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Die Stimme · 1928-01-05 · Heft 1 (5.1.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 1 (5.1.1928)
Date
1928-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 1 Wenn man jedoch erwägt, daß seit dem Beginn der Wanderung von Juden nach Palästina, d. i. seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts niemals (ausgenommen vielleicht das letzte Jahr) die Zahl der Rückwanderer die der Einwanderer überstieg, ja sogar nur einen kleinen Bruchteil der Emigration betrug, daß vielmehr eine wenn auch absolut genommen geringe, aber immerhin stets wachsende Zahl von Einwanderern nach Palästina festzustellen ist, so ist zu schließen, daß Palästina heute bereits ein Land niedrigen politischen und ökonomischen Druckes zu werden beginnt, mit anderen Worten: daß der Anfang der Lösung des jüdischen Wanderungsproblemes bereits gegeben erscheint. Die Studenten-Exzesse in Rumänien Eine scharfe Protestresolution im amerikanischen Repräsentantenhaus, Die Ausschreitungen der rumänischen Studenten, welche sich an Leben und Eigentum jüdischer Bürger in mjjyeren Städten Siebenbürgens und in Altr^iÄRien vergriffen, jüdische Kultstätten verwüsteten, Thorarollen schändeten und auf den Eisenbahnstrecken förmliche Hetzjagden auf Juden veranstalteten, sind jetzt infolge des, wenn auch späten, doch wenigstens in einigen Fällen genügend energischen Einschreitens der Behörden gegen die Exzedenten abgeflaut. Noch immer aber zittert die Erregung über diese Vorfälle in der ganzen Welt nach. Allenthalben werden Proteste erhoben, die eine deutliche Sprache sprechen, indem sie darauf hinweisen, daß die gegenwärtige Lage Rumäniens durch die Passivität der Regierung solchen Ausschreitungen gegenüber stark kompliziert wird. In dieser Hinsicht ist besonders die Resolution bemerkenswert, die, wie aus Washington gemeldet wird, das Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten William J. Sirovitch im Repräsentantenhaus eingebracht hat. Die Resolution, welche bei dem in Kürze erfolgenden Zusammentritt des Kongresses verhandelt werden wird, fordert den Präsidenten der Vereinigten Staaten, C o o 1 i d g e, auf, wie dies schon einmal in einem ähnlichen Falle — bei den im Gefolge der Agrarunruhen des Jahres 1927 vorgekommenen antijüdischen Exzessen — geschah, die Beziehungen zur rumänischen Regierung abzubrechen, wenn die Exzesse fortdauern sollten. Sie lautet: „Die Regierung des Königreiches Rumänien hat ungeachtet der feierlichen Garantien gegenüber dem Völkerbund und den Großmächten, daß die Angehörigen jeder Rasse und jeden Glaubens vor dem Gesetz gleich sein und den gleichen Schutz genießen werden, es wieder zugelassen, daß Angriffe auf Leben und Eigentum jener Staatsbürger in der unmenschlichsten Form gerichtet werden, die nicht Anhänger der herrschenden Kirche sind. Da solche entsetzliche Anschläge auf Leben, Eigentum und Freiheit der Person, die Sitten und Abmachungen der organisierten Menschheit mißachten und jene verderbliche Politik Rumäniens wiederholen, die schon in der Vergangenheit das Gewissen der zivilisierten Welt aufgerührt und auch schon einmal die Regierung der Vereinigten Staaten veranlaßt hat, gegen die rumänische Regierung durch die Person des hervorragenden amerikanischen Staatssekretärs, des verstorbenen John Hay, Protest zu erheben, und da die Unfähigkeit der rumänischen Regierung, eine Gruppe ihrer Untertanen, die eine rassische und religiöse Minderheit bilden, gegen Terrorismus zu schützen, der rumänischen Verfassung und den internationalen Verträgen ins Gesicht schlägt und diese Regierung innerhalb der Familie der Nation als Uebeltäter kennzeichnet — so möge das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten in aller Ehrfurcht den Präsidenten der Vereinigten Staaten Calvin C oo- 1 i d g e, auffordern, die rumänische Regierung daran zu gemahnen, daß sie verpflichtet ist, allen ihren Untertanen die Gleichheit vor dem Recht, sowie gleichen politischen Schutz zu gewähren, und daß sie deshalb sofort Maßnahmen ergreifen muß, um der barbarischen und grausamen Behandlung der unschuldigen jüdischen Bürger ein Ende zu machen und Leben und Eigentum dieser Bürger in Uebereinstimmung mit den bestehenden Verträgen zwischen dem Königreich Rumänien und der Regierung der Vereinigten Staaten zu schützen. Ferner möge das Repräsentantenhaus beschließen, daß im Falle eines Versagens der rumänischen Regierung, der humanen Forderung des Volkes der Vereinigten Staaten nachzukommen, die Regierung der Vereinigten Staaten verpflichtet sei, die diplomatischen Beziehungen GjTrTdst'ück Angelegenheiten i Kauf * Verkauf Verwaltung Belehnung betreffend Häuser / Villen Güter wendet man sich vertrauensvoll an die Y _ Realitätenand Verwaltungskanzlei__ Dr. jur. Marem Sortier C! ii in W Wien, IX. Währingerstraße 3 Telephone: A 26-4-47 * 15-506 iliBIlllllIIIIIIIWIllillllll II ■ I zwischen der Regierung der Vereinigten Staaten und der Regierung des Königreiches Rumänien abzu breche n." Von den sonstigen Protesten in Amerika ist der des Ausschusses für religiöse Minderheiten zu erwähnen, in welchem sämtliche Konfessionen vertreten sind. Eine Abordnung dieses Ausschusses hat dem amerikanischen Staatssekretär für Aeußeres Kellogg eine einmütig gefaßte Entschließung überreicht, in der entsprechende diplomatische Maßnahmen gegen die weitere Duldung organisierter Studentenausschreitungen in Rumänien verlangt werden. Eine bei den Studentencxzcfiseu in Oradca Maie (Großwardcln) zerrissene Thorarolls. Auswanderung aus Rumänisn Vor kurzem wurden die Auswanderungsdalen Rumäniens für das Jahr 1926 und das erste Halbjahr 1927 publiziert, die äußerst lehrreich sind und daher hier wiedergegeben sein mögen Im Jahre 1926 verließen 17.671 Personen das Land und zwar aus Bessarabien 9936, Siebenbürgen und Banat 4977< Bukowina 1840 und aus dem Altreich 918. Von den 17,671 Emigranten gehörten 3698 Personen oder 20,92 Prozent der jüdischen Minderheit, 13,375 den anderen Minderheitsvölkern und bloß 598 Personen der rumänischen Nation an. Alle Minoritäten zusammen machen in Rumänien 28 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und diese stellten somit 96,7 Prozent der Gesamtemigration, während die 72 Prozent rumänischer Nationalität lediglich 3,3 Prozent zur Auswanderung beitrugen. Auf 210 jüdische Einwohner Rumäniens entfiel ein Emigrant, während im Durchschnitt auf 264 Personen der Gesamtbevölkerung ein Auswanderer kam, mit anderen Worten: Die Juden stellten relativ fast die stärkste Auswandererzahl. Von den 3698 Emigranten gingen 1018 oder 27,52 Prozent nach Palästina. Trotz der im Jahre 1926 in Palästina herrschenden Krise hat doch fast ein Drittel aller jüdischen Auswanderer ihren Weg nach Erez Israel genommen. Vom 1, Jänner bis 30, Juni 1927 verließen 4927 Personen Rumänien. Davon gehörten den Minoritätsnationen 4702, hier ganze Tage; er studiert ihre Häuser, ihre Werk zeuge, ihre Kleider, ihre Bräuche, ihre Küche, Dl. Flora und die Tierwelt, ja alles, was er sieht, begeistert ihn zu blendenden Bildern. Was wir heutzutage im Kino betrachten können, das stellt er mit Worten dar, die den Leser zwingen, alles so lebendig zu sehen wie auf der Leinwand. Seine Bewunderung und seine Sympathie für Frankreich sind unbeschreiblich. „Wie groß ist die Elastizität und Energie dieses Volkes! Wie staunenswert seine Lebenskraft... Alle die fürchterlichen Unglücksfälle, mit welchen es vom Schicksal geschlagen wurde, ertrug und verwand dieser Volksriese wie Wespenstiche . .. Gewisse hyperpatriotische Deutsche lieben es, von den Franzosen als von einem verkommenen, lebensunfähigen, innerlich verfaulten Volke zu sprechen. In der Ausstellung bekommt man von ihnen ein ganz anderes Bild, das Bild einer kräftigen, gewerbefleißigen, in allen Künsten und Industriezweigen auf der höchsten Stufe stehenden Nation." Er war, wie es scheint, nicht unempfindlich gegen die berauschenden Reize der Wienerin; die Abwesenheit seiner Mutter und der Schwester gaben ihm sogar Mut, einer gewissen Bella, einer lustigen Sentimentalen, den Hof zu machen. Wie gern aber hätte er's gesehen, wenn die beiden Wesen, die ihm auf der Welt die teuersten waren, den Sommer bei ihm in Wien verbracht hätten! Es kam indessen nur die Mutter, die kaum zwei Wochen bei ihm blieb und — es kann nicht verschwiegen werden — von ihrem Besuch etwas enttäuscht war. In seinem Eifer, ihr Wien und die Hauptpunkte der Ausstellung zu zeigen, schleppte er sie überall hin, aber die arme liebe Frau sah nichts als nur ihren Sohn, alles andere ließ sie vollkommen gleichgültig. Weder die Kunstwerke noch das Theater konnten ein Echo in der Seele dieser Einsamen wecken, dieser Frau, die sechzig Jahre schweren Lebenskampfes hinter sich hatte. Die Schwester kam nicht und gab als Vorwand an, daß es zuviel kosten würde; unbewußt aber nagte an ihr das Gefühl des Bedauerns, daß sie gewiß nicht mehr die einzige war, die dem Herzen ihres Bruders als reines Ideal vorschwebte. In der Oper hörte er die berühmte Wilt und alles, was die deutsche Welt an glänzenden Sängern hat, doch was ihn am meisten rührt, ist eine Aufführung der Oper ,,Die Jüdin" von Halevy. Bis auf den Grund seiner Seele ist er von diesem Erlebnis aufgerüttelt. Er hat keine Religion mehr, weder die jüdische, noch eine andere, aber die Geschichte seiner Vorfahren erregt ihn leidenschaftlich und in seinen Briefen findet er nicht Worte genug, um die Juden seines Bekanntenkreises zu verspotten, die sich zum Christentum bekehrt haben. Bei den großen Empfängen kommt er den gekrönten Häuptern sehr nahe. Er hat die Ehre, mit den Größten der Erde einige Worte zu wechseln, das macht aber auj. ihn nicht den geringsten Eindruck. Im Gegenteil: die Hofschranzen ekeln ihn an, Bismarck ausgenommen, für den er wohl keine Sympathie, jedoch Bewunderung hegt. In den Feuilletons über die Besuche der Könige und Königinnen kann der erfahrene Leser ein ironisches Lächeln des Autors förmlich sehen; kein Wunder also, daß Nordau schon bald von einer tödlichen Langeweile erfaßt wird und das Ende der Ausstellung herbeisehnt, Er hat die Runde gemacht durch alle Länder, er kennt China und Amerika „in effigie" und es drängt ihn nun, die lebendige Welt mit eigenen Augen betrachten zu gehen. Sein Programm für eine zweir jährige Reise ist schon vollständig fertig. Paris zieht ihn am meisten an, dorthin möchte er zuerst; doch muß er sich den Umständen und Zufällen unterwerfen, denn er hat die Absicht, die Kosten seiner Wanderjahre zumindestens teilweise mit seiner Feder zu verdienen. Fritz Kortner Von Arnold Zweig Soeben ist im Welt-Verlag, Berlin, ein Essay band von Arnold Zweig »Juden auf der deutschen Bühne« erschienen; diesem geistvollen Porträtwerk ist der nachstehende Aufsatz entnommen. Fritz Kortner ist neben Werner Krauß der Protagonist des geistigen Helden unserer Generation. Mit Leidenschaft breitet er sich in den großen Rollen aus, die ihm Jessner oder ein anderer. Direktor zur Verfügung stellt. Für ein Ensemble hätte Kortner dieselbe Bedeutung, die Bassermann in der Zeit Brahms besaß, am Widerstand der dumpferen oder naiveren, der unzerlegteren oder gütigeren Gestalten ins vollgültige Menschliche zu wachsen, zu allem, was er heute schon hat, ganz rund zu werden, zu leiden oder sich zu freuen als menschliche Gestalt. Heute, in einer widerstandsloseren Atmosphäre wächst er sehr rasch in großes Format und wird dabei leicht ins Exaltierte gesteigert. Daß bei einem solchen Künstler die Gestalt trotzdem lückenlos und ganz mit Anschauung gesättigt ist, brauchte nicht erst erwähnt zu werden. In dem Monodrama Bronnens, jenem ,,Ostpolzug", in dem der Verfasser die damals aktuellen Himalajabesteigungen mißbraucht, große entsagungsvolle Menschenleistungen, deren erschütternde Hingabe Filme sachlich und ans Herz greifend aufbewahrt haben, in diesem Produkt einer talentvollen, hemmungslosen Mode und Mache leistet Kortner die übermenschliche Arbeit der Verkörperung des doppelten Abenteurers und trägt, er allein, das ganze Stück im Verein mit Jessner zur Wirkung. Durch ihn allein wird der Stilwechsel kein Wechsel, sondern das zitternde, geniale Vibrieren des menschlichen Vermögens zwischen zwei Polen. Seine Stimme in der unermüdlichen Anstrengung des Monodramas, auf eine Probe gestellt, wie fast keine andere heute,

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