Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1928)
- Date
- 1928-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Zeitung vom Verleger versendet Joufsal «xpedle ptt Wdltarf V.b.b. Abonnementpreise: Für Österreich: Monatl. S1-50, viertel j. S 4-20, Ganzj. S 16*- / Deutschland: Monatl. Goldatfirk viertelj. Goldmafk 3-- / Tschechoslowakei: Monatlich K£ 7--, vierteljährlich K£ 19'-/ Jugoslawien: Monatlich Dinar 14--, vierteljährlich Dinar 40-- Jüdische Zeltung erscheint laden Donnersieg HedaJktton und frdministvalicn: Wien, I. Hauhensleingasse I / Telephon 76<*3«se Polen: Monatl. Zloty [2-30, viertel]. Zloty 6-50 / Ungarn: Monatl. Pengö 1*50, viertel]. Pengö 4*20 / Rumänien; Monatl. Lei 45*—, viertelj. Lei 125*— / Bulgarien: Monatl. Lewa 30*—, viertelj. Lewa 80*— / Belgien: Monatl. Belga 2viertelj. Belga 5*- / Übriges Ausland: Monatl.-Schweizer!Franken 1*50 1. Jahrgang Wien, 5. Jänner 1928 (12. Tebeth 5688) Nummer 1 Zum Geleit Ein neues jüdisches Blatt und doch kein neues. Viele Jahre hat alles, was in Oesterreich dem Gedanken des lebendigen Judentums nahe steht, ein Wochenblatt als publizistische Tribüne verwendet. Zu dieser Form der Verbindung mit der Oeffentlich> keit kehren wir wieder zurück, da das jüdische Tagblatt, die „Wiener Morgen-Zeitung", sein Erscheinen eingestellt hat. Eine jüdische Zeitung ist aber in Wien und Oesterreich eine Notwendigkeit und die Erfahrung hat gelehrt, daß dank der Eigenart der Lage Wiens im europäisch-jüdischen Leben die Reichweite einer jüdischen Zeitung über die Grenzen Oesterreichs hinausgeht. Zu der jüdischen Zeitung als wöchentliches Organ kehren wir nun wenigstens vorläufig zurück, bis sich die Möglichkeit ergibt, der Stimme der Judenheit wieder tägliches Gehör zu schaffen. Als „Jüdische Zeitung", wie sie früher bestand und als „Die Stimme" der Judenschaft, die, wie die heutigen Verhältnisse lehren, sich immer wieder gegen Bedrängnis und Not erheben muß, treten wir auf den Plan. Es war der zu unser aller Schmerz so jäh dahingeschiedene Wiener Oberrabbiner Professor Dr. C h a j e s, welcher immer wieder auf die Notwendig* keit hinwies, eine solche jüdische Zeitung zu schaffen. Als dieser sein Gedanke von uns zur Ausführung übernommen wurde, hat der teuere Tote bis zum letzten Tage seines für uns viel zu früh beendeten Lebens an den Vorbereitungsarbeiten teilgenommen, uns beraten und immer wieder daran erinnert, daß dieses Blatt, dessen Titel er gewählt hat, die große jüdische Perspektive haben soll, die allmenschlich-jüdische Perspektive. So betrachten wir die Aufgabe, die wir mit diesem Blatt erfüllen wollen, als ein Vermächtnis des großen Mannes, der unserer Zeitung Pate gestanden ist. Die jüdische und menschliche Perspektive, aus der wir, das Auge von keinerlei Partei- und Cliquenbrille getrübt, das jüdische Leben betrachten, ist die der produktiven, schöpferischen jüdischen Existenz. In den Jahrtausenden des jüdischen Daseins waren es immer die vitalen produktiven Kräfte, die unser Volk erhalten haben. Diese Kräfte führen dieses Volk seiner Zukunft entgegen. In solchem Sinne faßt der Zionismus als Volksbewegung und Volkswille das jüdische Leben auf, so hat es auch Professor C h a j e s gesehen und gelebt. Darum sagen wir frei und offen: „Die Stimme" ist ein zionistisches Blatt. Sie kann kein anderes sein, will sie das ganze jüdische Leben umfassen. Das zionistische Landeskomitee für Oesterreich sieht in diesem Blatt sein offizielles Organ. Aber dieses Blatt soll nicht bloßes Parteiblatt sein, sondern Volksblatt, wie denn der Zionismus nicht Partei-, sondern Volksbewegung ist. Alles, was im jüdischen Leben wirksam und schöpferisch ist, wird hier registriert und in seinem Einfluß auf dieses Leben geprüft werden. „Die Stimme" will das Wesen des Volkes wiedergeben, sie wird überall und immer ertönen, wo Wesen und Weben dieses Volkes von außen oder von innen her bedroht sind. Sie will Stimme des jüdischen Lebens sein, das zur Entwicklung drängt und auf Dauer gerichtet ist. Darum soll alles, was der Stärkung der Zukunft des jüdischen Volkes dient, hier Förderung und Verbreitung finden. Das neue Palästina, die jüdische Zukunft, steht da in erster Reihe und wir werden von den besten Mitarbeitern authentische und verläßliche Informationen über das neue Erez Israel geben können. Aber auch von allem, was die große jüdische Diaspora schafft und was sie bewegt, wird „Die Stimme" sprechen. Das jüdische Leben der Gegenwart ist mit der Vergangenheit eng verbunden, partim wird die jüdische Vergangenheit in diesem Direktor SigmundjEpler Der Tod haust in den letzten Wochen grausam in unseren Reihen. Kaum haben wir die Tränen ob des Heimganges unseres Lehrers und Meisters, Oberrabbiner Professor Dr. C h a j e s, getrocknet, sie stürzen schon wieder hervor wegen des Verlustes, den wir durch das Ableben unseres lieben Freundes, Direktor Sigmund E p 1 e r erleiden. Nicht mehr werden wir uns dieses vornehmen Mannes freuen dürfen, der, frei von allem Tand, ein Feind alles leeren Scheins war und daher niemals nach äußeren Ehren geizte. Seines inneren Wertes bewußt, trat er stets nur dort hervor, wo er für das Gemeinwohl des jüdischen Volkes tätig zu sein vermochte. Durch seinen lauteren Charakter, seine Wahrhaftigkeit, seine treue und unwandelbare Gesinnung, seine liebenswürdige Persönlichkeit gewann er die Herzen aller, die mit ihm in Berührung kamen. Rastlos war er bemüht, unserer heiligen Sache, insbesondere aber dem Aufbaufonds für Erez Israel, dem Keren Hajessod, zu dienen. Keine Mühe war ihm zu groß, kein Weg zu weit, keine inneren Widerstände waren so stark, daß er nicht unter Hintanstellung alles Persönlichen mitwirkte, wenn es galt, wichtige Entscheidungen zu treffen. Seine ungewöhnlichen Geistesgaben, die Tiefe seines sittli- Blatte immer wieder auftauchen und in ihren Zusammenhang mit der Gegenwart gebracht werden. Diese Gegenwart aber soll in ihrer vollen pulsierenden Bewegung zu Gehör und Ausdruck kommen, mit allen Erscheinungen lebendigen jüdischen Wesens, in Alltag und Festtag, in Wirtschaft und Gemeinsinn, in Lied und Sprache, in Sport und Spiel, in Dichtung und in Prosa, vor allem aber — in Wahrheit, wahrhaft, fest und unbeirrt. In der Wahrhaftigkeit Hegt unsere Würde, die. jüdische Würde, die wir alle vor aller Welt zur Geltung bringen müssen. Ihr dient „DU Stimme". Herausgeber: Pas Zionistische Landeskomitee für Oesterreich. Dr. Leo Goldhammer, Dr. Adolf BöhM, Dr. David Rotbblu». chen Empfindens, sein reines Gemüt, das sich allen, die ihm nahestanden, offenbarte, befähigten ihn, Großes für unsere Sache zu leisten. Direktor Sigmund Epler war einer der aufrichtigsten, aufopferungsvollsten und besten Arbeiter an einer großen Sache. Liebevolles und ehrendes Angedenken ist ihm gewiß. Dr. Leo Goldhammer, Mit Sigmund Epler, der knapp vor Vollendung seuü?s 69. Lebensjahres am Sonntag den 1. Jänner nach dreiwöchiger Krankheit uns entrissen wurde, verliert nicht nur das Judentum einen seiner Treuesten, die zionistische Bewegung einen ihrer Besten, sondern auch das Wirtschaftsleben Oesterreichs einen seiner hervorragendsten Vertreter. Einer angesehenen jüdischen Familie in Mähren entstammend — sein Vater war lange Jahre Präsident der Brünner Kultusgemeinde — hat Sigmund Epler schon in jungen Ja<hren praktisch und theoretisch das Wesen des für die heutige Wirtschaft so wichtigen Kohlenbergbaues studiert. Seine ersten Schritte auf diesem Gebiete leitete der im ganzen Ostrau—Witkowitzer iBergbaugebiete als fachliche Autorität anerkannte Bergbaudirektor Knasny. In der Folge betätigte siclh (Sigmund Epler in hervorragender Weise in der Organisation des Kohlenwerksbesitzes der Wiener Länder'bank, und erklomm ob seiner glänzenden Fähigkeiten rasch die höchste leitende Stellung in der Kohlenabteilung dieses Instituts. Seiner ausgezeichneten Fachkenntnisse halber wurde er während des Weltkrieges von den Mittelmächten zur Verwaltung der großen Bergbaugebiete in den okkupierten Teilen in Polen und Belgien herangezogen und hat für die Kohlenversorgung Oesterreichs und Deutschlands während des Krieges Hervorragendes geleistet. Auf dem Gebiete des Kohlenbergbaues war Direktor Epler ein Fachmann von europäischem Ruf, der den Namen Oesterreichs in aller Welt zu Ehren brachte. Von Haus aus zu einem Volljuden erzogen, hat dieser Mann von europäischer Geltung und universeller Bildung sein Judentum nicht nur nach außen stets stolz zur Schau getragen, sondern auch in seinem Hause immer wert gehalten. Er ließ seinen Kindern eine ausgezeichnete jüdische Erziehung zuteil werden und seine vier Söhne und seine Tochter, die Gattin des bekannten Berliner Industriellen Dr. Goitein, sind aktiv in der zionistischen Bewegung tätig. Ihr Vater war es schon im Heroenzeitalter des Zionismus. (Denn Sigmund Epler schloß sich' noch im Anfang der Neunzigerjahre der Chowewe-Zionbewegung an und zählte zu den ersten, die dem Rufe Theodor H e r z 1 s folgten. Damals leistete er für die Organisierung der Zionistenschaft in Böhmen grundlegende Arbeit. Dort und in Wien, wohin er später seinen Wohnsitz verlegte, stand er in allem, was zionistische Arbeit betraf, stets an erster Stelle. Er gehörte durch viele Jahre dem Präsidium des zionistischen Landeskomitees an. Seit Begründung des Palästinaaufbaufonds, des Keren Hajessod, war Direktor Epler bis zu seinem Ableben geschäftsführender Präsident der österreichischen Keren-Hajessod-Stelle. dem Keren- Hajessod galt in den letzten Jahren Eplers hingebungsvolle Arbeit und die Resultate der Keren-Hajessod-Arbeit in Oesterreich sind zum größten Teile sein Verdienst. lieber 8 Jahre gehörte Direktor Epler dem Vorstande der Wiener Kultusgemeinde als zionistischer Mandatar an. Es war ein Glück für die Gemeinde, daß gerade nach dem allgemeinen Zusammenibruch, der ihren finanziellen Bestand schwer gefährdete, Direktor Epler in die Kultusstube einzog. Denn er hat an der Sanierung der Wiener jüdischen Gemeinde den Hauptanteil und ohne seine unermüdliche und unauffällige Arbeit für die Aufbringung der nötigen Mittel wäre die Finanzierung wohl kaum erfolgt. Auch das Wiener jüdische Blindeninstitut, dessen Kuratorium der Verblichene als Vizepräsident, ebenso wie einer großen Anzahl jüdischer Wohl-