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Die Stimme · 1928-01-05 · Heft 1 (5.1.1928) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 1 (5.1.1928)
Date
1928-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. 1 ÖiE STIMME Seife 5 iu liffl4Ptwetni <t«r G«samtaüswantf«r«r ah, während die Rumänen 225, cUa ist 4.6 Prozent der Auswanderet stellten. In diesem Halbjahr wanderten tM8 Juden aus, also 28,38 Protent sämtlicher Emifrantett Bei allgemein koftstatierbarem Sittken der Auewanderung ist in diesem Zeitraum relativ ein Anwachsen des Anteiles der Juden zu konstatieren. Der Prophet Arnos Von Oberrabbiner Dr. Z. P. C h a j e s s. A. Der verewigte Oberrabbiner Professor Chajes sah in den jüdischen Propheten seit je die stärkste Verkörperung des Judentums und hat sich, stets sehr stark mit der Erforschung und Erklärung der Propheten be- } ■;«£>. sch&itigt. Seine letzte Vortragsstudie aus i _ diesem Gebiete galt dem (Propheten Arnos. In einer vom Jüdischen Wanderbund Blau- Weiß veranstalteten Vortragsreihe „DerPro- , phetismus" hielt Professor Chajes den Ein- , leitungsvortrag und gab darin ein wunder- Weiß veranstalteten Vortragsreihe „Der Propheten. Es ist uns nun gelungen, nach Aulzeichnungen, die bei dem Vortrag gemacht wurden [Professor Chajes sprach stets frei) den Vortrat; zu rekonstruieren und wir geben ihn, der ein jüdisches und menschliches Vermächtnis des großen Toten darstellt, hier wieder. Wenn man die Geschichte der Menschheit überblickt, so gibt es eigentlich in den Jahrtausenden der Geschichte sehr wenige Gedanken, von denen gesagt werden kann, daß sie die Menschheitsentwicklung entscheidend beeinflußt haben. Scheinbar ist es ein Zeichen geistiger Armut, wenn die vielen Ideen, die Menschen geschaffen haben, nur einzelne wenige große Gedanken beinhalten, die tiefste Wirkung auf die Menschheit hatten. Und doch ist dies kein Mangel; es ist einfach gar nicht anders denkbar, es gibt nur sehr wenige Geistestaten von entscheidender Wirkung. Alles kann auf solche einzelne Gedanken zurückgeführt werden und man war sogar bestrebt, auch diese wenigen großen Gedanken auf eine einzige Grundidee, eine Mutteridee, zurückzuführen, eine Idee, die die Menschheit bisher nicht zu erkennen imstande war. Das Judentum hat drei Gedanken entscheidenster Art der Menschheit gegeben; Gedanken, die in keinem Volk, bei keinem Denker Vorgänger gefunden, sondern ureigenste Schöpfung des Judentums sind: Den Gedanken der Körperlosigkeit Gottes, den Gedanken des Messianismus und die Erscheinung des Prophetismus. Die Körperlosigkeit Gottes hat nirgends Vorgänger. Man darf diese Vorstellung nicht mit der des Monotheismus verwechseln. Den Uebergang von der Vielgötterei zum Gedanken des einen Gottes hätten auch Völker vor den Juden und unabhängig von ihnen gefaßt, aber dieser Gedanke der Körperlosigkeit Gottes gehört dem Judentum allein. Und man muß sich darüber klar werden, welches Maß von Menschentum, von Uebermenschentum dazu gehörte, die Vorstellung des unkörperlichen Wesens zu schaffen. Fast könnte man sagen, sie sei unmenschlich, denn kaum ist es denkbar, daß Menschengeist diesen Gedanken fassen konnte. Der Messianismus, die zweite Geistesgroßtat des Judentums ist nicht mit dem Erlösergedanken zu verwechseln. Dieser Gedanke der persönlichen Erlösung ist ein sehr verständlicher und menschlicher und ist auch bei anderen Völkern zu finden. wechselt in allen Farben der Skala von Entsetzen vor dem Mörder bis zum Triumph des Triumphators. Wenn der Mangel eines Gegenspielers in diesem Stück nicht so symbolisch wäre, fände man Kortner bedauernswert und gefährdet, in einem so leeren Raum sich enthemmt ergießen zu dürfen. Aber dieser Darsteller trägt das Gesetz seiner Entfaltung unbeirrt in sich; sein Herodes in Jessners überaus menschlicher und wesentlicher Aufführung vermag beinahe das langsam ersterbende Stück Hebbels wieder zu uns zurückzubringen. Da geht er, steht, gebärdet sich, seine Stimme streichelt und schneidet, sein Gesicht wird dem eines Fuchses immer ähnlicher, je tiefer die Verheerung in seine Seele eindringt und ist dabei trotz der fremdesten Voraussetzungen der Gestalt ein heroischer Mensch im Leiden, im Mißtrauen, in der Verlorenheit, in der er gegen den Schluß hin gerät. Hier hat er eine Gegenspielerin von Format: Lina Lossen, die nur ein wenig innerlich zu unbeweglich mit ihrer Marianne umgeht. Aber da sie eine adelige Frau zu verkörpern nicht umhin kann, hat Kortners Kunst hier das Medium, an dem ihre Farbe wie durch komplementäre Gegenüberstellung besonders sichtbar wird. Dieser geschmeidige Held in einer verlogenen und verruchten Zeit vermag mit Selbstverständlichkeit wehe zu tun und zu töten, weil er mit solch tiefer Aufgeschlossenheit zu dulden vermag. Ein Darsteller von solcher Intelligenz, der niemals stechen wird, wenn er es nicht will oder besser soll, und um den die Atmosphäre der Begabtr heit jeden Augenblick bebendes Fluidum verbreitet (dies lehren seine gelegentlichen Nebenfiguren und sein so angefeindeter Hamlet), wird, immer vorausgesetzt, daß man ihn nicht verdirbt, die Tradition des großen Spielers weiterführen, die heute Bassermann noch verwaltet. Aber die tiefste Erinnerung an Fritz Kortners Schöpfung ist verbunden mit einem der besten, tief-;,•>' V| Die jüngste Aufnahme des Präsidenten der zionistischen Exekutive Nafhum Sokolow anläßlich seiner Anwesenheit in Wien bei der Trauerfeier für Oberrabbiner Chajes, (Photo-Atelier Hella fKatz, Wien S, Stubenring 18.) wie etwa bei den Persern. Der Messianismus jedoch, die Vorstellung, daß einst die Welt in ein Endstadium eines absoluten ethischen Menschentums übergehen wird, ist nirgends vorher zu finden und ist wieder einzigartige Schöpfung des Judentums. Alle Völker haben übrigens die Vorstellung eines goldenen Zeitalters an den Anfang ihrer Entwicklung gesetzt. Nur das Judentum hat die messianische Zeit in fernste Zukunft versetzt und damit ist der Messianismus zur treibenden Kraft der Menschheit geworden. Die Erscheinung des Prophetismus endlich hat im Judentum jene Größe, die berechtigt, sie in jene großen Weltgedanken einzureihen. Auch andere Völker kannten Seher, die die Zukunft künden und Unheil sprechen, Propheten, Männer, die nicht berufsmäßig künden, sondern wenn sie innerlich dazu gedrängt werden, kennt nur das Judentum und der entscheidende Unterschied ist der, daß diese Propheten, wenn sie auch Unheil künden und Zerstörung voraussagen, doch immer wieder zuletzt den Glauben an die Menschheit wieder aufrichten und eine Zeit des Neuerstehens wahren und besseren Menschentums verkünden. Und in. diesen drei Gedanken läßt sich vielleicht ein Muttergedanke erkennen, indem sie zur Einheit gebracht sind. Allen liegt der G e danke des Unsichtbaren zugrunde. Der körperlose, der unsichtbare, der sinnlich nicht erfaßbare Gott; die kommende, dem menschlichen Auge unsichtbare Welt der Vollkommenheit; und das noch unsichtbare Menschengeschlecht dieser kommenden Welt. sten Dramen dieser letzten fünf Lustren: Betrold Brechs „Dickicht". Da spielt er den Malaien Shlink, einen Holzhändler, der es unternimmt, ins Leben eines jungen geliebten Mannes einzugreifen, den er sich bis in die tiefste Seele verpflichten möchte: eine böse Liebe, schwer, hoffnungslos, geduldig wie ein Netz und unzerreißbar wie ein solches. Da steht nun in der Welt der Hochhäuser Chikagos, der Hinterhäuser, Spelunken, Bars, wüsten Gegenden ein Mann aus der Ferne — aus einer so unergründlichen Ferne und Fremde, daß man aufschreien möchte zuweilen wie vor einem Marsgeschöpf; alles an ihm wirkt unnatürlich, alles nüchtern und alles erhaben. Niemals ist hinter der gelassensten Maske, hinter einer fast erloschenen Stimme, hinter der würdevoll demütigen Gebärde so unbeschreiblich die Fremdheit und Gefährlichkeit der Menschen nebeneinander Sicht, Körper, Sein, Person geworden. Als der ausgezeichnete Schauspieler Wernicke in München die gleiche Rolle spielte, war da immer noch ein Band zwischen ihm und allen anderen. Kortner war: das Anderssein in seiner höchsten Natürlichkeit — undurchdringlich — selbstverständlich. Seine Verzaubertheit in diesem Malaien löste aus dem Manne Fritz Kortner, geboren von jüdischen Eltern in Wien, eine Spiegelung los, die von jenseits der menschlichen Beziehungen kam, mit Theater nichts mehr zu tun hatte, ungeheuerliche Wahrheit war. Hier richtete ein Mann in seiner trüben reinen Begierde nach der innersten Person eines anderen Menschen sich selbst zugrunde, diesen Menschen, alle seine Angehörigen — in einer kühnen Verwirrung der Beziehungen und Wirkungen, die in ihrer lebensgleichen Unerwartbarkeit, Härte und Undurchsichtigkeit dieses Stückes „Dickicht" (heute „Im Dickicht der Städte" genannt), zu den wenigen bleibenden Neuerungen der modernen Literatur fügt. Und dann saß, am Ende von allem, dieser Malaie, hinter dem die Lyncher her waren und von dem viel böse Wirkungen ausgegangen wa- Zeitlich der erste und vielleicht der größte, jedenfalls aber entscheidendste jeher Männer, die diele Gedanken der Welt gaben, war der Prophet A m o », Alle späteren Propheten bauen auf, auf dem, was Arnos geschaffen; Das Wirken Arnos' beginnt zwei Jahre vor dem großen Erdbeben zur Zeit des Königs Usia in Juda und des Jerobeam, Sohn des Joas in Israel. Wohl war Arnos Judäer, aber das mächtigere, bedeutsamere Reich war Israel, von dem auch Juda abhängig war. Wohl befand sich Israel gerade damals in einer Zeit äußerer, als auch innerer Blüte, aber Arnos sah es bereits tief gefährdet in seinem Glauben und seiner staatlichen und sozialen Ordnung und tritt in Beth-El im Heiligtum des Königs als Warner und Künder auf. Betrachten wir zunächst die letzte Rede Arnos' in Israel, die des siebenten Kapitels: Arnos kündet» wie schon oft, Untergang und Zerstörung und sagt nun auch den Tod Jerobeams durch das Schwert voraus, hier in Beth-El, im eigenen Hause des Königs. Was geschieht darauf? Amazia, der Hohepriester verständigt den König, daß Arnos Aufruhr predigt und bringt des Königs Botschaft an Arnos; „Fliehe nach Juda, hier ist für Dich kein Platz." Und selbst darauf wiederholt Arnos nochmals vor seinem endgültigen Abgang, daß ihn, den einfachen Landmann, Gott berufen habe, den Untergang zu künden. — Für diesen Abschnitt allein müssen wir Gott danken, denn er enthüllt uns den hohen sittlichen Zustand des Volkes. Man muß es sich klar machen, im achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ist es möglich, daß ein Fremder, ein Ausländer, noch dazu im eigenen. Hause des Königs das Volk revolutioniert und dem König Tod kündigt. Neun revolutionäre Reden konnte er halten und erst als er den König bedroht, wird er — und auch da sehr ruhig, aufgefordert — das Land zu verlassen. Wo ist selbst heute, 2800 Jahre später, derartiges denkbar? Arnos beschäftigt sich im wesentlichen mit s ozialen Schäden. Jerobeam II. hatte das Reich stark vergrößert und auch die innere Ordnung war auf hoher Stufe. Das Land ist also reich und blühend und in diesem Zustand beginnt die Verweichlichung, das Lässigwerden, der Verfall. Das sieht Arnos. Und darum spricht er und als er weiß, daß er nicht mehr in Israel sprechen kann, da schreibt er nieder, was er zu sagen hat, oder läßt es niederschreiben. Dies geschieht schon in Juda, nach dem Erdbeben. Und schriftlich kommen die Reden nunmehr nach Israel. Der erste Teil der Reden beschäftigt sich mit den kleinen Nebenvölkern, mit den Ursachen ihres kommenden Unterganges. Es sind Verbrechen wider die Sittlichkeit und das Völkerrecht, derentwegen sie zugrundegehen: „Zor und Asa (Gazha) werden zugrundegehen, weil sie die Gefangenen alle weggeführt und an Edom ausgeliefert haben. Edom wird zugrundegehen, weil es seine Brüder mit dem Schwert verfolgt, das Mitleid vernichtet hat und ewig wütet in seinem Zorn und seinen Grimm bewahrt. Die Söhne Arnos werden untergehen, weil sie den schwangeren Frauen Gileads die Bäuche aufgeschnitten haben, Moab, weil es die Gebeine des Königs zu Kalk verbrannt hat." Im Hauptteil der Reden spricht der Prophet von Israel: „Wetten dreier Sünden (zu ergänzen: verdienen sie den Untergang), aber wegen der vierten kann ich ihnen nicht verzeihen; und diese Sünde, die unverzeihlich ren, und nahm Gift. Man sah, ein Leben war um. Man war Zeuge davon gewesen. Alles hatte den Ton der einfachsten Selbstverständlichkeit gehabt; das Leben ist unselbstverständlich - selbstverständlich. Ebenso ist Giftnehmen eine Sache, die oft vorkommt. Auch Tode von Menschen kommen überaus häufig vor. So starb dieser Malaie Kortner. Er schluckte eine Pille, saß ein wenig, sprach mit gleichmäßiger belegter Stimme^, sank in sich zusammen, war hin. War das noch Schauspielkunst? Es war Schauspielsein. Die letzte, leiseste, höchste Ausstrahlung dessen, was Künstlern auf der Bühne möglich ist. Ein Darsteller der „Habimah" — Opernbariton. Bei den europäischen Gastspielen des Moskauer hebräischen Theaters »Habimah« fiel ein junger Darsteller, Ivo G o 1- 1 a n d, durch seine klangvolle Baritonstimme auf, die insbesondere bei der Aufführung des Beer-Hofmann'schen Dramas »Jaakobs Traum« zur Geltung kam. In der Traumszene, die von »Habimah« musikalisch ausgestaltet wird, gab Golland einen der Erzengel und brachte seinen Part mit außerordentlichem musikalischem Ausdruck. Golland ist nun zur deutschen Oper übergegangen und wurde für erste Baritonpartien an die Berliner Staatsoper engagiert. Vor kurzem debütierte er in Verdi's »Luisa Miller« und hatte als Sänger und Darsteller glänzenden Erfolg. Die Kritik stellt ihn Battistini und dem früh verstorbenen Joseph Schwarz an die Seite. Der jüdische Maler Leonid Pasternak, um 1900 ein Führer der russischen Moderne in der Malerei, später längere Zeit in Palästina, wo er einige berühmt gewordene Landschaftsbilder, so den »See Tiberias« schuf, lebt seit dem Ausbruch der bolschewikischen Revolution in Berlin, wo er in ungebrochener künstlerischer Kraft schafft. Davon gibt eine im Kunstsalon Hartberg eröffnete Kollektivausstellung Zeugnis, die eine Anzahl von Meisterwerken der letzten Jahre, so das Porträt Lovis Corinths enthält. Bemerkenswert Ist, daß auch der noch nicht lange verstorbene Lovis Corinth Pasternak porträtiert hat tmd dieses Werk zu den betten Corinths zählt.

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