Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1928)
- Date
- 1928-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053754--0005-3055257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 DIE STIMME Seite 3 Das letzte Viertel Jahrhundert jüdischer Wanderung Von Dr. Leo Goldhammer Die in fast allen mitteleuropäischen Staaten heffsehende ungeheure Arbeitslosigkeit hat dazu geführt, daß das bereits in den Hintergrund getretene Wanderungsproblem sowohl in den Emigrationsals auch Immigratiortsläfidern neuerdings Gegenstand gründlicher Untersuchungen geworden ist. Da die jüdische Wanderung einen nicht unwesentlichen Bestandteil der gesamten Emigration bildet, ist es selbstverständlich, daß auch diese Frage in den Kreis der Behandlung einbezogen wurde und wird. Der bekannte Statistiker und Nationalökonom Jakob Leszczynski hat in der ihm eigenen Gründlichkeit (in Heft 13/14 der Zeitschrift „Die jüdische Emigration") die jüdische Wanderung der letzten 25 Jahre einer umfassenden und eingehenden Untersuchung unterzogen und kommt dabei zu einer Anzahl überraschender Resultate. Leszczynski unterscheidet Emigrationen, deren Ursache in irgend einer das emigrierende Volk treffenden Katastrophe liegt, und solche, die auf ganz normale, organische Prozesse der eigenen Entwicklung oder der der umgebenden Bevölkerung zurückzuführen sind. Zu den ersteren zählt er zum Beispiel die durch Pogrome in Rußland im Jahre 1905 verursachten Wanderungen, zu den letzteren diejenige Emigration, die die normale wirtschaftliche Ent-. wicklung innerhalb derjenigen Länder, in welchen die Juden wohnen, hervorruft. Andere Autoren lassen nur jene Gründe gelten, die bei allen Völkern der Erde anzutreffen sind: Uebergang der Wirtschaft von der Agrikultur zur Industrie, religiöser und Rassenantagonismus, politische und wirtschaftliche Gesetzgebung usw. In seiner vor kurzem erschienenen „Geschichte der Wanderungen" führt S. A 11 m a n die Unstetigkeit des jüdischen Volkes darauf zurück, daß „seit der Dämmerung der Geschichte Bedrückung und Verfolgung das Schicksal der Juden war; seit Tausenden von Jahren sind sie die Opfer der bösen Geister des Hasses; wo immer sie sich niederlassen, wo immer sie versuchten, der Natur ihre Erhaltung abzuzwingen, stießen sie auf Widerstand, Vorurteile und Hindernisse von selten ihrer Nebenmenschen." Wenn auch ohne weiteres zugegeben werden muß, daß alle oben angeführten Momente die jüdischen Wanderungen mit verursachten, so ist dennoch in ihnen nicht die „Ursache" im strengsten Sinne dieses Wortes zu erblicken; sie bewirkten lediglich, daß bei ihrem Vorhandensein die ohnehin bestehende Tendenz des Wechsels der Heimat bei den Juden verstärkt wurde. Es wäre sonst unerklärlich, daß zum Beispiel in den Vorkriegsjahren eine derartige starke jüdische Auswanderung aus Galizien stattfand, aus jenem Lande also, in welchem weder Pogrome noch eine die Juden schädigende politische oder wirtschaftliche Gesetzgebung zu konstatieren war. Es erschiene uns auch ganz eigenartig, daß die Emigration aus Rußland in den Jahren, in denen keine Judenverfolgungen stattfanden, oft viel größer war als in den Zeiten solcher Existenzerschütterungen. Man kann heute als feststehend annehmen, daß die abnormale soziale und wirtschaftliche Gliederung der Juden seit dem Beginn der Diaspora diese allgemein zu beobachtende soziale, wirtschaftliche und lokale „Unruhe" hervorgerufen hat, mit anderen Worten: das Fehlen vor allem der Klasse der Urproduzenten bewirkt jene in ihren Folgen katastrophale Abhängigkeit der Juden von dem sie umgebenden Wirtsvölkern. Eine radikale Lösung dieses Problems kann daher nur dann erfolgen, wenn die Juden in einem geschlossenen Gebiete eine sozial und wirtschaftlich normal gegliederte Majorität bilden. Diese normale Schichtung ist auch die Voraussetzung dafür, daß das von der jeweiligen Wanderungswelle bespülte Gebiet ein Ort des politisch und wirtschaftlich niedrigsten Druckes sein muß, zu dem die Juden aus den Gegenden mit höherem politischen oder wirtschaftlichen Druck hinzuströmen in der Lage sind. Aber nicht nur in ihren Ursachen unterscheiden sich die jüdischen Wanderungen von den anderen, sondern auch in ihrem Umfang, in ihrer wirtschaftlichen Zusammensetzung sowie in ihrer Gliederung nach Alter und Geschlecht. Von 1881—1925 haben 3,648.500 Juden ihren europäischen Wohnsitz verlassen und sind emigriert nach: anderen europäischen Ländern . 415.000 11.4% Amerika........... 2,975.500 81.6% Asien............ 155.000 4.2% Afrika ........... 85.000 2.3% Australien.......... 18.000 0.5% In den angeführten 45 Jahren haben sich niedergelassen: in den Vereinigten Staaten Nordamerikas 2,650.000, Argentinien 150.000, Kanada 112.000, Brasilien 250.000, Palästina 95.000, Ostasien 60.000, Afrika 55.000, England 210.000, Frankreich 100.000, Deutschland 80.000. In den Jahren 1900—1925 sind von ihrer Gesamtzahl nach den?* Vereinigten Staaten Amerikas ausgewandert: bei den Juden 20.6%, Polen 8.7%, Litauer 6.4%, Ungarn 5.1%, Rumänen 1.6%, Franzosen 1.3%;, Ukrainer 0.6%. Noch krasser wird der Unterschied zwischen jüdischer und nichtjüdischer Emigration, wenn man bedenkt, daß laut den oben angeführten Zahlen fast ein Fünftel der gesamten Judenschaft der Welt innerhalb 25 Jahren ihren Wohnsitz verlassen hat. Es kann somit ohneweiteres die Behaup- * tung aufgestellt werden, daß alljährlich 120.000 Juden unterwegs sind Der Charakter der Familienwanderung der Juden geht besonders klar daraus hervor, daß bei diesen in den Jahren 1899—1914 44.03% Frauen waren, während bei der Gesamteinwanderung nach Nordamerika es ihrer bloß 21.5% waren. Kinder unter 14 Jahren waren in dieser Zeitperiode bei den Juden 24.37%, bei der Gesamtemigration nur 12.38%. In beruflicher Hinsicht ergibt sich, daß in den Jahren 1900—1925 von den in Amerika Eingewanderten Nicht¬ Juden juden ohne Berufe ............ 45.2 27.2 gelernte Berufe...........35.2 «3.3 verschiedene Berufe (landwirtschaftliche Arbeiter, Taglöhner und Dienstboten) ............. 18.5 57.8 freie Berufe ............1.1 1.7 waren. Schon aus diesen Daten ist zu ersehen, daß die Auswanderung der Juden überwiegend einen Familiencharakter trägt, da sonst die große Zahl der Berufslosen, zu denen die Frauen und Kinder zu rechnen sind, nicht möglich wäre. Andererseits geht insbesondere aus den Daten der verschiedenen Berufe hervor, daß bei den Nichtjuden mehr landwirtschaftliche Arbeiter, Taglöhner und Dienstboten unter den Auswanderern vorhanden sind, die in der Regel nach längerer oder kürzerer Zeit in ihre Heimat zurückkehren, während beim jüdischen Emigranten zugleich die Tendenz der dauernden Niederlassung, der Kolonisatio^fcferhanden ist. „In den normalen Jahren", führt Leszczynslci abseist die jüdische Rückwanderung vier bis fünfmal kleiner als bei der allgemeinen Rückwanderung, während der Kriegsjahre elfmal kleiner und in den Nachkriegsjahren fünfundzwanzigmal, ja sogar siebzigmal kleiner als die nichtjüdische Rückwanderung." Man hat sich in der letzten Zeit daran gewöhnt, in den Rückwanderungszahlen aus Palästina ein Argument dafür zu erblicken, daß die in den Jahren 1924 und 1925 so rapid gestiegene Anzahl der Palästinawanderer nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Man übersieht jedoch, daß mit jeder Einwanderung eine nicht unbeträchtliche Rückwanderung verbunden ist, wovon die Grundtendenz dauernder Niederlassung unberührt bleibt. Das Verhältnis von Ein- und Abwanderung stellt sich bei den wichtigsten Emigrationsländern wie folgt: Für Einwanderung Auswanderung % Argentinien (1901—1924 . 3,551.373 1,763.252 49.6 Uruguay (1920—1921) . . 25.946 24.822 95.7 Mexiko (1922—1923) . . 172.844 158.551 91.7 Neuseeland (1920—1924) . 454.133 310.252 68.3 Südafrika (1920—1925) . 159.399 128.725 80.2 Palästina (1922—1926) . 75.051 16.744 30.0 Vom 1. Juni 1924 bis 30. Juni 1925 sind in die Vereinigten Staaten von Nordamerika 458.435 Personen ein- und 225.590 Personen ausgewandert; beinahe 50 Prozent also der Einwanderer sind wieder zurückgekehrt. Palästina weist demnach den kleinsten Prozentsatz an Rückwanderern auf. Im Jahre 1908 hatte Nordamerika eine Krise durchzumachen und in diesem Jahre überstieg zum ersten Male die Zahl der Rückwanderer die der Einwanderer (es wanderten nämlich in diesem Jahre 557.785 Persone'n ein und 588.447 Personen aus), ohne daß aus dieser Tatsache je Konsequenzen gezogen werden wären, die man bei der durch die gegenwärtige Krise in Palästina hervorgerufenen Rückwanderung zieht, wenn diese auch im Jahre 1926 zirka 50 Prozent betrug und im Jahre 1927, soweit bisher die Daten vorliegen, diesen Prozentsatz nach überstiegen haben dürfte. Nordau in Wien Die Witwe und die Tocihter Max Nordaus haben, zum größten Teile nach seinen eigenen Aulzeichnungen, einen 'biographischen Band „Erinnerungen" 'zusaimmengjfcstellt, der den Menschen Nordau plastisch vor Augen füihirt. Aus dem noch unveröffentlichten Buche geben wir hier diank der freundlichen Krkubni's von Fräulein Maxa Nordau, die vor kurzem in Wien weilte, jenen Abschnitt wieder, welcher von dem Aufenthalt des Vierundzwan'zigiährigen und als Publizist schon damals berühmten M'ax Nordau Während der Wiener Weltausstellung im-, Jalhire 4873 erzählt. Wien war die erste Stadt, die Nordau nach seiner Ge- 'burtsistadt Budapest kennen lernte. Max Nordau war bereits vor dem Eröffnungstermin der Ausstellung erschienen und schrieb nun sogleich für sein Blatt verschiedene einleitende Artikel. Die maßgebenden Persönlichkeiten empfingen ihn überall sehr freundlich; in dem Wirrwarr, der auf dem Ausstellüngsplatze herrschte, lernte er zwischen Kisten und Ballen Arbeiter verschiedener Länder kennen, was sein Interesse in besonderem Maße erregte. Er folgte ihnen, er unterhielt sich mit ihnen, er ließ sich oft ihre Arbeit erklären, er machte in ihrer Nähe Studien, er befragte sie über ihre Abstammung, ihr Leben und ihre Gewohnheiten. In einem Artikel des „Pester Lloyd" beschreibt er die Arbeit des Slovaken, des Deutschen und des Schweizers; die Schweiz, sagt er, sei das einzige Land, das bis zum 1. Mai, dem Tag der feierlichen Eröffnung, mit seinen Vorbereitungen fertig sein würde. Aber seine Sympathie gilt in der Hauptsache nicht diesen biederen und ernsten Arbeitern, sondern vielmehr den Italienern und Franzosen, denen er sich am meisten anschließt. Die Lebhaftigkeit ihres Geistes bezaubert ihn, die lateinische Seele scheint ihn, trotz seiner deutschen Erziehung, viel mächtiger anzusprechen als die deutsche. Nordau, der sich schon in jungen Jahren für die Probleme der Soziologie interessierte, fand hier ein weites Feld für seine Studien. Er beginnt sich selber darüber Rechenschaft zu geben, was jedes dieser Länder für den menschlichen Fortschritt tun könnte. Das universelle Denken, von dem sein Hirn schon erfüllt war, beginnt jetzt bei ihm konkret* Formen anzunehmen. Er setzt sich mit allen Gesellschaftsklassen in Verbindung, von den mächtigsten Herrschern angefangen bis zu den einfachsten Arbeitern, und gerade die Unglücklichen und Enterbten sind es, denen sein ganzes Herz entgegenschlägt. Die Buntheit und Bewegtheit des Lebens reißt ihn mit sich. Bei der Delegation der ungarischen Journalisten wird der junge Vertreter des ,,Pester Lloyd" mit einer spontanen Ovation empfangen; man kennt ihn, man weiß, was er zu leisten vermag. Sein geistiger Horizont erweitert sich von Tag zu Tag. Ueberall ist er zugegen, er sieht alles, er hört alles, nichts entgeht seiner Beobachtungsgabe, sein Gedächtnis behält alles. Lange Depeschen, Feuilletons und Berichte werden von ihm täglich abgesendet. Viele deutschsprachige Zeitungen drukken seine Artikel nach. Das macht ihn zufrieden, denn es verleiht ihm Ansehen und stärkt seine Position beim „Pester Lloyd". Der Gedanke, daß die Zeitungen auf diese Weise ihre Auflage erhöhen, er selber jedoch in materieller Hinsicht vollkommen leer dabei ausgehe, scheint ihm überhaupt nicht zu kommen. Denn nie wurde ihm auch nur das geringste Honorar für diese Nachdrucke angetragen. Bald schon ist er bei allen Festen und Empfängen, und der kleine, gestern noch fast unbekannte Jude versteht es, seinen Platz zu behaupten. Die zivilen und militärischen Hofchargen haben seine Berichte über den Empfang des Zaren Alexander IL, der deutschen Kaiserin Atigusta, des Kaisers Wilhelm I. und des Königs von Italien gelesen und sie würdigen den Wert dieser mit breitem Pinsel entworfenen Bilder, die sich durch ihre Anschaulichkeit dem Geiste des Publikums ganz besonders einprägen. Gewisse seiner Bemerkungen lassen zwar die übliche Devotion vermissen, aber das Ganze ist so originell und eindrucksvoll, daß man diesen Geringfügigkeiten keine Beachtung schenkt. Die Weltausstellung gibt ihm Arbeit für den ganzen Sommer. Jedem Land widmet er mehrere Artikel, vor allem natürlich Oesterreich und Ungarn. Für die feierliche Eröffnung, die im Beisein des ganV zen Hofes und vieler fremder Würdenträger stattfinden soll, ist fast gar nichts bereit. Max Nordau zeigt sich darüber empört, er schleudert seinen Zorn gegen die Veranstalter und die Folge davon sind Polemiken mit verschiedenen „Patrioten", die seine Angriffe als Beleidigung des Vaterlandes erklären. Die Maschinengalerie begeistert ihn aber bis zum Lyrismus. Die Maschine scheint ihm wie nichts zweites zur Lösung der sozialen Frage berufen zu sein, dieser Frage, die heute noch wie ehedem die ««. tiefsten Geister beschäftigt. Er bewundert die modernen Verkehrsmittel, sagt aber mit hellseherischem Blick voraus, daß man fünfzig Jahre später mit dem gleichen mitleidigen Lächeln diese wunderbaren Errungenschaften betrachten werde, wie jetzt die Postkutsche. Er hofft, daß die schauderhaften Abteile dritter Klasse, die noch unsere Väter als eine glorreiche Neuerung ausstellten, recht bald aus dem Verkehr ausgeschieden sein würden, macht sich aber keine Gedanken, daß ein derartiger Fortschritt nur sehr langsam vor sich gehe, da die Rücksicht mit den vom Schicksal Enterbten durchaus nicht zu den Alltäglichkeiten gehöre. Die große Anzahl der slavischen Völker, die hier vertreten sind, stempelt den russischen Teil der Ausstellung zu einem der merkwürdigsten. Die russische Regierung hat sich die Aufgabe gestellt, den Besuchern den Kaukasus zu zeigen, das Schauspiel des Lebens seiner Bewohner. Max Nordau verbringt