes in Palästina noch vor dem Kriege war ich an dem Sabbath, da jenes Kapitel aus Arnos als Haftarah gelesen wird, in der jüdischen Kolonie Petach-Tikwah. Der Name dieser Kolonie, der „Tor der Hoffnung" bedeutet, ist geradezu symbolisch; der einst von der Malaria verseuchte Ort ist heute ein blühender Garten. Als ich in Petach-Tikwah. umgeben von blühenden Feldern und frischen neuem ( eben, diese Worte des Propheten wieder hörte und erfüllt sah, machte dies ungeheuren Eindruck auf mich. Und ohne noch von den kommenden Zeiten etwas zu ahnen, schrieb ich damals: „Was auch immer geschehen wird, das hier in Palästina Geschaffene wird bleiben und sich weiter entwickeln." Einige Jahre später kam der Krieg und jener Umschwung, der die Erfüllung möglich machte. Aber noch etwas hat an jenem Sabbath, da die Haftarah aus Arnos gelesen wurde, sich ereignet was mir ebenfalls bedeutungs- und beziehungsvoll erscheint: Diese Haftarah wurde von einem jungen Manne gelesen, der gar nicht jüdisch aussah. Dies fiel mir auf und auf meine Frage nach der Herkunft des Vorlesers erfuhr ich, daß es ein Russe war, den die starke Sehnsucht nach dem heiligen Lande hieher gezogen hatte und der nur dort lebte, bezwungen von der Idee Palästinas. Das kann wohl als Symbol aufgefaßt werden, daß, was in Palästina erstehen soll mehr ist als bloße Befreiung der Juden, daß es ein Teil am Aufbau der Menschheit ist. Am 12. Jänner, da die nächste Nummer unseres Blattes erscheint, sind die Schloischim, die 30 Trauertage nach Oberrabbiner Prof. Dr, C h a \ e s s. A. verstrichen. »Die Stimme« gibt an diesem Tage eine CHAJES - GEDENKNUMMER heraus., in der das bedeutungsvolle Wirken des großen Juden von berufenen Federn geschildert wird. Sie wird Beiträge von Leo Motzkin, Rabbiner Dr. Feuchtwang, Professor M. Rosenfeld, Prof. Ismar E1 bogen, Prof. Harry Torczyner, Dr. N. M. Gelber, M. Die send ruck u. v. a. enthalten. Ehrung des Namens des Oberrabbiners Dr. Chajes. Auf Anregung aus verschiedenen Kreisen der jüdischen Bevölkerung haben die Zionistische Organisation und die Landeskommission des Jüdischen Nationalfonds beschlossen, auf den Namen des verewigten Oberrabbiners Prof. Dr. Z. P. Chajes einen Wald von 10.000 Bäumen auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds, des Keren Kajemeth, zu stiften. Die gesamte jüdische Bevölkerung Wiens und Oesterreichs erhält hiedurch Gelegenheit, den Namen des Führers der österreichischen Judenheit mit Erez Israel im Geiste des Judentums, das seinen Großen niemals steinerne Denkmäler errichtet hat, durch dieses lebendige Denkmal zu verknüpfen und so im Sinne des Verewigten selbst für das Teuerste in dessen Leben — die Wiedererrichtung von Erez Israel — tätig zu sein. Spontan haben bereits Einzelpersonen sowie Gruppen für diesen Wald an das Keren Kajemeth-Büro Spenden abgeführt: als erster ein Schüler des jüdischen Realgymnasiums — bekanntlich die Schöpfung des Prof. Chajes — dem dann andere Einzelpersonen (darunter zwei Spenden von 400 resp. 500 S) sowie Gruppen folgten. Noch bevor die Aktion von der Leitung des Keren Kajemeth in die Wege geleitet werden konnte, wurden bereits zwei Gärten (200 Bäume) gestiftet. Eine Unterredung Poincare — Weizmann Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Prof. Dr. Chaim Weizmann, wurde während seiner Anwesenheit in Paris, wie uns von dort gemeldet wird, vom französischen Ministerpräsidenten Poincare empfangen. Die Unterredung dauerte eine halbe Stunde. Zu Ehren Weizmanns fand bei Baron Henri de Rothschild ein Empfangsabend statt, zu dem sich zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des politischen Lebens Frankreichs eingefunden hatten. Dr. Weizmann setzte in einer Ansprache die Ziele der zionistischen Bewegung dar und besprach dabei u. a. die Rolle der nichtjüdischen Welt beim Aufbau des jüdischen Nationalheimes in Palästina, Der Präsident schloß mit der Erklärung, er sei, was den Palästina-Aufbau anlange, unentwegtoptimistisch. Gedanken eines Sozialisten über das Judentum Zd Engelbert Pernerstorfers zehntem Todestage. Am 7. Jänner 191$ist Engelbert Pernerstorfer, neben Viktor Adler die stärkste geistige Potenz in der österreichischen Sozialdemokratie, gestorben. Wir gedenken dieses Währen Sozialisten am zehnten Jahrestage seines Todes dadurch, daß wir aus einem knapp ein Jähr vor seinem Tode erschienenen Aufsatz eine Anzahl von Formulierungen zur Judenfrage wiedergeben, die noch heute für seine engeren Gesinnungsgenossen, äüch für die jüdischer Abstammung beherzigenswert sind. Diese Stellen, von denen die zuletzt zitierte geradezu prophetisch klingt, lauten: '■:),. „Ob die Juden eine Nation sind öder nicht, darüber steht ausschließlich zu entscheiden den Juden „Tod und Verderben, Hohn und Erniedrigung hat dieses Volk getragen und sich innerlich nicht gebeugt." „Es wurde den Nationaljuden klar, däß das dische Volk, soll es nicht doch zuletzt im Golus na* tional untergehen, eine gesicherte staatliche Heimstätte haben müsse. Der gegenwärtige Krieg, so sonderbar eine solche Behauptung auch auf den ersten Blick erscheinen mag, bringt den Gedanken der pal. Besiedlung vielleicht mehr vorwärts, als man glauben möchte." „Die Herstellung eines jüdischen Gemeinwesens in der asiatischen Türkei wäre für die mitteleuropäische Mächtegruppe eine politisch höchst erfreuliche Tatsache." „Die Juden sind also, halten wir daran fest, eine Nation und eine Nation von besonderer Geistigkeit, wie jede innerlich starke Kulturnation. Sie hat ein Recht auf nationale Existenz. So bleibt also nur zu erwägen, wie sie ihr gewährleistet werden kann. Auf weltgeschichtliche Dauer hinaus nur durch ein eigenes Gemeinwesen." „Zum ersten Male in der Geschichte des Golus haben die Juden Gelegenheit, in jjie Entwicklung ihrer Nation handelnd einzugreifen. Aber wir, die wir die Heiligkeit aller Nationen achten, dürfen dabei nicht abseits stehen, sondern müssen ihnen nach Kräften helfen." „Die Steigerung der Menschheit kann nicht durch äußere Vermischung, sondern nur durch innere Differenzierung erfolgen." „Die Zeit nach dem Kriege wird große Aufgaben bringen, der Menschheit neue Ideen geben und wohl auch neue Wege weisen. Der Gedanke der Organisation wird mächtiger als je zuvor werden. Er wird auch zielführend für das Judentum werden. Es ist sein letzter weltgeschichtlicher Augenblick für die Erlangung einer bleibenden nationalen Existenz. Es heißt nicht mehr bloß sie zu wünschen, sondern sie vorzubereiten." Das sehnlichst erwartete J3uch ist da! f Die jüdischen Schwanke Herausgegeben von Max Präger und Siegfried Schmitz. Diese Sammlung von Anekdoten Witzen Schwänken führt in das Reich echten Humors Jede Seile zwingt zur Heiterkeit Wer bei diesem Buch nicht lacht, der hat das Lachen nie gekannt! Eleganter Ganzleinenband 8 Schilling durch alle Buchhandlungen oder direkt von R. löwlt Verlas Wien I. Fleischmarkt 1 Rotenturmstraße 22 ^7=S^T^^ Wladimir Tiomkin gestorben Aus Paris kommt die Nachricht, daÖ dort am 25. Dezember Wladimir Tiomkin, einer der- Führer des russischen Judentums und der zionistischen Bewegung, im Alter von 67 Jahren einem Herzleiden erlegen ist. Es schehit., als w£re Herzkrankheit das Schicksal aller der, die irrt riettert Judentum1 an erster Stelle stehen, Wladimir Tiomkin kannte sein Leiden und als er vor wenigen Wochen im Prozeß gegen Schalom Schwarzbart, der den Pogromführer Petljura niedergeschossen hatte, als Zeuge erschien, um aus seiner eigenen Erfahrung zu bekunden, daß Schwarzbart keine Beziehungen zu den Bolschewiken hatte. wie es die Anhänger Petljuras ausstreuten, da sagte Tiomkin, sein baldiges Ende wohl schon vorausahnend: „Ich stehe an der Schwelle des Grabes und werde meinen kurzen Lebensrest nicht mit einer Lüge belasten." Diese Worte des ehrwürdigen Mannes lösten tiefe Bewegung aus. Tiomkin wurde im Jahre 1861 in Elisabethgrad im russischen Gouvernement Cherson geboren. Im Jahre 1886 erlangte er den Ingenieurtitel an der Technischen Hochschule in Petersburg. Noch während seiner Studienzeit hatte er sich der Bewegung der C h o w e w e-Z i o n angeschlossen und trat dort rasch in den Vordergrund. Er nahm auch an der Kattowitzer Konferenz im Jahre 1884 teil, wo di« organisatorische Grundlage für die Chowewe-Zion- Bewegung gelegt wurde. Nach Absolvierung seiner Studien lebte Tiomkin einige Zeit in Moskau. Im Jahre 1890 nahm er an der ersten Konferenz des Odessaer Palästina-Komitees teil und besuchte in dessen Auftrag Palästina, um dort für den Chowewe-Zion-Gedanken zu wirken und Landkäufe vorzunehmen. Nach zweijähriger Wirksamkeit in Erez Israel, wo er das Arbeitsamt in Jaffa leitete, kehrte er nach Rußland zurück und wurde von seiner Heimatsgemeinde zum Kreisrabbiner berufen. Diese Stelle hatte er 25 Jahre lang inne und war auch gleichzeitig Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Elisabethgrad. Als Herzl auftrat, schloß sich ihm Tiomkin als einer der ersten an und blieb seither führend in der zionistischen Bewegung. Er war Mitglied des Aktionskomitees und hat in Rußland vor dem Kriege hervorragende zionistische Arbeit in politischer und kultureller Hinsicht geleistet. In den letzten Jahren gehörte er dem revisionistischen Flügel der Bewegung an und wurde auf dem Baseler Kongreß ins Präsidium der zionistisch - revisionistischen Parteiorganisation gewählt. Ungeheure Arbeit hat Tiomkin während der großen Leidensepoche der Juden in der Ukraine geleistet. Unermüdlich war er tätig, wo man seiner bedurfte. Er zählt auch zu den Begründern der Jüdischen Welthilfskonferenz, deren Zentralrat er angehörte. Eine Zeitlang hat Tiomkin auch die Gesamtorganisation des „Hechaluz" geleitet, wie er denn überhaupt für alles, was mit dem Leben und der Arbeit der Jugend zusammenhängt, größte Lieb« bekundete. Er selbst war bis in die allerletzten Jahre in allem, was er wirkte, von geradezu jugendlichem Feuer und Temperament beseelt. Seit 1920 wohnte Tiomkin in Paris, wohin er als Vertreter

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