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Die Stimme · 1928-01-05 · Heft 1 (5.1.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 1 (5.1.1928)
Date
1928-01-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 1 fahrts- und Fürsorgeinstitutionen angehörte, hat es seiner Arbeit zu danken, daß es im Strom der Geldentwertung nicht unterging. Wie für alle positiven jüdischen Werte, so hatte Direktor Epler auch für das Jüdische Realgymnasium in Wien verständnisvolle Liebe und in seiner Eigenschaft als Mitglied des Kuratoriums dieser Anstalt hat er unermüdlich für die Sicherung ihres Bestandes gearbeitet. So hat Siegmund Epler gewirkt, der ein ganzer und aufrechter Jude mit der Vornehmheit und Menschlichkeit war, die dem echten jüdischen Wesen eigen ist. Er bleibt unvergessen. « Trauersitzung der zionistischen Parteileitung. Am 2. Jänner abends versammelten sich das zionistische Landeskomitee, die Präsidien des Keren Hajessod und Keren * Kajemeth und die zionistischen Mandatare zu einer Trauersitzung anläßlich des Ablebens des Herrn Direktors Sigmund Epler. Der Präsident des LandeskomRees, Dr. Goldhammer, machte von dem schweren Verlust, 4en die zionistische Organisation Oesterreichs durch das Ableben Direktor Eplers erlitten hat, Mitteilung und würdigte in warmen Worten die hingebende Arbeit des Verstorbenen für den zionistischen Gedanken. * Das Leichenbegängnis« Dienstag, den 3. Jänner, mittags, wurde Direktor Sigmund Epler unter außerordentlich großer Beteiligung aus allen Kreisen Wiens zu Grabe getragen. Zur Leichenfeierlichkeit hatten sich eine große Zahl von Vertretern der Bank- und Industriewelt und zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des Wiener Lebens eingefunden. Alle jüdischen Organisationen und Institutionen, denen der Verstorbene seine wertvolle Arbeit gewidmet hatte, waren durch Abordnungen vertreten. So das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde, das zionistische Landeskomitee für Oesterreich, das jüdische Blmdenmstitut, das Präsidium des Keren Hajessod und Keren Kajemeth mit den beiden Büroleitern u. v. a. Nach den ergreifend vorgetragenen zeremoniellen Gesängen hielt Rabbiner Dr. Feuchtwang' die Trauerrede, die er zu einem von warmer Empfindung getragenen, tiefbewegenden Nachruf für den Verblichenen gestaltete. Sodann nahmen im Namen des Kultusvorstandes Präsident Professor Pick, in Vertretung der zionistischen Partei und ihrer Institutionen Präsident Dr. Goldhammer, sowie ein Vertreter der Logen von dem Toten Abschied. Prinzip oder Taktik? Zu den Anomalien des jüdischen Volkes gehört es, daß es sich andauernd mit Problemen zu beschäftigen hat, welche bei anderen Völkern schon längst ihre eindeutige Lösung gefunden haben. Diese Anomalie ist anscheinend auch in das jüdische Parteileben übergegangen. So ist überall der Begriff der Demokratie heute bereits fest umrissen als selbstverständliche Unterordnung der einzelnen unter den Gesamtwillen. Naturgemäß hat jeder einzelne das Recht, der von ihm als richtig angesehenen Meinung innerhalb der Gesamtheit mit allen Mitteln der Ueberzeugung zum Durchbruch zu verhelfen. Unerläßlich ist es aber, daß das Einzelindividuum sich dem Gesamtwillen fügt, solange es diese Anerkennung seiner Ansicht durch die Majorität nicht erreicht hat. Daß dieser selbstverständliche Grundsatz der Demokratie, welche den Kitt der zionistischen Organisation bildet, innerhalb unserer Partei noch nicht völlig klar geworden ist, dafür gibt es ein eklatantes Beispiel aus allerjüngster Zeit. Die Majorität des Kultusvorstandes hat kürzlich den zionistischen Antrag auf eine weitere Ausdehnung des Wahlrechtes wieder abgelehnt. Dieses Ereignis stellte keine Ueberraschung dar. Gewöhnlich pflegen Parteien nach ihrer Ueberzeugung zu stimmen und ebenso kann nur in ganz außergewöhnlichen Fällen eine Minderheit der Majorität ihren Willen aufzwingen. Im Kultusvorstand, welcher vor allem eine Verwaltungsbehörde ist, besteht aber eine Leitung, an der auch die zionistische Minorität beteiligt ist. Analoges finden wir in den österreichischen Landtagen, wo die Bürgerlichen mit den Sozialisten gemeinsam die Landesausschüsse beschikken. Anläßlich der Ablehnung des Wahlrechtsantrags der Zionisten, waren die Kultusvorstände Ing. Stricker und Dr. Plaschkes der Meinung, daß durch diese Haltung der Majorität ein weiteres Zusammenarbeiten mit ihr nicht mehr möglich sei und verlangten das sofortige Beziehen einer rein oppositionellen Stellung. Da die anderen zionistischen Mandatare diesen Antrag ablehnten, und die Parteileitung sich dieser Ablehnung anschloß, haben die genannten, zwei Vorstände, wie an anderer Stelle mitgeteilt wird, ihre Mandate niedergelegt, mit der Begründung, sie könnten eine Politik, welche mit den Grundsätzen der Demokratie und dem Charakter der zionistischen Organisation als demokratischer Volkspartei, ihrer Ansicht nach in Widerspruch stehe, nicht länger vertreten. Wie ist ein solcher Schritt zu erklären? Hat vielleicht die überwiegende Mehrheit der zionistischen Partei das fundamentale Prinzip des Kampfes v»m das allgemeine Wahlrecht in den Kultusgemeinden verlassen? Dieser Kampf um das allgemeine Wahlrecht in der Wiener jüdischen Gemeinde, wird mit unverminderter Schärfe weitergeführt, heute ebenso wie er gestern geführt wurde, und wie er morgen geführt werden wird. Hier handelt es sich also nicht um eine Frage des Prinzips, sondern um ein rein taktisches Moment, um die Wahl der zur Durchsetzung des Programmes geeigneten Mittel. Und in einer solchen Frage setzen sich die beiden erwähnten Mandatare in Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit ihrer Kollegen und zu der Meinung der obersten zionistischen Behörde in Oesterreich, dem Landeskomitee. Ist das konsequente Demokratie? Wo soll das demokratische Prinzip der zionistischen Organisation gelten, wenn nicht vor allem in ihr selbst? Man kann das Vorgehen der beiden Mandatare schwerlich anders denn als Dissidententum bezeichnen. Durch ein solches wird natürlich vor allem die Stoßkraft der zionistischen Partei geschwächt, und die«,in einem Moment, wo sie sich — nicht zuletzt im Hinblick auf die kommenden Kultuswahlen — gerade anschickt, ihr durch den bisherigen Meinungskampf gelockertes Geftige wieder zu festigen und zu straffen. Ein solcher Angriff auf die Kampfkraft der Organisation, eine derartige Schwächung ihres demokratischen, d. h. auf Mehrheitsbeschlüssen beruhenden Charakters, das soll das geeignete Mittel dazu sein, demokratische Prinzipien zum Siege zu führen? Zur Ideologie der jüdischen Jugend Organisationen Der palästinensische „Hapoel Hazair" veröffentlicht eine Aufsatzreihe des bekannten hebräischen Schriftstellers 'Nathan B i s t r i t z k y, der im Anschluß an die vor mehreren Wochen stattgefundene Jugendtagung in Danzig eingehend Uber Stand und Ideologie der großen zionistischen Jugendorganisationen berichtet und die Bedeutung der Jugendbewegung in der gegenwärtigen Lage der zionistischen iBewegung darlegt. Bei der Jugendtagung in Danzig wurde — so führt Bistritzky u. a. aus — wenn auch nur zögernd, die Frage -aufgeworfen, wie die Massen des "jüdischen Volkes für den Zionismus zu gewinnen seien. Diese Frage aber ist der wahre Inhalt zionistischer Jugendorganisationen. Der Gedanke, daß das G a 1 u t h zu Grunde gehen werde und .nur das jüdische Erez Israel diesem Untergange des Volkes entrinnen werde, ist eine Utopie. I n den Generationen des Galuth liegt die Hoffnung für Erez Israel, und die Aufgabe des Galuth ist es, ein Geschlecht zu erziehen, dessen Aufga'be in der Verwirklichung des Zionismus zu finden ist. 'Erez llsrael und das Galuth müssen jeder dem anderen geben und von ihm nehmen. Die jetzige Zeit des Stillstandes im Aufbauwerk könnte die Folge haben, daß im Galuth uns jedes Vertrauen verlorengehe; aber man 'kann diese Zeit auch ausnützen, um die Position im Galuth zu stärken, gegründet auf ein neues Verhältnis zu Palästina, das durch nichts zu erschüttern ist. Bistritzky bespricht nun zunächst kurz die Haltung des „Hechaluz" auf der Daaziger Jugendikonferenz: Der Hechaluz ist mit einem bestimmten Programm auf der Tagung erschienen, nämlich dem Programm der Vereinigung aller Jugendorganisationen, die Chaluz-Erziehung treiben, Die Forderung nach Vereinigung klingt stets gut, .aber im vorliegenden Fal'le hätte man sich zu fragen, wie die gesamte Lage in der chaluzischen Jugend ist, Diese Lage ist keineswegs gut. Ein wichtiges Moment, das ungünstig gewinkt hat, ist die Einstellung der Einwanderung, von deren verheerenden Folgen man sich schwer einen (Begriff machen kann. Doch gebietet die Wahrheit festzustellen, daß auch andere Faktoren mitgewirkt haben. Vor allem leidet die Pionierbewegung unter den Nachwirkungen der 'letzten großen Alijah, die in den Kreisen der Jugend den Gedanken der iMassenerziehung wachsen ließ. Erst in letzter Zeit verliert dieser Gedanke wieder an Stärke. Die ideologische Verwirrung ist noch sehr groß. So erfordert denn die Zeit nicht neue Losungen, sondern zunächst die Herstellung von Erziehungsgemeinschaften, die später neue Losungen in sich aufnehmen könnten, ilm Augenblick sind alle Erziehungsversuche unterbrochen, es fehlt an Führern wie an Geführten, das H ebräiscbe hat noch nicht den Rang eines Kulturwertes erhalten, sondern ist nur eine Umgangssprache, noch sind Buch und Zeitung .aus Palästina nicht genügend verbreitet; die Assimilation und vor allem die „rote Assimilation" sind bedenkliche Gegner. Unter diesen Umständen wäre eine Vereinigung eine bloße Fiktion gewesen. Diese Gründe haben eine Anzahl von Jugendorganisationen veranlaßt, in diesem Augenlbliok der Vereinigung in der vorgeschlagenen Form zu opponieren, IBistritziky bespricht sodann eingehend die Ideologie und die Erziehungsmethoden des „Haschomer Hazair'', den er das Rückgrat der hebräischen Jugendbewegung nennt. Das „Nest" des „Haschomer Hazair" vereinige in sich die Vorteile des Familienlebens, einer freien Jugendgemeinschaft und einer Arbeitsschule. Hier finde der junge Jude, wfes er heute weder in Familie noch in der Schule finde, nämlich die richtige Mischung von Menschentum und Judentum und von Judentum und Palästinensismus. Es gibt eine starke innere Disiziplin, wodurch zum ersten Male wieder der Typus eines Juden erzogen werde, dessen Aufgabe es sei, „Mizwoth" zu erfüllen. Jedo Von Keren Kajemeth Heute, Donnerstag, V\l Uhr abends, findet eine Zusammenkunft der Jugend-Keren Kajemeth - Kommissäre statt: Tagesordnung: 1. Chajes-Wald, 2, Büchsenaufstellung, Es wird ersucht, bis dahin die Dezemberleerung endgültig zu verrechnen, soweit es bisher noch nicht geschehen ist. Gruppe des „Haschomer Hazair" sei zugleich eine hebräische Lebens-gemeinschaft, wo das Hebräische in Unterhaltung und Lied, in Zeitung und iBuch allein herrsche. Die Gruppe sei eine palästinensische Lebensgemeineehftft. Wenn der „Haschomer Hazair" dies alles erreichte, so danke eres der Jugendkultur, die hier gelebt werde und die nicht abgelehnt werden dürfe. In einem Werk wie dem unseren, da« mit einer 'langen Verwirklichnagsdauer rechnen müsse, sei Jugendkultur möglich und nötig, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß sie große Gefahren mit sich bringt. Die Verwendung der Keren- Hajessod'Eingänge Vom 1. April 1921 bis 30. September 1927 hat der Keren- Hajessod, der jüdische Aufbaufonds für Palästina, insgesamt 3,150.817 Pfund vereinnahmt, davon aus den Vereinigten Staaten von Amerika allein 1,835.1% Pfund. Fast ein Drittel aller Eingänge, und zwar 957.646 Pfund, wurden für landwirtschaftliche Kolonisation, 662.245 Pfund für städtische Kolonisation, Kapitalanlagen und öffentliche Arbeiten, 564.229 Pfund für Schulwesen, 331.646 Pfund für Einwanderung, 245.776 Pfund für religiöse Institutionen und kommunale Einrichtungen verwendet. 151.590/6/9 Pfund hat die Administration gekostet, mit anderen Worten, die Verwaltungsspesen haben insgesamt kaum fünf Prozent der Gesamteinnahmen betragen. Angst vor dem Volksgericht Die Agudas Jisroel, jene von den Protagonisten der jüdischen Trennungsorthodoxie inszenierte politische Organisation, lebt seit dem ersten Kongreß, der im Herbst 1923 in Wien abgehalten wurde, im Zustand einer ständigen Krise. Die Hoffnungen der Wortführer des Gedankens, mit dem traditionell religiösen Empfinden der jüdischen Masse politische Geschäfte zu treiben, haben sich trotz der Inszenierung eines interterritorialen Kongresses nicht erfüllt. Die jüdischen Massen, die anfänglich von dem äußeren Schlagwort der Erhaltung der Religion angezogen waren, wichen bar zurück, als sie merkten, daß sich hinter dieser Parole allerhand politische Bedcnkenlosigkeit und Bedenklichkeit verbirgt. Nicht wenig hat zu diesem Mißtrauen der jüdischen Masse die Tätigkeite der Agudas Jisroel in Palästina beigetragen und insbesondere die verschiedenen mit Arabern gemeinsam eingegangenen üblen Bodentransaktionen der Aguda in Erez Israel haben höchste Entrüstung in der ganzen jüdischen Welt ausgelöst. In der Galuthpolitik haben sich die Spaltungstendenzen der Agudas Jisroel als höchst schädlich erwiesen und dieser allgemeinen Erkenntnis gab, um nur ein Beispiel zu nennen, die jüdische Wählerschaft bei den Wahlen in die polnischen Stadtvertretungen unverhohlenen Ausdruck; auch bei den bald stattfindenden polnischen Parlamentswahlen hat die Aguda Jisroel ein Debakel zu erwarten. Nun ist das Jahr 1928 gekommen, laut Beschluß des Wiener Kongresses der Aguda der späteste Termin für die Einberufung des nächsten Kongresses. Darüber hat der jetzt nach Berlin einberufene Zenlralrat der Agudas Jisroel zu entscheiden. Und da stellt es sich heraus: Die Agudas Jisroel hat Angst vor der Einberufung eines zweiten Kongresses, Zu stark ist die Zahl der orthodoxen Juden, die, selbst wenn sie im Lager der strengsten Orthodoxie stehen, mit der Aguda nichts zu tun haben wollen. Eine eben stattgefundene galizische Konferenz der chassidischen Rabbiner, bei der die Aguda vor den Wahlen in Polen rasch ihr Süppchen gar kochen wollte, hat dies den agudistischen Wortführern geradezu handgreiflich zu verstehen gegeben. Unter solchen Auspizien soll in diesem Jahre ein öffentlicher Kongreß der Aguda-Organisation stattfinden; bei der erwähnten Zenlralratsitzung wurde angeregt, ihn in Warschau oder einem anderen jüdischen Zentrum Polens, wo die Agudas Jisroel bisher ihre stärkste Anhängerschaft hatte, abzuhalten. Wie, aber, wenn dieser Kongreß, der ja entgegen den sonstigen Gepflogenheiten der Kreise, welche aus Religion ein politisches Geschäft machen, öffentlich sein muß, das rasche Debakel dieser mit erlogenen Parolen inszenierten politischen Mache offenbart? Hier liegt der Haken und darum — trauen sich die Wortführer der Agudas Jisroel gar nicht recht an einen zweiten Kongreß heran. Selten ist eine Organisation so rasch zusiammenge'brocih'en wie die von den militanten Trennungsorthodoxen und ihrem Anfang mit schlechtem Lot geschweißte Agudas Jisroel, Fünf Jahre haben genügt, um der jüdischen Masse die Augen zu öffnen. Und wenn der zweite Kongreß, von dem sich ein Teil der Aguda-Protagonisten eine Stärkung des Organisationsgefüges verspricht, doch einberufen werden sollte, so ist das, was die Wortführer befürchten, unvermeidlich: die Zerschlagung der Organisation, Denn hier hat das Volk in seinem gesunden vitalen Instinkt klar und eindeutig entschieden; ein poiltisches Spiel mit den dem Volke heiligen Werten der Tradition gibt es nicht, denn die Masse lebt die jüdische Religion und läßt sie nicht gegen sich und ihren Lebenswillen mißbrauchen. „Palistina" Monatsschrift für die Erschließung Palästinas Das einzige Organ, das alle den Ausbau des judischen Palästina betreffenden Fragen behandelt und das ganze sonst weithin zerstreute darauf bezügliche Material konzentriert. Redaktion: Adolf Böhm / Zu beziehen durch die Administration: Wien I, Kärntnerstraße 28 Bezugspreise für Österreich S 8*—, für Ausland S 10'— ^^J^i^^^t^S^ESlSSa

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